Auf der Stelle treten

Die Diskussion um Sparzwänge in Verlagshäusern dreht sich im Kreis

Von Sebastian Blum, MTM-Live-Redaktion

In seinem Interview mit dem Spiegel hat New York Times-Geschäftsführer Arthur Gregg Sulzberger erklärt, wie man es macht. Wie ein Verlag Qualität aufrecht erhält, ohne Verluste auf der einen, ohne Stellenabbau und Redaktionsschließungen auf der anderen Seite. Die New York Times ist eine Weltmarke, hat Online-Abonnenten auf dem gesamten Globus. Sie ist nur schwer mit einer deutschen Zeitung vergleichbar, weil sie einen viel größeren Markt bedient.

In der Starre

Trotzdem verfolgt sie eine Strategie, ein Modell, das Journalisten in Deutschland bei ihren Arbeitgebern vermissen: eine Investitionsoffensive der Verlage. Es fehlt ein Konzept, ein Zehn-Punkte-Plan für die Umstrukturierung, ein Umschulungsprogramm für Alt-Redakteure, Arbeitsbereiche für Video- und Audioproduktionen in Lokalredaktionen. Nichts davon kündigt Georg Wallraf vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) an, als er am Dienstag über „Sparzwang vs. Qualität in Redaktionen: Arbeitsbedingungen für Journalistinnen und Journalisten“ diskutiert. Nichts davon wird überhaupt angesprochen. Was zeigt, wo sich die Debatte über Sparzwänge, Arbeitsbedingungen und Qualitätsjournalismus in Deutschland aktuell befindet. Nämlich in der Starre. Mitten in der Problemanalyse steckt sie fest.

Obwohl die Probleme seit Jahren die gleichen sind. Meldungen über die Funke Mediengruppe, DuMont oder Madsack von Sparprogrammen, Verlagsverkäufen oder Konsolidierungen machen die Runde. Manche Redaktionen werden geschlossen oder zusammengelegt, andere bleiben nur offen, weil Mitarbeiter Überstunden anhäufen. Trotzdem betonen sowohl Wallraf als auch seine Gegenspielerin von der Gewerkschaft, Ine Dippmann (DJV), wie vielfältig der deutschte Zeitungsmarkt noch immer sei. Beide lehnen außerdem staatliche Subventionen ab, um die Unabhängigkeit der Zeitungsbranche sicherzustellen. Doch ein Modell für die Zukunft, wenigstens von Gewerkschaftsseite? Fehlanzeige.

Dippmanns Standpunkte, ihre Kritik am Tarifvertrag, an der schlechten Bezahlung freier Mitarbeiter in den neuen Bundesländern, ist absolut gerechtfertigt. Befeuert wird sie von Benjamin-Immanuel Hoff von der Thüringischen Staatskanzlei. Journalistenrenten für Freie seien Armutsrenten, das müsse man als Fakt festhalten. Gehälter der festangestellten Redakteure seien seit dem Jahr 2000 wesentlich weniger gestiegen als durchschnittliche Löhne.

Benjamin-Immanuel Hoff. Fotos: Viktoria Conzelmann

Der Medienökonom Frank Lobigs nimmt die Konsolidierungen unter die Lupe, also die Zusammenlegung von (Mantel-)Redaktionen, von der viele Lokalzeitungen etwa den Politikteil beziehen, um sich voll auf ihr Kerngeschäft konzentrieren zu können. Für die Qualität sei das verheerend, weiß Hoff aus Thüringen zu berichten. Konsolidierung habe dazu geführt, dass sich die drei großen Zeitungen des Bundeslandes nicht mehr unterschieden. Weil der Mantel von der Funke Mediengruppe komme, gebe es auf viele Themen nur noch eine bundesdeutsche, keine ostdeutsche Perspektive mehr.

Es ist beinahe ironisch, weil Journalisten genau wissen, dass die ostdeutsche Perspektive in bundesweiten Medien viel zu selten vertreten ist. In Thüringen führen Konsolidierungen genau dazu. Menschen fühlen sich von ihren Lokalmedien nicht mehr repräsentiert. In der Folge entfremden sie sich.

Doch all das sind nur Folgesymptome eines größeren Fehlers, der um die Jahrtausendwende gemacht wurde, als das Internet den Markt durchschüttelte. Damals waren die Umsatzrenditen der Verlage oft im zweistelligen Bereich. „Warum haben Sie da nicht bereits Ihre Geschäftsmodelle umgestellt?“, fragt Zuhörerin zum Ende der Diskussion. „Wir sind im Nachhinein immer schlauer“, antwortet Wallraf.

Die Renditen sind nach wie vor alles andere als weg. Geld ist da. Ob es irgendwann investiert wird?

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