Wie man einen 2000€/h Vortrag vorbereitet

Der beste Stundenlohn, den ich bisher hatte waren 2000€. Das war genau einmal und wenn man ganz ehrlich ist, habe ich auch nur eine halbe Stunde gearbeitet und der Lohn ist nur hochgerechnet.

Trotzdem. In der Anfangszeit von Original Unverpackt — also bis vor Kurzem — entsprach dieser Halb-Stundenlohn meinem monatlichen Gehalt. Also auch für mich eine ganz schöne Hausnummer.

Die Entlohnung erhielt ich für eine Keynote bei einem Zukunftsforum eines Berliner Unternehmens. Die Frage war wie das Einkaufen 2025 aussehen wird und ich habe versucht sie nach bestem Gewissen zu beantworten. Das führe ich dann vielleicht mal wann anders aus.

Im Laufe der letzten Jahre sprach ich glaub ich auf über 30 oder auch 40 verschiedensten Bühnen. Von Panels, zu Preisverleihungen, Keynotes, einem TedxTalk, vonklassischem Vortrag zu einem klugen Thema auf einer Fachkonferenz. Seit diesem Jahr auch auf Englisch — in Stockholm bei einer Nachhaltigkeits-Marketing Konferenz und in London bei der Virgin Group. So kam ich auch zu der Geschichte mit Richard Branson.

Dabei war ich miserabel in Referaten in der Schule. Es hat mir weder Spaß gemacht, noch fand ich die Themen spannend und das freie Sprechen vor einer Horde urteilender Teenager war für mich auch ein Horror. Ich fand es so schlimm, dass ich oft einfach nicht erschien, die 6 mit einkalkulierte und mit anderem Engagement im Unterricht wieder gegenrechnete. Irgendwann war es mir dann aber sogar so egal, dass ich mich kaum vorbereitete, mich vorne hinstellte, und den Mist einfach runter leierte. Schlimmer als ‘ne 6 konnte es nicht werden.

Die „Is mir egal“-Stimmung aka Pubertät sorgte dafür, dass ich mich traute, mich nach vorne stellte und das erste Mal mit einer 3+ fürs Referat nach Hause ging. Und siehe da. Ich hatte meine Technik gefunden. Ab dem Tag hat ich plötzlich Lust auf Referate und Reden. Ich wusste, ich habe es in der Hand, ich hatte einen Weg gefunden die Redeangst zu überwinden und gleichzeitig eine geile Show aufzusetzen.

Erst wenn man etwas oft genug wiederholt, stellt man fest, dass man noch lange von Perfektion entfernt ist. So geht es mir zumindest bei jedem Vortrag, den ich halte. Sobald ich einmal ohne halben Nervenzusammenbruch auf die Bühne trete, bin ich zu entspannt und vermassele es. Je mehr Angst und Respekt ich vor dem Event habe , desto besser wird es tatsächlich. Weil ich mich vorbereite. Und heute erzähle ich euch wie.

Die Facts

Die Fakten spreche ich mit den Organisator*innen ab: Wann, wie lange, wo, Honorar (das erfordert ‘nen eigenen Beitrag, denke ich), in welcher Form die Slides sein sollen, gibt es n´ Beamer und Mikro und natürlich worüber ich reden soll, was das Ziel des Events ist und wer die Anwesenden sind.

Ideen sammeln

Wenn das Thema geklärt ist, geht‘s los mit dem Brainstormen. Kein Vortrag ist wie der andere. Das wäre langweilig für mich und auch für die Gäste — weil sie es merken würden.

Ich schreibe erst mal in einer Text-Datei die Stichpunkte runter, die ich unbedingt unterbringen will. Auch wenn Papier eigentlich besser ist zum kreativ arbeiten ist, digital kann ich bei einem Stichpunkte gleich mehr ergänzenund Links zu Videos oder Bildern, die mir einfallen, reinkopieren.

Roter Faden

In meinen Schulaufsätzen stand unten immer, schöne Idee, aber schlampig umgesetzt. Meine Rechtschreibung ist inzwischen ok und ich habe auch gelernt, Komma zu setzen, aber den roten Faden habe ich nie hingekriegt, wenn ich mich einfach hinsetzte und meine Gedanken runterschrieb. Ich habe ADHS, meine Gedanken springen öfter hin und her als ein amerikanischer Cheerleader. Habt ihr eigentlich Girls United gesehen? Ich hab das Gefühl Kirsten Dunst ist keinen Tag gealtert seit dem Film.

