Ein Flüchtlingscamp so groß wie eine Stadt in Nordrhein-Westfalen

Eine staubtrockene Gegend. Kaum Vegetation auf dem Weg in diese künstliche Stadt: Das Flüchtlingscamp Zaatari in Jordanien. Nah an der syrischen Grenze leben 80.000 Menschen auf engstem Raum. 
Minden — eine Stadt in Nordrhein-Westfalen, auch rund 80.000 Einwohner, natürlich gewachsen. Die beiden Orte könnten unterschiedlicher kaum sein. Wir begleiten Hannah aus Minden und Hadi aus Zaatari in einer fiktiven — aber realistischen — Reportage:

ca. 5.100 Kilometer Luftlinie trennen Minden und Zaatari

Jordanien liegt im Nahen Osten. Die Nachbarn des Haschemitischen Königreichs Jordanien, wie das Land offiziell genannt wird, sind Syrien der Irak, Saudi Arabien und auch Israel. Die einzige Süßwasserquelle Jordaniens ist der Jordan, der gleichzeitig als Grenze zu Israel dient. Das bedeutet auch, dass das Land kaum Vegetation zu bieten hat und daher eher karg ist.

Bevor Hadi zur Schule geht, schaut er immer durch das vergitterte Fenster des Wellblechcontainers, den er sich mit seinen Eltern und zwei Geschwistern teilt— vielleicht regnet es ja. Meistens ist es trocken und staubig. Dann zieht er seine Sandalen an, die vor dem Container stehen und läuft los.

Eine Seltenheit: Es hat geregnet. Ein Schulkind auf dem Weg zur Schule in Zaatari (Foto: Sven Dröge)

Während Hadi losläuft, schlürft Hannah den letzten Rest ihres Müslis aus der Schüssel. Vom Esstisch aus sieht sie in den Garten, in dem gerade alles blüht. Die Sonne scheint, aber später soll es noch regnen. Sie packt zur Sicherheit einen Schirm ein, zieht ihre Sandalen an und läuft zur nächsten Bushaltestelle.

Der Schultag hat ein Ende und Hannah ist auf dem Weg nach Hause. Die Schule war anstrengend, sieben Stunden heute! Erschöpft sitzt sie im Bus. Gleich muss sie auch noch ein gutes Stück laufen. Seit ihre Eltern mit ihr in den Randbezirk von Minden gezogen sind, dauert ihr Schulweg deutlich länger. Jetzt die Straße runter, hinten links und noch durch das kleine Waldstück. Irgendwie trifft man hier nie jemanden, irgendwie gruselig. Hannah läuft ein Stück.

Minden: Fast 20-mal so groß wie Zaatari, aber genauso viele Einwohner — ganz schön eng mit rund 80.000 Menschen
Grafik: 1 Figur = 100 Personen — Zaatari: ca. 14.815 Einwohner/km² — Minden: ca. 830 Einwohner/km²

Hadi macht sich auf den Weg nach Hause. Er war in der Schule. Ganz schön anstrengend, und immer so laut. Immerhin ist er mit bis zu 30 anderen Jungs in der Klasse. In Jordanien herrscht strenge Geschlechtertrennung in der Schule. Die Mädchen gehen morgens, die Jungs am Nachmittag. Die Fenster haben keine Scheiben und so hört Hadi neben dem Gröhlen seiner Klassenkameraden auch alle Gespräche, die draußen geführt werden. Jetzt ist für heute aber schulfrei. Staub wirbelt auf, Hadi verlässt die Schule und läuft vorbei an Zelten und Caravans. Kinder spielen auf der Straße, ein roter Ball rollt vor ihm über den Weg, die Kinder stürmen hinterher.

Hannah isst zu Mittag. Ihre Mutter kommt gerade nach Hause. Sie war im Altenheim zwei Straßen weiter, da hilft sie nach der Arbeit manchmal aus. Ein schönes Altenheim ist das, und ziemlich groß. Hannahs Oma hat dort lange gewohnt.

Im Wellblechcontainer ist kaum Platz. Hadi geht nach der Schule direkt wieder raus. Auf den Straßen und in den offenen Containern sind kaum ältere Menschen zu sehen. Auch sein Opa musste in Daraa zurückbleiben. Obwohl die Stadt nur kurz hinter der syrischen Grenze liegt, war es für den an Rheuma leidenen Opa unmöglich zu fliehen — ohne Auto ist man auf der Flucht auf seine Beine, und damit seine Gesundheit, angewiesen.

Die Teller räumt Hannah langsam in die Spülmaschine. Dieses Mal passt sie besonders auf, denn vor einer Woche ist ihr ein Teller aus der Hand gerutscht und auf dem Fliesenboden zerschellt. Eine Scherbe traf dabei ihren Daumen. Die Mutter versorgte sie schnell aus dem Erste-Hilfe-Schrank und fuhr Hannah dann zum Krankenhaus. Die Notaufnahme war zum Glück leer und ein Arzt war auch direkt zur Stelle. Der kleine Schnitt war im Nu genäht und die Fäden wurden auch schon gezogen.

Hadis Mutter kommt gerade nach Hause. Sie war bei der Nachbarin, um beim Kochen zu helfen. Im weißen Caravan nebenan wohnt eine befreundete Familie. Die Nachbarn haben gerade Nachwuchs bekommen: Ein Mädchen. Mutter und Tochter sind zwar schon wieder zu Hause — aber etwas Hilfe ist immer willkommen.

