Das Futures of Media Tarot

Die Innovationsmethode Futures-Thinking bietet Werkzeuge und Strategien, um strukturiert und zielorientiert verschiedene Zukunftsszenarien zu entwickeln. Wie diese Methode für die Medienbranche eingesetzt werden kann, hat Johannes Klingebiel (SZ) für uns entwickelt und aufgeschrieben \o/

Warum Futures-Thinking?

Der Journalismus als Tätigkeit, als Institution und als Geschäftsmodell durchlebt in vielerlei Hinsicht eine Zeit des Wandels. Plattformen, Druck durch Werbenetzwerke, neue Medien, neue Endgeräte, zunehmende Überwachung, neue politische Bewegungen und Wirtschaftskrisen prägen ihn auf unterschiedliche Art und Weise. Dennoch basieren Visionen der Zukunft des Journalismus fast ausschließlich auf Technologien. Ein Fokus, der zwar nicht unberechtigt ist, aber in fast allen Kategorien zu kurz greift, denn er ignoriert nicht nur den Prozess in dem solche Technologien entstehen, sondern auch die Konsequenzen, die diese nach sich ziehen. Zu oft lassen sich solche Visionen als „unser Publikum nutzt jetzt noch einen weiteren Kanal“ zusammenfassen.

Hinzu kommt die Problematik, dass wir die Zukunft nicht vorhersagen können, auch wenn manche Futuristen oder Trendforscher dies gerne von sich behaupten. Oder aber eine ihrer Zukunftsvision als gegeben präsentieren. Wir können uns diesen Visionen anschließen oder wir fangen an unsere eigenen zu entwickeln. Statt der einen Zukunft des Journalismus können wir multiple Zukünfte in Form von Szenarien entwerfen. Wir können sie diskutieren, weiterspinnen und verwerfen. Und wir können entscheiden, welche dieser Zukünfte wir für erstrebenswert halten, welche wir gerne verhindern würden und welche Schritte wir entsprechend unternehmen müssen. Kurz: wir können uns in eine Position begeben, in der wir eine aktive gestaltende Rolle einnehmen, anstatt nur die Visionen anderer zu akzeptieren.

Das Futures of Media Tarot ist der Versuch Anhaltspunkte für solche Szenarien zu schaffen und solche Diskussionen zu ermöglichen. Es ist dabei angelehnt an das SynBio Tarot der Londoner Agentur Superflux, jedoch mit speziell auf den Journalismus zugeschnittenen Inhalten. Der Name “Tarot” ist dabei bewusst gewählt, weil die Karten interpretiert und im Kontext zu anderen verstanden werden müssen.

Die Karten einsetzen

Das Tarot ist unterteilt in sechs verschiedene Kategorien, die entweder dazu dienen ein Szenario zu gestalten (interne Faktoren, externe Faktoren, Orte und Jahreszahlen), sowie eine Perspektive einzunehmen (Protagonist und Mission).

Die 36 Karten des Futures of Media Tarot — © by Johannes Klingebiel

Diese Unterteilung ermöglicht es nicht nur eine potenzielle Zukunft aufzubauen, sondern auch verschiedene Blickwinkel innerhalb dieser Zukunft einzunehmen. Es ist jedoch wichtig, das Tarot nicht als Wettbewerb zu verstehen, sondern als Kollaboration.

Methode

Um das Tarot einzusetzen wird empfohlen Gruppen aus 3–4 Personen zu bilden, die jeweils ein Kartenspiel, sowie ein Din A3 Plakat, inkl. Stifte und Post-Its bekommen. Das Team darf nun jeweils eine Karte aus einer Kategorie ziehen. Sobald die ersten Karten aufgedeckt wurden, sollte sichergestellt werden, dass alle Teilnehmer das gleiche unter den darauf abgebildeten Inhalten verstehen.

Es hat sich bewährt das Plakat auf einem Tisch als Mind-Map zu benutzen. Die Karten können entweder aufgeklebt oder aufgelegt werden, so können die Gruppenmitglieder Ideen, Assoziationen und Notizen aufschreiben und auf den Notizen anderer aufbauen.

