1. Gespräch: Übernimm die volle Verantwortung für Dein Leben und Deine Gefühle

Thomas Hübl und Stephan Breidenbach beim Gespräch in La Haute Carpenée, Südfrankreich

Stephan Breidenbach (SB): Lass uns zum Auftakt unserer Gesprächsreihe über Selbstverantwortung reden. Du sagst gelegentlich in Nebensätzen, es gibt keine schlechte Energie, es gibt keinen schlechten Menschen, es gibt keine schlechten Chefs. Sondern wir sind selbst für uns und unsere Gefühle verantwortlich. Das finde ich ein sehr schönes Alltagsthema. Und es scheint zunächsts einmal kontraintuitiv zu sein.

Wenn sich Menschen bei Dir beklagen, das Leben behandele sie schlecht, verweist Du sie darauf, dass nicht das Leben schlecht ist, sondern dass es darauf ankommt, was sie mit ihrem Leben genau machen. Soweit ich deinen mystischen Standpunkt verstanden habe, heißt Selbstverantwortung in allererster Linie, auf uns selbst zu schauen. Uns und unsere Gefühle, unser Verhältnis zur Welt wahrzunehmen. Unsere Art und Weise des Umgangs mit der Welt, der ja auch unserer Selbstwahrnehmung folgt, ebenfalls wahrzunehmen und daraus für uns selbst erst einmal Schluüsse zu ziehen, bevor wir über andere urteilen.

Thomas Hübl (TH): Ja, das trifft es. Selbstverantwortung zu übernehmen bedeutet, dass wir erwachsen sind, erwachsen handeln. Erwachsensein bedeutet, Verantwortung für unsere eigenen Gefühle zu übernehmen, seltener unsere Gefühle auf andere zu projizieren — im gesunden Fall. Es bedeutet wir haben gelernt, unsere Gefühle, unser Denken, unser Handeln und das, was uns im Leben widerfährt, in einer selbstverantwortlichen Weise hinzunehmen: Zunächst halte ich inne, um zu schauen, welchen Schluss ich daraus ziehen könnte. Ich frage mich was diese Erkenntnis für meine nächste Aktion, für mein nächstes Wort, für mein nächstes In–Beziehung–Treten mit der Welt bedeuten könnte.

Menschen, die sich beschweren, bewegen sich nicht. Menschen die sich bewegen, beschweren sich nicht.

Viele Menschen fangen einfach an, sich sofort über das Leben zu beschweren. Das Antidot gegen Beschwerde aber ist die Selbstverantwortung. Menschen, die sich beschweren, bewegen sich nicht, und Menschen, die sich bewegen, beschweren sich nicht. Wenn wir uns über das Leben beschweren, heißt das, dass wir einen versteckten Widerstand gegen das spüren, was in unserem Leben gerade passiert — oder nicht mal einen versteckten, durch die Beschwerde wird er offensichtlich. — Einen Widerstand gegen uns selbst, wer wir sind, wie wir in der Beziehung mit der Welt sind, wie unser Leben aussieht. Aber durch Beschweren kann man sich nicht weiter entwickeln. Man kann sich nur weiter entwickeln, wenn man einsieht, dass man sich gerade beschwert statt sich zu bewegen: Wenn ich einsehe, dass ich gerade einen Widerstand gegen meine Erfahrung aufbaue, lasse ich mich schon auf mich selbst ein. Auch wenn es unkomfortabel wird mir einzugestehen, dass meine Entwicklung im Prinzip die letzten zehn Jahre stagnierte. Dass es leichter ist, sich über Politiker, Umstande, Partner usw. zu beschweren, anstatt selbst einen Schritt zu gehen. Und aus diesem Annehmen und wirklichen Hinschauen entsteht ein neuer Impuls, ein Impuls, der neue Bewegungen induzieren kann. So nehme ich Selbstverantwortung wahr.

