Große Visionen & europäische Inhalte

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Jul 10 · 4 min read

Gibt es eine europäische Antwort auf Netflix und Co.?

Von Ann-Kathrin Canjé, MTM-Live-Redaktion

Weltweit gehören Plattformen wie Netflix, YouTube und Amazon für viele Menschen bereits zum Alltag. Konkret heißt das: Amerikanisch gesteuerte Dienste bestimmen unser Sehverhalten, europäische Inhalte gehen hingehen im riesigen Angebot unter. Wie gehen Medienmacher*innen in Europa, aber besonders in Deutschland damit um? Wie muss reagiert werden? Vergangenes Jahr schlug der ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Ulrich Wilhelm die Idee einer europäischen Digitalplattform vor. Wie so eine Alternative zu den Big Playern im Unterhaltungsbusiness in Realität aussehen und finanziert werden kann, haben am zweiten Tag der Medientage Mitteldeutschland Prof. Dr. Christoph Neuberger (LMU München, Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung), Tom Buhrow (WDR Intendant), Johannes Selle (Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestags), Rainer Robra (Staatskanzlei und Ministerium für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt Staatsminister und Chef der Staatskanzlei sowie Europaminister ) und Marysabelle Cote (ARTE GEIE, Generalsekretärin und Beauftragte für die europäische Entwicklung ) gemeinsam mit Moderatorin Vera Linß diskutiert.

Aufeinander zugehen

Die Vertreter des öffentlichen Rundfunks in dieser Runde haben die Idee einer solchen Plattform klar befürwortet. Für Tom Buhrow ist Wilhelms Vorschlag eine große Vision, die viel mehr als der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei. Sie könne als europäische Alternative dienen, um sich vor den kommerziell gesteuerten Algorithmen zu schützen. Rainer Robra ging in seiner Argumentation von einem ähnlichen Standpunkt aus und hielt fest, das Wichtigste sei, dass solch eine Plattform nicht aus Beitragsgeldern finanziert würde. Immerhin würden Verlage und der öffentlich-rechtliche Rundfunk mittlerweile aufeinander zugehen und nicht mehr gegeneinander arbeiten. Dies würde die Hürden zur Umsetzung einer europäischen Plattform herabsetzen.

Johannes Selles Antwort nach der Notwendigkeiten einer europäischen Digitalplattform lautete: „Ja“. Die Frage, ob sie realisiert werden kann, hänge allerdings von den Konzepten ab und davon, wie sich die beteiligten Akteur*innen einigen würden. Ein Vorschlag war, auch private Medien in die Überlegungen miteinzubeziehen. Hier stelle sich dann auch die Frage nach der Refinanzierung, so Selle.

Marysabelle Cote und Vera Linß.

Dass es bereits erste Ansätze in der Praxis gibt, die wegweisend für einen europäischen Dienst sein können, legt Marysabelle Cote am Beispiel von Arte dar. Arte hat sein Angebot in den vergangenen Jahren auf weitere vier Sprachen (Englisch, Polnisch, Spanisch und Italienisch) erweiterte, das zeige, dass der Sender verstärkt auf dem Weg zu einer europäischen Zuschauerschaft sei. Aus wissenschaftlicher Perspektive stellte sich Dr. Christoph Neuberger die Frage, was Buhrow mit „Vision“ meine. Für ihn liegen die Hauptaspekte in zwei Punkten: In der technischen Infrastruktur und den europäischen Werten. Denn nur mit einer Plattform sei die Europäisierung nicht getan, es bräuchte viele Konzepte, wie dieser Auftrag weitergedacht werden und Vielfalt eingebaut werden könne. Eine Plattform, die auch einen Diskurs über europäische Themen ermöglicht und zu einer Vernetzung untereinander beiträgt.

Für ersetzende Angebote ist es zu spät

Um einen solchen Ansatz realisieren zu können, ist auch die Politik gefragt. Selle fügte dazu an, die Politik habe sich dazu verpflichtet, einen runden Tisch zu etablieren. Erste Gespräche habe es bereits gegeben, die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), sei hier federführend. Doch nicht nur das Signal der Politik ist wichtig. Alle Medienschaffenden müssen an einem Strang ziehen, um etwas auf die Beine zu stellen, das eine Alternative zu bisherigen Streamingdiensten sein kann. Ersetzen, das zeigte die Diskussion recht schnell, wird ein europäisches Angebot die bisherigen Plattformen nicht. Dafür ist es schon etwas zu spät.

Wie Cote erklärte, sei eine Vernetzungsstrategie das Wichtigste beim gemeinsamen Vorgehen. Es müsse mit vielen europaweiten Kanälen zusammengearbeitet werden, um eine breite Zuschauerschaft zu erreichen. Ein spannendes Beispiel brachte Neuberger ein, indem er den Eurovision Song Contest als Beispiel anführte. Hier habe es für ganz kurze Zeit eine europäische Öffentlichkeit gegeben, die zeigt, dass es einen wechselseitigen Austausch braucht. In einem gemeinsamen Diskurs sollen nicht nur nationale Perspektiven, sondern europäische Perspektiven vertreten sein. Davon seien wir noch weit entfernt, so Neuberger. In der Wissenschaft würde allerdings schon viel zu europäischen Themen geforscht und Möglichkeiten der Partizipation seien hier sicherlich hilfreich, um gemeinsam eine europäische Plattform mit diversen Expertisen aufzubauen.

Doch: Große Visionen hin oder her, die Frage, wie man in Deutschland und Europa nach langer Zeit des Wartens nun gegen die großen, internationalen Organisationen antreten könne, bleibt. Selle ist sicher, dass es ein deutlicheres Zeichen geben müsse, wie dringend diese Plattform benötigt werde. Robra schloss mit dem Gedanken, dass dieses dringende Signal auch von Seiten der europäischen Organe wie dem Parlament und der Kommission kommen müssten.

Medientage Mitteldeutschland

Medientage Mitteldeutschland in Leipzig, 21./22. Mai 2019

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