Innovativ sein heißt auch divers sein

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May 22 · 5 min read

Das innovative Medienhaus im Jahr 2019

Von Ann-Kathrin Canjé, MTM-Live-Redaktion

Wie managed man Innovationen in großen Medienhäusern und was zeichnet innovative Medienhäuser überhaupt aus? Diesen Fragen widmen sich in Halle C am Dienstag Pia Frey (Gründerin Opinary), Gerrit Wahle (MDR, Leiter Strategie und Unternehmensentwicklung), Marieke Reimann (Chefredakteurin ze.tt) und Eliane Noverraz (SRG SSR, Leiterin Angebot und Innovation) im Gespräch mit Moderator Andreas Ulrich.

Schnell wird in dieser Runde klar: Hier treffen zwei Welten aufeinander. Die einen, die, wie Opinary, aus der Innovation heraus geboren wurden und die anderen, die, wie der MDR, schon alleine durch ihre Strukturen bedingt einen ganz anderen Zugang zu digitalen und innovativen Themen haben.

Zu Beginn sind die Speaker*innen geladen, den innovativen Charakter ihres Unternehmens kurz zu umreißen. Für Marieke Reimann liege die Innovativität von ze.tt vor allem darin, dass es das jüngste Tochterunternehmen des Zeit-Verlags sei, mit der gleichzeitig jüngsten Zielgruppe von 16 bis 35 Jahren. Innovativ sei hier vor allem, dass kein klassischer Nachrichtenjournalismus betrieben werde, sondern ein Mix aus Reportagen und Portraits, die besonders Diversität und Sexualität in den Vordergrund stellten.

Digitale Projekte über Digitalboards steuern

Eliane Noverraz sieht in ihrem Unternehmen den innovativen Aspekt vor allem darin, dass sie bald mit einem „Netflix für die Schweiz“ online gingen, einem non-linearen Dienst mit Schweizer Content, der alle Landessprachen der verschiedenen Kulturen versammelt.

Der Mitteldeutsche Rundfunk könne laut Gerrit Wahle vor allem mit seinem — man könnte sagen — geheimen, digitalen und innovativen Labor, dem Landesfunkhaus in Sachsen-Anhalt, punkten. Dort sitze das „Datenkompetenzzentrum“, in dem hauptsächlich kleine Projekte und auch Kooperationen mit Start-ups aus dem Datenbereich realisiert würden.

Ein solches Start-up könnte beispielsweise Opinary sein, das Pia Frey vorstellt. Laut ihr nützen bereits Redaktionen wie ze.tt und Spiegel Online den Dienst, der es User*innen ermöglicht, ihre Meinung zu etwa Online-Artikeln anhand eines Tachos zu äußern.

An die eingehende Vorstellungsrunde schließt sich die Frage an, wie sich Innovation überhaupt organisieren lässt. Für Noverraz funktioniere das gut über ein Digitalboard, das alle digitalen Projekte streue und dazu beitrage, dass alle im Unternehmen eine gemeinsame digitale Sprache sprechen können.

Eliane Noverraz. Foto: Enrico Meyer

Bei ze.tt, so Reimann, sei eine Voraussetzung, dass sie autark arbeiten könne, ohne dabei komplett an das Mutterunternehmen Zeit gebunden zu sein. Schnelle Formatentwicklungen garantieren zu können sei für sie das, was Innovation ausmache. Gerrit Wahle sieht das Digitalboard als wichtige Instanz, die Rahmenbedingungen schaffen könne, damit auf dem „digitalen Transformationsweg“ alle mitgenommen werden könnten. Das Digitalboard stelle sicher, dass bei den digitalen und schnellen Entwicklungen jemand den Überblick behalte und die Inhalte in die Redaktionen trage. Es könne auch als Unterstützungseinheit verstanden werden.

Erst an diesem Punkt im Gespräch wird es richtig innovativ, Marieke Reimann hakt mit der sehr wichtigen Bemerkung ein, dass ein digitales Board in ihren Augen nur dann wirklich Sinn mache, wenn eine diverse Mannschaft dahinterstehe und nicht bloß „fünf ältere, weiße Menschen, die aus Westdeutschland kommen“. Auch Frey sagt, dass die „Innovationslabs mit Sitzsäcken“, die eine Weile im Trend waren, der falsche Ansatz seien. Ideen sollten nicht nur gemacht werden, weil es gerade alle machen, sondern, weil es zum Unternehmen passt. Diese „Silo-Strukturen“ seien ihrer Ansicht nach aber nur schwer zu durchbrechen.

Pia Frey und Andreas Ulrich. Foto: Enrico Meyer

Das scheint ohnehin der Tenor des Tages zu sein: Miteinander arbeiten, statt gegeneinander. Redaktionellen Austausch ermöglichen. Für Noverraz muss der Ansatz außerdem darin bestehen, mit Leuten aus allen Ebenen Communities zu bilden, die vorwärtsgehen wollen. Dazu sei es nötig, die Kolleg*innen schon früh in Projekte miteinzubeziehen und gut in die Unternehmenskommunikation zu investieren — „Streetworking der Innovation“ nennt sie das. Das beinhalte auch, dass den Mitarbeiter*innen Ängste genommen werden, ihre Motivation gefördert und sie an die neuen Technologien herangeführt werden.

Eine solche Chance habe der MDR, weiß Wahle, durch das Projekt „MDR next“ und den „Pitch day“. Dabei handle es sich um einen hausinternen Wettbewerb, der innovative Ideen fördert. Rahmenbedingungen im redaktionellen Tagesgeschäft sollten dafür geschaffen werden, damit überhaupt Zeit bleibe, sich auch für digitale Themen innerhalb der Redaktionen Gedanken zu machen und mit Start-ups gemeinschaftlich zu arbeiten.

Gerrit Wahle. Foto: Enrico Meyer

Dennoch gäbe es bei der Zusammenarbeit zwischen Starts-ups und Medienunternehmen, das kann Frey ganz deutlich aus Erfahrung sagen, auch diverse Herausforderungen in der Zusammenarbeit. Dort spiele immer eine bürokratische Wirklichkeit mit, wie etwa das Abschließen umfangreicher Verträge, das für die Start-ups sehr teuer sein könne. Dennoch ist sie sich sicher, dass man produktiv voneinander lernen könne wie auch gemeinsame Kooperationen bei Opinary gezeigt hätten, in denen es einen redaktionellen Austausch der Mitarbeiter*innen gegeben habe.

Stichwort Mitarbeiter*innen: Ein Aspekt, der in diesem Panel besonders deutlich wird und der ebenfalls ein Novum für Betriebe sein kann, ist, neue Formen des gegenseitigen Zusammenarbeitens zu schaffen und eine Feedback-Kultur nicht nur zu besprechen, sondern aktiv zu gestalten. Das könne, da sind sich Frey und Reimann einig, dazu beitragen, das Klima in den Redaktionen möglichst wenig hierarchisch zu gestalten.

Zum Schluss geben die Speaker*innen noch ihre Empfehlungen in Sachen Innovation an das Publikum mit:

„Man muss bei den Führungskräften anfangen, Unternehmenskulturen entsprechend umbauen und am besten mit wenig Geld starten, denn Scheitern muss nicht teuer sein.“ (Gerrit Wahle)

„Wer innovativ sein will, sollte sein Scheitern mehr analysieren als seine Siege und seine Erfolge dafür umso krasser feiern.“ (Marieke Reimann)

„Man braucht ein Bewusstsein dafür, welche Probleme man lösen will.“ (Pia Frey)

„Weniger sprechen über Innovationen, mehr machen, Experimente fördern und den Weg einfach gehen.“ (Eliane Noverranz)

Was am Ende des Panels vor allem hängen geblieben ist, dass innovativ zu sein nicht nur ein Trend sein sollte, sondern eine bewusste Einstellung sein muss. Es reicht nicht, nur die Voraussetzungen dafür zu schaffen und sich mit digitalen Boards zu rüsten. Am eindrücklichsten bleibt wohl der Einwurf von Reimann: Diversität wagen! Denn das ist nicht nur innovativ, sondern auch mutig und wichtig.

Medientage Mitteldeutschland

Medientage Mitteldeutschland in Leipzig, 21./22. Mai 2019

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