99 Gedanken zur Entwicklung von Social Media und Journalismus

Credit: rwinter.net
  1. Der disruptive Wandel der Welt schreitet weiter voran.
  2. Die Medienwelt wird von diesem Wandel weiter überdurchschnittlich stark betroffen sein.
  3. Traditionelle Medienunternehmen werden weiter erhebliche finanzielle Einbußen verzeichnen; vor allem weil sich Werbeerlöse weiter in Richtung mobile Endgeräte verschieben.
  4. Ein überproportionaler Anteil dieser Erlöse geht dabei an die dominierenden Plattform-Giganten Facebook, Google, Apple, Samsung und Amazon.
  5. Facebook wird seinen Anteil an Einnahmen aus dem mobilen Bereich weiter steigern und seine Vormachtstellung als wichtigstes soziales Netzwerk weiter ausbauen.
  6. Facebook bleibt damit auch weiter der wichtigste Aggregator für news und Unterhaltung.
  7. Das Ziel von Facebooks News-Feed-Algorithmus bleibt darin bestehen, dass sich Menschen gut fühlen. Das Ziel des Algorithmus ist es nicht, dass Menschen alles wissen.
  8. Facebook wird sich auch deshalb weiterhin mit Vorwürfen von Journalisten, Politikern und NGOs konfrontiert sehen, einen zu großen (“negativen”) Einfluss auf die Meinungsbildung zu nehmen.
  9. Facebook wird diesen Vorwürfen weiter mit technologischen Antworten begegnen.
  10. Facebook wird sich aus strategischen Gründen auch weiterhin dagegen verwehren, eine media company zu sein.
  11. Facebook wird trotz zunehmender, wissenschaftlich nachgewiesener Macht bei der Verbreitung von news eine redaktionelle Verantwortung von der Hand weisen und darauf verzichten, eine Redaktion aufzubauen.
  12. Der Kampf um Aufmerksamkeit auf Facebook wird stetig zunehmen.
  13. Um die für Facebook geschäftsschädigende Verbreitung von fake news einzudämmen, wird das Unternehmen fortlaufend seine Geschäftsbedingungen verändern und Nutzern neue Tools an die Hand geben — analog zu den reactions oder dem Authentifizierungs-Haken.
  14. Letztlich bleiben fake news aber eher ein Nischenphänomen.
  15. Facebook wird, um der sehr viel schwieriger zu bewerkstelligen Flut an Inhalten von Medienunternehmen, Politikern, Stars und Prominenten begegnen zu können, weiter permanent den News-Feed-Algorithmus anpassen (müssen).
  16. Ein Ziel dieser Änderungen wird es sein, Inhalte, die direkt auf Facebook zu erleben sind, noch stärker im News Feed zu bevorzugen.
  17. Dieser Trend wird von allen anderen sozialen Netzwerken adaptiert: Über solche incentives wird dafür gesorgt, dass immer mehr Inhalte direkt auf den Plattformen selbst erlebt werden können.
  18. Links auf externe Angebote (und Anbieter, die voll auf eben solchen Traffic von Facebook setzen) sterben einen langsamen Tod.
  19. Eine Generation von Internet-Nutzern wächst weiter im Glauben heran, dass das Internet aus Apps, respektive in sich geschlossenen Netzwerken besteht.
  20. Die Vermarktung der Inhalte, die direkt auf Plattformen stattfinden, läuft dabei weiterhin nur schleppend voran.
  21. Nichts von dem, was Medienhäuser direkt auf Facebook lancieren, lässt sich auch nur annähernd finanzieren. Man muss es sich leisten (können/wollen).
  22. Der Schritt, künftig vermehrt direkt auf Social Media zu publizieren, wird mit dem völlig korrekten Dilemma erklärt, sich sonst für weite Teile der Internetnutzer in die Bedeutungslosigkeit zu verabschieden.
  23. Medienunternehmen werden verstärkt darüber diskutieren, ob es ein Fehler ist, alles auf Facebook kostenlos anzubieten.
  24. Erinnerungen an den vermeintlichen Geburtsfehler des Internets — Nachrichten von Anfang kostenlos anbieten — werden wach.
  25. Facebook wird seinerseits weiter daran arbeiten, journalistische Inhalte lediglich als eine von vielen Waren auf der Plattform zu behandeln.
  26. Journalistische Marken nehmen dabei in Kauf, weiter an Wiedererkennungswert zu verlieren.
  27. “Das habe ich auf Facebook gelesen” wird weiter zum Standard für eine ganze Generation.
  28. Die Wertschätzung von Journalismus verschiebt sich weiter von Marken/Verlagen/Sendern/Websites hin zu einzelnen Personen/Inhalten und dem sozialen Netzwerk, wo der Inhalt konsumiert wurde.
  29. Große (internationale) Medienhäuser werden ihre Social-Media-Aktivitäten noch stärker diversifizeren und eigene Abteilungen für Facebook, Snapchat, Instagram und Co aufbauen.
