Der sterbende Papiertiger

Zeitungen: Das Wunschdenken einer in den letzten Zuckungen lebenden Branche.

Heute habe ich einen Beitrag zum Thema „Wiedererstarken der Zeitungen“ gelesen (s. HIER)

Zuerst musste ich schallend lachen. Dann machte mich das wütend, da ich schon verschiedentlich Zeitungen und Magazine beraten habe und es immer wieder darauf hinausläuft, dass sie einfach weitermachen. Wie die Lemminge. Zuletzt kam Traurigkeit. Traurigkeit darüber, dass diese Branche mit ihrer unbezahlbaren Erfahrung und ihrer unglaublichen Content-Kompetenz, sich so unlogisch, ja dämlich-suizid verhält.

Und das musste raus:

Liebe Zeitungen,

Ihr seid tot.

Ihr seid dermaßen tot, das es schon beinah lustig klingt, wenn ihr darüber schwadroniert, dass ihr gerade ein Comeback erlebt.

Ihr seid deshalb tot, weil ihr nicht in der Lage seid zu erkennen, dass die Werbung, die ihr den Menschen zeigt, nicht die Werbung ist, die sie sehen wollen.

Ihr seid deshalb tot, weil kaum jemand mehr in einer absehbaren Zukunft Papier als Träger von Content und Informationen nutzen wird.

Ihr seid deshalb tot, weil ihr euch nicht daran gewöhnen könnt, dass nicht die Zeitung euer Vertriebsweg ist, sondern der Ort, das Gerät, das Medium, wo euer wertvoller Content gerne und mit Begeisterung von den Menschen gesehen und geteilt wird.

Ihr seid deshalb tot, weil ihr euch seit Jahren weigert, euch mit der digitalen Transformation auseinanderzusetzen und euren wertvollen Content nutzvoll und Mehrwert-bringend den digitalisierten Menschen zur Verfügung zu stellen.

Ihr seid deshalb tot, weil ihr schon vor Jahren aufgehört habt, überhaupt noch zu leben und den Schritt in die Zukunft verpasst habt

Ihr sterbt würdelos.

Ihr sterbt, weil eure Branche absolut nicht erkennt, dass sie auf dem Papierweg… Ich meine natürlich: Holzweg ist.

Ihr sterbt, weil ihr euren Anzeigenkunden kein sinnvolles Medium zu Verfügung stellt, auf dem sie mit den Menschen über ihre Produkte reden können, sich austauschen können, Kontakte aufbauen, diese vertiefen und dafür sorgen, dass ihre Kunden ihnen nicht wieder vom Haken springen.

Ihr seid deshalb tot, weil ihr euren Anzeigenkunden nur altbackene Werbeformen anbietet, ihnen sauteure Social-Media-Konzept andrehen wollt, die so veraltet sind, dass sie selber schon tot sind.

Ihr sterbt, weil ihr arrogant bis zum Erbrechen seid. Ihr hört nicht zu. Ihr glaubt, dass ihr die Weisheit mit Löffel gefressen habt. Ihr seid davon überzeugt, dass nur euer Weg der einzig richtige ist, obwohl ihr euch tagtäglich eine blutige Nase holt. Und dieser stetige Blutverlust ist bald so stark, dass ihr daran sterben werde.

Ihr sterbt, weil ihr es nicht besser verdient.

Schaut euch doch nur einmal die Washington Post an. Wie diese alte Dame langsam und konsequent zu einem digitalen Raumschiff umgebaut wird. Wie ständig neue Konzepte entwickelt werden, wie Content in wirklich gute wahrnehmbare und vernünftige Werbung umgebaut wird, die auch vom Kunden bezahlt wird und vom Nutzer digitaler Medien gerne wahrgenommen, gerne geteilt wird und ihnen nachhaltig im Bewusstsein bleibt.