SB: Annehmen und Hinschauen meint ja: Wir sollten eine Situation, über die wir uns vielleicht beschweren möchten, beinhalten. Lass uns mit diesem Thema anfangen und anschließend zu dem anderen Punkt kommen, nämlich dass — wie du gesagt hast — Beschwerden eine Art Widerstand gegen die Wirklichkeit ausdrücken.

Was heißt es denn ganz konkret, eine Situation zu beinhalten? Wenn ich mich beschwere, sieht sie ja so aus: Ich stehe jetzt da und habe erst einmal ein schlechtes Gefühl. Ich nehme etwas wahr und daraus entsteht in mir sofort eine Beschwerde. Die könnte zum Beispiel heißen: Du bist schuld, du verbaust mir eine Chance. Du störst in meinem Leben … Du. Damit weise ich ja gleichzeitig weg von mir. Was genau wäre jetzt der Schritt des Beinhaltens?

Wo ist der Notausgang?

TH: Beinhalten heißt, dass ich zunächst einmal gewillt bin, mich sowohl gut als auch nicht gut zu fühlen, weil mich das Leben mit beiden Zuständen konfrontieren wird. Wenn ich aber immer wieder versuche, das Unkomfortable von mir wegzuhalten, dann werde ich immer in einen Raum, in eine Situation kommen, in der ich das Exit Schild suche. Da kann ich im Notfall raus, wenn es unkomfortabel wird. Und so bin ich die ganze Zeit mit dem Suchen von Exit–Schildern beschäftigt und nicht mit dem, was passiert.

So verhalte ich mich, wenn ich nicht gewillt bin, den unkomfortablen Teil meines Lebens erst einmal anzunehmen: dass sich mein Partner in einer Weise verhält, die mir nicht angenehm ist; dass mein Chef sich in einer Weise verhält, die mir nicht angenehm ist; dass Leute einfach so sind, wie sie sind. Ich muss also einen Weg finden, meinen Komfort und meinen Diskomfort irgendwie in Beziehung zueinander zu setzen, und nicht meinen Diskomfort immer von außen abhängig zu machen. Das ist der erste Schritt.

Der zweite Schritt ist, dass wir emotional erwachsen werden müssen. Als Kind hängt viel, was wir innen spüren, von außen ab. Aber erwachsen werden bedeutet, dass ich meine Gefühle beinhalten kann. Ich kann sie gesund wahrnehmen und muss mich nicht innerlich von der Welt abwenden, um meiner selbst sicher zu bleiben. Als Erwachsener kann ich mich auch mit großem Schmerz, großer Trauer, großem Ärger, großer Eifersucht mit der Welt in Beziehung setzen. Trenne ich mich — etwa aus Angst — von meinen Gefühlen, dann trenne ich mich auch …

SB: … von einem Teil der Welt.

TH: … dann fühle ich mich plötzlich innerlich isoliert und sage mir: Ich bin isoliert, weil mich keiner mag. Ich fühle mich aber deshalb isoliert, weil ich vorher gar nicht erst fühlen wollte, wie es mir wohl ginge, wenn mich keiner mag - das ist der Grund. Die Welt ist auch nicht dafür da, dass sie uns mag oder nicht mag. Das sind alles kindliche Anforderungen an die Welt, an den Partner, an den Chef. Das wird die Welt nie erfüllen können. Solange ich das nicht verstehe, werde ich immer in Verzweiflung leben.

SB: Das Beinhalten bedeutet also: Ich öffne mich für das Gefühl, was ohnehin da ist, ohne es abzuschneiden — und beinhalte somit auch das Stück Realität, das mit ihm verbunden ist.

