Factchecking mit Frauenpower

Das Startup Wafana will als Factchecking-Agentur Medienhäusern helfen, Inhalte aus den sozialen Netzwerken zu verifizieren. Wie wichtig das in Zeiten von “Fake News” ist — und wie die Startup-Welt zwei weiblichen Gründerinnen begegnet: Teil 1 unserer Reihe #MediaLabFellows.

Ursula Trischler (l.) und Johanna Wild von Wafana

Wie seid ihr auf die Idee zu Wafana gekommen?

Ursula Trischler: Johanna und ich sind im Media Entrepreneurship Program des Media Lab Bayern unabhängig voneinander aufgenommen worden. Wir hatten beide Bock, in der Medienlandschaft etwas zu verändern, und haben uns beide zum Thema Falschmeldungen und Verifizierung zusammengetan. Nach vielen Interviews und viel Recherche haben wir festgestellt, dass Redaktionen in ganz Deutschland nicht wissen, wie man Online-Content verifiziert und eigentlich auch keine Zeit dafür haben. Das stellt die Online-Redaktionen vor eine große Herausforderung: Sie brauchen zwar den Content, können ihn aber nicht nutzen, weil es ihnen zu gefährlich ist, Falschmeldungen zu verbreiten.

Johanna Wild: Für Wafana haben wir uns auf ein Agenturmodell geeinigt: Man soll uns buchen können und bekommt zu 100 Prozent verifizierte Inhalte. Dazu haben wir einen Testloginbereich gebaut, den wir idealerweise mit drei bis vier Testredaktionen ausprobieren wollen. Danach wissen wir, ob das Modell für den Arbeitsalltag praktisch und zu gebrauchen ist.

Wie verifiziert ihr die Inhalte genau?

Wild: Wir haben ein Grundschema mit Basics, die immer überprüft werden müssen, wie die Zeit, der Ort, ob das Licht und das Wetter stimmen. Welche Autoschilder oder Gebäude zu sehen sind. Danach kommt es total aufs Thema an. Wenn wir ein Video von einer Massenschlägerei in Berlin haben, werden wir zusätzlich mit der Polizei sprechen, was bei lustigen Katzenvideos vielleicht nicht nötig wäre.

Trischler: Gerade für die Basics kann man sich Workflows aufbauen, da sind wir auch gerade dran. Aber es wird nie für alles funktionieren. Manchmal dauert das Verifizieren nur drei Minuten, manchmal drei Tage. Schnell geht es, wenn man sofort herausfindet, wer ein Video hochgeladen hat und man sogar mit der Person reden kann, wenn alles sehr konsistent ist. Genauso wenn man etwas hat, das sofort ziemlich falsch aussieht — dann kann schon eine Google-Rückwärtssuche reichen. Wenn das Bild schon vor drei Jahren gepostet worden ist, zum Beispiel.

Verifiziert ihr nur Bilder und Videos?

Wild: Wir verifizieren auch Texte, aber wir sind spezialisiert auf das, was im englischsprachigen Raum als eyewitness media bekannt ist. „Augenzeugen-Berichte“ trifft es aber nicht ganz. eyewitness media bedeutet nach unserer Definition alles, was die Menschen in den sozialen Medien schreiben, was aber auf etwas basiert, das sie beobachtet haben. Wir überprüfen also keine Aussagen von Politikern, wie zum Beispiel wenn Angela Merkel twittert, dass soundso viele Flüchtlinge gekommen sind. Das wäre traditionelles Fact-Checking. Wir würden eher überprüfen, wenn ein Bürger bei einer Veranstaltung von Merkel steht und sagt, dass sich drei Menschen dort geprügelt haben. Diese Beobachtung würden wir dann checken.

Was gibt es Vergleichbares in der Medienszene?

Wild: Es gibt im deutschsprachigen Raum keine Nachrichtenagentur, die sich nur auf Eyewitness-Media aus den sozialen Medien bezieht. Im englischsprachigen Raum gibt ein vergleichbares Angebot, Storyful aus Irland. In England gibt es außerdem die Nonprofit-Organisation First Draft News, dessen offizieller deutscher Botschafter wir sind.

Woher wisst ihr, dass es für eure Idee einen Markt gibt?

Wild: Wir haben mit vielen Redaktionen Gespräche geführt und wissen, welche ganz konkret interessiert sind. Der Bedarf ist auf jeden Fall da. In der Szene verändert sich gerade sehr viel. Als wir im Oktober angefangen haben, wussten viele Journalisten, mit denen wir gesprochen haben, noch gar nicht, was Verifizierung überhaupt bedeutet. Durch diese Fake-News-Debatte seit Dezember ist das zu einem richtigen Trend geworden.

Was waren und sind für euer Startup bisher die größten Hürden ?

Trischler: Wir kommen beide nicht aus dem Businessbereich. Die Finanzierung ist für uns schon so ein Knackpunkt, weil wir beide Journalisten sind und keine BWLer. Aber auch das werden wir hinbekommen.

Habt ihr denn dann schon einen Plan, wie ihr Geld verdienen wollt?

Trischler: Wir werden mit unseren Kunden ein Abomodell abschließen. Wenn die Redaktionen einen Betrag X bezahlen, können sie unsere verifizierten Inhalte herunterladen und nutzen. Die Redaktionen haben außerdem beim Online-Recht nicht immer den Überblick. Wir klären für sie auch die Rechtefrage. Alles, was die Redaktionen von uns bekommen, können sie ohne Probleme verwenden.

Wild: Unser zweites Standbein werden Trainings sein, Fortbildungen zum Thema Verifizierung. Da ist der Bedarf auch hoch. Ich habe fast vier Jahre lang in Ruanda als Medientrainerin gearbeitet und habe dort bereits Kurse zum Thema Medienverifizierung gegeben.

