Ungewissheit ist viel besser als ihr Ruf!

Erst, wenn man durch eine Tür durchgeht, weiß man, was dahinter liegt.

Ungewissheit ist nicht gleich Unsicherheit

Ähnlich wie komplex und kompliziert, werden auch Ungewissheit und Unsicherheit häufig synonym verwendet. Und genau wie schon bei komplex und kompliziert ist der Unterschied zwischen den beiden Begriffen nicht nur für Linguisten und Besserwisser interessant — im Gegenteil.

Ungewissheit ist nämlich zunächst einmal nur der Zustand der Nicht-Gewissheit. Des Nicht-Wissens. Da steckt noch kein Gefühl drin, keine emotionale Wirkung. Man sagt nicht: “Ich fühle mich ungewiss.”

Anders bei Unsicherheit. Unsicherheit beschreibt, wie man sich fühlt — nämlich nicht sicher. Ich kann sagen: “Ich fühle mich unsicher.”

Sich nicht sicher zu fühlen, ist für niemanden schön.

Aber jetzt die gute Nachricht: Man kann Sicherheit in der Ungewissheit schaffen! Da Ungewissheit und Unsicherheit nicht dasselbe sind, ist Sicherheit auch nicht das Gegenteil von Ungewissheit.

Sicherheit in der Ungewissheit schaffen, aber wie?

Um Sicherheit in der Ungewissheit zu schaffen, braucht es 1. eine bestimmte Haltung, 2. konkrete Strategien und 3. etwas Übung.

Zu 1.) Haltung: Um Ungewissheit nicht nur gut auszuhalten, sondern sie sogar zu seinem Vorteil zu nutzen, braucht es Ergebnisoffenheit und die Demut sich einzugestehen, dass man verflixt wenig wirklich unter Kontrolle hat. Zu einer solchen Haltung gehört auch Fehlertoleranz, denn wer Fehler nicht für Problem- sondern stattdessen für Lernquellen hält, kann sich von Rückschlägen schnell erholen.

Zu 2.) Strategien: Eine der wirkungsvollsten Strategien im Umgang mit Ungewissheit ist die Segelboot-Analogie. Stellen Sie sich vor, Sie überquere mit einem Segelboot einen Ozean — wie bereiten Sie sich darauf vor, was nehmen Sie mit? Als Segelboot ist man abhängig vom Wind und wenn der mal ausfällt und Sie in der Flaute hängen, kann sich die Überfahrt um eine ganze Weile verlängern, Sie brauchen also genug Proviant, aber auch Ersatzteile, Werkzeug. Auf der anderen Seite haben Sie nur begrenzt Platz an Bord und wollen auch aus Sicherheitsgründen nicht zu schwer werden, um wendig zu bleiben. Wo also ist der „Sweetspot“ zwischen Back-ups und Minimalismus? Das lässt sich auch aufs Leben übertragen.

Zu 3.) Übung: Ungewissheitstoleranz zu lernen bedeutet auch, dem Gehirn zu helfen, schneller Synapsen zu bauen. Je mehr wir es uns in unserer Komfortzone gemütlich machen, desto schwerfälliger und anpassungsunwilliger wird es nämlich. Wir brauchen aber Adaptivität, Wendigkeit und Ergebnisoffenheit um mit einer ungewissen Zukunft und sich schnell verändernden Umgebung umgehen zu können. Eine der besten Übungen um genau das zu erreichen, ist übrigens Improvisationstheater!

Der Wert von Ungewissheit

Es lässt sich also Sicherheit in der Ungewissheit herstellen. Darüber hinaus hat Ungewissheit aber auch ihren eigenen Wert, und es lohnt sich den kennenzulernen und zu nutzen.

Es gibt einen alten Witz, in dem ein Mann unter einer Straßenlaterne nach seinem Autoschlüssel sucht. Ein anderer kommt vorbei, hilft ihm bei der Suche und fragt nach einer Weile: “Mein Herr, sind Sie sich sicher, dass Sie Ihren Schlüssel hier verloren haben?” Der andere antwortet: “Nein, eigentlich habe ich ihn da drüben verloren.” Der Helfer erkundigt sich verwirrt: “Warum suchen wir dann hier?” Antwort: “Weil es da drüben zu dunkel ist!”

In dem Witz steckt viel Wahrheit drin. Im Licht zu bleiben ist offensichtlich, und ergebnisorientiertes Vorgehen scheint intuitiv und natürlich. Dummerweise begrenzt genau das enorm unser Potenzial, weil eben gute Antworten oft im Dunkeln liegen.

Zugegeben — sich in der Ungewissheit, also in der Dunkelheit zu bewegen, kann ganz schön frustrierend sein. Man stößt sich die Nase, haut sich Ellbogen oder Schienbein an. Um dann aber über etwas zu stolpern, das man möglicherweise gar nicht im Blick hatte! Ergebnisorientierung und Ergebnisoffenheit gehören zusammen — ganz besonders in unübersichtlichen Zeiten. Dann zeigt sich auch der Wert von Ungewissheit, oder um es mit der Schriftstellerin Margaret Drabble zu halten:

„If nothing is certain, everything is possible.“

oder Eckhart Tolle, der sagt:

„When you become comfortable with uncertainty, infinite possibilities open up.”

Leid ist gleich Schmerz mal Widerstand

Warum fällt es uns aber so schwer Ungewissheit auszuhalten? Wenn wir uns auskennen und das Gefühl haben, alles unter Kontrolle zu haben, dann sind wir in unserer Komfortzone. Wenn uns aber das genommen wird und wir plötzlich nicht mehr wissen, wie es weitergeht, werden wir aus unserer Komfortzone herauskatapultiert, und nicht selten landen wir in unserer Panikzone.

Das hat nicht zuletzt körperliche Gründe. Wenn wir uns an eine Situation gewöhnen, wenn sich etwas vertraut anfühlt, dann hängt das damit zusammen, dass unser Gehirn bei seiner Signalübermittlung auf schöne, breite neuronale Autobahnen zurückgreifen kann. Haben wir es mit einer fremden Situation zu tun, muss unser Hirn neue Synapsen bauen. Oder wenig genutzte Synapsen ausbauen, und das kostet alles Energie. Nun ist unser Gehirn supereffizient und versucht, wo es geht, Energie zu sparen (es braucht nämlich sowieso schon eine Menge davon).

Wir erleben diese Energiesparversuche als Widerstände, als Unwohlgefühl. Wir können nun ganz und gar in den Widerstand gehen — damit geht nur leider die unangenehme Situation nicht weg. Im Gegenteil, das Unwohlgefühl wird womöglich sogar schlimmer.

Oder wir nehmen den Widerstand zur Kenntnis, nehmen das unangenehme Gefühl wahr und vertrauen, dass es vorbeigeht. Weil wir wissen, dass wir uns mitten in einem Anpassungsprozess befinden, während dessen unser Gehirn dabei ist, fleißig (wenn auch widerwillig) Synapsen auf- und auszubauen. Denn Leid ist nur Schmerz mal Widerstand.

Bei navigate by fiction beschäftigen wir uns mit Ungewissheitstoleranz und Zukunftsgestaltung.

The better approach, I believe, is to accept uncertainty, try to understand it, and make it part of our reasoning. Uncertainty today is not just an occasional, temporary deviation from a reasonable predictability; it is a basic structural feature of the business environment. The method used to think about and plan for the future must be made appropriate to a changed business environment. — Pierre Wack

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