Wie hoch hinaus will Münster?

Ausgabe #7 | 04. Dezember 2017

Entwurf Bolles + Wilson

So schnell kann es gehen. In der letzten Ausgabe von Münster Urban berichteten wir noch über drei Vorschläge für den Bau eines Konzert- oder Kulturhauses in Münster: den von Investor Christoph Deckwitz gemeinsam mit Hanno Höyng vor Jahren ins Spiel gebrachten Bau eines Kultur- und Bildungsforums auf dem Hörster Parkplatz, das im September 2016 neu am Planungshorizont aufgetauchte Projekt eines Musik­campus an der Hittorfstraße und die alte Idee eines Baus auf dem Kalkmarkt. Wesentliche Akteure lobten den „ergebnisoffenen Prozess“, den gepflegten Dialog und den Wettbewerb der Ideen.

Doch ganz so „ergebnisoffen“ kann es nicht zugegangen sein. Noch während Münster Urban #6 gedruckt wurde, erklärte die Stadtverwaltung das älteste der drei Projekte für tot. Das Gutachten zur Machbarkeitsstudie des Duos Deckwitz/Höyng war seit Monaten mit Spannung erwartet worden. Am 11. September wurden die Ergebnisse vorgelegt. Die Stadtverwaltung brauchte danach nur 24 Stunden, um eine vernich­tende Pressemeldung zu veröffentlichen. „Insgesamt halten Gutachter und Verwaltung das Projekt für nicht realisierbar“, erklärte das städtische Presse- und Informationsamt. Die Eindeutigkeit des Verdikts und die Eile machen stutzig.

Eigentlich ist es in solchen Fällen üblich, dass sich die wesentlichen Beteiligten — hier also Höyng und Deckwitz — zu den Ergebnissen der Gutachten äußern können, bevor Millionenprojekte beerdigt werden. Doch die Projektpartner lasen die Ergebnisse der Prüfung aus den Medien. Hanno Höyng macht gute Miene zum bösen Spiel: „Wir werden die Gut­achten nicht kommentieren. Wir geben nicht auf, arbeiten weiter und versuchen, Bedenken zu entkräften“, so der Projektentwickler, der in früheren Zeiten lange in Münsters Kommunalpolitik aktiv war. Wir haben uns die Gutachten näher angesehen. Wie die Stadtverwaltung das Projekt abservierte, lesen Sie in der Münster Urban #7 auf den Seiten 72 und 73.

Peter Wilson, Jo Coenen, Jan Kleihues und Hanno Höyng beim Workshop Anfang Oktober. Foto Deckwitz und Partner

Deckwitz und Höyng luden mit Peter Wilson, Jan Kleihues und Jo Coenen drei renommierte Architekten zu einem Ideenwettbewerb ein. Die Lösungen der drei Büros sollten vor allem die zwei entscheidenden Fragen beantworten: Passen ein Konzerthaus, die Musikschule, die Volkshochschule und reichlich Wohn­raum auf das vergleichsweise kleine Grund­-
 stück? Und ist spannende Architektur in der zweiten Reihe möglich? Anfang November präsentierten Deckwitz und Höyng die Ergebnisse der drei Büros. Die Antworten sind eindeutig: Der große Wurf geht auch hier. Man muss nur den Mut haben, groß zu denken. Natürlich zeigen wir hier die drei Vorschläge. Denn einerlei, wie es mit diesem Projekt weitergeht und ob Leuchttürme dieser Art finanzierbar sind — die Ideen sind spektakulär und bereichern anschaulich die entscheidende Frage: Plant man in Münster 
 mutig-urban wie in den 50er Jahren beim Bau des Stadttheaters oder Anfang der 90er Jahre beim Bau der Stadtbücherei? Oder bleibt man beim letzten großen innerstädtischen Platz wirklich an einem Bebauungsplan kleben, dessen Geschossflächenzahlen und Gebäudehöhen so auch in einem nachrangigen Mittel­zentrum vorstellbar wären?

