‘Gouache’ by Peter Fritz Walter (1989)

Kultur ist Sprache

Wollen wir nicht alle erhört werden?

Wollen wir nicht alle unsere Wünsche, Verlangen, Freude, und Schmerz formulieren, in Worte fassen oder in Körpersprache zum Ausdruck bringen, durch Bilder, Farben, Zeichnungen, oder gar Tanz? Körpersprache ist oft ein sehr lebendiger Ausdruck unserer Emotionen.

Was geschieht, wenn wir am konstruktiven Ausdruck unserer inneren Vorgänge, unserer Emotionen, inneren Bilder, Gedanken und Konflikte gehindert sind?

Was geschieht, wenn wir keine Sprache zum Ausdruck haben oder durch Sprachtabus uns dieser Ausdruck verboten wird? Ist nicht jeder Akt der Gewalt eine symbolische Befreiung aus dem Gefängnis der Sprachlosigkeit?

Ist der Mensch nicht gerade dadurch humanisiert, dass er Sprache besitzt, dass er Verlangen, Bedürfnisse, Emotionen und Bewusstseinszustände kommunizieren, verbalisieren, formulieren kann?

Kultur ist Verleihung von Sprache. Daher sind Tabus, die die Sprache behindern, nicht nur Feinde der Kommunikation, sondern auch kulturzerstörend. Das Verbot von Sprache bringt sprachlose Menschen hervor, Menschen, die sich anderer Ausdrucksformen bedienen, um ihre Emotionen mitzuteilen: Gewalt ist das Resultat von Redeverboten.

Stammeskulturen mit ihrer aus der Natur selbst inspirierten Weisheit, sind sich der Bedeutung der Sprache bewusst. Tabus, wie vor allem das Inzesttabu, aber auch Tabus, die den Umgang mit der Geisterwelt betreffen, sind reine Tat–Tabus, Tat–Verbote, keineswegs aber Rede–Verbote. Im Gegenteil. Bei Feierlichkeiten wird das Tabu der humanisierenden sprachlichen Kommunikation zugeführt. Man redet über das, was man nicht tun darf. Sprache humanisiert das Tabu und integriert es in die Psyche nicht nur der Individuen, sondern des ganzen Kollektivs.

Die Spiritualität des Menschen ist in erster Linie seine Fähigkeit, unerwünschte soziale Verhaltensweisen durch Versprachlichung zu humanisieren und damit in Kultur zu verwandeln. Ein Tabu hingegen, das der Sprache entkleidet ist, wirkt destruktiv und kulturzerstörend. Denn das tabuisierte Verhalten kann nicht begriffen werden, da es außerhalb jeder Kommunikationsmöglichkeit steht. Ganz einfach weil es an der Sprache fehlt, es zu beschreiben.

Sprachtabus sind Heuchelei und dienen unterbewusst der Unterhöhlung und Vertuschung dessen was man heimlich tut, obwohl man es offen denunziert. Sie dienen der Aufrechterhaltung einer doppelten Moral, das heißt einer solchen, die einen doppelten Boden hat. Unnötig hervorzuheben, dass Demokratie nur möglich ist, wenn man über alles miteinander reden kann—auch und gerade über das Unerwünschte.

Daher kommt der Spracherziehung, dem Heranbilden des Ausdrucks und der Ausdrucksfähigkeit des jungen Menschen eine hohe Bedeutung zu bei jeder wahren Bildung. Dies war tatsächlich auch der Fall bei der sogenannten humanistischen Bildung, die auf der Lehre der alten Sprachen und der hellenisch–römischen Philosophie beruhte. Diese antiken Kulturen waren nämlich in noch viel geringerem Masse von Sprachtabus berührt, wie unsere heutigen Massenkulturen.

Später, in der moralischen Epoche der Menschheit (Nietzsche), unter dem Einfluss spätplatonisch–christlichen Denkens, wurde Sprache immer mehr tabuisiert, und die Möglichkeit grenzenlosen sprachlichen Dialogs sehr eingeengt. Kulturen jedoch, die Sprache verbieten, sind eigentlich Un–Kulturen; sie sind im Keim nicht nur freiheitsfeindlich, sondern im wahren Sinne kulturfeindlich—und daher, mit einem Wort: faschistisch. Es sind autoritäre Regime, auch wenn sie sich hinter schön klingenden demokratischen Verfassungen verbergen.

Der Weg zu persönlicher Freiheit und Kreativität, zu Autonomie und Loslösung von schablonenhaftem Kollektivdenken führt daher über die Kultur der Sprache, die Kultivierung des persönlichen Ausdrucks. Nur auf dieser individuellen Ebene lässt sich auch kollektiv Kultur aufbauen. Mit sprachlichem Ausdruck ist dabei jede Form von Kreativität gemeint, also nicht nur freie Rede und schriftstellerische Betätigung, sondern jede Form von Kunst, von Ausdruck, der einer Kommunikation dient.

Jeder Mensch muss seine asozialen Triebe und Neigungen durch den Sprachprozess humanisieren und sublimieren können. Ohne Sprache ist Sublimation jedoch unmöglich. Fehlt einer Kultur die Sprache für asoziale Verhaltensweisen, so findet Verdrängung statt. Was aber nur verdrängt ist, ist nicht verarbeitet; es ist sozusagen unter den Teppich gekehrt. Alle Kollektivdramen der Menschheit waren und sind von kollektiver Psychose begleitet, einem Prozess, der das fragile Gleichgewicht der Verdrängung aufhebt und damit archaische Verhaltensmuster wieder zu Tage fördert. Und dann fragt man sich, wie das denn möglich war? Die Antwort liegt klar vor Augen, wenn das auch niemals in der Presse so offen gesagt wird.

Auf individueller Ebene ist es natürlich ebenso. Ein Ich ohne Sprache ist ein psychotisches Ich und der Weg der Sprachlosigkeit ist der Weg in die individuelle und kollektive Psychose.

Der Weg psychischer Gesundheit, nicht nur des Einzelnen, sondern von ganzen Kulturen, ist der Weg der Sprache, der Kommunikation und der Freiheit von Kommunikation, die aktive Verteidigung der freien Rede und Schrift. Es genügt dazu nicht, Garantien in Verfassungen zu schreiben und ansonsten den Mund zu halten.