Ideensammlung auf dem #micmuc19 — © by David-Pierce Brill

I. Das Setting

Es empfiehlt sich ein Szenario von außen nach innen aufzubauen. Also zuerst das Setting zu definieren (bspw.: Berlin, 2040) und anschließend die externen und internen Faktoren zu betrachten. Während dieser Phase können die Teilnehmer bereits nach Konflikten suchen, die entstehen könnten. Wo ergeben sich Reibungspunkte zwischen Interessensgruppen? Oder Wirtschaftssystemen?

Die folgenden Karten werden in dieser Phase verwendet:

Ort — Wo spielt das Szenario auf der Welt? Welche Herausforderungen bringt dieser Ort mit sich?

Jahreszahl — Wann spielt das Szenario? Und wie weit sind bestimmte Trends bereits fortgeschritten?

Interne Faktoren— Welche Trends und Technologien verändern den Journalismus von innen?

Externe Faktoren — Welche Trends und Technologien verändern die weitere Gesellschaft, politische Landschaft und wirtschaftliche Lage?

II. Die Perspektive

Die Perspektive bezeichnet die innere Sicht der Protagonist*in im Szenario, sowie die Mission, die es zu erfüllen gilt. Dazu werden die folgenden Karten verwendet:

Protagonist — Welche Rolle und Blickwinkel nimmt das Team ein?

Mission — Welche Aufgabe hat der Protagonist in diesem Szenario zu erfüllen?

Die Perspektive gibt den Blickwinkel auf das Szenario vor und kann auch implizieren welche Form ein Ergebnis annehmen kann.

II. Transformation (optional)

Wenn ein Szenario erstellt ist und alle beteiligten zufrieden sind, kann es in einem optionalen Schritt transformiert werden. Dazu zieht das Team eine neue Karte entweder aus den Szenario-Kategorien (Interner Faktor, externer Faktor, Ort, Jahreszahl) oder aus den Perspektive-Kategorien (Protagonist, Mission). Wie verändert sich das Szenario mit dieser neuen Karte? Ergänzen sich die Trends oder widersprechen sie sich? Wie würde sich die Arbeit der Protagonist*in verändern? Oder bei Jahreszahlen: Wie würden sich die Trends weiterentwickeln oder sich aber zu einem früheren Zeitpunkt auswirken?

IV. Präsentation

Abschließend sollte jede Gruppe ihr Szenario mit einem passenden Namen präsentieren. Was genau präsentiert wird hängt vor allem von der Länge des Workshops ab. Für ein Startup könnte es ein Elevator-Pitch sein, für eine Journalistenschule ein Lehrplan aus 2030, die Grundrisse einer Redaktion aus 2050 oder die fünf wichtigsten Überschriften aus 2020. Hier ist das Endprodukt mindestens genauso wichtig, wie der Prozess des Teams und die Fragen, die während der Arbeit aufkamen. Nach jeder Vorstellung sollte das Team entscheiden für wie realistisch oder unrealistisch sie das Szenario halten und ob sie es für erstrebenswert halten oder lieber verhindern würden. Diese Einschätzungen können bei Bedarf noch diskutiert werden, bevor die nächste Gruppe ihre Ergebnisse vorstellt.

Präsentation der verschiedenen “Futures of Media” auf dem #micmuc19 — © by David-Pierce Brill

Download

Einzelkarten (PDF, 77KB)

Druckbögen (PDF, 279KB)

Danksagung

Das Futures of Media Tarot wurde von Christian Simon und Johannes Klingebiel geschrieben. Die Gestaltung erfolgte durch Miriam Schenk und Johannes Klingebiel.

Das Futures of Media Tarot ist Teil des Futures of Journalism Projekts und wurde vom Media Lab Bayern veröffentlicht und gedruckt.

Es wurde unter CC Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International veröffentlicht und basiert auf dem SynBio Tarot des Studios Superflux.

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