Wicked Problems oder was ein Fußballspiel mit einer Schweizer Armbanduhr zu tun hat.

Komplex ist nicht kompliziert

Komplex oder kompliziert — was denn nun? Das ist doch Haarspalterei, oder?

Nein, ganz und gar nicht!

Den Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen zu verstehen, ist tatsächlich eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, in einer immer unübersichtlicheren Welt die Orientierung zu behalten. Um zu begreifen, warum sich die Zukunft unmöglich vorhersagen und berechnen lässt. Um nachzuvollziehen, wie es zu Börsencrashs, Pandemien und anderen sogenannten Wicked Problems kommt.

Das Uhrwerk einer Schweizer Armbanduhr z. B. ist kompliziert. Wer sich nicht auf Uhren spezialisiert hatte, sollte so ein Uhrwerk besser nicht auseinandernehmen. Die Chancen stehen gut, dass er es nie wieder zusammengesetzt bekommt. Kompliziert ist ein System mit bekannten, unterscheidbaren Faktoren, die nicht in Wechselwirkung zueinander stehen. Wirkung und Ursache sind klar identifizierbar. Ein kompliziertes System lässt sich vorhersagen.

Ganz anders komplexe Systeme.

So kann man ein Fußballspiel nicht vorausberechnen, der Ausgang lässt sich nicht mal von hellsichtigen Oktopussen zuverlässig vorhersagen. Nicht, dass man es nicht versucht hätte (Sachen gibt’s.). Nein, der hängt von einer Reihe bekannter und unbekannter Faktoren ab, die sich gegenseitig auf nicht prognostizierbare Art und Weise beeinflussen. Wetter. Laune des Spielers. Laune der Spielerfrau. Mondphase. Qualität des Rasens. Qualität des Torwartschlafs in der Nacht vorm Spiel. Stimmung im Publikum. Schiedsrichterverdauung.

Das macht ein Fußballspiel überhaupt erst interessant (also für einige). Und für diejenigen, die Fußballspiele weniger aufregend finden: Das Klima ist ebenfalls ein komplexes System. Deshalb lässt sich ja so schwer sagen, wie sich welche Faktoren genau worauf und wie auswirken. Was Klimaleugner schnell wieder als Beweis für Uneinigkeit und Widersprüchlichkeit innerhalb der Klimawissenschaft auslegen, dabei haben sie schlicht nicht verstanden, was Komplexität bedeutet.

Ein komplexes System lässt sich nicht vorhersagen.

In der Komplexitätsforschung gibt es dafür dafür einen Begriff: das Mehrkörperproblem. Der Begriff geht zurück auf den Mathematiker und Philosophen Henri Poincaré. Der zeigte schon 1892, dass, wenn drei Körper, etwa Planeten, aufeinander einwirken, es zu chaotisch instabilen Verläufen kommen kann. Das wiederum nennt sich nichtlineare Dynamik und bedeutet einfach, dass wir zwar wissen, dass etwas passieren wird, aber nicht genau, was.

Ok, kapiert. Komplex und kompliziert sind nicht dasselbe. Und jetzt? Was tun mit der Erkenntnis? Was heißt das denn jetzt?

Umgang mit Komplexität

Wenn wir versuchen mit den uns bekannten mechanischen Methoden Komplexität in den Griff zu bekommen, stoßen wir uns schnell die Nase blutig. Wie ein Knoten, den wir verzweifelt versuchen zu lösen, in dem wir einfach an den Enden ziehen und der dadurch nur noch unlösbarer wird, braucht es für die Bewältigung von Komplexität eine andere Herangehensweise. Ein neues Denken.

Komplex sind Situationen, die sich nicht berechnen, nicht simulieren und eigentlich nur durch ausprobieren bewältigen lassen.

Der deutsche Psychologe und Experte für Risikokompetenz Gerd Gigerenzer spricht von Baugefühl und Faustregeln, wenn kritische Entscheidungen anstehen. Die Intuition ist in gerade in komplexen und unübersichtlichen Situationen nicht zu unterschätzen.

Genauso können Faustregeln, also Heuristiken — einfache Formeln — in Komplexität eine Richtschnur sein und gute Ergebnisse liefern („Konzentriere dich auf wenige Informationen“ „Wähle, was du kennst“).

“Sensibilität ist eine ganz wichtige Botschaft der Komplexität“, so Klaus Mainzer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Komplexe Systeme und Nichtlineare Dynamik. „Das Gefühl. Das Unbestimmte. Die Tendenz. Die Hingabe. Das Vertrauen. Ein neues Vokabular für eine realistischere Sicht der Welt. Ein Plädoyer für ein unermessliches Vertrauen in das Leben.“

Da werden einige vielleicht zurückzucken. Vertrauen ist ja schön und gut, aber wie soll mir das jetzt helfen, meine Leute zu führen? Soll ich alles laufen lassen?

Komplizierte Strukturen machen es schlimmer

Auf jeden Fall bloß nicht noch mehr draufpacken. Genau dazu neigen nämlich ganz besonders Organisationen — sie reagieren auf Komplexität mit Kompliziertheit. Aber komplizierte Strukturen machen Komplexität nicht beherrschbar. Sie verbrennen nur Ressourcen. Ein komplexes System lässt sich generell nicht kontrollieren, man kann nur lernen, es zu erfassen, damit zu tanzen

Warum werden Organisationen so bürokratisch? Weil sie in komplexen Situationen gerade reflexartig mit komplizierten Strukturen reagieren. Der Komplexitätsforscher und Berater Dave Snowden hat hier zum besseren Verständnis ein Framework entwickelt, das zeigt, wie sich Situationen in ihrer Beschaffenheit unterscheiden und wie man sie individuell händeln muss.

In Snowdens Cynefin (kin’äwin ausgesprochen, der Mann ist Waliser) Framework wird zwischen „clear“, „complicated“, „complex“ und „chaotic“ unterschieden. Jede dieser Domänen hat eine ihr inherente Gebrauchsanweisung. Probleme verursachen nicht die Domänen selbst, sondern der unpassende Umgang mit ihnen. So lässt sich ein komplexes Problem nicht durch komplizierte Strukturen beherrschen.

Multiperspektivität als Asset

Multiperspektivität ist die zentrale Fähigkeit, um Komplexität zu erfassen! Sie hilft die Komplexität transparenter und greifbarer zu machen. Zentrale Strategien zu schlanken Lösungen ergeben sich aus der Extraktion aller Blickpunkte. So wird die Strategie zur Bewältigung der Ungewissheit und Komplexität klar.

Das Kapital jeder Gemeinschaft sind die Vernetzungen und Verbindungen zwischen den Mitgliedern. Diese Verbindungen wirken stärker als jede formale Hierarchie. In den Netzwerken findet auch die meiste Kommunikation statt. Multiperspektivität wird so möglich und Komplexität lässt sich bewältigen.

Genau damit beschäftigen wir uns bei navigate by fiction.

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