Wer hat Angst vor künstlicher Intelligenz? Die Washington Post jedenfalls nicht

Scot Gillespie gibt zu, dass der Titel seines Vortrags, “Automate Or Die” etwas aggressiv klingt, “trotzdem ist er wahr”. Der CTO der Washington Post möchte die Arbeitsabläufe im Journalismus automatisieren — und versuchte auf den Medientagen München, die Angst vor der Maschine zu nehmen.

Von Theresa Hein

Wenn Medienhäuser und Verlage in Zukunft weiter wachsen wollen, sagt Scot Gillespie, sei Automatisierung die wesentliche und einzige Chance. Bei der Washington Post sitzen mittlerweile Journalisten und Autoren zusammen im Newsroom. Das Ziel: Effizientere und leser-orientiertere Arbeit. Unter dem Namen “Arc” wird bei der Washington Post eine Reihe von Tools zusammengefasst, die langwierige Prozesse automatisieren und damit vereinfachen sollen.

Eines der Tools trägt den Namen “Bandito”: “Bandito” kann Titel und Teaser anhand des Inhalts einer Geschichte erstellen und analysieren, welcher Titel für den Traffic am geeignetsten ist. Es gibt auch den “Heliograf”, ein Instrument, das automatisiertes Storytelling ermöglicht, wenn es auf große Datenpools zurückgreifen kann: zum Beispiel bei den Olympischen Spielen, Wahlen oder Fußballergebnissen. Der Heliograf kann beobachten, auswerten, schreiben und verbreiten in einem. Hier spürt Scot Gillespie, dass seine Zuhörer ins Schwitzen kommen. Er beruhigt sie: “Das Ziel von Automatisierung ist es nicht, den Journalismus zu ersetzen. Das Ziel ist es, uns unseren langen Atem für die eigentliche Berichterstattung zurückzugeben.”

Auch Leserkommentare können automatisiert werden: Ein Mod Bot kann entscheiden, welche Kommentare gelöscht werden und welche automatisch angenommen werden. Die Schwelle, wie konservativ oder aggressiv die Kommentare sein sollen, bestimmt die Redaktion im Vorfeld.

Objekte, Emotionen, Texte — Valossa erkennt alles im Video

Für Medienhäuser und Verlage, die Automatisierung nicht selbst stemmen können, gibt es Start-Ups wie Valossa Labs: Eine Art Automatisierungsdienstleister. Mika Rautiainen, CEO des finnischen Startups, stellt eine künstliche Intelligenz für Videoanalyse vor. Valossa Labs konzentriert sich auf Videoinhalte, da bereits im Jahr 2018 ca. 80 Prozent des Intenetcontents audiovisueller Natur sein wird. Der Mensch kann nicht damit umgehen — Rautianien vergleicht Videocontent mit Wellen in einem Ozean — alles, was wir damit anfangen können ist, darauf zu warten, dass sie uns treffen.

Die künstliche Intelligenz von Valossa Labs kann in einem Video Gesichter und Identitäten, gesprochene Schlagwörter und Inhalte unterscheiden und extrahieren. Zielgruppe dürften vor allem Werbeagenturen, Verlage und Medienhäuser sein, die viel mit Video arbeiten. “Jeder”, sagt Rautianien, “will verstehen, was konsumiert wird und effektiver das gewünschte Produkt anbieten.” Die Frage, um die die künstliche Intelligenz von Valossa Labs kreist, ist diese: Wie kann man die richtige Aufmerksamkeitsspanne für eine Person kreiieren, die nur zwei Augen hat, aber einen Berg an Informationen?

Darum, die relevanten Inhalte für die jeweiligen Konsumenten herauszufiltern, geht es auch bei der Washington Post: Ein weiteres Tool von “Arc” ist das Analyseprogramm “Clavis”. Das Tool extrahiert Themen aus einem Text und schlägt auf der Grundlage dieser Themen andere, relevante Inhalte für den Leser vor.

Am Ende des Vortrags fragt ein Zuhörer, ob das nicht schrecklich kompliziert ist, mit dieser ganzen Technik, besonders für ältere Journalisten, die von Technik keine Ahnung haben. Gillespie antwortet: “Die Technik ist nicht das Problem. Aber wir brauchen den Willen und die Fähigkeit, unsere Kultur zu ändern.” Für den Journalismus bedeutet Automatisierung laut Gillespie, dass die Journalisten von lästigen Aufgaben befreit werden. Und endlich wieder das tun können, was sie lieben.

Zum Nachlesen: die Präsentation von Valossa Labs


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