TH: Ja. Ich beinhalte, was Außen ist, und dass das Außen in mir einen Knopf drückt, der bewirkt das es mir so geht, wie es mir gerade geht. Ich beinhalte das »Auf den Knopf drücken«, das »Wie es mir geht« und meine Antwort, die daraus erwächst. So verstanden, kann ich mich dann gesund mit der Welt in Beziehung setzen. Ich kann sagen: »Nein, ich möchte das jetzt nicht.« oder »Ja, ich brauche das.« So habe ich mich eine Erfahrung machen lassen ohne sie von mir fernzuhalten. Halte ich sie jedoch von mir weg, isoliere ich mich selbst, erreiche nicht mehr das Handlungsspektrum, das meinem Potenzial entspräche, sondern reduziere mich selbst auf ein niedrigeres Niveau.

Thomas Hübl

Widerstand erzeugt Leiden

SB: Und damit erklärt sich auch, was du über Resistenz gegenüber der Wirklichkeit gesagt hast. In dem Moment, in dem ich sie beinhalte, gibt es keine Resistenz mehr, sondern der Moment ist bei mir, ist da.

TH: Dann ist das Leiden, wie soll man sagen…

SB: …da wo es hingehört: bei mir.

TH: Dann ist das Leiden im Prinzip ausgeschaltet. In dem Augenblick, in dem ich die Welt nicht mehr fernhalte und meine Gefühle annehme, bin ich sehr intensiv verbunden mit dem, was gerade ist - ohne zu leiden. Die Vorstellung vom Paradies als Endzeitpunkt verkörpert die höchste Form der Leidensvermeidung. Im Paradies, so stelle ich mir vor, gibt es keine Spannungen mehr. Aber das Leben beinhaltet nun mal Spannungen! Weil wir uns einfach immer weiter entwickeln. Und wenn ich mit Spannung in einer kreativen Weise umgehen kann, dann leide ich nicht unter ihr. Mein Leiden ist Widerstand: gegen Spannungen, gegen Trauer, gegen Angst. Das Leiden - nicht das Gefühl - verursacht Reibung. Das Gefühl ist ein Teil von mir, der sich halt intensiv bemerkbar macht. Aber deswegen sind wir ja lebendig!

SB: Das Leiden ist also ein Urteil des Verstandes, über eine Situation, die anders ist, als eine, in der ich mich wohlfühle.

TH: Ja, aber nicht nur das Urteil. Es kann ja durchaus auch reell sein, dass ich mich mit etwas nicht wohlfühle, ich etwas »nicht haben will«. Leiden entsteht auch weil ich die Situation als solche ablehne. Beides hat wahrscheinlich Wurzeln in meiner Vergangenheit. Ich projiziere dann meine Vergangenheit auf die Situation - also sehe nicht nur das, was ich gerade erfahre, sondern auch das, was sie in mir anklingen lässt. Und damit habe ich nicht die Welt, wie sie jetzt gerade ist, sondern sehe eine Welt, wie
sie jetzt gerade ist, plus eine Einspielung von vor, sagen wir, dreißig Jahren.

Dadurch verstärken sich all die Angst, die Trauer, der Ärger, die Frustrationen all dieser Situationen noch einmal. Dann sehe ich nicht mehr einfach meinen Partner oder meinen Chef vor mir, sondern ich sehe plötzlich meinen Partner mit 20 Jahren Geschichte. Da ist es schwierig,
klar zu bleiben, weil wir förmlich überflutet werden. Die einzige Weise, hier verantwortlicher zu werden, ist, das Beinhalten zu lernen, das bewusste Erfahren zu lernen; bewusst zu sehen, was ich nicht erfahren möchte, und mich solchen Situationen immer mehr hinzugeben und auszusetzen. So lerne ich, kreativ in Bewegung zu bleiben, anstatt mich in einer Ich–Kontraktion zu fixieren. Kontraktion ist Vermeidung.

“Es ist meine Entscheidung, ob ich ein Opfer sein werde”

SB: Es gibt ein berühmtes Buch von Viktor E. Frankl: … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Da sagt Viktor E. Frankl sinngemäß: »Selbst in der extremsten Situation, in der jemand versucht, mich zum Opfer zu machen, ist es meine Entscheidung, ob ich ein Opfer sein werde.« Und weiter: »Was also ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was er ist.«

TH: Genau, das ist sehr weise.

