
Adolf Putler?
Warum uns Hitlervergleiche nicht weiterhelfen, Vergleiche mit der Vorbereitung zum Zweiten Weltkrieg aber schon.
Schon einmal das Wort Holodomor gehört? Wahrscheinlich nicht, oder?
Holodomor ist ein ukrainisches Wort, das so viel wie Tötung durch Hunger bedeutet. Der Holodomor fand seinen Höhepunkt 1932–1933 und wird trotz intensive Lobbyarbeit Russlands mittlerweile in weiten Historikerkreisen als Völkermord anerkannt. Von Stalin angeleitete, meist russische “Zwangskollektivierer” leiteten damals in der noch zur UdSSR gehörenden Ukraine eine systematische Kampagne an, die zur Enteignung von Land, Nahrungsmitteln und vor allem Saatgut der ukrainischen Bevölkerung führte. Das Resultat war ein Sterben unvergleichen Ausmaßes, das zu diesem Zeitpunkt in seinem Schrecken unbekannt war. Der Holodomor forderte irgendetwas zwischen 2,5 und 14,5 Millionen Toten. Ganz schön viel, wenn man bedenkt, dass kaum ein Deutscher das Wort überhaupt je gehört hat.
Zur Grundausstattung fast jedes politisch gebildeten Deutschen gehört das Wissen, dass ein Hitlervergleich absolut nie statthaft ist. In politisch-gesellschaftlichen Zirkeln hat sich nach einer Vielzahl an Entschuldigungen und Rücktritten mittlerweile bei praktisch jedem die Erkenntnis durchgesetzt, dass “Bush ist wie Hitler” oder “Putin ist wie Hitler”, nicht nur inhaltlich falsch sondern die vielen Opfer gleichzeitig verhöhnt. Denn zweifelsohne ist weder das Amerika des Jahres 2001 noch das Russland des Jahres 2014 in irgendeiner vergleichbaren Liga wie das Deutsche Reich 1933–45, so sehr man sich auch anstrengt da einen Zusammenhang zu produzieren. Godwin’s Law lässt grüßen.
Dennoch: Geschichte ist immer eine Geschichte der Sieger. Das heißt explizit nicht, dass die Verlierer recht gehabt hätten, wenn sie nur gewonnen hätten. Es heißt aber, dass die Sowjetunion und in Erbfolge Russland ebenso den Holodomor aus dem kollektiven Bewusstsein der Welt zu tilgen versucht wie die moderne Türkei im Falle des Völkermords an den Armeniern. Diese Strategie klappt auch in Deutschland ganz prächtig. Wie die Bundeszentrale für Politische Bildung schreibt, hat der Deutsche Bundestag “bislang nicht einmal den Völkermord an den Armeniern 1915 als Genozid anerkannt – anders als etwa die Französische Nationalversammlung. Bei uns ist der Begriff und der Sachverhalt des Genozids offenbar durch den Holocaust, die Vernichtung der europäischen Juden in der Nazi-Zeit, besetzt.”
Eben dieses allumfassende historische Meta-Tabu macht jede Form von Betrachtung der Vergangenheit im Kontext dessen, was um uns herum passiert, enorm schwierig. Würde ernsthaft jemand bestreiten, dass der Aufbau der Diktatur im Dritten Reich, das Ersticken jeder freien Presse, die Militarisierung der deutschen Gesellschaft, die Ausgrenzung Oppositioneller und Andersdenkender, das Erpressen der europäischen Nachbarn und die Vortäuschung fingierter Kriegsgründe bestimmter Analogien heutzutage in Russland entbehrt? Ist der Satz Hitler = Putin legitim?
Sicher nicht. Beides ist aber auch irrelevant. Denn wir sollten uns nicht scheuen, uns durchaus zu fragen, welche Analogien wir aus dem größten aller Schrecken ziehen können, um einen noch größeren Schrecken zu vehindern. Und dazu muss man auf die Methoden schauen, derer sich Putin bedient. Denn dies sind durchaus nicht unähnlich der Tools, derer sich die Nazis in der Frühphase (!!!) ihres Treibens bedienten. Wer genau hinschaut, wird bemerken, dass ein Nazivergleich nicht das gleiche ist wie die Frage historisch-politischer Analogien.
