2. Gespräch: Mach Dein Gegenüber in jedem Moment zum Hauptdarsteller in Deinem Film

Stephan Breidenbach und Thomas Hübl im Gespräch in Kopenhagen

Stephan Breidenbach (SB): Du hast in unserem letzten Gespräch gesagt, dass es im Kontakt mit jemandem, der sich über die Welt beschwert, auf meine authentische Haltung und Bewegung ankommt. In diesem Moment ist Beziehung die Hauptsache. Aus ihr ergibt sich alles. Das scheint eine weitere mystische Alltagsregel zu sein: Nimm sie ernst, diese in diesem Moment vorhandene Beziehung, und stelle sie an erste Stelle. Mach dein Gegenüber zum Hauptdarsteller in deinem Film.

Thomas Hübl (TB): Dass ein ICH Verantwortung für sich selbst übernimmt, reicht nicht mehr; die Verantwortung, sich selbst zu sehen — im Moment einer Kommunikation, in einer Bezogenheit — reicht in der nächsten Evolutionsstufe der Menschheit allein nicht mehr. Mich selbst wahrzunehmen, ist nur Teil der Kommunikation — auch wenn das schon allein ein großer Entwicklungsschritt für viele Menschen wäre.

Den Raum zwischen uns wahrzunehmen, dich selbst wahrzunehmen und auch das, was du hörst, was in dir passiert, wie du dich gerade in diesem Augenblick fühlst — dieser expandierte Bezogenheitsraum ist Teil der Aufgabe, die Faulheit im »Sich beziehen« zu überwinden. Dieser Raum gibt dir Wirklichkeit! Du kannst so jeden Augenblick frisch sein!

Wenn ich mich wirklich auf dich beziehe, dann sehe ich jede kleine Nuance in dir, dann sehe ich jede kleine Bewegung, jede Veränderung, wie in einem Tanz. Dann ist Beziehung wie ein Tanz, wie eine Kunst, die man bis zur Meisterschaft treiben kann. Es ist ein Tanz zwischen zwei Menschen oder auch zwischen vielen Menschen.

Mein authentischer Teil, in dem ich mich Augenblick für Augenblick für Augenblick erlebe und in Beziehung setze, weiß ganz genau, was in dir authentisch ist und was nicht. Je mehr ich im Augenblick ruhe, desto mehr weiß ich auch, ob du in ihm ruhst. In uns wirkt ein Sender dafür, eine Intelligenz, die um unsere Verbundenheit weiß. Als ob ich über meine Internetverbindung in deinen Computer schauen kann und du kannst über deine Internetverbindung auf meinen Desktop schauen. Wir wissen immer, was auf dem jeweils anderen Desktop passiert.

Erlebe Dich, Dein Gegenüber und den Raum zwischen euch

SB: Der Mensch, der sich für Selbstverantwortung entschieden hat, ist also nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern er ist mit verantwortlich den Raum des Gegenübers einzubeziehen. Er schätzt die Beziehung wert, die in diesem Moment entsteht.

TH: Ja. Das ist die nächste Form von Selbstverantwortung: dass ich dich mit deiner ganzen Erfahrung in unseren gemeinsamen Moment einbeziehe.

Die frühere Form — also die Individualisierungsform, die Ego–Form der Selbstverantwortung — ist, dass ich zumindest weiß, was in mir abgeht, während ich mit dir spreche. Das Update davon, wenn wir der neueren Bewusstseinsforschung folgen, ist, dass ich dich oder eine ganze Gruppe, vor der ich stehe, mit beinhalten kann. Augenblick für Augenblick für Augenblick. Dann wundert es mich nicht mehr, warum du ablehnend schaust. Warum du so oder so reagierst, was du hörst und was du nicht hörst. Und vor allem spreche ich nicht mehr zu dir, wenn du mir energetisch sagst: Nein, bitte nicht ansprechen.

SB: Und das nennen wir dann Beziehung.

TH: Genau, das ist eine erwachsene Form von Beziehung, denn sie wächst über meinen Ich–Radius hinaus.

SB: Nachdem ich gelernt habe »Ich bin für mich selbst verantwortlich«, übernehme ich jetzt auch Verantwortung für meine Beziehung, die ich mit jedwedem Gegenüber eingehe, um sie jeden Moment authentisch erleben zu können. Das schließt den Satz »Das habe ich jetzt schon fünfmal gehört« aus. Denn ich höre ihn immer hier und jetzt wie zum ersten Mal.

TH: Genau. Egal wie oft du etwas schon gehört hast, egal wie viele Jahre du in Therapie warst, egal wie oft du deine Partnerin schon gesehen hast — du siehst sie jetzt, in diesem gemeinsamen Moment, zum ersten Mal.

SB: Es ist JETZT. Ein Moment, in den ich mein Gegenüber ganz einbeziehe — mit allen Erfahrungen und doch ohne Vorbedingungen — und das gibt der Beziehung in diesem Moment ihre Authentizität.

