18 Dinge, die Medienhäuser und Startups 2017 dringend ändern müssen

Die etablierten Medienhäuser brauchen Innovation, Medien-Startups brauchen Kunden. Klingt nach einem perfekten Fit — würden sich nicht beide noch zu sehr selbst im Weg stehen. Liebe Häuser, liebe Startups, hier sind jeweils 9 Empfehlungen, wie ihr 2017 besser zusammenarbeiten könnt.

Und zwar jetzt, nicht erst in 5 Jahren.

Diese Handlungsempfehlungen entstanden beim Future Publishing Camp #fpc16 von t3n und Google in der Gruppe “Co-Opportunities.io”, bestehend aus 9 fantastischen Menschen aus Medien-Startups, etablierten Häusern, Forschung und Inkubatoren.


Warum kommen etablierte Verlage oder Sender und Startups nicht zusammen? Im Kern liegt es an diesen drei Gründen:

  1. Die Entscheidungsschleifen in etablierten Häusern sind zu lang. Den Startups geht die Luft aus, bevor sie überhaupt einen Fuß in die Tür bekommen.
  2. Die etablierten Häuser sehen die Chance einer Zusammenarbeit oft noch nicht.
  3. Startups finden keinen Zugang zu den Medienhäusern.

Was aber können beide Seiten tun?

Hier folgen 18 Handlungsempfehlungen für Medienhäuser und Startups, wie sie sich gegenseitig die Zusammenarbeit leichter machen können.


MEDIENHÄUSER — kümmert euch um diese 9 Dinge, um Innovation voran zu bringen!

1. Seht endlich die Vorteile! Ihr braucht dringend Innovation — Startups haben Innovation

Natürlich kann man auch alles selbst machen. Aber das führt in den seltensten Fällen genauso schnell zum Ziel. Hier sind fünf Gründe, warum die Zusammenarbeit mit Startups gut für euch ist:

  1. Statup-Teams stecken nicht in eurem Alltag und haben deshalb Ideen, die euch nicht im Traum eingefallen wären.
  2. Startups haben die Idee schon umgesetzt, bevor euer Antrag von einem Entscheider zum nächsten gewandert ist.
  3. Startups bauen ihre Produkte am Markt für den Markt — und wissen mehr über ihre Nutzer, als eure Vertriebsabteilung.
  4. Je enger ihr zusammenarbeitet, desto mehr könnt ihr von den Arbeitsweisen und Methoden der Startups lernen.
  5. Startup-Mitarbeiter sind innovative Macher, die nicht lang zögern. Bei den meisten Akquisitionen geht’s übrigens mehr ums Team als um deren Idee.

2. Ermöglicht euren Abteilungen, eigenmächtig zu entscheiden

Das größte Problem für Startups sind eure langen Entscheidungsstrukturen. Wenn ihr euren Abteilungs- und Ressortleitern aber die Erlaubnis gebt, selbst zu entscheiden, welche Produkte sie testen wollen, geht alles schneller voran. Solche No-Money-Deals sind allenfalls ein Risiko fürs Startup — und ihr wisst, ob das Produkt euch hilft, bevor ihr viel Geld ausgebt.

3. Seid offener für frühe Ideen

Am Ende geht’s auch immer um Konkurrenz. Wenn ihr mit einem Produkt die ersten am Markt seid, werdet ihr nicht nur als First Mover wahrgenommen, sondern seid im Zweifelsfall auch die Ersten, die damit Geld machen können.

4. Helft Startups mit Absichtserklärungen für eine Zusammenarbeit

Ihr findet das Produkt echt spannend, aber das Stadium ist wirklich noch zu früh für euch? Gesteht den Teams mindestens einen Letter of Intent zu. Investoren steigen meist erst dann ein, wenn das Startup Kunden vorweisen kann. Braucht das Team für die Entwicklung viel Geld und findet keine Investoren, werdet ihr das Produkt nie zu sehen bekommen. Und eine Absichtserklärung kostet übrigens nichts.

