Wie arbeiten ARD/ZDF, ORF und SRG bei 3sat zusammen?

Natalie Müller-Elmau ist Leiterin Koordination bei 3sat und spricht in Folge #82 des MTM-Podcasts über die Zusammenarbeit der öffentlich-rechtlichen Anstalten im deutschsprachigen Raum und wie der Sender mit den Herausforderungen der Pandemie umgegangen ist. Viel Spaß beim Lesen!

Claudius Nießen: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe des Medientage Mitteldeutschland Podcasts. Bei mir ist Natalie Müller-Elmau, die 3sat-Koordinatorin des ZDF. Ich sage hallo und herzlich willkommen!

Natalie Müller-Elmau: Hallo! Schön, dass ich da sein kann.

Claudius Nießen: Frau Müller-Elmau, 2020 war das erfolgreichste Jahr für 3sat. Welche Gründe gibt es dafür?

Natalie Müller-Elmau: Naja, sicherlich ist die Mediennutzung im vergangenen Jahr gestiegen, das haben ja nun alle Sender gesehen. Aber ich glaube, das wäre in der Tat zu kurz gesprungen, weil wir uns eigentlich seit fast dreieinhalb Jahren in einem sehr intensiven Profilierungsprozess und auch Konzentrationsprozess befinden. Und versuchen wirklich, unseren Sender noch genauer auf unsere Zielgruppen auszurichten und als Kultur- und Wissenschaftssender noch genauer das zu treffen, was unsere Zuschauerinnen und Zuschauer, unsere Nutzer und Nutzerinnen suchen und haben wollen. Ich glaube, dass die Arbeit so nach dreieinhalb Jahren auch fruchtet. Wir sind natürlich ein Zielgruppensender, das sind jetzt keine Riesen-Marktanteile, aber ich finde, in unserem Segment können wir da schon sehr stolz darauf sein, was wir bis jetzt erreicht haben.

Claudius Nießen: Wenn Sie sagen konzentrieren, Sie haben es ja gerade schon sehr klar beschrieben, aber hat das auch immer was mit dem Budget zu tun, wenn Sie sagen, wir müssen uns fokussieren, wir müssen uns konzentrieren, gerade auch so in dem Umfeld, in dem sich die Öffentlich-Rechtlichen gerade bewegen müssen?

Natalie Müller-Elmau: Weniger. Wir haben jetzt keine Einschränkungen in unserem Budget. Natürlich sind wir kein reicher großer Sender, natürlich sind wir ein kleinerer Sender. Aber wir müssen jetzt nicht irgendwie sparen, um unser Programm machen zu können, sondern das ist wirklich tatsächlich eher an unsere Nutzerschaft, an unsere Zuschauerschaft gerichtet, dass wir eben ein perfekt auf sie zugeschnittenes Programm anbieten. Und gewisse Dinge dann vielleicht eher sein lassen, weil das auch andere, reichere Sender vielleicht besser können. Also zum Beispiel, wir sind nur sehr selten als Koproduzenten bei Kino-Fiktions-Programmen dabei, weil wir uns das auch einfach nicht leisten können. Wir sind eben mehr im Dokumentarischen, im Kulturbereich unterwegs, im Wissenschaftsbereich, und da sehen wir eben unseren Fokus.

Claudius Nießen: Wissenschaft ist ein gutes Stichwort. Wie wichtig waren die Wissenschaftsformate in der Corona-Zeit oder sind sie noch?

