Sollten wir alles tun, was wir technisch können?

MTM
MTM
Apr 17 · 4 min read

Über die globalen ethischen Herausforderungen der Digitalisierung

Von Heinrich Bedford-Strohm

Der digitale Wandel ist wie die Globalisierung ein Prozess, der nicht zurückzudrehen ist. Er hat nachhaltige Konsequenzen für den öffentlichen Diskurs genauso wie für das private Miteinander. Jede dritte Ehe in den USA startet im Netz. Die Veränderungen sind grundlegend. Der digitale Wandel inspiriert zu ungeahnten Fortschrittsfantasien. Ja — sogar das Menschenbild scheint sich zu verändern.

In unserer Geschichte hat es immer beides gegeben: Die Fortschrittsoptimisten, die alles Neue begrüßen und mitunter ein goldenes Zeitalter, die Befreiung des Menschen und das Ende allen Kummers verheißen. Und die Untergangspropheten, die schon bei der Einführung der Eisenbahn warnten, dass die Geschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde der Menschenseele Verderben sein wird.

Digitalisierung — das ist meine These — ist weder Verheißung noch Verhängnis. Sie muss und kann verantwortlich gestaltet werden.

Was bringt die Digitalisierung mit sich?

1. Zunächst den „Verlust von Privatheit“. Auf die Frage, wer mich am besten kennt, ist meine Antwort klar: meine Frau. Eine Facebook-Studie kommt zu einem anderen Ergebnis. Der Algorithmus von Facebook — so behauptet sie — kennt die Menschen besser als deren Freunde und Partner. Die Gefahren der Eroberung des privaten Raums durch digitale Technik werden immer deutlicher. Der digitale Überwachungsstaat ist schon heute technisch machbar. Die massive Beschädigung der Privatheit stellt eine eklatante Verletzung der Menschenwürde dar.

2. Algorithmen veränderten die Medienlandschaft. Jeder Mensch ist sein eigener Journalist und verbreitet mit einem Klick Nachrichten. Fake News destabilisieren westliche Demokratien. Hass- und Falschbotschaften werden sechsmal so oft angeklickt wie Botschaften, die der Wahrheit und Humanität verpflichtet sind. Hinzu kommt die kommerzielle Logik der Algorithmen: Es geht einzig um Klicks und Verweildauer und um verkaufte Anzeigen. Es ist ein bemerkenswertes Ergebnis der bisherigen Digitalisierung, dass die Gesetzmäßigkeiten eines neuen öffentlichen Raums, in dem Menschen täglich viel Lebenszeit verbringen, keiner durchgängigen demokratischen Kontrolle unterliegt.

3. Nach einer aktuellen Bertelsmann-Studie wollen fast drei Viertel der Menschen in Europa, dass Algorithmen stärker kontrolliert werden. Sie wünschen sich insbesondere das Recht auf eine zweite Meinung, eine bessere Nachvollziehbarkeit algorithmischer Entscheidungen und eine Kennzeichnungspflicht für computerbasierte Entscheidungsprozesse.

4. Ist also die Menschlichkeit angesichts der rasanten digitalen Entwicklungsmöglichkeiten in Gefahr? Den ethischen Wert eines menschendienlichen technologischen Fortschritts gilt es zu sehen. Denn die Digitalisierung kann auch segensreiche Wirkung entfalten — etwa im medizinischen Bereich, wenn durch Fernüberwachung eine sich anbahnende Herzattacke rechtzeitig entdeckt wird, oder wenn sie Hindernisse für soziale Teilhabe überwindet. Gleichzeitig aber birgt die digitale Revolution Gefahren, die immer deutlicher werden. Was bedeutet die Entwicklung der Kommunikationskultur in den digitalen Welten mit ihren Fake News und den Hassbotschaften im Netz für unsere demokratische Kultur?