5. Macht eure Verträge mit Dritten flexibler

Oft der Killer für Startups: Der Vermarkter oder andere Dritte im Entscheidungsprozess erlauben keine Monetarisierungswege neben ihnen. Wenn ihr wirklich Innovation im Haus wollt, räumt solche Hürden aus dem Weg.

6. Kommuniziert offen, was euch gerade fehlt!

Startups können euch Lösungen bauen — aber nur wenn sie wissen, wo es bei euch hakt. Wenn ihr offener mit euren Challenges umgeht, ist die Chance um Längen höher, dass sich ein Team findet, das an dem Thema bereits arbeitet. Denkbar wäre auch ein Marketplace, bei dem sich Häuser und Startups zwei Mal im Jahr genau darüber austauschen können.

7. Gebt Feedback und Zahlen heraus

Startups wollen gute Produkte für euch bauen. Sogar Features, die sie nur für euch entwickeln, sind oft kein großes Problem. Aber eben nur, wenn ihr ihnen Feedback gebt, Zahlen zur Nutzung herausrückt und die Startups mit und an euch lernen können.

8. Chefs, ändert euer Mindset und feiert Mitarbeiter, die Innovation voranbringen wollen

Hand auf’s Herz — wofür gibt es bei euch Incentives oder auch nur Lob? Dafür, dass ein Mitarbeiter ein Tool angeschleppt hat, das 30 anderen den Arbeitsalltag erleichtert? Oder doch eher für die toll geschriebene Reportage? Stellt Leute ein, die intrinsisch an Innovation interessiert sind und bietet allen Anreize, neue Lösungen stärker im Blick zu haben. Lob hilft.

9. Investiert in Startups, die euch kannibalisieren, bevor es andere tun

An alle Häuser, die auch einen Investment-Arm haben: Habt die Medien-Startup-Szene im Blick. Ihr könnt weiter in Startups investieren, die nur am Rande zu eurem Haus passen — aber dann gräbt euch ein Medien-Startup vielleicht einmal schneller das Wasser ab, als euch lieb ist. Es gibt mit Vice, NowThis oder Buzzfeed bereits viele Beispiele, dass Medien-Startups funktionieren. Schaut euch nicht nur in den USA um, in Deutschland startet die Szene jetzt.


STARTUPS — das könnt ihr tun, um etablierte Medienhäuser als Kunden (und Investoren) zu gewinnen

1. Macht es den Medienhäusern leicht, mit euch zusammen zu arbeiten.

Helft den Redaktionen dabei, ihr Mindset zu ändern und haltet die Hürden für eine Zusammenarbeit so niedrig wie möglich. Mit kostenfreien Testphasen gebt ihr Redaktionen die Chance, Fans von euren Produkten zu werden, ohne dass euch lange Entscheidungsschleifen in Häusern bremsen. Wenn ihr in dieser Testphase eng mit dem Kunden zusammenarbeitet und auf Wünsche eingeht, generiert ihr sogar noch zusätzlichen Benefit.

2. Besteht auf Feedback aus den Häusern, um euer Produkt besser zu machen.

Die Medienhäuser sollten euch Einblicke in möglichst viele Daten und Zahlen zur Performance eures Produktes geben, damit ihr so früh wie möglich lernen, anpassen und verbessern könnt. Noch besser: Vereinbarungen zu treffen, bei

3. Sprecht private Medienhäuser erst an, wenn das Produkt einsetzbar ist.

Für private Verlage und Broadcaster muss sich euer Produkt vor allem wirtschaftlich rechnen. Wenn ihr noch im Ideen-Stadium seid, verbaut ihr euch im schlechtesten Fall die Chancen auf einen Kunden. Denn der möchte euer Produkt jetzt testen und nicht drei Mal Meetings mit euch ausmachen, bevor ihr überhaupt so weit seid.