Natalie Müller-Elmau: Enorm wichtig. Wir haben auch ein bisschen versucht, uns wirklich unentbehrlich zu machen dadurch. Wir haben ja eh NANO, unser wöchentägliches Wissenschaftsmagazin, das einzige im deutschsprachigen Markt, dass es überhaupt gibt. Übrigens ein Partnerformat, das wird tatsächlich von ARD, von ORF, von SRG und uns vom ZDF als Federführer gemeinsam jeden Tag hergestellt. Wir haben jeden Tag die aktuellsten Informationen, also jeden Tag gibt es einen Corona-Blog, alles, was man über Virusvarianten, Impfungen und im Grunde alles, was man dazu wissen muss, gab es täglich bei NANO. Zusätzlich haben wir noch über 12 Sonder-Spezialsendungen von NANO gemacht. Wir haben aber auch unseren Wissenschaftsabend „Wissen hoch zwei“ donnerstags immer wieder aufgebrochen, zum einen, um die wissenschaftlichen Hintergründe der Pandemie klarzumachen. Aber eben, das war uns besonders wichtig, auch was es gesellschaftlich mit uns macht. Weil es eben mehr als nur ein medizinisches Phänomen ist, sondern natürlich unsere Gesellschaft ganz elementar beeinflusst hat. Und wir in dieser Phase vielleicht auch mehr wissen, worum es uns wirklich geht. Also ich glaube, das, was wir vermisst haben, das ist uns jetzt noch mal klarer geworden durch diese 15 Monate, die hinter uns liegen.

Claudius Nießen: Da war vielleicht auch die Verschränkung von 3sat als Wissenschafts- und Kultursender hilfreich, oder? Weil es geht ja auch besser mit ein bisschen Humor an manchen Stellen.

Natalie Müller-Elmau: Genau! Wir haben die Pandemie sehr häufig philosophisch betrachtet, auch durch Gert Scobel auf unserem YouTube-Kanal. Wir haben es aber auch, wie Sie gesagt haben, versucht, mit Humor zu nehmen. Ganz am Anfang der Pandemie, als es gerade aufkam, kam Sebastian Pufpaff, quasi unser Kabarettist, das hört er bestimmt nicht gern, aber wir finden schon er gehört zu uns, kam auf die Idee, ein tägliches Format zu machen, sieben Minuten „Noch nicht Schicht“ heißt es seitdem. Das haben wir von der ersten Idee innerhalb von zehn Tagen auf den Sender gebracht. Und seitdem — jetzt inzwischen schon in der vierten Staffel und über 100 Folgen — berichtet er täglich, auf humoristische Weise gibt er so einen Gegenpol zur Nachrichtenaktualität, eben kabarettistisch. Und wir sind natürlich sehr stolz, dass es jetzt auch gerade mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, weil das ist natürlich so ein kleines, feines Format, dass das dann auch so gesehen wird von der Grimme-Jury, hat uns und natürlich Sebastian Pufpaff wahnsinnig gefreut.

Claudius Nießen: Klein und fein, sieben Minuten, haben Sie gesagt. Das heißt ja auch, ein Fokus immer mehr, wenn man jetzt weggeht von den linearen Formaten, die wir kennen, halbe Stunde, Dreiviertelstunde, ganze Stunde, 90 Minuten. Wird das für 3sat ein Schwerpunkt, vielmehr auch für die Mediathek, für die Mediatheken, aber auch „online first“ zu produzieren?

Natalie Müller-Elmau: Unsere Mediathek, unsere 3sat-Mediathek wird natürlich immer wichtiger. Von der Gesetzgebung sind wir noch nicht so ganz frei wie unsere Mutterhäuser ARD und ZDF. Da sind wir gerade erst dran, dass wir auch wirklich „online only“ machen können. Von daher ist das Lineare immer noch unser Hauptanker. Aber wir sind natürlich ein kleiner Sender, wir haben ein Schema, wir haben auch ein Mengengerüst, gerade als Partnersender muss man natürlich auch Mengen, soundso viel bringt die ARD ein, soundso viel bringt der ORF ein, soundso viel die Schweizer, die SRG, und soundso viel kommt vom ZDF. Aber wir sind natürlich trotzdem beweglicher, weil wir auch einfach mal aufbrechen können. Und wenn wir so eine grandiose Idee für sieben Minuten haben, dann schieben wir die auch in unser Schema rein. Das Schöne ist tatsächlich, wenn man jetzt viel über diese öffentlichen Zusammenarbeiten redet, es ist so schön zu sehen, wie bei uns das wirklich Hand in Hand passiert. Da gibt es keine Grabenkämpfe zwischen den verschiedenen öffentlich-rechtlichen Systemen, sondern wir ziehen da wirklich an einem Strang und wir wollen gemeinsam das Optimum für unsere Zuschauerschaft herstellen können.