Zwei Gewohnheiten treffen sich auf einer Party …

TH: Das ist wahrhaftige Bezogenheit! Wenn ich nicht mehr durch die Brille deiner Vergangenheit auf dich schaue, sondern ich mich wirklich darauf einlasse herauszufinden, wer du gerade jetzt bist. Und wenn dir das Gleiche mit mir gelingt, so ist das unser gemeinsames Commitment. Dann sind wir einander nicht wie internalisierte Gewohnheiten: Ich habe den Stephan internalisiert und du den Thomas, und was sich begegnet, sind diese zwei inneren Bilder, die sich nicht mehr wirklich treffen, weil jeder auf ein Bild schaut, ohne dass es aktuell ist.

Als sähe ich ein eingefrorenes Skype–Bild und du sähest ein eingefrorenes Skype–Bild — und wir glauben, dass sie zueinander sprächen.

SB: Als ob sich auf einer Party zwei Gewohnheiten träfen, die eigentlich schon vorab wissen, was sie einander sagen werden.

Wenn ich dieses Muster durchbreche, dann bin ich jedoch in einer wirklichen Beziehung — ich bin in diesem Moment! Dann bist du mein Hauptdarsteller und ich vielleicht deiner, wenn du das Gleiche schaffst. Wir schaffen uns die Chance, unsere Co–Kreation ein Stück weiter treiben, überhaupt etwas Neues entstehen lassen zu können.

TH: Ja. So lernen wir den Mechanismus unseres Gehirns zu überbrücken, der die Welt in Teilchen einfriert, so dass in einer Partnerschaft der Ehemann die Gewohnheit der Ehefrau wird und umgekehrt. Und dadurch, dass sich beide Partner in ihren Gehirnen so vernetzt haben, dass sie dort kaum noch von ihrem Selbst zu unterscheiden sind, ist es auch ganz schwer, ihre Beziehung zurück in Bewegung zu bringen. Sie sind ja schon
 eingefrorene Bilder.

So wird jedes Mal, wenn sich einer der Partner in der Beziehung verändern möchte, der andere aufschreien, weil sich dessen Selbstgefühl mit verändern müsste. Dies ist natürlich nicht gerade der beste Schlüssel für eine gelungene Evolution der Beziehung, sondern im Gegenteil die beste Arbeitsgrundlage für einen Scheidungsrichter. Und deswegen ist Beweglichkeit in der Beziehung alles: Ich muss verstehen, dass Beziehungen dynamische, sich immerwährend verändernde Gebilde sind. Es wird im Leben nie ein Sofa geben, auf das ich mich endlich niederlassen und sagen kann: »So ist er, so ist sie, so ist die Welt.« Ich muss mich jeden Augenblick aufs Neue in Beziehung begeben.

Und das bedeutet: wach sein. Wach sein wiederum heißt, dass ich mich nicht auf der Vergangenheit niederlassen kann, zu faul, mich jeden Moment neu auf die Welt zu beziehen. Wenn ich das erst einmal verstanden und tief in meiner Seele verinnerlicht habe, dann werde ich zu einem Menschen, der diese Wachheit beginnt auszustrahlen. Ich werde ein spontaner, erfrischender, nicht berechenbarer, kreativer, inspirierter Teil des Universums, der sich jeden Augenblick freiwillig verändert und dadurch auch die freiwillige Veränderung seiner Umgebung zulässt. Ein Mensch, der nicht permanent mit den Verträgen der Vergangenheit kommt und sich beschwert, dass andere Menschen sich weiterentwickeln und er sich selbst nicht.

SB: Als du das gerade gesagt hast, hatte ich so das Gefühl: Wenn man sich darin fallen lässt, dann hat der ganze Kosmos die Chance, durch einen hindurchzugehen.

TH: Sehr schön.

SB: Wenn also die Kumulation der Gewohnheiten dafür sorgt, dass wir so feste, eingefrorene Bilder im Kopf haben, dass wir gar nichts anderes mehr sehen können, dann wird es einige Zeit dauern, diese Bilder aufzulösen. Dummerweise zeigen mir meine Bilder die Ergebnisse von 10 Jahren Gewohnheit. Was kann ich nun tun, um das Auflösen zu beschleunigen? Noch mehr da sein?

Die spirituelle Praxis entlarvt die inneren Bilder, die wir von den Dingen haben

TH: Ja. Dieser Prozess muss mir zunächst einmal bewusst werden. Dass es so ist. Die Frage, die du stellst, berührt im Prinzip die ultimative Aufgabe jeder spirituellen Praxis: Die spirituelle Praxis ist dazu da, Dinge zu entlarven, bis hin zu all den Bildern von Gott, die ich in mir trage, die aber nichts mit Gott zu tun haben, weil es nur meine Fotos von Gott sind. Ohne spirituelle Praxis ist es, als ob ich in einem Zimmer wohnte, das nur aus Fotos bestünde, als ob meine Wirklichkeit aus einem Zimmer voller Fotos bestünde. Erst wenn ich lerne, diese Bilder, diese Fotos auseinander zu nehmen, lerne ich, was Leere und was Fülle bedeutet.