Ihre Meinung
Braucht Münster ein Konzerthaus? Und wenn ja, sollten wir bescheiden oder mutig an die Sachen heran­gehen? Oder sollte die Stadtgesellschaft die Endlosdebatte lieber be­erdigen? Wir sind gespannt auf Ihre Meinungen, liebe Leserinnen und Leser! Schreiben Sie uns an 
chefredaktion@muenster-urban.de

1 - Bolles + Wilson

Der Vorschlag von Peter Wilson eröffnet eine „neue urbane Typo­logie“: das große Hybridgebäude. Doch anders als bei den „funk­tionalistischen“ Hochhäusern in Münsters Stadtsilhouette wie dem Iduna-Hochhaus oder dem Stadthaus plante Wilson keine „Box“, die die historische Skyline Münsters mit Kuppeln, Kirchtürmen und Dachgiebeln schädigt, sondern eine „Mega-Kuppel“.

Das Gebäude enthält 100 Woh­n­einheiten und eine Tiefgarage für 300 PKW. Der Konzertsaal befindet sich im Erdgeschoss. Weitere öffentliche Nutzungen sind eine Musik-Weinbar sowie ein Panorama-Deck in der 15. Etage. Die Bäume auf dem Hörster Parkplatz bleiben erhalten. Beim vorhandenen Hochhaus am Bült entfernten die Planer zwei Geschosse, um gemeinsam mit dem entstehenden Musikplatz ein „signifikantes öffentliches Forum“ zu schaffen. Die Musik-Piazza wird von drei Gebäuden eingerahmt:

A - dem großen Hybridgebäude mit einem Konzertsaal des „Weinberg-Typs“ und 100 Wohnungen.

B - einem Gebäude mit einem Musikrestaurant und der schulpsychologischen Beratungsstelle.

C - dem Hochhaus am Bült mit der Volkshochschule und der West­fälischen Schule für Musik.

Bolles + Wilson
Bolles + Wilson Freie Architekten
Hafenweg 16
48155 Münster
bolles-wilson.com
Entwürfe Bolles + Wilson

2 - Jo Coenen & Co

Coenen gilt international als Urbanismus-Experte, berät viele große Kommunen und war von 2000 bis 2004 Reichsbaumeister der Niederlande. Auch Coenen, der gerade in Den Haag ein multifunktionales Konzerthaus mit „gestapelten“ Sälen baut, empfiehlt mit seinem Beitrag den Münsteranern den Mut, in die Höhe zu gehen. Das Nebeneinander von verschiedenen öffentlichen Nutzungen und Wohnen sei problemlos möglich. Es entsteht ein hohes Gebäude. „Aus der Ferne ist es durch seine Kuppelform abgedeckt, ein dominanter Punkt in der Stadt­silhouette und von Nahem geht es auf das umgebende Stadtgefüge ein“, so der Architekt.

Jo Coenen & Co
St. Servaasklooster 28
NL-6211 TE Maastricht
jocoenen.com
Entwürfe Jo Coenen & Co

3 - Kleihues + Kleihues

Die „Hinterhofsituation“ bricht Kleihues auf und schlägt drei klar ablesbare Bausteine vor. Die Maßstäbe orientieren sich am Stadtgefüge: Die Sockel nehmen die Höhen der umliegenden Häuser auf. Nur die aufgesetzten „Laternen“ übersteigen die Höhen. Auch dieser Entwurf schafft eine Passage im Sockelbereich des Hochhauses am Bült, damit ein Platz vom Bült bis vor das Konzerthaus entsteht. Ein Sockel mit darüber aufragender vertikaler Struktur findet sich übrigens auch beim Theaterbau aus den 50ern. Klei­hues verzichtet darauf, Wohneinheiten zu integrieren (siehe auch Interview auf Seite 70). Das Hochhaus am Bült nimmt Verwaltungsräume auf, der Baukörper zwischen Hochhaus und Konzertsaal die Unterrichts- und Multifunktionsräume von Volkshochschule und Musikschule. Im Konzertgebäude entsteht ein großes Stadt­foyer, unter dem Komplex eine dreigeschossige Tiefgarage. Da die Gutachter die LKW-­Anlieferung zum Problem machten, platzierte Kleihues diese Funktion versteckt zwischen den Baukörpern.

Kleihues + Kleihues
Gesellschaft von Architekten mbH
 Helmholtzstraße 42
10587 Berlin
kleihues.com
Entwürfe Kleihues + Kleihues

Text Jörg Heithoff