Claudius Nießen: Gilt das auch für dieses Spannungsfeld, so kann ich es mir zumindest vorstellen, zwischen Zulieferungen und eigener Programmentwicklung?

Natalie Müller-Elmau: Das würde ich gar nicht so sehen. Also ich hatte ja eben schon erwähnt, wir haben natürlich solche programmplanerischen Mittel wie ein Schema, ein Mengengerüst. Wir wissen genau, wer wie viel einbringt. Da legen wir auch schon sehr genau fest, wem was wichtig ist. Wir ZDF-seitig produzieren sehr viel originäres Programm für 3sat. Also wir sind auch viel im Produzierenden unterwegs. Die Schweizer auch, die Österreicher eingeschränkter. Die ARD bringt eher ein. Aber auch da natürlich auf unsere Sendeplätze und auf unsere Mediathek-Bedürfnisse gemünzt. Also es geht jetzt nicht, dass irgendjemand sagt, ich möchte durchsetzen, dass ich das irgendwie dann auch senden kann, sondern wir versuchen wirklich da gemeinsam etwas zu gestalten. Es gibt immer verschiedene Schwerpunkte, unsere österreichischen Kollegen legen deutlich größeren Wert auf die klassische Kultur als vielleicht unsere Schweizer Kollegen es tun. Da gibt es schon Unterschiede, aber wir versuchen es zu einem Gesamtwerk zu orchestrieren.

Claudius Nießen: Sie haben eben schon gesagt, Sie können, was den regulatorischen Rahmen anbelangt, im Moment noch nicht so viel wie die größeren Mutterschiffe, sage ich jetzt salopp. Was würden Sie sich denn wünschen, in welche Richtung sollte es gehen?

Natalie Müller-Elmau: Na, ich glaube, die Freiheiten, die jetzt auch die ARD und ZDF-Mediathek haben, die reichen uns eigentlich. Weil natürlich, allein von den Inhalten, die wir in unserer Mediathek haben, können wir nicht mit den großen Anbietern spielen. Die haben einfach mehr drin. Ich glaube, unser Plus, was wir haben, ist, dass wir für eine Zielgruppe perfekt kuratiertes Angebot kreieren können. Und dass wir da wirklich für eben die Interessierten, für die, die sich für unsere Kultur- und Wissenschaftsinhalte interessieren, wirklich etwas kuratiert bieten können, was auf sie zugeschnitten ist. Dass man eben nicht lange in den großen Mediatheken suchen muss, sondern man weiß, da kriege ich auch die besondere Fiktion, die besondere Serie, die besonderen Kulturereignisse, Wissenschaftshintergründe, den Diskurs vorantreibende Sendungen, das bekomme ich eben dann in der 3sat-Mediathek. Und das ist sozusagen unser Ziel, da wollen wir hin. Deswegen ist es natürlich schön, wenn man auch vorab einstellen kann. Wir hatten jetzt zum Beispiel ganz tolle Serien von unseren Schweizer Kollegen, wie „Wilder“ und „Helvetica“. Da ist es natürlich elementar wichtig, dass man die dann nicht wochenweise einstellt, sondern en bloc zum Bingen einstellen kann. Und all diese Dinge, es ist gerade in der Mache, wir werden das demnächst haben, aber es ist noch ein Prozess.

Claudius Nießen: Sagt Natalie Müller-Elmau hier beim Podcast der Medientage aus der Leipziger Baumwollspinnerei. Ich sage, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Natalie Müller-Elmau: Ich danke Ihnen!

Alle bisherigen Folgen unseres zweiwöchentlich erscheinenden Podcasts finden sie hier.

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Medientage Mitteldeutschland in Leipzig, 1./2. Juni 2021

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