SB: Offensichtlich beziehst Du Dich in letzter Konsequenz darauf: Ich entscheide mich in der Situation, wie ich zu dieser Situation stehe. Ein erster Schritt wäre: Ich nehme mich selbst wahr, meine Gefühle und alles andere. Was gleichzeitig bedeutet, dass ich das alles beinhalte und keinen Widerstand dagegen entwickle. Und der zweite Schritt wäre, dass ich keine kognitiven Filter anwendete. Nicht sage: »Das ist eben meine Geschichte, und die wiederholt sich nun mal« oder »Das ist die Welt, die sich gegen mich wendet.« Sondern Urteile oder Aussagen vermeide, die versuchen der Situation einen Kontext zu geben, der sie mir als Leiden erscheinen lässt. Stattdessen lasse ich mir diese Situation erst einmal bewusst werden.

TH: Situationen triggern in mir oft sehr intensive Gefühle. Wenn ich nun ein Mensch wäre, der während seiner Entwicklungsgeschichte nicht gelernt hat, sich mit Gefühlen gesund auf die Welt zu beziehen, der stattdessen gelernt hat, dass Aggressionen immer mit Schmerz verbunden sind, z.B. weil sein Vater ihn verprügelt hat, oder der, sobald er mit einem ganz tiefen Liebesimpuls in die Welt trat, oft abgelehnt wurde - dann würde ich jedes Mal, wenn dieser Liebesimpuls naht, ihn sofort mit Ablehnung verbinden. So beziehe ich mich natürlich in einer gewissen Weise auf eine Welt, die schon verbogen ist, die nicht meinem Potenzial entspricht. Hier muss ich etwas nachlernen: Ich könnte mich beschweren, dass mich mein Vater geschlagen hat. Das wäre nicht sinnvoll. Ich könnte stattdessen lernen, die Gefühle anzunehmen, die sein Verhalten in mir ausgelöst hat und immer noch auslöst, und lernen, darüber hinaus zu wachsen. Das wäre Selbstverantwortung.

Je wacher ich in meinem Leben werde, desto weniger kann ich es mir leisten, dich in deinem Opferdasein zu unterstützen.

Es gibt Menschen, die beschweren sich, in eine arme Familie geboren zu sein, was alle möglichen traumatisierenden Erfahrungen hervorgebracht hat. Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, die lassen sich auf diese frühen Gefühle der Anklage, der Schuldzuweisung usw. ein, um sie zu verarbeiten. Sie wachsen darüber hinaus und fangen an, ihr Leben wirklich in die eigene Hand zu nehmen. Viktor Frankl hat mit seinen Erfahrungen gezeigt, dass auch in einer extremen Situation eine große Seele hervortreten kann, in einer Weise, die transformatorisch, erleuchtend, inspirierend ist. Er zeigt, dass es möglich ist, da durch zu gehen und trotzdem noch ein offener Mensch zu sein, statt den Rest des Lebens in Verschlossenheit und in Verzweiflung zu verbringen. Jede Verschlossenheit ist Isolation und erfordert Kompensationsmechanismen, diese Isolation zu überwinden. Viele Menschen überwinden sie durch Schuldzuweisung, durch Sich–als–Opfer–fühlen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir selbst in uns - aber später auch in anderen - diese Mechanismen nicht unterstützen. Je wacher ich in meinem Leben werde, desto weniger kann ich es mir leisten, dich in deinem Opferdasein zu unterstützen. Denn jedes Mal trage ich damit zu deiner Misere bei. Und deswegen heißt »Erwachen in Beziehung« auch, dass wir immer weniger und weniger und weniger von diesen Unverantwortlichkeiten gelten lassen. Das ist nicht immer leicht, weil es vielleicht Konflikte mit sich bringen wird. Menschen werden sich von uns abwenden und sagen: »Du verstehst mich nicht, und ich hätte gerne mehr Zuspruch« Ja, aber so ein Zuspruch ist falsch verstandene Unterstützung. Sie lässt Menschen eine kleinere Version ihrer selbst bleiben. Das ist keine Liebe, sondern stärkt das Leid. Dieses Sympathisieren mit dem Leid wird oft mit Mitgefühl verwechselt. Klares Mitgefühl ist nicht, Menschen in dem zu unterstützen, was für sie ungesund ist.