Wartesaal und zugleich Notaufnahme einer Klinik in Zaatari (Foto: Sven Dröge)

“Ich habe Hunger”, ruft Mohammadnour, Hadis jüngerer Bruder. Und damit meint er, dass er wieder Hummus mit Brot will, das isst er nämlich am liebsten. Doch der Vorrat ist leer. Geld — das ist so eine Sache. Zwar bekommt Hadis Familie monatlich ein Taschengeld ausbezahlt, aber das reicht nicht für große Vorratskäufe. Und wirkliche Arbeit gibt es hier nicht. Hadis Vater hat sich für “Cash for Work” beworben. Als Flüchtling kann er so innerhalb des Camps Müll einsammeln und wird dafür direkt entlohnt. Diese Jobs sind aber rar und länger als sechs Monate darf er in dem Bereich nicht arbeiten, da jeder diese Chance erhalten soll. Wäre Hadis Vater Lehrer, dürfte er auch unterrichten; Lehrer werden gesucht. Zu Hause hatte er eine Autobahnraststätte gepachtet, aber so etwas gibt es hier weit und breit nicht.

Durch Cash-for-Work sind die Straßen in Zaatari sauber. Die Müllabfuhr kommt wöchentlich (Foto: Sven Dröge)

Geld — das ist so eine Sache. Hannahs Vater sitzt im Auto, fährt von der Arbeit nach Hause, muss auf dem Weg noch einkaufen gehen. Er erinnert sich noch gut, wie es bis vor ein paar Monaten war. Sein Handwerksbetrieb musste dichtmachen, er stand zusammen mit den Kollegen auf der Straße. Doch jetzt hat er einen neuen Job und muss auch nicht mehr auf jeden Cent gucken. In Gedanken verpasst er die Abbiegung zum Supermarkt. Hier hätte er doch links gemusst. Egal, gleich an der Straße kommt ja noch ein anderer.

Hadis Mutter kramt ihre Tasche hervor, Einkaufen steht an. Über die wenig befestigten Straßen muss sie mehrere Kilometer laufen. Autos besitzt hier niemand und Fahrrad fahren ist den Männern vorbehalten. Noch eine Biegung, dann ist sie da: Die Champs-Élysées. So nennen die Flüchtlinge die Hauptstraße, die mittig durch das Camp führt. Sie läuft zu einem kleinen Shop, der Hasan gehört. Kichererbsen für Mohammadnours Hummus gibt es heute ausreichend. Hadis Mutter muss zwar aufs Geld achten, aber dieses Grundnahrungsmittel kauft sie fast immer.

Ein typischer Ein-Raum-Laden mit den nötigsten Lebensmitteln und eine der wenigen Möglichkeiten Kleidung zu waschen (Foto: Sven Dröge)

Den Nachmittag verbringt Hannah am Handy. Wie so oft schreibt Sie über Whatsapp mit ihrer Freundin in Bielefeld. Sie verabreden sich zum Shoppen am kommenden Freitag. Hannah hat gut gespart und möchte sich endlich die neuen Birkenstocks kaufen, die jetzt jeder trägt.

Hadi spielt Fußball — Es gibt im Camp sogar einen Fußballplatz. Diese Abwechslung braucht er mehr als alles andere. Oft ist es einfach nur öde hier und Spielmöglichkeiten gibt es nicht. Ein Park mit Spielplatz und Rutschen: keine Chance in Zaatari. Der Fußballplatz liegt an der Grenze zum Camp. Den Fußweg über läuft Hadi mit seinen Freunden während sie sich eine zerbeulte Dose zukicken.

Die einzige grüne Fläche in Zaatari. Der Fußballplatz ist mit Kunstrasen ausgestattet (Foto: Sven Dröge)

Es wird langsam spät, Hannah liegt schon im Bett. Schläft schon halb. Mist, das Handy vergessen. Langsam rollt sie sich noch einmal aus dem Bett, kramt das Ladekabel aus dem Rucksack und schließt es an. *Pling* — es lädt. Wieder zurück ins Bett, endlich. Jetzt schläft sie ein.

Hadi liegt auf seiner, kaum faustbreiten Matte. Zugedeckt hat ihn seine Mutter mit einer Decke des UNHCR (Hilfswerk für Flüchtlinge der Vereinten Nationen), die hier jeder hat. Seine ältere Schwester liegt an seinem Fußende und hat bis gerade noch in einem Schulbuch gelesen. Typisch, mal wieder bis zum Abend aufgeschoben. Aber jetzt ist es zu spät, der Strom ist auf einmal weg. Nachts gibt es in der Regel keinen Strom. Auch der letzte verbliebene Luxus, ein Ventilator, wird still. Hadi schläft ein.

Über das Projekt: Im Dezember 2017 reiste unser Autor Sven Dröge nach Jordanien und war von seinem Besuch im Flüchtlingscamp Zaatari schwer beeindruckt. Aber wie ist das Leben dort eigentlich im Vergleich zu Deutschland? Zur Beantwortung dieser Frage haben wir uns eine Stadt gesucht mit genauso vielen Einwohnern wie Zaatari - nämlich Minden. Wir haben uns durch die verfügbaren Daten gewühlt und hier grafisch verarbeitet. Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Seminars des Instituts für Journalistik an der TU Dortmund.