Verliebt, vernarrt, verehrt

Ausgabe #1 | 15. September 2015

Adore Modern kauft, restauriert und verkauft Mid-Century-Möbel, also Sammlerstücke aus den Jahrzehnten zwischen 1940 und 1980.

Zu Besuch bei Adore modern: Spaziert man den Alten Güterbahnhof hoch, taucht nach einer Weile zur linken ein großes Schaufenster auf. In industrieller Umgebung sieht man ausgewählte Mid-Century-Möbel hinter dem mit den Buchstaben A und M versehenen Glas. Hier liegt ein Ausstellungsraum, der Neugierde weckt. Das Auge weiß gar nicht, wohin es zuerst schauen soll. In einer gut handballfeldgroßen Halle steht ein schmuckes Möbel neben dem anderen. Das schlichte Wort „Möbel“ ist hier jedoch eigentlich zu wenig ausdrucksstark. Denn dutzende, wenn nicht hunderte Designklassiker warten hier darauf, neugeboren zu werden.

Knappe dreißig Autominuten von Münster entfernt in der Werk- und Lagerhalle von Adore Modern.

Neben mir steht der großgewachsene Geschäftsführer Heinrich Lerch und zeigt auf einen rehbraunen Lounge-Sessel. Das etwa 50 Jahre alte Sitzmöbel steht in einem Regal, das an einen überdimensionierten Setzkasten erinnert. Der Sessel, übrigens von Percival Lafer, sieht aus wie neu. Das Leder wirkt geschmeidig und kräftig in der Farbe. Lerch zeigt mir Fotos, die darauf hinweisen, dass das nicht immer so war. Das Leder abgegriffen, blass und fleckig. Die Sitzfläche eingesessen. Noch vor kurzem hätte dieses Möbel kein Wohnzimmer aufgewertet — heute beinahe jedes. „Restauration macht vieles, sogar fast alles möglich. Von 100 Stücken ist vielleicht eines ein hoffnungsloser Fall“, erzählt Lerch, während er über die Armlehne streicht. „Sehr gut erhalten findet man sie beinahe nie. Wacklige Tisch- und Stuhlbeine, ausgeblichener Palisander und zu Pulver zerfallener Polsterstoff sind Beispiele für die Herausforderungen, die wir hier angehen.“

Mitten in der großen Halle steht ein Arbeitstisch, an dem Helen Gann, eine von inzwischen drei Festangestellten, gerade die geflochtene Sitzfläche eines Teakholzstuhls entfernt und ihn für eine Polsterung vorbereitet. Ziel sei es, möglichst nah am Original zu bleiben, erklärt sie mir mit einer Kneifzange in der Hand. Oft würden dabei die originalen Teile und Stoffe erhalten bleiben. Wie das inzwischen wieder erstarkte rehbraune Leder des Lounge-Sessels von Percival Lafer.

„Designklassiker findet man nicht in Trödel-Läden” (Heinrich Lerch)

Die vielen Schmuckstücke haben ihren oftmals weiten Weg auf verschiedene Weise in das Lager gefunden. Adore Modern hat sich einen Namen in der Szene gemacht, so dass viele Möbel Heinrich Lerch direkt angeboten werden, erzählt er, während wir vorbei an Tischen, Lampen und vor allem Sitzgelegenheiten durch das Lager schlendern. Doch einige müssen auch gesucht und gefunden werden — etwa über Auktionshäuser oder Ebay. Die romantische Vorstellung von Glücksfunden auf Dachböden und Haushaltsauflösungen passt hier nicht ins Bild. „Designklassiker findet man nicht in Trödel-Läden“, betont Lerch. „Ich stecke so viel Zeit, Geld und Herzblut in meine Möbel, dass es mich verwundert, wenn Leute mir Trödel-Läden empfehlen.“

Inzwischen stehen wir draußen auf dem Parkplatz vor der Halle. Kommt hier eine neue Wagenladung ausgewählter Vintage-Möbel an, wird sie einer Inspektion unterzogen. Was muss wie stark bearbeitet werden? Dabei brauche es eine Mischung aus Erfahrung, Recherche und Vorstellungskraft, so Lerch. Seit 2009 betreibt er den Handel professionell. Während des Studiums der Kulturwissenschaft und Philosophie zeigte sich mehr und mehr, dass das Geschäft und nicht der Magister den Fokus bildete. „Anfänglich bin ich 150.000 Kilometer im Jahr gefahren. Eine Wochenendtour nach Dänemark war dann schon mal so getaktet, dass ich im Auto zwischen den Möbeln übernachtet habe.“ Adore Modern sei quasi organisch gewachsen und heute klappe es auch mal mit einer Hotel-Übernachtung, fügt Lerch lächelnd hinzu. Zwei Indizien unterstreichen, dass es läuft bei Adore Modern: Zum einen die erst seit April dieses Jahres bezogene 800 Quadratmeter große Lager- und Werkhalle, die jetzt hinter uns liegt, zum anderen der frisch renovierte Ausstellungsraum am Güterbahnhof in Münsters Zentrum.

