Foto: Viktoria Conzelmann

Von Verantwortlichkeit, Transparenz und Vernetzung

Was kann der Robo-Journalismus leisten?

Von Ann-Kathrin Canjé, MTM-Live-Redaktion

Bis auf den letzten Platz ist der Saal in Halle A gefüllt. Viele neugierige Köpfe aus der Medienlandschaft lauschen eine Stunde lang der Diskussion zwischen Christina Elmer (Teil der Chefredaktion von Spiegel Online), Sascha Lobo (Internet-Unternehmer und Autor) und Johannes Sommer (Retresco GmbH). Gemeinsam mit Moderatorin Nadia S. Zaboura sprechen sie über die Chancen und Gefahren von Künstlicher Intelligenz und Algorithmen innerhalb des Journalismus.

Zentrale Fragen, die sie neben der Begriffsklärung von „Robo-Journalismus“ beschäftigen, sind, inwiefern sich die deutsche Medienlandschaft auf Automatisierungen in ihren Redaktionen einlassen muss, und wie mit möglichen Falschmeldungen durch den Einsatz von Algorithmen umgegangen werden kann und sollte.

Gleich zu Beginn der Gesprächsrunde wird deutlich: Der Begriff des Roboter-Journalismus ist überzeichnet. Die Metapher, die vorgibt, dass strukturierte Daten und Texte, die programmiert werden sollen, von Roboterhand produziert werden, sei so nicht ganz richtig, wie Johannes Sommer anmerkt. Er hebt hervor, dass sich dahinter vor allem Programmier*innen, die die reine Entwicklungsarbeit leisten, versteckten. Für Sascha Lobo stehe dahinter vor allem die Automatisierung im Journalismus. Das Schlagwort an sich umfasse aber viele Themen, die in ihrer Tiefe ergründet werden sollten.

v.l. Moderatorin Nadia S. Zaboura, Sascha Lobo, Christina Elmer, Johannes Sommer. Foto: Viktoria Conzelmann

Robo-Journalismus hin oder her, spannend wird es bei der Runde vor allem dann, wenn es um die praxisnahen Beispiele geht, wie etwa bei Spiegel Online. Wo setzt die Redaktion Künstliche Intelligenz (KI) und Algorithmen ein? Christina Elmer lobt vor allem Assistenzsysteme, die Journalist*innen etwa beim Transkribieren helfen können. Arbeitsschritte, wie das stundenlange Aufschreiben eines einstündigen Interviews, hält sie für Automatisierungsprozesse, die wirklich zukunftsweisend seien. Eine Qualitätssicherung fände ja ohnehin nochmals statt, da der*die Redakteur*in im Nachgang schaue, was die Automatisierung gemacht hat. Was bei Spiegel Online jedoch noch nicht passiere, sei die automatisierte Veröffentlichung von Artikeln. Zukünftig, das kann sie schon verraten, wird es bei Spiegel Online eine von KI unterstütze Moderation von Kommentaren geben, die dann vorsortiert werden. Das kann eine enorme Hilfe sein, die Verantwortlichkeit bleibt aber trotzdem in menschlicher Hand und das ist für Elmer ein wichtiger Punkt.

Johannes Sommer sieht das ähnlich und empfiehlt Automatisierungsprozesse auch da einzusetzen, wo sie Journalist*innen in der alltäglichen Arbeit unterstützend in die Hände spielen, Stichwort: Wetterberichte. Was Medien hier veröffentlichten, sagt er, ginge automatisiert viel besser als Wetterdatenprovider im Standard einzukaufen. Und was er Kritiker*innen der digitalen Wandlung der Medienlandschaft außerdem vorwirft: Es würde oft fast wie besessen nach Fehlern gesucht, die die KI produziere, statt zu verstehen, dass auch oft dort noch die letzte Instanz der Mensch ist, der beispielsweise einen Haken nicht gesetzt und dadurch eine falsche Veröffentlichung hervorgerufen hat.

Fehler müssen eingestanden und kommuniziert werden

Die Diskussion legt, vor allem durch die wegweisenden Fragen von Nadia Zaboura, viele spannende Aspekte dieses doch sehr vielschichtigen Sujets dar. So etwa auch das Thema der Transparenz. Die, so sind sich alle in der Diskussionsrunde am Vormittag einig, ist im Zusammenhang mit automatisierten Prozessen vor allem wichtig. Medienschaffende sollten darlegen, welche Inhalte automatisiert erstellt wurden.

Das spielt auch dann eine Rolle, wenn Fehler passieren. Diese müssen eingestanden und vor allem richtig kommuniziert werden. Sascha Lobo kritisiert an der deutschen Medienlandschaft, dass nicht nur die Transparenz oft zu wünschen übrig lasse, sondern es hier zu Lande auch eine sehr „mangelhafte Fehlerkultur“ gäbe. Selten werden sie eingestanden, dabei sei es doch klar, dass immer wieder menschliche, technische und auch Fehler durch KI entstünden. Die entscheidende Frage sei hier, wie man damit umgehe. Lobos Vorschlag: Menschenfreundlich und nachvollziehbar. Seine These stützt auch Christina Elmer, wenn sie sagt, dass es wahnsinnig wichtig sei, Arbeitsschritte inklusive Daten und sogar auch Codes sichtbar und zugänglich zu machen.

Dann ginge es nämlich nicht nur um Transparenz, sondern vor allem auch um Nachvollziehbarkeit. Diese „open source“ sei nicht nur für die Nutzer*innen von Vorteil, sondern auch für die Medienlandschaft, die sich untereinander vernetzen und austauschen könne.

Elmer: Interdisziplinäre Teams sind ausschlaggebend

Auch an diesem Punkt zeichnet sich im Gesprächsverlauf deutlich ab: Es ist ein zwingendes Muss, dass Medienschaffende begreifen, dass sie sich einander nur helfen und weiter voranschreiten können, wenn ein Austausch über digitale Prozesse stattfindet. Für Christina Elmer sind auch interdisziplinäre Teams ausschlaggebend, die an verschiedenen Schnittstellen arbeiten. Außerdem ist die Arbeit mit Automatisierungsprozessen auch eine Chance, selbst wenn etwas wegfiele, kämen neue Berufsfelder dazu. Zukünftig könnte es auch so etwas wie „Kindergärtner für Bots“ geben. Sommer stützt diese These ebenfalls, in dem er die aktuelle „Ibiza-Affäre“ als positives Beispiel nennt. Dieses sei für ihn einerseits ein Beispiel für gute Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Medienhäusern (Süddeutsche Zeitung und Spiegel Online), sowie für den Nutzen von Automatisierungsprozessen, denn das Fraunhofer Institut, dass die Echtheit des Videos maschinell überprüft hat, habe hierfür sicherlich mit KI Programmen gearbeitet.

Abschließend fassen die Gäste zusammen, was für sie zukunftsweisend wichtig ist: Sascha Lobo sieht, und damit knüpft er an seinen vorangehenden Vortrag an, den Beziehungsaufbau zum Publikum als wichtigste Schritt. Er glaubt daran, dass dieser Prozess das sei, was die Medienlandschaft unabhängig von KI über Wasser halten wird. Sommer wünscht sich, dass Medienunternehmen mehr in Technologien investieren und Strategien entwickelt — und das nicht nur, weil es die Konkurrenz so vormacht. Christina Elmer setzt vor allem auf die Kompetenzen der Mitarbeiter*innen und die Vernetzung untereinander. Hiermit sei den Nutzer*inne sowie Medienschaffenden für heute also erstmal die Angst vor den Robo-Journalist*innen genommen.