Glaskugel war gestern: Zukunft gestalten statt vorhersagen

Zukunft vorherzusagen funktioniert nicht. Sie zu gestalten aber schon!

Planst du noch oder gestaltest du schon?

Ein Truthahn wird jeden Tag gefüttert und dadurch in seiner Grundannahme bestärkt, dass Menschen Truthahn-Freunde sind. Dann kommt der Tag vor Thanksgiving.

Ähnlich wie der Truthahn neigen wir Menschen dazu Aussagen über die Zukunft basierend auf unseren Erfahrungen der Vergangenheit zu machen. Bisherige Entwicklungen werden in die Zukunft hinein weitergedacht, aber dass es etwas geben könnte, eine größere Störung, eine Krise, etwas, das wir noch nie erlebt haben, davon gehen wir nicht aus. Das ist was für Pessimisten. Denken wir.

Die Idee, Zukunft vorhersagen und sogar kontrollieren zu können, hat unsere gesamte Kultur und unsere Normen maßgeblich beeinflusst. Vor allem hat sie unsere Fähigkeit geschmälert, außerhalb des Bekannten zu denken, uns das Unvorstellbare vorzustellen. Der Futurist @Nicklas Larsen sagt dazu: „Imagined futures that do not (…) address what is currently deemed probable or desirable have no place in mainstream thinking.“

Genau das ist uns nun auch in der Pandemie gehörig um die Ohren geflogen. Denn unwahrscheinlich war so ein Szenario nicht. Was also tun, wenn’s mit dem Vorhersagen nicht klappt? Trotz oder gerade wegen ihrer Komplexität ist Zukunft höchst form- und gestaltbar. Der Schmetterlingseffekt ist dafür ein schönes Beispiel — sogar kleine Bewegungen im Jetzt können eine große Auswirkung auf das Später haben.

Zukunftsintelligenz bedeutet die Fähigkeit sich verschiedene Zukünfte vorzustellen, sich auf eine erwünschte Zukunft hin auszurichten und sich zugleich auf unerwünschte Zukünfte vorzubereiten.

ZuKÜNFTE sind die Realität: Es gibt keine „Timeline“

Die Sehnsucht danach zu wissen, was passieren wird, hat eine ganze Branche hervorgebracht: Zukunfts-Think-Tanks lassen sich gut dafür bezahlen, Prognosen über Trends abzugeben. Wenn sie falsch liegen (weil etwa Dinge passieren, die in ihren Prognosen nicht vorkamen), kommen Aussagen wie „Corona hat die Timeline unterbrochen.“

Das ist nur leider ziemlicher Blödsinn. Es gibt schlicht keine „Timeline“, die von der Vergangenheit in eine determinierte Zukunft führt. Durch Entwicklungen wie die der Globalisierung und Digitalisierung wurde und wird die Welt, in der wir leben, immer verschränkter, vernetzter und folglich komplexer. Die Wahrscheinlichkeiten verschieben sich.

Zukunft ist genau genommen immer schon der nächste Moment. Das Jetzt ist nur das Gelenk zwischen dem, was war und dem, was wird. Je weiter ein zukünftiger Moment vom Jetzt entfernt liegt, desto schwieriger lässt sich über seine Beschaffenheit eine Aussage treffen, die Unbekannten in der Gleichung werden immer mehr.

Genau das macht es unmöglich, von DER Zukunft zu sprechen und sie vorherzusagen. Stattdessen gibt es viele, sehr viele Versionen von Zukunft. Und wir alle spielen eine Rolle in der Frage, welche dieser verschiedenen „Zukünfte“ sich bewahrheitet.

Problem von Zukunftsprognosen

Zukunftsforscher sind begehrt. Besonders jetzt in der Krise und in der großen Ungewissheit, möchte man gern wissen, wie (und wann!) alles weitergeht. Was sind die Perspektiven, die Aussichten, bitte schön?

Aber auch schon davor waren diejenigen gefragt, die vorgeblich Trends voraussehen und Entwicklungen prognostizieren können. Die Sorge abgehängt zu werden, ist groß. Und natürlich gibt es Trends und Strömungen. Problematisch wird es allerdings, wenn man sich auf diese Trends verlässt, denn letztlich sind sie nichts anderes als Erweiterungen des Bekannten, Fortführung der Vergangenheit — Extrapolation genannt. Unbekanntes kommt in diesen Trends und Prognosen nicht vor. Das hat die Pandemie eindrücklich gezeigt. Dabei war ein solches Szenario gar nicht unwahrscheinlich.