Daraus erwächst ein Erwachensimperativ: Wenn wir wirklich eine wache Kultur wollen, dann dürfen wir immer weniger und weniger das Leben darin unterstützen, den scheinbaren Vorteil des Verbogenseins weiterzuführen. Das ist nicht nur eine Möglichkeit, sondern das wird von uns als verantwortlichen, erwachsenen Menschen gefordert.

Stephan Breidenbach

SB: Wenn ich jetzt noch einmal auf die Situation des Opfers zurückkomme, im Konzentrationslager oder auch in weniger extremen Situationen, in der eigentlich die Welt klar ist: Die einen sind Täter und die anderen sind Opfer. Dann kann ich immer noch entscheiden, ob ich die Opferrolle annehme, ob ich diese Zuweisung an mein Außen auch für mich selbst vornehme. Dieses »Ich bin ein Opfer« ist eine Zuweisung an das Außen, die jemand anderes zum Täter macht. Und obwohl aus einer dritten Perspektive die einen Täter sind und bleiben, ist es immer noch meine Entscheidung zu sagen, ich übernehme Verantwortung für meine Situation, ich bin mit mir, meinem Schmerz, meinen Gefühlen. So wie Viktor Frankl das gesagt hat: Es bleibt immer noch ein Rest, in dem ich Mensch sein kann.

TH: Da gibt es nichts hinzuzufügen. Das ist die höchste Kunst des Menschseins. Die Mystik würde sagen, es gibt keine Opfer und Täter, sondern es gibt Zusammenhänge, die sich miteinander erfüllen. Wenn wir im Opfer- bzw. Tätermodus bleiben, dann nehmen wir uns die Chance zur eigenen Entwicklung. Die Chance zur Entwicklung aus so einer Situation heraus - auch wenn das jetzt sehr konfrontativ gegenüber vielen Wertesystemen ist - gibt nur ihre radikale Durchleuchtung.

Wenn ich an einer belastenden Situation beteiligt bin, dann hat deren Schwere auf einer tieferen Ebene energetisch etwas mit mir zu tun. Um eine Situation als belastend, beschwerend zu erfahren, braucht es eine energetische Prädisposition. Selbstverständlich verbietet sich hier die geradezu schwachsinnige Interpretation dieses Satzes, dass dann ja eine vergewaltigte Frau selbst Schuld sei, weil energetisch prädisponiert. Vielmehr ist gemeint: Durch ein radikales Zu sich nehmen kann sie die transformative Kraft entwickeln, ihrem Außen nicht die Opferrolle zuzuweisen, in der sie, aus dritter Perspektive gesehen, ist. Wir würden uns viel schneller entwickeln, wenn wir diese Radikalität noch tiefer in uns eindringen ließen.

