Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt

Wir leben in einer Illusion, die wir “Realität” nennen

„Was Sie gerade jetzt sehen und hören ist nichts als ein Traum. Sie träumen genau jetzt in diesem Moment. Sie träumen, obwohl Sie wach sind.“ Mit dieser unglaublichen Mitteilung überrascht uns Don Miguel Ruiz in seinem Bestseller „Die vier Versprechen„. Ruiz beschreibt in dem uneingeschränkt empfehlenswerten Buch, wie wir seit Menschengedenken in einem „Traum“ leben, ein Traum, der aus den gesammelten Erfahrungen, Regeln, Glaubensrichtungen und Weltanschauungen unserer Vorfahren besteht. Dieser globale, kollektive Traum wird uns als Realität verkauft.

Nun ist das mit der Realität so eine Sache und das Problem mit ihr ist ja, dass es sie, die Realität, eigentlich gar nicht gibt. Wenn wir von Realität sprechen, dann meinen wir damit eine objektive Realität, die jeder andere eben auch so erkennen kann wie wir. Wir fragen deshalb auch schon mal: „Siehst Du denn die Realität nicht?“ Es gibt also angeblich etwas, dass jeder von uns (an)erkennen kann. Oder immer wieder gerne gegeben wird die Empfehlung: „Jetzt sei doch mal realistisch.“ Auch hinter diesem wohl gemeinten Rat verbirgt sich unsere Annahme, wir wüssten ziemlich genau was für den Empfänger der Botschaft richtig und gut sei.

Dummerweise ist das aber alles Unsinn. Nicht nur, dass es keine objektive Realität gibt, wir könnten sie auch gar nicht erkennen, wenn es sie denn gäbe, egal wie sehr wir uns auch anstrengen würden. Das lässt sich im Übrigen sehr einfach und wissenschaftlich haltbar nachweisen. Und den entsprechenden Versuch dazu kann jeder selbst unternehmen, der eine Videokamera mit 360-Grad-Aufnahmemöglichkeit besitzt.

Einigen wir uns für diesen Versuch darauf, dass die Realität das ist, was sich vor unseren Augen abspielt. Einerlei ob dies in unserem Wohnzimmer, an unserem Arbeitsplatz oder auf der Strasse geschieht. Suchen wir uns einen Ort aus, der für unser Experiment geeignet ist, also ein Ort, an dem idealerweise auch andere Menschen vorbeikommen, ein Ort an dem sich „Realität“ abspielt. Dort stellen wir unsere Videokamera auf und drücken die Aufnahmetaste. Dann stellen wir uns daneben und beobachten die Szenerie die unsere Kamera aufnimmt für ein paar Stunden.

Wir wären ziemlich überrascht, verglichen wir anschliessend unsere Beobachtungen mit dem Material, das die Kamera aufgezeichnet hat. Nur ganz wenige Dinge haben wir tatsächlich erfasst, das meiste komplett übersehen. Jeder der mal Zeuge eines Verkehrsunfalls geworden ist, kennt diesen Effekt zur Genüge. D.h. von der beobachtbaren Realität erfassen wir nur einen winzigen Bruchteil, vielleicht ein bis drei Prozent. Der Grund dafür ist ziemlich simpel: Die gesamte beobachtbare Realität bietet unendlich viel mehr Information an, als unser Hirn überhaupt in der Lage ist zu verarbeiten. Unser Hirn muss ausblenden und so sehen wir die Welt wie durch ein Fernglas.

Aber nicht nur unser Hirn ist limitiert. Auch andere wichtige Sinnesorgane kennen Grenzen, die uns nur einen Teil der Realität wahrnehmen lassen. Der menschliche Sehsinn etwa erfasst nur einen Bruchteil des Lichts um uns herum, nämlich ein Spektrum von Lichtwellen im Bereich zwischen etwa 4.000 bis 7.000 Ångström. Es gibt aber Licht in einem Bereich mit weniger als einem Ångström bis hin zur 1000fachen Menge. Könnten wir in den anderen Bereichen sehen, so würde die „gleiche Realität“ für uns anders aussehen.

Es kommt aber noch dicker: Die übliche Vorstellung, dass unser Gehirn Wahrnehmungsdaten von aussen angeliefert bekommt und sie dann neutral verarbeitet, stimmt nämlich nicht. Gerade Studien zur Wirkung von Hypnose belegen, dass auch der Prozess der Wahrnehmung manipulierbar ist: Das Gehirn reagiert nicht etwa anders auf den gleichen Input, es verändert den Input selbst. Das Gehirn kann zwischen dem was ist und dem was es sich vorstellt nicht mehr unterscheiden. Und dabei handelt es sich um psychische Kurzschlüsse, die sogenannte amodale Vervollständigung oder Ergänzung. Das ist der Drang unseres Gehirns, allen Dingen sofort eine Bedeutung zu verleihen. Also an dem ohnehin schon unendlich geringen Teil der beobachtbaren Realität, die wir erfassen und verarbeiten können, nehmen wir auch noch Manipulationen vor. Und diese werden noch beeinflusst abhängig davon, in welchem Kulturkreis wir aufwachsen, was wir bisher erlebt haben oder welche Vorlieben, Ängste und Überzeugungen wir haben.
Wir sind im Gefängnis unseres Geistes eingesperrt.

