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Halb- und Teilwissen

MTM
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Nov 26, 2019 · 4 min read

Sollten wir alles tun, was technisch möglich ist?

Von Berit Kruse, Universität Leipzig

Die Citizen Score Card in China, die Risikosoftware COMPAS in den USA: Blickt man nach Ost oder West, drängt sich die Frage auf, wofür wir in Deutschland modere Technologien nutzen sollten und wofür nicht. In der Talkrunde am ersten Tag der Medientage Mitteldeutschland stand genau dieses Thema auf der Agenda: Zwei Journalisten, eine Forscherin und ein Kirchenvertreter sollten die Grenzen des Vertretbaren ausloten. In seiner Begrüßung freute sich Moderator Christian Bollert daher auf „vielleicht eine der philosophischsten Diskussionen“, noch unwissend, dass es eher einer der technischsten Vorträge werden würde.

Zu Beginn des Talks fragt Bollert Dr. Shermin Voshmgir nach aktuellen technischen Möglichkeiten. Voshmgir ist die Gründerin des BlockchainHubs und Direktorin des interdisziplinären Instituts für Krypto-Ökonomie in Wien. Sie findet: „Es gibt sehr viel Halbwissen und Teilwissen.“ Dem versuchte sie während des Panels zumindest in Bezug auf das Publikum entgegenzuwirken. Ob Blockchain oder Bitcoin, Schlagwörter wurden nicht nur genannt, sondern auch fachkundig erläutert.

“Ich komme nicht mit”

Thomas Schulz, der sich aufgrund seiner journalistischen Tätigkeit im Silicon Valley für einen Platz im Panel qualifizierte, weiß um die Geschwindigkeit des Fortschritts: „Vor 30 Jahren wussten wir nicht, wie ein Fernseher oder ein Telefon funktioniert.“ Heute hingegen, so Schulz, würden sich auch Lead Engineers schwer tun, ihr eigenes Feld zu überblicken. Voshmgir untermauerte das: „Ich arbeite seit vier Jahren Vollzeit in diesem Bereich — und ich komme nicht mit.“

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Bei den Schwierigkeiten, technisch auf dem Laufenden zu bleiben, stellte sich schnell die Frage nach den Kapazitäten, die es für ethische Fragestellungen in der Forschung und der freien Wirtschaft gibt. Gert Scobel beobachtete, dass hier erst langsam ein Nachdenken einsetzen würde. Neben seiner journalistischen Tätigkeit hat er eine Professur am Zentrum für Ethik und Verantwortung an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Im Gespräch mit Technologinnen und Technologen stelle er häufig fest, dass diese phobisch auf philosophische Fragestellungen reagieren. Insbesondere forderte er ethische Aspekte in der Ausbildung von Informatikerinnen und Informatikern: „Warum gibt es in der Informatik keine Ethik der Algorithmen?“

Revolution des Internetzeitalters

Voshmgir berichtete von der Interdisziplinarität an der Wirtschaftsuniversität Wien und kritisierte dafür das Schulsystem. Um Berührungsängste abzubauen, so die Österreicherin, müssten Kinder schon in der Grundschule programmieren lernen. Das deutsche wie das österreichische Schulsystem beruhten aber noch auf dem industriellen Zeitalter. Die mangelnde digitale Allgemeinbildung stelle sie auch in der Universität fest: „Um zu erklären, warum Blockchain anders ist, muss ich meinen Studierenden erstmal das Internet erklären.“ Digital Natives sind für sie nur Menschen, „die wissen, wie man eine Maus bedient“ — nicht solche, die wissen, was Technologie wirklich ist. Szenenapplaus für Voshmgir. Die Wissenschaftlerin ist eine europäische Top-Expertin, gerade im Bereich Blockchain, und berichtete auf dem Podium ganz nebenbei von den Revolutionen des Internetzeitalters, der Privatsphäre in der digitalen Welt und dem sozialen Netzwerk „Steemit“. Die vier Männer um sie herum nickten derweil geschäftig und stellten gelegentlich Rückfragen, das Publikum lauschte beeindruckt.

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Bollert fragte abschließend nach einer Perspektive für die nächsten fünf Jahre. Voshmgir ist überzeugt, dass Blockchain die Welt verändern wird — im Zusammenspiel mit dem Internet der Dinge und Künstlicher Intelligenz. Der Punkt, an dem sich neue Technologien exponentiell entwickeln, sei noch nicht erreicht. Scobel meinte: „Wer immer noch glaubt, dass es sich bei dem, worüber wir reden, um eine neue Technologie und nicht um eine Medienrevolution handelt, hat nicht verstanden, worüber wir reden.“ Thomas Schulz antwortete pragmatisch und bezog sich auf seine Erfahrungen als Reporter im Silicon Valley: „Die einzige Prognose, die man treffen kann, ist, dass keiner sagen kann, was in fünf Jahren passiert.“

Sollten wir also alles tun, was technisch möglich ist? Auf die Leitfrage des Panels erhielt das Publikum keine Antwort. Die ethische Diskussion kam insgesamt zu kurz, stattdessen gab es Erklärungen über aktuelle wie historische Entwicklungen zum Mitnehmen. Was blieb, ist ein kurzer Überblick über die faszinierenden technologischen Möglichkeiten unserer Zeit, etwas mehr Halb- und Teilwissen und die Verpflichtung, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Medientage Mitteldeutschland

Medientage Mitteldeutschland in Leipzig, 13./14. Mai 2020

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