Samstag Nachmittag im Knast

… ein Besuch im ehemaligen Polizeigefängnis “Klapperfeld”.

Nackter Beton regieret den Anblick der Kellerräume des alten Gefängnisses.

Achtung, jetzt wird’s ein bisschen peinlich:

Einen Besuch des ehemaligen Polizeigefängnisses “Klapperfeld” stand schon lange auf meiner Agenda. Leider sind dessen Ausstellungsräume für Besucher lediglich samstags zwischen 15 und 18 Uhr geöffnet. Doof nur, dass ich mich just in diesem Zeitraum für gewöhnlich im Dienst befinde.

Umso größer war dann aber meine Freude am vergangenen Wochenende, als ich zur Abwechslung einmal einen freien Samstagnachmittag zur Verfügung hatte. Und diesen dazu nutzen konnte, einmal dort vorbeizuschauen. Wetter war ja eh so “lala”.

Als ich die Klapperfeldstraße 5 erreiche, schlage ich mir imaginär an die Stirn. Schon tausend Mal bin ich am riesigen Gebäude vorbeigelaufen! Neulich hatte ich bereits Fotos vom Komplex gemacht, der sich so auffällig inmitten der Stadt, unweit von Gericht und Zeil befindet.

Doch nicht einmal ansatzweise kam ich die Idee, dass es sich hierbei um das “Klapperfeld” handeln könnte. Nun ja, wieder was gelernt!

Für all die Leser, denen das “Klapperfeld” noch kein Begriff ist,
hier die wichtigsten Fakten im Schnelldurchlauf:

Bereits 1886 als innerstädtisches Gefängnis errichtet, wurde es in der Zeit des Nationalsozialismus von der Gestapo als Ort zu Inhaftierung und Folter von politischen Gegnern und anderweitig verfolgten Menschengruppen genutzt. Auch nach dem Kriegsende 1945 existierte das Gefängnis — nun unter Einfluss der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland — weiter. Ab den 1980er Jahren wurde es dann bis zur Aufgabe im Jahr 2002 als Abschiebe-Haftanstalt genutzt.

Das Gebäude stand — nunmehr ohne Verwendung für die Justiz — dann ganze sieben Jahre lang leer. Eine große innerstädtische Fläche, sich ganz selbst überlassen. Eigentlich unvorstellbar.

Im Jahr 2009 dann überließ die Stadt das Gebäude dann der Gruppierung Faites votre Jeu!, einem losen Zusammenschluss studentischen Ursprungs. Die Gruppe hatte zuvor lange Zeit eine leerstehende Villa in Bockenheim “verwaltet” (respektive:besetzt), die nun von der Stadt Frankfurt zur Eigennutzung beansprucht wurde. Als Ausweichort wurde das leerstehende Gefängnisgebäude in der Klapperfeldstraße angeboten. Dort konnten “Faites votre Jeu!” fortan eine neue Bleibe finden.

Keller und drei Stockwerke wurden von “Faites votre Jeu!” zur Dauerausstellung gewandelt. Was es im Einzelnen zu sehen und entdecken gibt, ist auf der umfangreichen Homepage der Ausstellung aufgeführt.


Mein Besuch und meine Eindrücke

Der Eintritt ins Gefängnis ist frei; allerdings wird um Spenden gebeten. Einer Bitte, der ich wirklich gerne nachkomme. Es gilt schließlich, all die Arbeit zu honorieren, die dafür geleistet wurde, diesen historischen Ort als Mahnmal zu erhalten.

Befremdlich, irritierend, unheimlich: Der Kellertrakt der Haftanstalt.

Als ich eintrete, fühle ich mich sofort unwohl und verstört. Nackte, graue Betonwände regieren all meine Eindrücke und schaffen eine unheimliche Atmosphäre. Ich beginne im Kellerraum und betrachte die zahlreichen Informationstafeln an den Wänden.

Gänzlich wie im Horrorfilm fühle ich mich dann, als ich das das zweite Geschoss betrete: Hier befinden sich Gefängniszellen, die im Zustand der Schließung im Jahr 2002 belassen wurde. Eine Metallpritsche, zwei Besucherstühle, ein brüchiger Holztisch. Eine offene Toilettenschüssel ohne Deckel, ein Waschbecken. Das musste wohl reichen.

Der selbe Anblick in einer jeden Zelle. Und, natürlich wieder: nackte Betonwände. Eine wahrlich trostlose Tristesse.

Es erscheint mir unvorstellbar, dass hier Menschen als Gefangene jemals ihren Alltag verbracht haben.