  30. Es reicht nicht mehr, lediglich CvDs für die Homepage zu haben. Es braucht viel mehr „Blattmacher“ für die einzelnen Social-Media-Kanäle.
  31. Journalisten werden zunehmend speziell für einzelne Social-Media-Kanäle publizieren.
  32. Es braucht dafür perfekt auf die sozialen Netzwerke zugeschnittene Formate.
  33. Perfekt bedeutet in diesem Zusammenhang auch: perfekt auf die incentives der sozialen Netzwerke zugeschnittene Inhalte. Es wird also das produziert, was gut auf social funktioniert. Was gut funktioniert, entscheidet aber in erster Linie die Plattform.
  34. Die damit einhergehenden Fragen nach journalistischen Idealen werden mit wirtschaftlichen Sachzwängen kleingeredet.
  35. So wird Facebook etwa weiter Videos prioritär im News Feed anzeigen, um Marktanteile von Fernsehanstalten und YouTube abzugraben.
  36. Eine Flut von Videos auf Facebook ist die Folge.
  37. Um den Spielregeln der Netzwerke genüge zu leisten und gleichzeitig die Kosten im Griff zu behalten, werden automatisch durch Software erstellte Videos zur Normalität.
  38. Die Flut solcher billig produzierten Videos von der Stange wird zu einer Abwertung in der Wahrnehmung von Video-Inhalten führen.
  39. Diese Abwertung wird zu einem noch größeren Misstrauen der Nutzer in Medieninhalte führen.
  40. Für Nutzer wird häufig nicht mehr sichtbar, ob ein Video von einem Redakteur stammt oder automatisiert durch Software produziert wurde.
  41. Das gleiche gilt für Texte.
  42. Ebenfalls wird diese Flut an Bewegtbildern die bis dato noch attraktiven Werbeerlöse bei Video minimieren.
  43. Darüber hinaus werden wir eine Flut von live video erleben.
  44. Das Segment live video wird dabei neu interpretiert: Weg von klassischen, einmal vom Fernseh-Journalismus erdachten Live-Situationen, hin zu komplett neuen Formaten.
  45. Live wird der neue Standard für Authentizität und Transparenz.
  46. Es wird die ersten Live-Stars geben: Influencer, die den ganzen Tag komplett live sind.
  47. Politiker werden sich live durch den Alltag begleiten lassen.
  48. Es wird neue Medien-Player geben, die um das Feld live, eigene Geschäftsfelder aufbauen.
  49. Journalismus-Anbieter werden vermehrt, ihre Konferenzen live streamen, um u.a. dem Vorwurf der “Lügenpresse” zu begegnen.
  50. Snapchat wird ebenfalls live video einführen.
  51. Snapchat wird darüber hinaus enorme Summen an TV-Werbegeldern abgreifen.
  52. Mit diesen Werbegeldern wird Snapchat analog zu den Geschäftsmodellen von Amazon und Netflix Originals anbieten.
  53. Facebook wird nachziehen und ebenfalls versuchen, Originals auf die Plattform zu heben.
  54. Die Grenzen zwischen Technologie-Plattform und Medien-Unternehmen verwischen dadurch bei Facebook und Snapchat immer weiter.
  55. Twitter möchte da auch mitmachen — zündet aber nicht.
  56. Snapchat Discover wird in Deutschland eingeführt.
  57. Deutsche Jugendliche werden dann auf Snapchat zwischen Bild, BuzzFeed und Tagesschau wählen können, wenn es um news geht.
  58. Alle anderen news-Anbieter können und wollen sich diesen Schritt vorerst nicht leisten.
  59. Ansonsten spielt Journalismus auf Snapchat keine Rolle.
  60. Snapchat wird allerdings für die Werbe-Industrie ein Eldorado bleiben, lässt sich doch aufgrund des flüchtigen Charakters der Plattform Schleichwerbung kaum nachweisen.
  61. Instagram wird sich ebenfalls weiter zu einer attraktiven Plattform für die Werbeindustrie entwickeln, weil sich der Traffic auf Produkte vielerorts durchaus sehen lassen wird.
  62. Ein Ort für Journalismus wird Instagram hingegen auch weiterhin nicht sein. Weder direkt auf der Plattform noch als Traffic-Bringer.
  63. Ebenfalls werden Messenger keine bedeutende Rolle beim Thema news spielen.
  64. Messenger sind Orte, denen sich die Menschen extra deswegen zuwandten, weil sie auf Facebook von zu vielen institutionellen Anbietern mit Botschaften angesprungen wurden.
  65. Journalismus-Anbieter, werden sich nur mit sehr spezialisierten Services auf Messengern durchsetzen können.
  66. Generell werden Journalisten final einsehen müssen, dass sie in sozialen Netzwerken nur Gäste sind und nicht überall automatisch erwünscht sind.
  67. Denn auch 2017 gilt: Niemand registriert sich bei einem sozialen Netzwerk, um dort Journalismus serviert zu bekommen.