Alles was ich mache, hat energetische Konsequenzen

In letzter Konsequenz bedeutet das radikale Durchleuchten aller Zusammenhänge auch, dass nicht ein Gott über uns thront, der jetzt irgendwie nichts Besseres zu tun hat als die Menschen dafür zu bestrafen, dass sie nicht gut oder gar schlecht sind, sondern dass mein nicht gutes oder gar schlechtes Verhalten energetische Konsequenzen hat. Was ich tue, wie ich mich verhalte, wie ich spreche, wie ich in der Welt bin - das alles
hat energetische Konsequenzen. Wenn ich also authentisch bin, dann werde ich mich mehr im Einklang mit mir selbst fühlen. Wenn ich aber gelernt habe, meine Authentizität für etwas anderes in meiner Entwicklung aufzugeben, dann stelle ich mich mein ganzes Leben lang in die Spannung zwischen dem Anderen und meinem Selbst, meinem Potenzial und dem Auf- oder Abgeben von Verantwortung. Die ultimative Version des Abgebens von Verantwortung ist ein Gott in der Weise, wie er traditionell interpretiert wird.

SB: Hier scheinen ja jetzt zwei Konsequenzen auf: die eine betrifft mich selbst, nämlich meinem Potenzial nicht im Wege zu stehen, es nicht wegsperren, resistent dagegen zu werden, die Wirklichkeit nicht hineinzulassen usw. Und die zweite ist, dass ich Andere nicht in diesem gleichen Denken, Handeln und Fühlen unterstütze. Also wenn jemand zu mir kommt und sich über irgendetwas beschwert — die Welt, die Täter, die Familie, die Opfersituation in der Beziehung — dann ist es meine Aufgabe, ihn oder sie genauso stark auf ihre Selbstverantwortung zurückzuverweisen.

TH: Absolut, und wenn du authentisch und wacher in dir lebst, kannst du gar nicht anders, weil du in dir selbst spüren wirst, dass alles andere …

SB: … nicht authentisch ist. Wie genau könnte das nun aussehen? Wenn jetzt jemand zu mir kommt und sagt: »In meiner Partnerschaft erlebe ich nur Kälte, meine Frau behandelt mich schlecht bzw. mein Mann schlägt mich«.– Was wäre die Botschaft? Wie formuliere ich sie, ohne den Anderen vor den Kopf zu stoßen?

TH: Die Sache ist, dass die Frage »Wie formuliere ich sie, dass ich den Anderen nicht vor den Kopf stoße?« schon so angelegt ist, dass sie im Prinzip genau dieses falsch verstandene Mitleid unterstützt.

SB: Das habe ich auch gerade gemerkt.

TH: An diesem Punkt würden jetzt viele diese Frage stellen, und diese Frage enthält schon eine Antwort.

SB: Dass ich jemanden vor den Kopf stoße könnte. Und das verhindert schon Radikalität.

TH: Erstens das, und zweitens verweist diese Frage genau in diese Konzeptualisierung der Wirklichkeit, in der viele Menschen sich scheuen, sich mit all den Konsequenzen, die Beziehungen als waches Instrument brauchen, die uns ganz fordern, Augenblick für Augenblick, zu beziehen. In so ein Konzept passt natürlich gerne ein Satz wie: Okay, wenn Situation A passiert, dann machst du das, das und das und damit wird sie sich einigermaßen gut auflösen. Und deswegen finde ich super, dass die Frage jetzt kommt, weil viele, viele Menschen sie stellen: Situation A ist passiert, wie mach ich denn das nun alles richtig? Aber Authentizität kann man nicht machen, sondern Authentizität kann man nur verinnerlichen und so immer mehr leben. Dann wird es wahrscheinlich einen 360° Radius geben, wie man sich auf Situation A beziehen könnte, und das Richtige entsteht dann
als Wahrhaftigkeit gerade im Augenblick. Wenn ich da schon mit einem Konzept reingehe, laufe ich Gefahr, dass ich mich nicht mehr authentisch auf die Situation beziehe, weil ich ja schon mit einem Schild hineingehe, auf dem steht, was ich sagen sollte. Aber nun stell dir vor, da kommt noch jemand anderes und dann klingt mein Spruch blöd … Aber das ist nur die eine Seite.