Und jetzt setzen wir noch eines obendrauf. Forscher haben längst entschlüsselt, dass der Mensch sogar an seinen Überzeugung festhält, selbst wenn ihm objektive Fakten vorgelegt werden, die das Gegenteil belegen. Er hält sie dann schlicht für einen Täuschungsversuch. Sehr gut beschreibt dies der Artikel “WHY FACTS DON’T CHANGE OUR MINDS”, der kürzlich im New Yorker veröffentlicht wurde.

In ihrem aktuellen Buch “The Enigma of Reason” liefern Hugo Mercier und Dan Sperber eine Antwort für dieses Phänomen. In Urzeiten, als wir Menschen noch Höhlen und Savannen bewohnten, war es überlebenswichtig, sich der Meinung seiner Gruppe anzuschliessen, quasi eine Grundvoraussetzung dafür, dass überhaupt Gemeinschaften entstehen konnten. Und als Fähigkeit ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal von Mensch und Tier.

Wozu dies nun alles führen kann und welche „praktische Bedeutung“ dies für unser Leben hat illustriert sehr schön dieses Video:

Viele Probleme auf dieser Welt wären also von einem auf den anderen Moment verschwunden, wenn wir uns immer wieder klar machen würden, dass es eben nicht diese einzige, alleingültige Realität gibt, sondern dass Realität eine Konstruktion unseres Geistes ist.

Das heisst doch aber dann, dass eine Realität so gut ist wie eine andere. Und heisst das dann nicht auch, dass es weder einen Realitätsverlust noch eine Realitätsverzerrung geben kann, einen angeblich zu beobachtenden Effekt, den wir nur als solchen bezeichnen, weil der andere nicht die gleiche „Realität“ mit uns teilt?

Wenn wir uns dieses eingestehen, dann folgen daraus jedoch weitere ungeahnte neue Möglichkeiten. Wir müssen eine scheinbare „Realität“ nicht mehr als gegeben hinnehmen, sondern das was wir erleben und interpretieren kann unsere eigene Schöpfung sein. Vielleicht habe ich jetzt den einen oder anderen von Ihnen „verloren“ und Sie werden sich fragen, was das alles soll, wie das zu verstehen sei und vor allem, was dies mit Ihnen zu tun hat. Nun, dann versuche ich jetzt, den praktischen Bezug herzustellen.

Seit unserer Geburt sind wir auf eine vermeintliche Realität, den kollektiven Traum, eingeschworen worden. Unsere Eltern, Großeltern und später unsere Lehrer, aber auch Freunde, Kollegen und andere Mitmenschen haben viel Energie darauf verwendet, uns verständlich zu machen, wie wir die Realität zu sehen haben, was die Dinge bedeuten, wie unser Verhalten zu bewerten sei und so weiter. Nichts davon ist jedoch unsere eigene Beobachtung der „Realität“, sondern es ist immer die Meinung (Realität) der anderen. Trotzdem gaben wir uns die allergrößte Mühe, dieser aufoktroyierten Realitätsbeschreibung zu entsprechen: wir versuchten uns erwartungsgemäß zu verhalten und beugten uns den fremden Urteilen. Allmählich übernahmen wir ein fremdes Realitätsbild als unser eigenes und wenn dieses beispielsweise sagte, wir seien nicht fähig eine bestimmte Sache zu tun oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen, dann glauben wir das irgendwann auch. Und unsere Realität formte sich danach.

Stellen wir uns etwa einen Schüler vor, der die Hälfte der Vokabeln einer Fremdsprache beherrscht. Wenn der Lehrer bei einem Test die nicht beherrschte Hälfte abfragt, bekommt der Schüler eine sechs und es entsteht der Eindruck, er kann die Fremdsprache nicht. Fragt der Lehrer dagegen die andere Hälfte ab, erhält der Schüler die Note eins, denn in der Wahrnehmung des Lehrers beherrscht er die Fremdsprache. So relativ ist die Wirklichkeit. Das Problem in diesem Fall wäre jedoch, dass der Schüler es ebenfalls glaubt, obwohl es objektiv betrachtet nicht richtig ist.

Erkennen wir aber, dass die Realität von der andere sprechen nicht unsere Realität ist, sind wir frei von den Beurteilungen durch andere, weil wir diese nur noch als deren Sichtweisen sehen, aber nicht mehr als „objektive Wahrheit“. Vielmehr haben wir die Möglichkeit, den Dingen eine neue bzw. andere Bedeutung zu geben (der Psychologe sagt „Reframing“ dazu) und schon ändert sich die Realität. Wir können also den Traum, bzw. die Illusion in der wir leben, umdeuten. Alles was ich mir vorstellen kann, kann ich auch sein. Und eine Sache ist sowohl richtig als auch falsch, je nachdem in welcher Realität ich mich gerade befinde. In der einen Realität mag sie ein Problem sein, in der anderen ist sie es eben nicht.

Denn wie schon der römische Kaiser Mark Aurel vor fast 2000 Jahren sagte: „Das Universum ist Veränderung. Aber unser Leben ist das, was unsere Gedanken daraus machen.“

Show your support

Clapping shows how much you appreciated Marc Frey’s story.