Wie The Buzzard die politische Filterblase platzen lassen will

Was ist vom Arabischen Frühling geblieben? Was sagen pro-russische Separatisten? Das Startup “The Buzzard” will verhindern, dass alternative Meinungen aus dem Ausland in der digitalen Nachrichtenflut untergehen. Aus unserer Reihe #MediaLabFellows.

Dario Nassal (l.) und Felix Friedrich von “The Buzzard” in ihrem Büro im Media Lab Bayern

Welches Problem wollt ihr mit The Buzzard lösen?

Dario Nassal: Es ist als Leser schwierig, im Politikgeschehen Meinungen außerhalb der Filterblase und abseits von großen Leitmedien zu finden — besonders bei Themen aus dem Ausland. Was gibt es zum Beispiel für Stimmen von pro-russischen Separatisten, die ich in der Tagesschau nicht höre? Sehr oft haben große Medienhäuser die deutsche Medienbrille auf. Wir haben beide als Journalisten gearbeitet, unter anderem beim ZDF, der Süddeutschen Zeitung und beim Mannheimer Morgen. Überall ist mir aufgefallen, dass in den Redaktionen ein Defizit besteht, was alternative Perspektiven angeht. Viel DPA, wenig Zeit … und viele Redakteure haben ihre eigene politische Brille auf, die sie hineinschreiben wollen, ohne das transparent zu machen. Außerdem habe ich bisher noch keine Redaktion kennen gelernt, die jeder Position zuhört. Da heißt es dann schnell: “Das können wir nicht bringen.” Unser Credo ist dagegen, alle zu hören. Auch wenn eine Position zum Beispiel rechtspopulistisch erscheint. Wir lesen uns alles sorgfältig durch, und vielleicht findet sich darin ein gutes Pro-Argument. Wir bereiten das übersichtlich auf — und dann lassen wir den Leser entscheiden.

Wie kamt ihr auf diese Idee ?

Felix Friedrich: Während unseres Politikwissenschafts-Studiums saßen wir einmal zusammen, haben diskutiert und uns gefragt: “Was ist eigentlich vom Arabischen Frühling geblieben? Was machen diese ganzen Blogger und Aktivisten, die für ihre Freiheit und für Demokratie auf die Straße gegangen sind, jetzt? Selbst als Politikwissenschaftler bekamen wir das nicht richtig mit. Wir wollten den Überblick bekommen, von oben, wie ein Vogel , wie ein Bussard. Unsere erste Idee war eine Plattform mit einer interaktiven Karte. Aber dann wir haben gemerkt, dass etwas anderes noch wichtiger ist als diese Art der Visualisierung: Wir wollen den Leser die inhaltlichen Unterschiede erkennen lassen. Wir wollen ihm helfen, Pro- und Contra-Debatten zu verstehen. Linke und rechte Stimmen. Wer sind die Revolutionäre, wer die Autoritären? Durch alternative Stimmen hat der Leser mehr Freiheit, sich eine eigene Meinung zu bilden. Das Ganze setzen wir jetzt zunächst mit einem Newsletter als erstem Minimum Viable Product um.

So sieht der Newsletter von “The Buzzard” aus.

Was macht The Buzzard besonders?

Nassal: Wir versuchen, das menschliche Element in dieser digital getriebenen Branche zu stärken. Als eines der wenigen neuen Startups versuchen wir, nicht nur auf Automatisierung zu gehen. Bei uns wählen Menschen für Menschen aus. Wir versuchen auch zu erklären, wer der Kopf ist, der hinter der Geschichte steckt. Wir beleuchten den politischen Hintergrund der Autoren und machen ihn transparent. Politik besteht nicht aus Fakten oder Headlines, sondern Menschen. Und die sucht The Buzzard.

Wie findet ihr eure Beiträge? Seid ihr im Ausland so gut vernetzt?

Nassal: Wir haben ein Netzwerk aus Bloggern und Aktivisten, in das wir viel Arbeit investiert haben. Vor allem in Europa, Nordafrika und Russland. Wir haben uns große Datenbanken aufgebaut. Wenn es zum Beispiel um die Ukraine geht, gehen wir unsere Liste durch. Zusätzlich recherchieren wir per Hand. Felix hat politische Philosophie studiert, ich internationale Beziehungen. Wir wissen, wie politische Debatten geclustert sind.

Tretet ihr aktiv mit den Bloggern in Kontakt?

Friedrich: Wenn wir einen unserer Topic Deep-Dive-Newsletter rausschicken, kontaktieren wir sie. Die Blogger kennen uns und wissen, dass sie uns etwas zusenden können, wenn sie neue Artikel haben. So bauen wir uns ein Expertennetzwerk auf.

Was waren bisher eure größten Probleme?

Nassal: Wir mussten uns über unseren eigenen Perfektionismus hinwegsetzen. Da waren wir etwas zu zögerlich. Ich würde im Nachhinein den Launch noch früher machen, genauso wie die Entwicklung in Richtung B2B-Produkt. Erst, als wir uns eine Deadline gesetzt haben, ist etwas vorangegangen. Eine andere große Hürde ist es, das Team aufzubauen. Begnadete Mitgründer zu finden, gerade Entwickler, die in Vorleistung arbeiten, ist eine große Herausforderung. Das war dann auch der Grund, wieso wir gesagt haben: Wir machen es schlank, wir machen es erstmal selbst — wir starten mit einem Newsletter und einer Online-Plattform mit WordPress.

Was gibt es auf dem Markt Vergleichbares?