Lieber gebe ich anderen die Schuld, als mich verändern zu müssen

Die andere Seite ist, dass wir Menschen, die mit einer Beschwerde zu uns kommen, auf das zurückführen, was sie in sich gerade vermeiden zu fühlen, indem sie es als Beschwerde sagen. Was diese Menschen sagen ist nämlich im Grunde: Es ist für mich leichter, meiner Umwelt die Verantwortung für meinen Schmerz zuzuschreiben, als mich meiner Angst vor Veränderung zu stellen. Denn es macht mir Angst, wenn ich an Veränderung denke, weil mich mein Mann schlägt, weil meine Frau kalt zu mir ist, weil weil weil… Diese Verlagerung nach außen ist immer der verzweifelte Versuch, Ich zu bleiben, mein Ich nicht verändern zu müssen; der verzweifelte Versuch, einen quasi magischen Grund zu finden, warum sich die Welt um mich herum verändert, und nicht mein Ich. Das ist eine kindliche Haltung. Als erwachsener Mensch muss ich partizipieren, selbst etwas verändern. Niemand wird es statt meiner machen. Ich muss bereit sein, radikal zu fragen: Ich bin in einer bestimmten Situation; was macht das mit mir, dass meiner Erfahrung nach meine Partnerin kalt ist? Wie geht es mir damit, lass ich mich darauf wirklich ein? Was bedeutet es, jetzt Schritte zu gehen, und was lösen sie in mir aus? Ich würde einen Menschen reflektieren und unterstützen, zu sich selbst zurückzukehren und eine Bewegung zu der Situation in sich selbst zu finden.

SB: Die sogenannte gewaltfreie Kommunikation sagt in ihrem Kern etwas Ähnliches: Wenn sich jemand mit einer Beschwerde an dich wendet, dann führe ihn oder sie erst einmal darauf zurück, was hinter dieser Beschwerde steckt. Also hinter dem Du steckt ein Ich und dieses Ich hat Wünsche und Bedürfnisse. Und dieses Bedürfnis, das sich als Beschwerde meldet, weil es nicht befriedigt ist, muss erst einmal gesehen und anerkannt werden. Der Beschwerer lernt zu sagen: So ist es bei mir. ich wünsche mir, ich habe das Bedürfnis, ich möchte gerne …

TH: Von da aus kann es dann zwei Wege geben. Entweder bewirkt die authentische Mitteilung meines Selbst, dass ich und meine Partnerin uns gemeinsam verändern. Oder ich werde irgendwann realisieren, dass meine Entwicklung und die Entwicklung meiner Partnerin ab einer gewissen, nennen wir es Nichtkompatibilität, einfach eine Veränderung brauchen, die eine andere Form von Beziehung oder Partnerschaft erfordert. Und das wirft mich wieder zurück auf die Verantwortung für meine eigene Evolution.

Evolution ist ein co–kreativer Prozess, der meine Beteiligung braucht. Wenn ich in der Welt lebe, dann muss ich mich beteiligen, weil jede Form von Nichtbeteiligung oder unterlassener Beteiligung zu Schmerz und zu Spannung wird. Der Schmerz entsteht dort, wo ich mich nicht meinem Potenzial gemäß am Leben beteilige. Wo ich einen Impuls in mir unterdrücke oder nicht spüre. Das ist der Unterschied zwischen: »Ich
wache am Morgen auf, habe ein Ja und bin glücklich da, wo ich bin, in schwierigen und in leichten Zeiten« oder ich sage »Ich lebe mein Leben nicht, ich fahre neben der Spur.« Wenn ich aufwache und sage, ich fahre neben der Spur, dann bin ich total gefragt herauszufinden, wo denn meine Spur ist und wie ich meinen Zug wieder auf die Spur bringe. Das kann niemand für mich machen.

SB: Und damit bin ich wieder in meinem co–kreativen Prozess mit der Welt.

TH: Das ist die Selbstverantwortung, die ich meine. Dann weißt du, dass die Welt sich bewegt, aber dass auch du dich bewegen musst. Es ist ein co–kreativer Prozess.

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