Woher bekommt ihr eure Inhalte?

Trischler: Vor allem aus Social Monitoring Tools. Damit suchen wir nach Trending Topics und finden User, die etwas gesehen haben wollen. Wir überprüfen dann, ob das eventuell Zusatzfutter für die Redaktionen sein könnte. Kunden können uns aber auch spezifische Inhalte schicken, bei denen sie sich nicht sicher sind, ob sie vertrauenswürdig sind. Die können wir dann auch überprüfen, was allerdings nicht im Abomodell enthalten ist.

Ihr gehört als Frauen eher zur Minderheit bei den Startup-Gründern …

Wild: Wir haben in der Startupszene schnell gemerkt, dass wir als zwei Frauen die Exoten sind. Wir haben aber entschieden, dass das Gründerteam so bleibt, wie es ist und werden dann hoffentlich bald viele tolle Mitarbeiter haben. Einen Programmierer haben wir schon, dazu einen externen Journalisten, der für uns bereits verifiziert. Als Gründerinnen bleiben wir aber zu zweit. Wir denken, dass es wichtig ist, dass es in Deutschland auch Startups gibt, die nur von Frauen geführt werden. Ich würde mich aber gerne noch mehr mit anderen Gründerinnen austauschen, man fühlt sich da teilweise echt allein!

Wie sind unter euch die Aufgabenbereiche verteilt?

Wild: Wir haben verschiedene Stärken. Ich habe Erfahrung im Bereich des journalistischen Trainings und war in den letzten Jahren eher international unterwegs, dort bin ich gut vernetzt. Im Ausland ist die Factchecking-Szene auch schon weiter. Ursula dagegen hat eine ausgebildete Stimme und tritt perfekt in der Öffentlichkeit auf.

Trischler: Ich habe für Antenne Bayern, das ZDF und die Welt geschrieben und gearbeitet. Ich bin da noch sehr in der Praxis und weiß von daher sehr gut, was die Redaktionen brauchen.

Was waren und sind eure Ziele für die Zeit im Media Lab?

Trischler: Ganz viel Erfahrung sammeln vor allem. Wir wollen auch Kooperationen mit Hochschulen angehen, um gemeinsam Tools zu entwickeln, die auf dem Markt fehlen. So können wir uns vielleicht noch ein Alleinstellungsmerkmal erarbeiten. Dann stehen wir außerdem noch vor der Herausforderung, die richtigen Leute zu finden, um die Agentur 24 Stunden am Tag zu besetzen. Erst dann können wir auf den Markt gehen. Es gibt nur leider nicht so viele Kandidaten, die sich mit unserer Thematik so gut auskennen.

Wild: Wir haben jetzt unseren ersten Prototypen für die Plattform gebaut und werden test-verifizieren, um den Workflow festzulegen. Wir schauen noch, wann wir mit den Testkunden anfangen, zunächst machen wir die Tests intern.

Hat euch das Fellowship schon weiter gebracht?

Wild: Mir hat vor allem die Offenheit im Lab total geholfen. Es ist für mich eine ganz neue Erfahrung, dass es einen Ort gibt, wo ich Leute mit ganz unterschiedlichem Hintergrund kennen lerne. Und das ganz ohne ein Ziel. Wenn hier an unserem Büro Leute vorbei gehen, erzählen die mir, was sie machen und ich erzähle über mein Projekt. Das finde ich super schön, und das habe ich in Deutschland so noch nicht erlebt. Hier kommt es zu einem Austausch, ohne dass jemand etwas erwartet. Mit den anderen Startups, mit Leuten aus dem Open Space, mit Besuchern. Ich glaube, so eine Atmosphäre gibt es noch zu selten in Deutschland. Aber auch das Körpersprachentraining mit Nicole Noevers hat mir zum Beispiel viel gebracht. Die Frau hat so viel Erfahrung. Nur zwanzig Minuten mit ihr geben dir das Gefühl, dass du eine Woche darüber nachdenken kannst, wie du an dir arbeiten kannst.

Habt ihr einen Ratschlag für Startups, die noch ganz am Anfang stehen?

Trischler: Sich vernetzen! Man kann am Anfang nie genug Input haben. Sucht euch sowas wie das Media Lab. Mit Leuten zu sprechen, hat uns auch vor Fallen bewahrt.

Wild: Wir haben in Deutschland noch die Vorstellung, dass nur erfolgreiche Startups den Weg für andere aufzeigen. Mir persönlich haben aber gerade die Gespräche mit Menschen aus gescheiterten Startups viel gegeben. Die haben noch viel intensiver darüber reflektiert, was nicht funktioniert hat. Scheitern kann etwas sehr Wertvolles sein, auch als Hilfestellung für andere. Es ist toll, dass wir von jemandem wie Georg Dahm, der hier im Media Lab einer der Mentoren ist, so viel mitnehmen können.


Kurz-Infos: Wafana

(kurz für “Wahrheit Fakten Nachrichten”)

Im Media Lab seit: Januar 2017, Teil des Batch #3.

Website: www.wafana.de

Die Idee: Die erste Factchecking-Nachrichtenagentur im deutschsprachigen Raum, die sich auf User-Generated Content spezialisiert.

Wer wir sind: 2 Gründerinnen, Johanna Wild und Ursula Trischler

Was wir gerade tun: Vor allem Factchecking-Workflows optimieren. Wir stehen kurz vor der Testphase mit Testredaktionen.

Was wir brauchen: Partnerschaften mit Investoren oder Business Angels, Mitarbeiter mit Know-How zu digitalem Factchecking - und Tage, die mehr als 24 Stunden haben.