Und das sogar noch bis vor 14 Jahren. Ich fühle mich erneut beklemmt und unwohl und lese all die Inschriften, die Gefangene in allen Sprachen dieser Welt auf die Wände gemalt oder eingeritzt haben.

Diese surreale Szenerie inmitten der Stadt, in der ich lebe, mich so oft bewege — das lässt mich nicht mehr los. Ich versuche, eine Vorstellung vom Gefängnis-Alltag zu gewinnen, aber es mag mir nicht gelingen.

Im dritten Stock folgt dann das “Highlight” der Dauerausstelung: 
Dieser ist der Trakt, in welchem zuletzt die Abschiebehäftlinge untergebracht wurden.

Im großen Waschraum — neben den Waschbecken hängen noch verblichene “Herren-Magazine” — will ich keinen rechten Zusammenhang zur Körperhygiene herstellen können.

In manchen Zellen sind persönliche Aufzeichnungen und Gegenstände der Gefangenen ausgestellt. Schade, dass die drei Stunden der wöchentlichen Öffnungszeit nicht einmal annähernd dafür ausreichen, den gesamten Gefängniskomplex intensiv und umfassend zu erkunden.

Doch genügen lediglich Minuten eines Aufenthalts in diesen Gemäuern, um überwältigt zu sein. Überwältigt von dieser Welt, die man an diesem Ort niemals vermutet hätte. Überwältigt von der Vorstellung, hier gelebt haben zu müssen. Das Bedürfnis zu bekommen, sich mit all den Geschichten der hier Inhaftierten, Bediensteten und Gefolterten zu beschäftigen.

“Hat ein Mensch das wirklich verdient?”

Diese Frage stellt sich mir auf. Während vermeintliche “Systemgegner” hier zur Zeit des Nationalsozialismus hier gänzlich grundlos festgehalten und gefoltert wurden, so wurde unter den Fittichen der Bundesrepublik Deutschland sicherlich niemand ganz unschuldig und ohne Grund eingebuchtet.

Aber: Hat ein Mensch dieses Dunkel, das hier den immergleichen Alltag umgeben haben muss, jemals verdient? Welches Verbrechen rechtfertigt den Entzug eines würdigen Lebens? Ich hoffe sehr, heutige Haftanstalten bieten einen lebenswerteren Rahmen für die Inhaftierten, um über ihre Fehler nachdenken zu können. Für ihre Schuld zu büßen, anderen nichts mehr zu Leide tun zu können — aber dennoch ein halbwegs lebenswertes Leben zu führen. Wenn schon kein freies.


Ich steige wieder hinab ins Erdgeschoss.

Hier platze ich in die Vorbereitungen für eine Party von “Faites votre Jeu!”. 
Das Wärterhaus als Bierausschank, Waschraum als Tanzfläche, bunte Dekoration an den Gefängnismauern:
Ich bin erneut ziemlich irritiert von diesem Anblick.

Ich spreche mit einigen der Anwesenden. Natürlich möchte man sich von all der Arbeit, die hier ehrenamtlich erbracht wird, auch einmal erholen. Und natürlich möchte auch mal gefeiert werden. Und das sei allen herzlich gegönnt!

Ich freue mich und staune, als ich ganz unvermittelt zur Party am Abend eingeladen werde.

“Jeder ist hier willkommen — aber wir passen schon darauf auf, dass das Klientel stimmt”.

Das will ich auch hoffen — es wäre schließlich schade, würde dieser Ort zur “Party-Location von Hintz & Kuntz” verkommen. Damit auch weiterhin angenehm gefeiert wird, und nicht bald die ersten Junggesellenabschiede einfallen, werden die Veranstaltungen auch weder beworben noch bekannt gegeben. Gut so!

Ich bin irgendwie erleichtert, als ich die Ausstellung verlasse und wieder auf der belebten Zeil stehe. Und dennoch: Dieser Besuch hängt mir nach, das beklemmende Gefühl der eigenen Gefangenschaft, die Enge der Zellen — all dies wird mich noch eine Weile lang beschäftigen.

Ich kann nur jedem raten, ein wenig freie Zeit am Samstagnachmittag für einen Besuch in der Gedenkstätte “Klapperfeld” zu investieren. Es lohnt sich — und schafft auf eine eigentümliche Art und Weise ein Bewusstsein für das Glück der persönlichen Freiheit.

Alle Informationen zum Polizeigefängnis, zu Dauerausstellung, Events und natürlich “Faites votre Jeu!” findet ihr unter https://www.klapperfeld.de.

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