Lassen Sie uns IT-Sicherheit so langweilig wie möglich machen

Serapion
Serapion
Jul 10, 2017 · 3 min read

Möchten Sie an einem kleinen Experiment teilnehmen? Hier geht es schon los:

Die Variante der Ransomware Erebus, die im Februar die südkoreanische Firma Nayana infiziert hat, kann 433 verschiedene Dateitypen verschlüsseln. Darunter sind die Formate von Microsoft Word, Excel und Powerpoint, SQL-Datenbanken und ZIP-Archive, Videos, HTML-Dateien und viele mehr. Die infizierte Webseite von Nayana lief auf dem alten Linux-Kernel 2.6.24.2, der 2008 kompiliert worden war. Erebus breitete sich auf 153 Server aus, auf denen die Webseiten von 3400 Kunden lagen. Als die Wiederherstellung wiederholt nicht gelang, entschied Nayana sich, ein Lösegeld von 397,6 BTC an die Erpresser zu zahlen. Das entspricht etwa einer Million USD.

Und? Sind Sie schon eingeschlafen? (Wenn nicht, dann lesen Sie diesen Text noch mal kurz nach der Mittagspause.) Wie viele verschiedene Dateiformate werden noch mal von Erebus infiziert? Die Firma hat also Lösegeld gezahlt, na gut…

Die westliche Zivilisation leidet ohnehin an chronischem Schlafmangel.

Foto von Jackman Chiu auf Unsplash

Worauf sollten Sie also achten, um Ihre Mitarbeiter, Leser oder Zuhörer möglichst sanft entschlummern zu lassen?

1. Zahlen. Mehr Zahlen. Noch mehr Zahlen.
In Hunderttausenden von Jahren der Evolution sind Menschen in ihrem Schlaf häufig von hungrigen Tigern, brennenden Nachbarhäusern oder missgelaunten Inquisitoren in ihrem Nachtschlaf gestört worden — jedoch selten von einer gepflegten Statistik. Die beste Statistik ist die irrelevante. Wenn eine solche nicht zur Hand ist, könnten Sie stattdessen eine beliebige Statistik auch so lang und breit zitieren, bis der relevante Inhalt im Meer der Informationen nicht mehr heraussticht.

2. Ein Fremdwort ist ein gutes Wort.
Niemand kann dem säuselnden Klang eines Wortes wie „Zwei-Faktor-Authentifizierung“ widerstehen. Zerstören Sie seinen Zauber nicht, indem Sie es erklären.

3. Pausen und Absätze vermeiden.
In einem Schlaflied sind ja auch keine Kaffeepausen vorgesehen.

4. Bilder irritieren nur.
Je interessanter das Bild, desto eher hält es Menschen davon ab, die Augen zu schließen. In diesem Fall: unerwünscht.

5. Nicht über Menschen reden. (Und über Katzen auch nicht.)
Was wäre, wenn ich am Anfang dieses Artikels nicht über 153 Server gesprochen hätte, sondern über You Kyung (Name geändert), frische Absolventin der Uni von Seoul, die ihren ersten Job bei einem der Kunden von Nayana ergattert hat? Der Kunde ist eine kleines Startup, das mit Katzenaccessoires handelt, und You Kyung betreut dort die Webseite und sitzt außerdem donnerstags und freitags an der Kundenhotline — eigene Kundendienst-Mitarbeiter kann das Startup sich noch nicht leisten. Nachdem die Webseite zehn Tage down war, ist das Startup kurz vor der Pleite — und wenn es pleite geht, muss You Kyung zurück zu ihren Eltern ziehen, in ein Dorf nahe der nordkoreanischen Grenze. Ihre Eltern — und der aufdringliche Schulkollege, der auf der Nachbarfarm wohnt — haben immer schon gesagt, dass es zu nichts Gutem führen würde, wenn You Kyung nach Seoul geht. Das hat sie jetzt davon.

Jetzt machen Sie sich ein bisschen Sorgen um You Kyung, oder? Sehen Sie. Das ist dem Schlaf nicht förderlich.


Erstmals veröffentlicht auf www.serapion.de am 10. Juli 2017.

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Beratung und Fachredaktion: Digital Health | Digitalisierung | Informationssicherheit. Impressum: www.serapion.de/impressum.

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