Mit Witz für mehr Demokratie

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Sep 18 · 4 min read

Dürfen Satiriker Journalismus betreiben? Und wie viel Satiriker steckt eigentlich in Peer Steinbrück?

Von Martin Brandt, Universität Leipzig

Der letzte große Panelblock stand in der Baumwollspinnerei im Leipziger Westen an, die Medientage Mitteldeutschland neigten sich dem Ende zu. Nach zwei Tagen voller Panels und Workshops war es den Anwesenden wohl recht, mit einem eher lockeren Thema in den Nachmittag zu gehen. Und so stellte sich für die Teilnehmenden der Talkrunde die Frage: „Demokratie als Lachnummer: Können satirische Formate Debatten unterstützen?“

Die Diskussion, geführt von Michael Sahr, Redakteur beim ZDF, begann sofort mit einem Knall. Angesprochen auf das wenige Tage zuvor erschienene Video von FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache, meinte Florian Scheuba, österreichischer Kabarettist, Autor und Kolumnist, er kenne den Videoclip bereits seit etwa einem Jahr. Allerdings kam ihm die Aufnahme so konstruiert vor, dass er von der Wahrhaftigkeit des Inhalts nicht überzeugt war. Bei seinen Mitrednern und im Publikum machte sich Verwunderung breit. Involviert sei er in die Erstellung des Videos aber nicht, betont Scheuba.

Dürfen Politiker als Satiriker auftreten?

Nach diesem doch überraschenden Einstieg leitete Michael Sahr zur eigentlichen Diskussion über. Auch Matthias Bandtel, Leiter des interdisziplinären Lehr-Lernprojekts „kompass“ an der Hochschule Mannheim, Natalie Müller-Elmau, 3sat-Koordinatorin im ZDF, und Florian Schroeder, Kabarettist und Satiriker unter anderem in seiner eigenen Sendung „Florian Schroeder Satireshow“, diskutierten mit.

Moderator Michael Sahr stellte zunächst die Frage, inwieweit Satiriker als Journalisten agieren können, und ob Politiker auch als Satiriker auftreten dürfen. In diesem Kontext fiel auch Donald Trump als Stichwort, aber auch in Deutschland verschwimmen die Grenzen zwischen Politik, Journalismus und Satire immer häufiger. So geht Florian Schroeder demnächst mit dem ehemaligen Bundesminister Peer Steinbrück auf Tour, um auf humorvolle Weise die Politiklandschaft der Nation zu beleuchten. In Peer Steinbrück habe schon immer ein Satiriker gesteckt, mein Florian Schroeder scherzhaft. Tatsächlich „ist die Grenzüberschreitung das Interessante“ an diesem Format.

Matthias Bandtel, Leiter des interdisziplinären Lehr-Lernprojekts „kompass“ an der Hochschule Mannheim.

Der zweite Teil des Panels beschäftigte sich mit der Frage, inwiefern Satiriker die Funktion eines Journalisten ausführen können. Für Bandtel ist diese Frage ein zweischneidiges Schwert. Einerseits müsse man eine klare Trennung zwischen ernsthafter Meinung und Satire sehen können, andererseits könne ein satirischer Zugang zu einem Thema „Interesse wecken und Menschen sensibilisieren, die sonst nicht immer in die Zeitung gucken.“ Michael Sahr greift diesen Punkt auf und veranstaltet eine spontane Publikumsumfrage. „Wer guckt satirische Formate, wie die heute-show oder Jan Böhmermann?“ Fast alle Anwesenden im Saal heben die Hand. „Wer bildet sich politisch durch diese Formate?“, immerhin die Hälfte der Arme bleibt oben, Punkt für die Satire.

Am Ende ist es dennoch „wichtig, die Trennung aufrecht zu erhalten. Nicht, dass Satiriker denken, sie seien Journalisten“, so Schroeder. Und auch Natalie Müller-Elmau, als 3sat-Koordinatorin täglich in Kontakt mit beiden Berufsgruppen, fügt an: „Journalisten sind an Wahrheit interessiert, Satiriker an der Wahrhaftigkeit“.

Auch die Redaktion ist in der Verantwortung

Was kann Satire dann zu der öffentlichen Debatte beitragen? Die Zeiten, in denen sich Komiker rein über Politiker lustig machen, sind zumindest vorbei. Stattdessen habe Satire die Möglichkeit, „den Journalismus von außen zu beobachten und Fehlentwicklungen auf den Punkt zu bringen“, meint Bandtel. Scheuba sieht in der Satire viel mehr noch ein Mittel gegen den wachsenden Populismus. „Sie kann zu allen Seiten und in alle politischen Richtungen unangenehm werden. Solange das geht, haben wir eine Funktion, die wir ausüben können“. Bei 3sat ist man sich währenddessen bewusst, dass die Redaktion als Absender der Satireformate ebenfalls eine hohe Verantwortung hat. Dabei müsse man beachten, dass Satire nicht immer nur die nächste Punchline, sondern Aufklärungsarbeit sei, meint Müller-Elmau.

Fotos: Viktoria Conzelmann.

Letztes Thema des Panels: „Die PARTEI“, der Inbegriff von Grenzüberschreitungen zwischen Politik und Satire. Ob man die Satire-Partei mit gutem Gewissen wählen könne, fragt Sahr. „Natürlich sei das legitim“, entgegnet Schroeder. Martin Sonneborn betreibe eine Grenzüberschreitung im positiven Sinn und trete mit seiner Aufklärungsarbeit im Parlament demokratiefördernd auf.

Aus dem Publikum und von seinen Mitrednern erhielt Florian Schroeder für diese Aussage Zustimmung. Genauso verhielt es sich allgemein mit allen Themen, die beim Panel zur Aufgabe der Satire in politischen Debatten geführt wurde. Vielleicht wollte nach zwei Tagen teils hitzigen Diskussionen keiner den Anfang machen und etwas Kontroverses anbringen. Vielleicht waren sich aber die Redner des Panels wirklich nur einig: Satire braucht das Land. Nur klar erkennbar sollte sie sein.

Medientage Mitteldeutschland

Medientage Mitteldeutschland in Leipzig, 21./22. Mai 2019

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