Nassal: Was wir machen, gibt es noch nicht. Es gibt zwar Startups, die auch die Schiene “Get out of the Filter-Bubble” bedienen. Trotzdem machen die es nicht so, dass sie gezielt die Meinungen von Bloggern und Aktivisten aus verschiedenen Ländern auf ein Thema hin sammeln. Diesen 360-Grad-Blick gibt es nur bei uns.

Wie ist das Feedback, das ihr für eure Idee so bekommt?

Friedrich: Durchweg positiv. Frederik Fischer, der Chefredakteur von piqd, hat sich begeistert gezeigt von unserer ersten Version. Das war eine große Ermutigung. Von den 1.000 Empfängern unseres Newsletters haben wir auch gutes Feedback bekommen. Und wir haben eine 30- bis 40-prozentige Öffnungsrate — ein sehr guter Wert.

Nassal: Neben dem Media Lab Bayern und dem gemeinsamen Partner-Fellowship vom Media Lab und dem VOCER Innovation Medialab hielt uns auch die Bundesregierung in ihrem Programm “Kultur- und Kreativpiloten” für förderungswürdig. Das Wirtschaftsministerium ist so auf uns aufmerksam geworden und hat uns für die CEBIT ausgewählt.

Wie wollt ihr mit the Buzzard Geld verdienen?

Nassal: Wir fahren zwei Modelle. Zum einen für Leute, die unser Produkt beruflich brauchen. Menschen, die in ihrem Job auf hochqualitative Politikinformationen angewiesen sind. Für die könnten wir spezielle Themenkanäle auskoppeln, die ihnen in ihren Recherchen helfen. Da sprechen wir gerade mit Agenturen, wie man da ein Abomodell erstellen könnte. Die zweite Möglichkeit ist über Leser.

Friedrich: Genau, da wollen wir ein sogenanntes Freemium-Modell einführen, mit Umsonstangeboten und zu bezahlenden Inhalten. Unsere Vision ist, möglichst viele Menschen die Möglichkeit zu geben, ihren Horizont zu erweitern. Aber wir wollen davon leben können und qualitativ hochwertig ausgewählten Journalismus bieten. Wir werden auch einen Großteil an Empfehlungen monetarisieren, also einzelne Themenkanäle, aber auch ein Komplettpaket anbieten.

Wie finanziert ihr euch jetzt?

Friedrich: Unsere persönlichen Ersparnisse sind aufgebraucht, wir sind jetzt am Geld des Media Labs dran. Die große Herausforderung ist es nun, den Absprung zu schaffen. Deshalb muss man auch zu sagen: Wenn man unser Projekt toll findet, wäre es wichtig, uns mit dem monatlichen Beitrag zu unterstützen, sobald wir diesen festsetzen — aktuell planen wir Abonnements in Höhe von fünf bis zehn Euro im Monat für unterschiedlich viele Zugriffsrechte. Schaffen wir bis zum Ende des Jahres den Absprung nicht, wird es uns leider nicht mehr möglich sein, das Projekt weiterzuverfolgen.

Wie läuft es bei euch im Team so?

Friedrich: Eine unserer Kernstärken ist, dass wir so gut harmonieren. Wir sind sehr gute Freunde. Unsere große Gemeinsamkeit war schon immer diese Vision, mehr Freiheit in der Meinungsbildung zu ermöglichen. Wir haben beide ähnliche Stärken, aber wir haben gesehen, dass es mehr Sinn macht, wenn wir die Aufgaben aufteilen: Dario befasst sich aktuell eher mit geschäftsführerischen Tätigkeiten, ich eher mit dem Produkt und der Recherche.

Was sind eure Ziele für die verbleibende Zeit im Media Lab?

Nassal: Von 1.000 wollen wir bis Ende Juni auf 3.000 Newsletter-Abonnenten kommen. Außerdem wollen wir eine Anschlussförderung bekommen. Wir wollen 150 zahlende Kunden haben. Und wir suchen noch einen Developer, der als Gründer mit ins Boot steigt. Mittelfristig beschäftigen wir uns auch mit Automatisierung von Pro- und Contra-Argumenten.

Was habt ihr aus eurer Zeit im Media Lab bislang mitgenommen?

Nassal: Das Media Lab ist auch eine Blase, aber auf eine positive Art. Die Leute ziehen hier extrem schnell Ideen hoch. Diese Startup-Kultur ist eine coole Ergänzung für uns, weil wir eigentlich Journalisten sind. Dadurch haben wir uns einen business-fokussierteren Blick angeeignet. Auch die Coachings haben uns viel gebracht.

Friedrich: Vor allem für die finanzielle Unterstützung der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien und des Bayerischen Wirtschaftsministeriums durch das Media Lab sowie des Media-Lab-Partners VOCER sind wir dankbar, auch wenn es ehrlich gesagt toll wäre, wenn wir jetzt noch ein wenig mehr bekommen würden — eben weil wir genau jetzt an der Schwelle zu zahlenden Kunden stehen.


Kurz-Infos: The Buzzard

Im Media Lab seit: Januar 2017, Teil des Batch #3.

Website: https://thebuzzard.org/

Die Idee: Zu ausgewählten Themen sammelt The Buzzard die Meinungen internationaler Blogger und Aktivisten und gibt diesen abseits von Leitmedien eine Stimme.

Wer wir sind: 3 Gründer: Dario Nassal, Felix Friedrich und Alexander Diete. Aktuell insgesamt fünf Mitarbeiter.

Was wir gerade tun: Herausfinden, wer für unsere Art Journalismus Geld bezahlen will.

Was wir gerade am Dringendsten brauchen: Geld — eine Anschlussfinanzierung und zahlende Kunden.