Schaut euch einmal die digitalisierten Menschen an. Wie sie ihre Smartphones nutzen, wie sie mit anderen Menschen kommunizieren, wie sie eigene Netzwerke aufbauen, wie sie Spiele wie Pokémon GO nutzen, um ihre Umwelt anders zu erleben. Schaut euch an, welche neuen Geräte kurz davor sind auf den Markt zu erscheinen, wie Apple, Facebook, und und und daran arbeiten, unsere analoge Welt zu erweitern, digital zu erweitern. Mit neuen Geräten. Neuen Technologien. Neun Ideen. Alles neue Sachen und ihr glaubt ernsthaft noch, dass ihr mit einem Stück toten Baum irgend eine Chance habt, in dieser Welt auch nur eine unbedeutende Rolle zu spielen? Schaut euch einmal an, wie sich der Einzelhandel gerade versucht zu ändern, wie er sich digitalisiert, wie ganze Branchen, Tourismus, unternehmen, Kultur, alles das, was Menschen interessiert, sie am Leben erhält, geistig wie körperlich stärkt, transformieren.

Schaut euch nur einmal an was sich da gerade tut, wie sich das ändert, und wie weit weg ihr davon lebt.

Sagte ich lebt?

Wie weit weg ihr davon sterbt, muss es heissen.

Anstatt ständig zu lamentieren, oder von goldene Zeiten zu träumen die nie wieder zurückkommen werden und dabei die Realität der digitalen Transformation, der Welt der digitalisierten Smartphone Nutzer völlig zu ignorieren, wird euch nicht einen einzigen Tag länger am Leben halten. Maximal werden sich einige Berater, die euch nach dem Munde reden, eine goldene Nase verdienen. Aber helfen wird es euch nicht. Im Gegenteil. Dann werdet ihr nur noch eher sterben, weil ihr Ressourcen für so einen Blödsinn verschwendet.

Liebe Zeitung, du darfst nicht sterben.

Deine Journalisten, deine Redakteure und dein Wissen um die Politik dieser Welt, die Abgründe der Politik dieser Welt und wie man darüber so berichten kann, dass Menschen es auch mitbekommen, was da wirklich passiert, ist in der heutigen Zeit wichtiger denn je.

Darum reiße dich gefälligst zusammen und stelle dich der Verantwortung. Entwickle Modelle, die der heutigen, morgigen Zeit angepasst sind und beharre nicht darauf, dass die Menschen zu dir kommen. Das werden sie nicht tun. Das werden sie nie wieder tun.

Die Digitalisierung hat bewirkt, dass euer Medium Papier nicht mehr erwünscht ist. Es ist tot. Es ist gestorben. Ein für alle Mal und für immer. Gewöhnt euch daran. Ändert eure Geschäftsmodelle. Vergesst Papier. Und tut eure verdammte Pflicht, damit ganze Bevölkerungsgruppen nicht völlig verblöden, weil sie nicht mehr genug Informationen haben, um Wahrheit von Lüge zu unterscheiden.

Ihr seid wichtig für Demokratie.

Ihr seid wichtig für die Information der Bürger einer Demokratie.

Ihr seid wichtig dafür, dass man Alternativen kennen lernt, und Meinungen bilden kann.

Also versteckt euch nicht hinter Papiercontainern.

Konzentriert euch darauf, euren Content bereitzustellen. Egal wo. Egal wann. Egal auf welcher Plattform, auf welchem Medium, auf welchem Gerät, ob auf einem Smartphone, oder als Augmented Reality, oder in den sozialen Netzwerken. Seid einfach dort, wo wir Menschen sind.

Langweilt uns nicht.

Seid hilfreich. Seid edel. Seid gut. Seid so gut, dass wir euch lieben. Seid so gut, dass wir euch unterstützen. Seid so gut, dass ihr unsere Vorbilder werdet. Seid unsere Beeinflussung und seid unsere Zuhörer. Seid vorne. Seid dort, wo wir Nutzer noch nicht sind, sein können.

Aber seid nicht mehr dort, wo wir eindeutig und absolut nicht mehr sind und auch nie mehr sein werden.