Vor allem aber suggerieren Prognosen eine Vorhersagbarkeit von Zukunft, die es so nicht gibt. Das Problem daran? Es nimmt Menschen die Selbstwirksamkeit. Die Idee einer determinierten Zukunft lähmt die eigene Gestaltungskraft und macht passiv.

Was also stattdessen? Zukunftsintelligenz entwickeln! Dazu gehören ein gelassener Umgang mit Ungewissheit, Kreativität, eine bestimmte Haltung und konkrete Strategien. Und ein Begriff, der genau das gut beschreibt, ist Futures Literacy.

Die Fähigkeit Zukunft zu nutzen

Futures Literacy geht über konventionelle Versuche die Zukunft vorherzusagen hinaus. Die Prämisse von Futures Literacy ist, dass Zukunft weder vorhersagbar noch erforschbar ist — schlicht, weil sie noch nicht existiert. Aber sie ist vorstellbar und damit antizipierbar. Und fürs emotionale Erleben von Menschen macht es erstmal keinen Unterschied, ob etwas wirklich oder nur in unserer Vorstellung geschieht.

Entscheidungen werden viel weniger von der Ration als von Emotionen gesteuert. Um Menschen wirklich bewegen und auf ein gemeinsames Ziel einschwören zu können, helfen Fakten weit weniger als ans Gefühl zu appellieren. Das merken wir immer wieder schmerzlich, wenn Populismus und einfache Antworten Oberwasser gewinnen.

Bei Futures Literacy geht es aber eben nicht darum andere zu manipulieren, sondern sie stattdessen zu befähigen die Gegenwart zu gestalten, in dem sie die Zukunft nutzen. So dass sie ihre eigene Vorstellungskraft einsetzen können und damit natürlich die emotionale Kraft, die sich daraus ziehen lässt. Nicht Steuerung, sondern Ermächtigung ist das Ziel.

Die Gegenwart wird nicht durch in der Vergangenheit angestoßene Entwicklungen in die Zukunft geschoben, sondern vielmehr von der Zukunft angezogen, genauer gesagt: von dem, wie wir uns die Zukunft vorstellen. — Frederik Polak

Die Kraft von Antizipation

Warum nun hat Futures Literacy so eine Kraft? Weil es ins Gestalten bringt. Die menschliche Vorstellungskraft ist sogar noch stärker als seine Willenskraft, sie ist „das Teleskop unseres Bewusstseins“. Unser Verstand hat eine unglaubliche Macht darüber, Vorgestelltes Wirklichkeit werden zu lassen.

Wir können uns an wünschenswerten Zukunftsbildern ausrichten und uns zugleich weniger wünschenswerte oder sogar bedrohliche Zukunftsbilder zunutze machen, in dem wir uns überlegen, wie wir da eben NICHT hinkommen. Ersteres hat eine Zug-, letzteres eine Schubkraft (push- und pull). Ersteres zieht und „nordet“ mich, letzteres gibt mir den nötigen Schub um Verhalten zu ändern, das die nicht gewünschte Zukunft wahrscheinlicher werden lässt.

Die Zukunft ist immer schon der nächste Moment…

…und nicht ein abstrakter Zeitraum irgendwann in weiter Ferne. Der jetzige Augenblick ist genau genommen nur das Gelenk zwischen dem, was war und dem, was wird.

When I pronounce the word ‘Future’, the first syllable already belongs to the past. — Wislawa Szymborska.

In der Theorie der nichtlinearen Dynamik kann ein Schmetterlingsflügelschlag auf der einen Seite der Welt einen Sturm auf der anderen Seite auslösen, einfach weil wir in Komplexität nicht vorhersagen können, wie sich Dinge und Geschehnisse gegenseitig beeinflussen. Das bedeutet zugleich, dass jeder einzelne enorm viel Gestaltungskraft besitzt. Futures literate zu sein, bedeutet auch, sich genau dessen bewusst zu sein und wünschenswerte Zukünfte zu nutzen um Haltung und Handeln im Jetzt zu steuern. So geht Zukunft, oder mit Abraham Lincolns Worten:

The best way to predict your future is to create it.

Bei geht es uns ums gemeinsame Zukunft gestalten und um Futures Literacy.

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Einfach. Zukunft. Machen.

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