Also der rote Faden. Rote Pompoms. Oh boy.

Ich versuche rauszufinden was wichtig ist für die Teilnehmenden des Events — wo muss ich sie abholen. Muss ich ihnen erläutern warum Plastik böse ist und was mit dem Meer macht — oder kann ich gleich einsteigen und erklären wie Einzelhandel und Lebensmittelverkauf aussehen sollte in 2025?

Wollen sie gar nicht die Einzelhandelsvision, sondern unseren Marketingapproach kennenlernen?

Je nach dem richte ich die Präse aus.

Ich beginne immer mit einer Geschichte und erkläre meine Motivation.

Ich stelle die Firma vor und erst anschliessend kurz mich, Name, Alter, was ich studiert habe, und das wars. Mehr wollen die meisten gar nicht hören — nur wissen wo sie mich einordnen sollen.

Als nächster Schritt steige ich langsam in das Thema ein. Die Gründungsgeschichte oder was Marketing ist, was uns wichtig ist, unsere Werte, wie sich das wiederspiegelt etc.

Zum Schluss versuche in den roten Faden zu einem Kreis zusammen zu führen, die Story am Anfang aufzugreifen und elegant zu schließen.

Humor

Ich lache gern. Über mich selbst. Ich mag nicht das Publikum angreifen, es ist mir aber bereits ein paar Mal passiert. Ich hab mich über Kaufland lustig gemacht und dann war gefühlt die Hälfte der Anwesenden Filialisten. Sie lachten teils höflich, teils gekränkt, teils tatsächlich belustigt. Aber das sind Fettnäpfchen, die ich versuche zu umgehen, wenn ich sie sehe.

Also Humor. Wenn ich frei rede, passieren mir manchmal unbeabsichtigt Witze, aber manche entstehen auch aus der Situation heraus. Es ist am leichtesten über mich selber Witze zu machen, weil ich mich am Besten kenne und auch sonst ernst genug nehme um drüber zu stehen.

Ich mache Witze über meine Größe, meinen Alkoholkonsum (da jüdisch-russische Wurzeln) und meine Fähigkeit Geschäftspotenzial zu sehen (ob es was mit der jüdischen Weltverschwörung zu tun hat?).

Ich versuche auch immer wieder Gags aufzubauen zu den Inhalten, aber die kommen nicht gut, wenn sie vorbereitet sind. Lieber spontan schauen, was funktioniert und wenn möglich merken und nächstes mal wiederholen.

Lachen hilft mir auch auf der Bühne zu entspannen und einfach Spaß dabei zu haben. Ich teile mein Wissen und habe dabei eine gute Zeit mit den Anwesenden.

Storytelling

Geschichten sind das wichtigste Mittel bei Vorträgen. Die meisten Events, Konferenzen etc. dauern einen ganzen Tag. Die Leute hören den ganzen lieben Tag lang Vortragenden zu — meist bist zu 45 Minuten. Und dann noch das Netzwerken in den Pausen. Das ist anstrengend. Damit da was hängen bleibt, muss es nicht nur inhaltich interessant sein, sondern auch in einer Geschichte verpackt sein. Es muss kein Märchen sein, nichts ausgedachtes, sondern ein Ereignis oder einfach ein Beispiel aus dem was mal passierte.

Wenn ich erzähle wie viel unnötige Plastikverpackung es gibt, zeige ich das Bild aus Kopenhagen wo Äpfel und Bananen einzeln(!) in Plastik abgepackt sind und erzähle wie nachhaltig sich Kopenhagen gibt, von meiner Reise dahin und dann das.

Wenn ich das Beispiel gebe wie wichtig uns eine kurze und lokale Lieferkette ist, erzähle ich von den Tofutussis, die in der Markthalle 9 ihren Tofu produzieren. Richtig, Tofutussis. Der Name ist toll. Die Leute kichern leicht, weil ich in einem ernsten Zusammenhang Tussi gesagt habe. Und weil das so ein Berlin-Ding ist, Tofu aus einer Manufaktur zu essen.

Ihr versteht worauf ich hinaus will? Eine These, ein Beispiel — kurz zusammenfassen. Nächster Punkt.

