Sascha Lobo bei der Eröffnung der #MTM19. Foto: Enrico Meyer

Der Kampf um die digitale Beziehung zum Publikum

Sascha Lobos Keynote eröffnet die Medientage Mitteldeutschland 2019

Von Barbara Butscher, MTM-Live-Redaktion

Ein Countdown leitet die Eröffnung der Medientage ein: 5, 4, 3, 2, 1 — und wir sind mittendrin auf Bühne A in der HALLE 14. Martin Heine, Vorsitzender der AG Medientage Mitteldeutschland, begrüßt die Medienmacher und Weiterdenkerinnen zu den Medientagen Mitteldeutschland 2019, die in diesem Jahr erstmals auf dem Gelände der Baumwollspinnerei stattfinden. Auch Michael Arzt, künstlerischer Direktor der HALLE 14, heißt die Gäste und Speaker*innen zur Traditionsveranstaltung willkommen.

Nicht nur die Location ist neu, sondern auch das Konzept und die Macher dahinter. Erstmals organisieren Claudius Nießen, Susann Jehnichen und Christian Bollert von der BEBE Medien GmbH den Kongress. Sie haben dafür 170 Speaker für 38 Sessions eingeladen — die aktuelle Diskussionslage der Medienwelt gebündelt in zwei vollen Programmtagen.

Foto: Christian Kneise

In der vorderen Reihe sitzen bekannte Gesichter wie der Journalist Gert Scobel. Der rote Kamm von Sascha Lobo schwebt bereits vor seinem Auftritt durch die Reihen, er eröffnet als erster Speaker den zweitägigen Kongress. Seine Keynote steht unter der Frage: „Wer hat Angst vor künstlicher Intelligenz?“

Künstliche Intelligenz (KI) — ein Begriff, der immer wieder mit Zukünftigem in Verbindung gebracht wird. Doch zunächst zur Gegenwart. Eine Technologie wie KI benötigt eine entsprechende Infrastruktur: schnelle Internetverbindungen, speziell eine große Abdeckung mit Glasfaser, bis in die Haushalte, in die Eigenheime, zum Endverbraucher. Der Glasfaser-Ausbau, ein ständiges Diskussionsthema, doch Sascha Lobo macht mit einem Zitat des Spiegels deutlich, dass das Thema nicht erst seit gestern auf der Agenda steht. Bereits 1983 hat der Spiegel gefragt: „Warum baut man eigentlich noch Kupferkabel aus?“ — Eine berechtigte Frage, auch 2019, denn im Vergleich zu anderen Ländern hinkt Deutschland weit hinterher. Die Vereinigten Arabischen Emirate stehen beim Ausbau von Glasfaser ganz oben auf der Liste. Katar und Singapur folgen. Im Mittelfeld findet man Kasachstan und Jamaika. Deutschland? Mit 2,3 Prozent erst seit 2018 im messbaren Bereich.

Künstliche Intelligenz, das eigentliche Thema von Lobos Vortrag‚ würde dramatisch überschätzt und heftig unterschätzt — so seine Einschätzung. Ein Grund sei, dass das Thema von den Meisten nicht durchdrungen werde. Es gehe nicht um „scary Zukunftsvisionen“. Vielmehr könne künstliche Intelligenz im Gegensatz zum Menschen unzureichende Daten einschätzen. Ein Phänomen, mit dem Journalisten und Medienmacher aller Art ständig konfrontiert sind. Lernende „Mustererkennung auf Speed“ nennt er das, mit bekanntem Lobo-Schmunzeln — nicht mehr und nicht weniger stecke dahinter.

Also wie kann man das für sich nutzen? Wo ist es sinnvoll?
 

 Zunächst müsse man als „Medienpeople“ — wie Lobo die Gesamtheit der Journalisten und Medienmacherinnen nennt — erkennen, dass das Publikum anders ist, als vermutet. Es gebe immer jemanden, der mehr weiß als der Journalist, vor allem im Netz. Daher sein erster Aufruf: Kommentare ernst nehmen! Der Rückkanal werde derzeit noch unterschätzt. Er kommt zum Schluss: „Die strukturelle Geringschätzung des Publikums ist derzeit das größte Problem redaktioneller Medien“. Er fordert die „Medienpeople“ auf, die Beziehungen zwischen Autor und Publikum ins 21. Jahrhundert zu holen und sich nicht an einer angsteinflößenden Zukunft zu orientieren.

Foto: Christian Kneise

Wer das Publikum annehme, wie es ist, könne auch Künstlichen Intelligenzen aufgeschlossen gegenüberstehen. Denn auch das Verhältnis zwischen KI und Journalist*innen werde die Medien verändern. Was es schon gibt, sind automatisierte Beiträge. Lobo fügt an, dass Bloomberg bereits ein Drittel seiner Berichte so produziere. Auch das Forbes Magazin arbeite mit einer KI, „Berti“. Dabei handelt es sich um ein Content Management System, das Redakteuren Vorschläge für Texte, Überschriften und Geschichtsbögen macht. Das System lernt dabei von und mit den Redakteur*innen.

Künstliche Intelligenzen seien bereits jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Millionen von Menschen würden auch zuhause und im Alltag Formen von Künstlichen Intelligenzen nutzen, etwa Facebook oder Smart Speakern. Eine intensive Beziehung zu Maschinen — vom Smartphone bis zu Robotern — ist also da, so Lobo. Warum also nicht nutzen? Sascha Lobo appelliert: „Wenn ihr Medienpeople seid, dann kämpft um die digitale Beziehung zum Publikum!“