Ist die digitale Reproduktion von Menschen noch vereinbar mit der christlichen Überzeugung, dass wir Menschen zum Bilde Gottes geschaffen sind und nicht zum Bilde eines anderen Menschen? Was macht den Menschen aus? Und wo sind die Grenzen zur künstlichen Intelligenz? Als Theologe beantworte ich diese Frage biblisch. Adam und Evas Vertreibung aus dem Paradies ist ein Akt, in dem Gott dem Menschen eine letzte Grenze setzt. Als Menschen können und sollen wir wohl Grenzen überwinden; eine aber bleibt: Das Ewige bleibt Gott allein vorbehalten.

Wir sind noch ganz am Anfang. Auch in den USA kommt — wie ich auf einer Vortragsreise an die Universitäten Yale, Princeton und Harvard im letzten Herbst feststellen konnte — die theologische Debatte über die ethischen Implikationen der Digitalisierung erst allmählich in Gang. Europa setzt Standards, was die Regulierung digitaler Ökonomie angeht, etwa beim Datenschutz oder bei der Wettbewerbskontrolle. Die USA sind aber führend bei der Entwicklung der Digitalisierungstechnik und Plattformwirtschaft. Wir brauchen einen transatlantischen Austausch zu den ethischen Fragen der Digitalisierung. Uns verbindet ein Ziel: Wir wollen ‘social values’ für eine bessere digitale Welt und keine ‘social credits’ für den autoritären Staat von morgen, wie etwa in China.

Auch für den Umgang mit den digitalen Welten gilt: Wir brauchen eine Globalisierung der Humanität! Die Debatte übers Klonen von Menschen zeigt: Organisationen wie die UNO können durchaus etwas bewirken. Entscheidend ist aber eine vitale Zivilgesellschaft. Sie muss sich in der digitalen Branche gutwillige Bündnispartner suchen. Gerade die transatlantische Partnerschaft spielt hier eine besondere Rolle.

Ethisch bleibt die digitale Welt oft noch Terra incognita. Die christliche Tradition birgt wertvolles Orientierungswissen genau für diese Gestaltungsaufgabe. Der Mensch ist, wie Psalm 8 formuliert, „wenig niedriger als Gott“, aber eben doch niedriger. In diesem Bibelvers spiegelt sich einerseits das Staunen des Menschen darüber, dass Gott ihn zum Herrn gemacht hat „über Gottes Hände Werk“; andererseits wird der Mensch trotz seiner Herrschaft über die geschaffene Welt daran erinnert, dass er niedriger als Gott ist. Der Mensch ist nicht Gott. Er ist von Gott geschaffen und daher Gott gegenüber verantwortlich. Verantwortung vor Gott und den Menschen heißt immer auch menschliche Selbstbegrenzung.

Und schließlich: Unsere Verletzlichkeit als prägendes Element unseres Menschseins ernst zu nehmen, bedeutet eine klare Absage an den Transhumanismus, der hinter vielen Allmachtsfantasien des digitalen Zeitalters steht. Nein, es gibt keinen Grund, die atemberaubende Geschwindigkeit des digitalen Wandels zu verteufeln. Der Wandel kann und muss aber verantwortlich gestaltet werden. Die verantwortliche Gestaltung der Welt können wir nicht an Roboter delegieren. Dafür müssen wir Menschen selbst sorgen. Hier liegt die Grenze, die wir nicht überschreiten dürfen.

Heinrich Bedford-Strohm ist Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der Theologe mit dem Schwerpunkt der Sozialethik setzt sich in seinem Amt besonders für einen humanen Umgang und mehr Respekt vor Geflüchteten ein. In diesem Zusammenhang kritisierte Bedford-Strohm 2018 auch die Flüchtlingspolitik der CSU, besonders die aus seiner Sicht veränderte Tonlage in der öffentlichen Debatte.

Medientage Mitteldeutschland

Medientage Mitteldeutschland in Leipzig, 21./22. Mai 2019

    MTM

    Written by

    MTM

    Medientage Mitteldeutschland

    Medientage Mitteldeutschland

    Medientage Mitteldeutschland in Leipzig, 21./22. Mai 2019

    Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
    Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
    Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade