Kleine Ideen für ein großes Wort

Warum man auf bessere Ideen kommt, wenn man kleiner denkt

von Dirk von Gehlen

Innovation ist ein großes Wort. Es steht seit einer Weile auf meiner Visitenkarte — und schöner wäre es, wenn dort “macht Neues bei der SZ” stehen könnte. Das habe ich in meine Twitter-Bio geschrieben, weil es greifbarer macht, was Innovation eigentlich ist: Ausprobieren und Machen. Denn so wie Verben Texte besser machen, macht das Ausprobieren Innovation erlebbar. Durch angestrengtes Nachdenken kommt man nicht auf bessere Ideen, das klappt nur, wenn man die Freiheit hat, etwas auszuprobieren.

Freiheit hat dabei zwei Dimensionen: Die erste ist struktureller Art und wird gerne herangezogen um zu erklären, warum es so schwer sei in diesem Land innovativ zu sein. Die Strukturen, die Bürokratie, die Gewohnheiten — sie alle, so hört man, rauben die Freiheit zum Ausprobieren. Das ist vermutlich sogar nicht mal falsch. Es ist nur häufig egal. Weil die zweite Freiheit nicht genutzt wird: jene im Kopf. Die Freiheit zum Andersdenken, die Freiheit, Wahrheiten in Frage oder wenigstens auf den Kopf zu stellen. Ich finde für diese Haltung ist der Shruggie das perfekte Symbol ¯\_(ツ)_/¯ — deshalb habe ich seine Haltung zum Leben im Buch “Das Pragmatismus-Prinzip” festgehalten: Wenn man so will, eine Anleitung zum innovativen Denken.

Wer etwas wirklich Innovatives tun möchte, braucht diese Freiheit und den Mut, etwas falsch zu machen. Denn den Grad der eigenen Innovation kann man am besten daran messen, wie groß das Risiko ist, mit dem eigenen Ausprobieren zu scheitern. Je größer die Scheiter-Chance ist, umso höher der Innovationsgrad. Wer sicher ist, dass etwas gelingt, schafft in Wahrheit selten etwas Neues.

Deshalb versuche ich aus dem großen Wort Innovation auf meiner Visitenkarte so häufig es geht, kleine Projekte zu machen. Denn kleiner denken macht es leichter, Verbündete zu finden und Fehler zu machen. Mit kleinen Projekten kommt man schneller auf bessere Ideen. Deshalb ist meine wichtigste Antwort auf die Frage wie Innovation gelingt: indem man kleiner denkt und ausprobiert.

Ein guter Anfang könnte zum Beispiel darin bestehen, dass ich das Wort Innovation von der Visitenkarte streiche — und wirklich draufschreibe: macht Neues bei der SZ.

Dirk von Gehlen ist Autor, Journalist und Vortragsredner. Bei der Süddeutschen Zeitung leitet er die Abteilung Social Media/Innovation, in der er u.a. das Longreads-Magazin Süddeutsche Zeitung Langstrecke entwickelt hat. Der Diplom-Journalist plädiert für einen kulturpragmatischen Umgang mit dem Neuen — und hat im Shruggie ¯\_(ツ)_/¯ dafür das perfekte Symbol gefunden („Das Pragmatismus-Prinzip“). Er zählt zu den Crowdfunding-Pionieren in Deutschland („Eine neue Version ist verfügbar“) und befasst sich seit Jahren mit den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung („Mashup — Lob der Kopie“und „Meta — Das Ende des Durchschnitts“).