Das Tor zu einer bunten Welt

Wer nicht mehr unbeschwert raus kann, holt sich das Leben halt an den eigenen Tisch: So wie Gila in Zürich-Oerlikon.

Stefan Ganz
Apr 27, 2018 · 4 min read

Eine Weinhandlung im selben Haus, den grössten Wochenmarkt Zürichs gleich um die Ecke und eine ÖV-Anbindung, die seinesgleichen sucht: Ihre Wohnung am Sternen Oerlikon ist perfekt für eine Gastgeberin wie Gila. Und wie um diese Gastfreundschaft zu beweisen, steht ihre Tür schon weit offen, als ich im vierten Stock ankomme. Das sei bei ihr immer so, ruft sie aus der Küche und begrüsst mich:

“Schon bei meinen Eltern war die Tür immer offen. Das ist eine Lebensphilosophie, die man bewahren sollte.”

Als ausgebildete Hotelkauffrau, die viele Jahre im Sozialbereich der Stadt Zürich arbeitete, weiss Gila, wie man Menschen zusammenbringt. Ihr Geheimnis: Gutes Essen. Heute serviert sie Broccolisuppe und Avocado-Crostini, Involtini di vitello mit Ofenkartoffeln und Blumenkohl sowie ein selbstgemachtes Sorbet mit Orangen direkt aus Valencia.

Während die stolze Omi von fünf Enkelkindern mit der Routine von Jahrzehnten die Involtini rollt, den Blumenkohl dampfgart und die Kartoffeln in den Ofen schiebt, deckt sie den Tisch mit ihrem selbstgetöpferten Geschirr (und lädt mich gleich zum Töpfer-Kurs ein), erzählt von ihrem Engagement als Trauer- und Sterbebegleiterin und findet zwischendurch noch Zeit für eine Tasse Kaffee.

“Ich bin in einer Hotel-Küche aufgewachsen. Mein Vater war Koch, meine Mutter Gastgeberin. Kochen ist meine Berufung. Das Gastgeben ist meine Leidenschaft.”

Nicht jede Pause ist jedoch selbstgewählt. Manchmal zwingt sie auch das Rheuma zum innehalten. Doch sie macht das Beste aus der Situation. Und das ist neben Gärtnern in der Gemüse-Genossenschaft Meh als Gmües ein regelmässiger Mittagstisch bei Margrit:

“Ich kann zwar nicht mehr einfach in die Welt rausgehen wie früher. Dafür hole ich mit Margrit die Welt zu mir nach Hause.”

Und diese Welt, die steht jetzt an ihrer Tür. Stamm- und Premieren-Gäste mischen sich rund um den bunt gedeckten Tisch. Zwei von ihnen haben im Erdgeschoss Halt gemacht und entkorken ihre Mitbringsel. Dann schenkt Gila den Wein, serviert den ersten Gang und bringt mit ihrer offenen, direkten Art das Gespräch ins Rollen.

Man fühlt sich wohl an dieser bunt gedeckten Tafel, wo die Blumen nicht nur auf dem Tisch stehen, sondern auch von der Lampe hängen; am Tisch der Buddhistin Gila, die jeden Tag versucht, Gutes zu tun, für andere Menschen, aber auch für sich; man fühlt sich wohl in dieser Runde, die schon nach dem Broccolisüppchen so vertraut wirkt, als kenne sie sich seit Jahren.

Und während die Gespräche ihren Lauf nehmen, das Besteck klimpert und das Sorbet langsam auf der Zunge zergeht, erklärt Gila, weshalb sie kocht — und erntet Kopfnicken in der ganzen Runde:

“Kochen ist mein Tor zu einer bunten Welt. Neue Menschen, neue Geschichten, neues Leben — dafür ist ein Tisch der beste Ort und ein gutes Essen das beste Mittel.”

Setz dich dazu – bei Gila und vielen weiteren Gastgeberinnen: www.margr.it

MargritMagazin

Hausgemachte Geschichten rund um hausgemachtes Essen.

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