  68. Journalismus-Anbieter müssen aufpassen, dass sie nicht anfangen, Nutzer mit ihrem endlosen Strom an news zu nerven.
  69. Auch deshalb sind die Zeiten vorbei, in denen soziale Netzwerke massiv als Distributionskanäle genutzt werden konnten.
  70. Journalisten müssen sich vielmehr um die tatsächliche Gunst der Nutzer bemühen.
  71. Das wird nicht über noch mehr Content funktionieren.
  72. Journalisten werden deshalb Social Media zunehmend als Kommunikationsmittel verstehen lernen und versuchen, mit ihren Nutzern ins Gespräch zu kommen.
  73. Journalisten sollten sich nicht aus ihren “Filterblasen” verabschieden, sondern noch viel stärker eintauchen.
  74. Die Kommentarfunktion sollte zu einem zentralen Ort der Begegnung mit Journalismus werden — und nicht nur ausgehalten, respektive witzig moderiert werden.
  75. Das gleiche gilt für die Abermillionen an Gruppen auf Facebook.
  76. Journalisten werden fake news in sozialen Netzwerken aufspüren und Nutzer durch „echten“ Journalismus vom Gegenteil überzeugen (müssen).
  77. Auch Politiker und Institutionen werden die Netzwerke mit Inhalten fluten, um den Kampf um Aufmerksamkeit nicht an andere zu verlieren.
  78. Kampagnen werden künftig vornehmlich auf Social Media geführt, weil es effektiver und günstiger ist.
  79. Die Bundestagswahl wird zur Blaupause mit Blick auf Politik und Social Media in Deutschland.
  80. Die digitale Elite wird dabei feststellen (müssen), dass ein Erfolg der AfD mit Witzen, Memes und Rants nicht zu verhindern ist.
  81. Politik wird sich in Sachen Kommunikation noch stärker an der PR aus der Privatwirtschaft orientieren.
  82. Eliten werden das als eine weitere Verflachung der Diskussionskultur abtun und sich damit noch weiter von den Menschen wegbewegen, die für eben jene vermeintlich flacheren Botschaften empfänglich sein könnten.
  83. Journalisten werden in der Vermittlung von politischen Inhalten aus Sicht der Politik jedenfalls eine sehr viel geringere Rolle spielen.
  84. Auch Wirtschaftsunternehmen, Stars und Sportler werden noch stärker direkt auf Social-Media-Plattformen publizieren.
  85. Journalismus-Angebote spielen für die allerwenigsten als Gatekeeper noch eine Rolle.
  86. Vielmehr werden alle, die eine Botschaft verbreiten wollen, noch stärker zu ihrem eigenen Medienunternehmen.
  87. Menschen müssen deshalb lernen, sehr viel besser zwischen echtem Journalismus und als Journalismus getarnter PR-Botschaft zu unterscheiden.
  88. Medienkompetenz wird Bürgerpflicht.
  89. Journalisten müssen mehr denn je als Watchdogs agieren, um Falschinformation und Populismus keinen Raum zu geben.
  90. Journalisten müssen dabei allerdings noch stärker hinterfragen, zu welchem Preis und mit welchem Ziel sie auf den sozialen Netzwerken agieren.
  91. Journalismus-Anbieter werden eine breitere Brust entwickeln müssen, wenn es um ihre Rolle in den sozialen Netzwerken geht.
  92. Facebook braucht die professionell produzierten Inhalte, um weiter attraktiv zu bleiben für Nutzer.
  93. Medienunternehmen haben hier die beste Expertise — das sollten sie bei Verhandlungen stärker einbringen.
  94. Gleichzeitig muss sich die Berichterstattung rund um die Plattform-Giganten weiter professionalisieren.
  95. Es bedarf einer fortwährenden Debatte zur Frage, welche Rollen die Plattformen für unsere Gesellschaft spielen (können/dürfen).
  96. Die sozialen Netzwerke sind dabei für Journalisten Freund und Feind zugleich. Es kommt darauf an, was wir mit diesen frenemies anfangen.
  97. Dafür muss sich jeder Journalist fragen, was der disruptive Wandel mit seiner Profession macht.
  98. Wer nicht mutig hinterfragt, für wen seine Arbeit noch einen Wert haben kann und wie diesem Wert entsprochen werden soll, riskiert die Zukunft seines Jobs und die Zukunft einer aufgeklärten Öffentlichkeit.
  99. Ich suche ab 2017 jedenfalls eine neue Herausforderung: Entweder um über den digitalen Wandel mit Herzblut zu berichten oder um ihn strategisch zu gestalten. Lets talk.

Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich bin Journalist. Meine Beats: Social Media, Technologie und Gesellschaft. Wer mag, abonniert meine Fanpage auf Facebook, folgt mir auf Twitter, abonniert meinen Newsletter oder folgt meiner Publikation direkt hier auf Medium: medium.com/martingiesler.