Slides

Meine Slides hatten früher nur Bilder. Inzwischen haben sie immerhin Titel und zur not 1–2 Zahlen und wenige kurze Stichpunkte von 1–2 Wörtern. Ansonsten nur Bilder. Ich finde GIFs auch lustig, aber nur sparsam eingesetzt. Sonst lenken sie ab. Oder worst case: funktionieren nicht und machen keinen Sinn. Alles schon passiert.

Fließtext und längere Stichpunkte habe ich nicht. Brauch ich nicht. Die Leute sollen mir zuhören, zur Not das Bild anschauen, aber vor allem mir zuhören.

Das letzte Slide hat meine Kontaktdaten und die der Firma — Mailadresse, Twitter etc. nochmal drauf. Falls jemand doch noch Kontakt aufnehmen möchte für ein unmoralisches Angebot. Oder einfach interessiert ist was Original Unverpackt oder Ein guter Plan sonst noch so treiben.

Proben

Ich probe jede Präse meist so um die 2–3 mal durch. Wenn sie ganz neu ist und ganz anders als vorher so oft wie notwendig. Dann schreibe ich sie manchmal einfach runter als Fliesstext. Aus dem Fliesstext ziehe ich mir wiederum Stichpunkte und Formulierungen für meine Karteikarten, die ich als Absicherung mit aufs Podium nehme, aber idealerweise gar nicht erst benutze. Wie ein Spicker. Während man ihn so schön vorbereitet für den Vokabeltest, hat man die Wörter schon gelernt.

Präsentieren

Hände raus, aus den Hosentaschen, nicht hinterm Pult verstecken, am besten mit Headset, dann habe ich die Hände frei um zu gestikulieren, ein halber Sekt vorher lockert die Zunge und schmeckt gut. Und Lächeln.

Anreise und Ankommen und währenddessen so

Ich versuche zu einer Konferenz, die um 9 Uhr beginnt den Abend vorher anzureisen und ausgeschlafen und ausgeruht in den Tag zu starten. Ich schaue mir die Vorträge an, die mich interessieren, lerne gerne dazu, aber erhalte vor allem einen Eindruck von den Anwesenden, wie die so drauf sind, was sie interessiert und zu welchen Themen Fragen gestellt werden. Ich rede in den Pausen mit den Anderen, woher kommen sie, warum sind sie hier und wie fürchterlich der Kaffee schmeckt. Die drei Themen gehen immer.

Von den meisten werde bis zu meinem Vortrag übersehen. Ich bin klein, bis vor kurzem immer mit Brille, und sehe eher aus wie die Assistentin von jemandem und nicht die Keynote-Speakerin. In Deutschland sind überwiegend Männer anwesend — im Publikum und auf der Bühne.

Erst nach meinem Auftritt nehmen die Leute mich wahr, suchen das Gespräch und geben Feedback oder haben weitere Fragen. Ich mag das. Aber ich mag mich auch zurückziehen. Das glaubt mir immer keiner, aber ich habe einen sehr großen introvertierten Anteil in mir und brauche nach so viel Aufmerksamkeit einfach kurz Ruhe, um meine Batterien aufzuladen. Wenn es danach eine Feier gibt, einen Umtrunk, bin ich bis dahin hoffentlich wieder fit und feiere mit. Dabei entstehen die interessantesten Gespräche. Wie der Tetrapack-PR Mann, der mich fast überzeugt hat, wie viel umweltfreundlicher (what the fuck) Tetrapack ist. Vielleicht im Vergleich zu Atommüll und das auch erst nach drei Bier.

Wie geht’s weiter

Nach dem Event versuche ich schnellstmöglich die Rechnung und Reisekosten rüber zu senden. Sonst vergesse ich das trotz Projektmanagementtools. ADHS halt.

Der Stundenlohn wirkt auf den ersten Moment sehr hoch, aber wenn man die Anreisezeit (bis zu 18h hin und zurück), 6h anwesend sein beim Event, 1h Präsevorbereitungszeit meist und dann noch mal 3–4h Proben. Es kommt doch einiges an Zeit zusammen und plötzlich sind die 1000€/0,5h nur noch 68/h — vor Steuern.

So oder so. Ich mach’s gerne. Nicht mal wegen des Geldes, sondern weil ich so kostenlos zu geilen Events komme, reisen kann, siehe London und Stockholm. Und vielleicht, weil ich mich jedes Mal darüber freue, dass die kleine Milena, die Todesangst vor Referaten hatte, heute auf riesigen Bühnen spricht.