SB: Was wir über die inneren Bilder von Beziehungen gesagt haben, berührt nur einen Teil aller meiner inneren Bilder. Im Grunde besteht meine ganze Welt, wenn ich nicht erweckt bin, nur aus solchen Bildern bzw. Gewohnheiten. Was bleibt, wenn die Bilder weg sind? Die unverstellte Wirklichkeit?

TH: Genau. Dann, wie du sagst, läuft der gesamte Kosmos durch dich hindurch, jeden Augenblick aufs Neue, und du erfreust dich an der Kreativität des Universums, das sich immer wieder neu auflegt. Dann lebt dein Selbst in einem kreativen Prozess. So bist du nicht nur ein Stephan oder nur ein Thomas, sondern du bist Teil des kreativen Prozesses des Universums insgesamt. Das ist es, wonach so viele Gläubige, Millionen und Milliarden von Menschen über die Zeiten hinweg in ihren Religionen gesucht haben: diese Freiheit, Bewegung sein zu dürfen. Bewegung spiegelt sich in Beziehungen wider. In Bewegung bleiben, erfordert lebenslange Praxis.

Aber unser biologisches System möchte evolutionär Gewohnheiten machen, unser Gehirn versucht, so effizient und energiesparend wie möglich zu arbeiten. Deswegen können wir irgendwann lesen und schreiben und müssen das nicht jeden Tag neu lernen. Das ist vom Universum gut so angelegt, es verschwendet keine Energie. Das passt auch zu unserem Zeitgeist, hat aber Schattenseiten: wenn wir Menschen nicht mehr wertschätzen, wenn wir unsere Partner nicht mehr sehen, wenn die Erotik in den Partnerschaften schwindet, wenn wir nicht mehr mitbekommen, wie sich unsere Arbeitskollegen gerade total verändern, weil wir nur wie immer das feste Bild von Herrn XY da sehen.

Aber wie erfrischend ist der kreative Prozess! Jeder von uns weiß das ja. Du und ich, wir wissen, wenn es uns wirklich schlecht geht und es jemanden gibt, der uns wirklich zuhört…

SB: … und uns sieht in diesem Moment, …

TH: …genau, und uns in diesem Moment sieht wie heilsam das ist. Allein weil sich jemand als Bewusstsein an mir beteiligt, verstärkt das schon die Bewusstheit in mir. Und wenn wir zu solchen gebenden Quellen werden, egal für wen — sei es für den Taxifahrer oder die Frau in der Bäckerei oder für meine Partnerin oder meinen besten Freund — dann bin ich für sie da; ich bin verfügbar, wenn sie mit mir sprechen. Wenn mir das Leben die Beziehung zu ihnen gerade jetzt zuspielt, dann muss ich für sie da sein.

SB: Und meine Verfügbarkeit ist gleichzeitig auch meine spirituelle Übung. In diesem Moment, mit diesem einen Ausschnitt des ganzen kosmischen Tanzes. Denn dieser Ausschnitt ist das, was ich jetzt gerade habe und jetzt gerade bin.

TH: Genau. Du wirst nicht an dem Overload von Informationen sterben, weil der Kosmos durch dich hindurchläuft, sondern du bist ganz präzise, klar und rein in diesem Augenblick da. Ohne Einspielungen der Vergangenheit. Weil du so präsent geworden bist, dass deine Präsenz zu einem Magnetismus für Authentizität wird, für Liebe, für Mitgefühl, für Klarheit, für ganz kurze oder auch ganz lange Momente von Inspiration. Das ist es ja, was sich so viele Menschen wünschen.

Das Leben nutzen um mehr und mehr in die Authentizität hineinzuwachsen

Stellt sich die Frage: Was tun, damit das kein Wunschkonzert bleibt? Stell dir selbst diese Frage so: Was machst du dafür, damit sich dein Wunsch erfüllen kann? Was machst du dafür, dass du jemand wirst, der so ausstrahlt? Das kannst du nicht von der Welt fordern. Meine Antwort: Das Einzige, das ich machen kann, ist, mein Leben zu nutzen, um immer mehr und mehr in diese Authentizität hineinzuwachsen. Je mehr ich das schaffe, desto mehr wird sie sich rund um mich verwirklichen.

SB: Und so kann ich zumindest sagen: Du bist der Hauptdarsteller in meinem Film, jetzt gerade. Und das wird auch was mit dir machen. Was das ist, sehen wir in diesem Moment.

TH: Genau. Das ist gelebte Authentizität. Ich glaube, das ist es, was in jeder Konflikttransformation, in jeder Mediation, in jeder Partnerschaft so heilsam wirkt: dass sich die Anderen tief in ihren Potenzialen, in ihren Schmerzen, ihren Mustern, aber auch in ihren Fähigkeiten so gesehen fühlen. Das ist angewandte Liebe. Was wir hier gerade besprechen, ist im Prinzip die Bedingungslosigkeit von Liebe. Wenn der Kosmos durch mich hindurchläuft, bin ich bedingungslose Liebe. Das ist das, wovon alle großen Weltreligionen jemals gesprochen haben. Sie meinten diesen Zustand.

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