Wo spielt die Musik?

Ausgabe #6 | 02. Oktober 2017

Text Jörg Heithoff llustration Yannic Hefermann

Verpasst Münster den Klassiktrend?

Braucht Münster ein neues Konzerthaus? Was kann es für Stadt und Umland bewirken? Und wo gehört es hin? Diese Fragen bewegen — wieder einmal — die Stadtgesellschaft. Wir wagen auf den folgenden mehr als 30 Seiten eine Bestandsaufnahme.

Das Sinfonieorchester Münster — hier im Foyer des LWL-Museums für Kunst und Kultur. Foto Oliver Berg

80 Jahre auf der Suche nach dem Wohlklang

Münster diskutierte fast 40 Jahre über den Aasee, bevor dieser dann Mitte der 20er Jahre endlich gebaut wurde. Wer allerdings glaubt, diese Dauerdebatte sei rekordverdächtig, täuscht sich. Das Gezerre um den Wiederaufbau eines Konzertsaals als Ersatz für die zerbombte Stadthalle lässt sich bis in die Nachkriegszeit zurückverfolgen. Sie geht also ins achte Jahrzehnt, ist voller Höhen und Tiefen — wobei das Fortissimo des Bürgerentscheids 2008 herausragt. Doch könnte die Diskussion jetzt unerwartet in eine entscheidende Phase gehen. Man mag es kaum glauben: Gleich drei Standorte sind plötzlich in der Diskussion. Der konkreteste Vorschlag ist das Kultur- und Bildungsforum auf dem Hörster Parkplatz, für das Gutachter derzeit die Vorschläge der Investoren prüfen. Wir beleuchten den aktuellen Stand. Trotz der mehr als 30 Seiten: Bei diesem komplexen Thema können wir dennoch nur an der Oberfläche kratzen. Fortsetzung folgt also …

Die Feuilletons stellen einen Klassikboom fest. Immer mehr Menschen gehen ins Konzert. Das immer mobilere Publikum nimmt dafür auch immer weitere Wege auf sich. So stieg die Zahl der Konzerte von selbständigen Orchestern, Theaterorchestern und Rundfunkorchestern in Deutschland von 6.899 in der Spielzeit 2000/01 auf 9.306 in der Spielzeit 2014/15, die Anzahl der Besucher von 3,66 auf 5,36 Millionen. Der Konzerttourismus wurde zu einem Wachstumsmarkt. Längst nicht mehr nur Bayreuth und Salzburg zählen zu den Destinationen, die Klassikfans gern ansteuern. Selbst in 2.000-Einwohner-Dörfern wie Blaibach freuen sich Hotels über diesen Trend. In Münster allerdings bildet sich der Boom nicht ab. Es fehlt an der geeigneten Spielstätte. Knapp zehn Jahre nach dem Scheitern des Projektes Musikhalle kommt allerdings jetzt erneut Bewegung in die Sache. Zaghaft macht sich vorsichtiger Optimismus breit. Vielleicht haben alle aus den Fehlern der letzten 80 Jahre gelernt?

Die im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Stadthalle an der Neubrückenstraße bot 1.200 Sitzplätze. Foto Stadtarchiv Münster

Gäbe es Bewegung in der Sache, würde nicht nur das städtische Sinfonieorchester profitieren. Sollten sich in den kommenden zwei Jahren mehrheitsfähige und finanzierbare Lösungen für das alte Problem abzeichnen, käme dieser Durchbruch gerade recht. Denn Münsters Sinfoniker feiern 2019 das 100-jährige Bestehen. Das Orchester genießt einen guten Ruf, obwohl seine „Heimspiele“ seit Jahrzehnten nicht unter optimalen Bedingungen stattfinden. Der Große Saal des Theaters Münster ist auf Sprech- oder Musiktheater ausgelegt. Sinfonisches verlangt nach dem optimalen „Schuhkarton“, für den der 1870 eröffnete große Musikvereinssaal in Wien bis heute als Maßstab gilt. Oder aber nach einer ausgeklügelten Weinberg-Architektur, wie sie zuletzt in der Hamburger „Elphi“ realisiert wurde. Noch prekärer als die Akustik sind in Münster die Probenbedingungen.

1919 wurde das Sinfonieorchester gegründet, schon 1920 konnte es in der neuen Stadthalle in der Neubrückenstraße spielen. Die bot 1.200 Plätze und eine gute Akustik. Ausgerechnet in der wirtschaftlich extrem schwierigen Zeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg gelang den Münsteranern der Kraftakt. Schon ein Vierteljahrhundert später war allerdings schon wieder Schluss mit der adäquaten Behausung. Alliierte Bomber beschädigten im Zweiten Weltkrieg diesen Kulturbau schwer. Er wurde nach dem Krieg abgetragen. Bereits Mitte der 50er-Jahre schaffte es Münster, den ersten Theaterneubau der Nachkriegszeit zu realisieren. Und dieser war architektonisch ein Paukenschlag. Auf der Strecke blieb die Stadthalle. Schon damals gab es — vergebliche — Initiativen, die ihren Wiederaufbau anregten. 1989 schließlich wurde der Verein Musikhalle gegründet. Der kämpfte etwa 20 Jahre lang dafür, die Lücke zu füllen und scheiterte im Bürgerentscheid 2008.

Das münstersche Sinfonieorchester brilliert unterdessen vor allem bei Gastspielen andernorts, weil in der Heimatstadt das passende Umfeld fehlt. Was für das städtische Profiorchester gilt, trifft auch auf die große Chor-, Orchester- und Ensemblelandschaft zu, die allein etwa 100 Chöre zählt. Dazu kommen die Gastspiele von Orchestern in dieser Stadt. Münster gilt auch dank seiner ausgeprägten bürgerlich-akademischen Milieus als Standort mit einem großen und versierten Konzertpublikum. Das erwies sich über viele Jahre als duldsam, wurde zuletzt allerdings dank nahe gelegener Konkurrenz zunehmend abtrünnig. Über viele Jahre mussten private Veranstalter wie etwa das Konzertbüro Schoneberg den Hörsaal 1 am Schlossplatz buchen, bei dem der zweifelhafte Komfort des studentischen Mobiliars aus der Holzklasse kaum den steigenden Ansprüchen des Publikums gerecht wurde. Erst künftig darf Schoneberg auch das Große Haus des Theaters buchen. Das ist zwar eine Verbesserung, aber zumindest akustisch kein Aufstieg in die erste Liga.

Die Konkurrenz schlief derweil nicht, Münster wurde abgehängt. 2002 eröffnete das Konzerthaus Dortmund, von Münster aus in einer Stunde zu erreichen, den Weg vom Parkhaus bis ins Foyer inklusive. 2004 öffnete der Essener Saalbau nach zwei Jahren Umbau, 2007 das kleinere, aber umso nähere Konzerttheater Coesfeld. Im vergangenen Jahr eröffnete das Bochumer Musikforum. Und allseits beneidet werden Münsteraner, die Elphi-Karten ergattern können. Während an vielen Orten in Kultur investiert wird, schläft der Konzertstandort Münster weiter seinen Dornröschenschlaf.