Einstieg ins Auto. Fahrt nach Münster

Hohe, weiße Wände. Vereinzelt führen Messing-Rohre an der Decke entlang. Drei große, breite Backsteinsäulen unterbrechen den Raum. So viel zum Setting für die Hauptdarsteller: ausgewählte Ausstellungsstücke der ohnehin schon ausgewählten Klassiker, die zu arrangierten Kleingruppen separiert wurden. Das Möbel-Design aus vier Jahrzehnten, vereint in einem Raum. Von den 40ern aufsteigend. Der Ausstellungsraum an der Hafenstraße soll ein Gegengewicht zum Online-Handel bilden.

Zeit, Geld und Herzblut

Die Möbel greifbarer machen, vielleicht in naher Zukunft mit Kunst- oder Architekturausstellungen kombinieren. Brüssel oder Paris standen auch zur Auswahl, doch Lerch und sein Team sind mit Münster verwachsen. Hier liegen die Anfänge, hier entwickelte sich der Handel zu dem, was er ist, und hier soll es weitergehen. Nach etlichen Umzügen und Zwischenlösungen fühlen sich die neuen Strukturen ein wenig nach Ankommen an, berichtet der stolze Besitzer.

Jedes Möbelstück im hellen Raum mit Blick auf die Bahnschienen erzählt stumm seine Geschichten. Das Teakholz-Sideboard von Arne Vodder etwa mit seinen wendbaren Schiebetüren. Seit den 1940ern haben sich seine Besitzer je nach Laune entweder für knallige Schiebetüren in Petrol und Crème oder für die gediegene Variante in dunklem Braun entschieden. Oder die opulente Lampe von Raak aus den 1960ern, die im vorderen Bereich des Raumes hängt. Große, halbverchromte Leuchten in einem Wirrwarr aus Kreisen unter einem kreisrunden Spiegel mit eineinhalb Metern Durchmesser. Wer wohl schon genau so wie ich jetzt unter der Lampe stand, den Kopf in den Nacken gelegt und sein Spiegelbild an der Decke betrachtet hat? Auch der graue Ohrensessel von Fritz Neht aus den 1950ern, der so bequem ist, dass es bestimmt schon vielen vor mir schwerfiel, daraus wieder aufzustehen.

Viele der Klassiker sind der Stilrichtung „Danish Modern“ zuzuordnen. Heinrich Lerch schreitet von einem Möbel zum anderen und beschreibt seine Faszination für gerade dieses Design: „Viele dänische Designer kamen aus dem Handwerk. Hans Wegner zum Beispiel hat als Tischler gearbeitet, be-vor er an die Kunstgewerbeschule ging. Das spiegelt sich in einer Kombination aus Form, Design und Hingabe zum Handwerk wider.“

Die Käuferschaft des extravaganten Mobiliars sei zwar sehr verschieden, eine Tendenz zur Arbeit im kreativen Sektor, also Künstler, Architekten oder Medienmenschen, sei aber erkennbar. Adore Modern verkauft weltweit. Einiges geht nach Asien, einiges in den englischsprachigen Raum, vieles nach Südeuropa und natürlich auch nach Deutschland. Der Ausstellungsraum ist ein Versuch, lokaler zu werden. Die Preise bilden sich dabei ähnlich wie bei einem Gemälde. Einerseits entscheidet das Œuvre des Künstlers über den Wert eines Möbels, andererseits spielt auch die Produktions-menge eine gewichtige Rolle. Je rarer, desto teurer, versteht sich.

Lerch sitzt nun im Cowhide Lounge Chair und schaut zufrieden durch den Raum.

Der Name Adore Modern soll seine Beziehung zu den Designklassikern des Mid-Century ausdrücken. „Adore“ bringe es auf den Punkt, sagt er: verliebt, vernarrt, verehrt — in einem Wort zusammengefasst. Das passt. „Adore“ könnte auch die Überschrift jeder der stumm erzählten Geschichten der Möbel um ihn herum sein.

ADORE MODERN
Hafenstraße 64 48153 Münster
www.adoremodern.com

Text: Simon Dierks | Fotos: Erik Hinz