„Wann waren Sie das letzte Mal mit Vergnügen im Kino?“

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Jul 10 · 4 min read

In Sachen Barrierefreiheit muss sich in der Medienlandschaft noch einiges tun

Von Tanita Steckel, MLU Halle-Wittenberg

Es ist warm in Halle B, die erste Talkrunde nach der Mittagspause beginnt. Moderator Andreas Ulrich und die Speaker*innen, die gleich über „digitale Barrierefreiheit“ reden werden, betreten die Bühne. Auf dem Podium sitzen Georg Schmolz, beim MDR verantwortlich für Barrierefreiheit der Programmzugänge, Kim Busch, Programmkoordinatorin des DOK Filmfestival, Prof. Dr. Thomas Kahlisch, Direktor der deutschen Zentralbücherei für Blinde und Sehbehinderte, und Julia Probst, gehörlose Bloggerin in Begleitung ihrer Dolmetscherin Antje Schwabeland und der einjährigen Tochter Carlotta, die samt Mikrofon in der Hand fröhlich über die Bühne flitzt.

„Das ist gelebte Inklusion“

Punkt 13.30 Uhr startet der Countdown zur Talkrunde auf der Leinwand und das Publikum zählt ihn laut runter. Kahlisch, der blind ist, strahlt: „Das ist gelebte Inklusion“. Genau darum ginge es: Um Inklusion, nicht um Medieninhalte für Menschen mit Behinderung. An verschiedenen Stellen wird schon einiges für dieses Ziel getan. Beim DOK Film Festival verfügten viele Filme bereits über erweiterte Untertitel, die neben Text- auch Audiobeschreibungen enthielten, erzählt Busch. Leider gebe es aber noch zu wenig davon — aus Kostengründen. Sie bedauert, dass nur ein Teil der Filme auf dem DOK Film Festival inklusiv angeboten wird. „Wir treffen eine Vorauswahl, und das fühlt sich scheiße an. Denn wir können ja gar nicht beurteilen, welche Filme gut ankommen.“ Auch der MDR widmet sich seit 2012 verstärkt der Barrierefreiheit. Aktuell sind 89% des Programms untertitelt. „Damit liegen wir bei den Landesrundfunkanstalten ganz weit vorne“, sagt Schmolz. Audiodeskriptionen seien aber noch zu gering vertreten — für nur 15% des Programms. Grund dafür sind auch hier Kosten und Arbeitsaufwand. Für die Audiodeskription einer 45-minütigen Dokumentation beispielsweise brauche man zwischen 12 und 16 Arbeitstagen.

„Mein Traum wäre eine Datenbrille, mit der ich beides haben kann“

An Probst gewandt fragt Moderator Ulrich: „Wann waren Sie das letzte Mal mit Vergnügen im Kino?“ Sie seufzt. Die meisten Filme konsumiere sie mit Untertiteln. Um das ins Kino zu bringen, gibt es Smartphone-Apps. „Aber da müsste man ja die ganze Zeit hoch- und runterschauen, um der Handlung auf dem Bildschirm zu folgen.“ Ideal wäre eine Art Datenbrille, mit der man beides gleichzeitig sieht. Prototypen davon gibt es, aber ausgereift sei die Technik noch nicht. Wichtiger noch findet Probst gebärdensprachliche Angebote. Nicht alle Gehörlosen seien in der Lage, Untertitel schnell aufzunehmen und der Handlung des Films zu folgen. Das betrifft vor allem Kinder. Probst fragt: „Wieso werden gebärdensprachliche Angebote nicht von vornherein am unteren Bildschirmrand eingeblendet?“ Schmolz pflichtet ihr bei: In anderen Ländern sei das bereits Gang und Gäbe. In Deutschland habe man sich darauf verständigt, vorerst darauf zu verzichten, bis die Sender eine einheitliche Lösung finden. Beim privaten Rundfunk ist bei barrierefreien Programmen noch Luft nach oben, konstatiert Kahlisch. Diese bemühten sich derzeit noch gar nicht. Es gebe aber nun ein erstes Angebot für Audiodeskriptionen bei „Germanys Next Topmodel“, schmunzelt er.

Qualität statt Quantität

Es gehe um die Qualität barrierefreier Zugänge, nicht um die Menge, sagt Ulrich. Wie das bei Untertiteln sei? „Ich kann gut Lippen lesen“, antwortet Probst. „Wenn ich das mit den Untertiteln vergleiche, fühle ich mich manchmal veralbert.“ Es bestünde eine große Diskrepanz zwischen dem Gesagten und den Untertiteln. Schmolz

gibt zu bedenken, dass das Gesagte wiedergegeben werden müsse, wenn es gesagt wird. Es darf dabei keine zeitliche Verschiebung geben. Die Kritik von Probst versteht er dennoch. „Wenn mir die Diskrepanz auffällt, kann ich verstehen, dass man Angst hat, dass wichtige Informationen fehlen.“ Das Gesprochene würde verknappt, um Sätze zu vereinfachen und so die zeitliche Verschiebung zu vermeiden. Und, um das Leseverständnis zu sichern. Dieses wurde in einer Studie beim KIKA untersucht. Sie zeigt: Mit steigender Zeichenzahl steigt zwar die Akzeptanz, die Verständlichkeit aber sinkt. „Da muss man einfach ein bisschen Vertrauen in die Untertitelung haben“, sagt Schmolz.

Dieses Vertrauen fehlt Probst. Die KIKA Studie sei zudem für Erwachsene irrelevant. „Da besteht ein großer Bildungsunterschied. Wenn man Erwachsene und Kinder in einen Topf schmeißt, macht man es sich zu leicht.“ Sie plädiert für technische Änderungen, ähnlich zur Untertitelung von Videos auf Social Media. Einfache Sprache sei wichtig, aber sie dürfe die Gebärdensprache nicht verdrängen. Beide Angebote sollten Hand in Hand gehen. Schmolz ergänzt: „Leichte Sprache ist für viele Menschen eine Erleichterung, z.B. für funktionale Analphabet*innen, Migrant*innen, Gehörlose.“ Ähnlich verhalte es sich auch mit Untertiteln.

Darüber möchte ich mich in fünf Jahren nicht mehr ärgern müssen

Abschließend sind sich alle Teilnehmer*innen einig: In Sachen Barrierefreiheit muss sich in der deutschen Medienlandschaft noch einiges tun. „Das ist bei der jetzigen gesetzlichen Lage ein Muss — und mit den technischen Möglichkeiten auf jeden Fall drin“, so Kahlisch.

Dieser Text entstand in Kooperation mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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