4. Oder geht zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wenn euer Produkt erst eine Idee ist.

Genauer: Zu den Labs der öffentlich-rechtlichen Sender. Fast alle Rundfunkanstalten haben mittlerweile eines oder zumindest eine Innovationsabteilung. Sie können grundsätzlich alles testen und sind ein sehr guter Einstieg in das große, unübersichtliche Haus: ihr Hauptjob ist Innovation und dafür brauchen sie ständig etwas Neues. Wenn ihr den Test bestanden habt, können sie für euch die Türen im Rest des Hauses öffnen.

5. Beginnt mit einer Medienmarke — und skaliert mit Rahmenverträgen.

Macht euch selbst den Einstieg leicht und versucht erst einmal, euer Produkt bei einer Marke zu platzieren. Wenn die Fan von euch ist, hat das Haus oft ein Interesse daran, einen Rahmenvertrag für zum Beispiel alle Magazine des Verlags abzuschließen. Darüber könnt ihr skalieren.

6. Sucht euch einen “Champion” bei eurem Kunden, der euer Produkt intern pitcht.

Das kann der Chefredakteur sein oder auch der Abteilungsleiter. Sobald ihr einen Fan für euer Produkt habt, kann der es im Haus viel einfacher voranbringen, als wenn ihr jedes Mal an neuen Stellen versucht, zu punkten. Und bleibt hartnäckig.

7. Findet das richtige Einfallstor und passt euren Pitch an.

Zusatztipp: Mit einem Produkt, das neue Chancen in der Distribution bietet, könnt ihr den Nachrichtenredakteur vermutlich nicht überzeugen. Sucht euch daher auch inhaltlich den richtigen Ansprechpartner — und passt euren Pitch jedes Mal an. Den Vertrieb interessiert vor allem der Teil mit dem Geld, die Redaktion möchte vermutlich hören, wie ihr ihre Arbeit erleichtert oder was der Leser davon hat.

8. Denkt die großen Probleme des Medienhauses mit

Wie kann euer Produkt dem etablierten Haus helfen, Geld zu verdienen? Niemand hört nicht gern eine Idee dazu, wie er seinen Content im Digitalen monetarisiert. Das Medienhaus streicht gerade massiv Stellen? Dann erzählt ihm, wie euer Produkt den verbliebenen Kräften dabei hilft, produktiv zu arbeiten (und nicht zusätzlichen Aufwand bringt).

9. Hostet in Deutschland

Weder öffentlich-rechtliche noch private Medienhäuser dürfen Produkte einsetzen, deren Daten nicht auf deutschen Servern liegen. Das ist euer Riesenvorteil gegenüber internationalen Startups! Wenn ihr in Deutschland hostet und euch dann auch noch mit der Datenschutzgesetzgebung auseinandergesetzt habt und für alle Fragen in der Richtung eine Antwort parat habt, seid ihr so gut wie drin.

Fazit

Startups haben vieles davon, was Medienhäusern fehlt: Experimentierfreude, ein Denken nah an den Nutzern und das Wissen moderner, datengetriebener Entwicklung. Noch gibt es Cash-Flow in den Verlagen, der dazu genutzt werden kann, über Startup-Kooperationen Innovation in die Häuser zu bringen, die die Verlage so dringend zum Überleben brauchen.

Macht jetzt was draus — break down the wall!


Was noch auf dem #fpc16 geschah

Beim #fpc16 haben rund 40 innovative Menschen aus der Medienszene über die Zukunft der Medien nachgedacht. Foto: t3

Neben diesen Handlungsempfehlungen hat sich das Future Publishing Camp auch noch mit den Themen Medien und Technologie, (Bundestagswahl-)News für Social Natives, Distributed Content im Jahr 2017 und Fake News beschäftigt. Alle Ergebnisse in der Übersicht gibt es unter diesem Link.

Unser Team-Song war übrigens Opportunities (Let’s Make Lots Of Money) von den Pet Shop Boys. Riesendank noch einmal an Stephan, Martin, Emily, Louisa, Nina, Patrick, Anton und Christopher für die großartige Diskussion!


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