Maskirovka
Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ich über die damals noch akute Krimkrise unter dem Stichwort Sudetenland Reloaded. Kernthese: Putin verfolgt eine Politik, die nicht etwa der Kriegspolitik des Dritten Reichs seit 1939, dafür aber den Erpressungsfeldzügen bis zum Poleneinmarsch davor ähnelt: der Besetzung des Rheinlands, der Einverleibung Österreichs, des Sudetenlandes, der “Rest-Tschechei” usw. In all diesen Fällen zeigten sich die Westmächte als schwach und uneins. Sie glaubten, dass der Diktator durch gutes Zureden noch eingedämmt werden könne und dass es noch Verhandlungsmasse gebe. Keiner dieser Coups basierte auf offener Kriegsführung sondern auf einem Mix aus “lokalen”, irregulären Einheiten, auf Stimmungsmache, viel Propaganda und ganz viel Politik.

Noch einmal zurück nach 2014. Im April diesen Jahres verfasste die Nationale Verteidigungsakademie Lettlands einen Artikel mit dem Titel “Russia’s new-generation warfare in Ukraine”. Hierbei drehte es sich um eine russische Strategie, die sich Maskirovka nennte (“Maskierung”) und die in der russischen Geschichte schon häufiger Anwendung fand: Im Mittelpunkt dabei steht Propaganda, das Bestechen oder Erpressen lokaler Multiplikatoren, die Unterstützung lokaler Warlords und irregulärer Einheiten und dergleichen mehr. Mit anderen Worten: die systematische, politisch fundierte Destabilisierung eines Krisenherdes ohne dass auch nur ein russischer Soldat von Beginn an selbst im Konflikt aktiv ist.
Einen ziemlich guten Text dazu kann man derzeit auf vox.com finden. Kernthese hier: Putin hat von Assad gelernt, dass man nicht ad-hoc auf Krieg umschalten sollte. Stattdessen begegnet man dem Westen mit langsamer Erhöhung des Drucks am besten: “the Western world can set all the red lines it wants — don’t use chemical weapons, don’t invade sovereign countries — but if you cross that red line just a little bit at a time, inching across over weeks and months, rather than crossing it all at once, then Western publics and politicians will get red-line fatigue and lose interest by the time you’re across.”
Dies ist exakt die Politik, die in den Jahren direkt vor dem Zweiten Weltkrieg zu immer mehr Konzessionen an Hitler führte und die heute speziell in Großbritannien unter “Appeasement” zusammengefasst wird: eine Politik ohne rote Linien, die klar vertreten wird. Auch am 1. September 1939 hoffte Hitler, dass er abermals davon käme und vollendete Tatsachen in Polen schaffen könnte (vorher hatte er noch einen vermeintlichen Überfall auf den Sender Gleiwitz gefaked), dann wurde er aber doch vom der Entschlossenheit der Westmächte überrascht. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.
Es wird nicht angegriffen sondern zurückgeschossen.
Kein Diktator in der Geschichte der Menschheit hat jemals erklärt, dass er von nun an einen Angriffskrieg führt. Jeder Krieg ist offiziell immer nur ein Verteidigunskrieg. Hitler hat “seit 5.45 Uhr” “zurückgeschossen”. Und auch Putin sorgt dafür, dass die russische Öffentlichkeit sich selbst als Opfer definiert. Die Methoden dazu: die russische Xenophobie und den Hass auf den Westen anstacheln und in der Ukraine-Krise den Zerfall des Nachbarn weitertreiben. Denn je mehr Putin an der Souveränität Kiews herumschraubt, umso wütender, militaristischer und propagandistischer agiert der Nachbar — und wird somit zum Zerrbild, das Putin braucht, um bei den vermeintlichen Faschisten “einzugreifen”.
Dies ist aber nur die außenpolitische Komponente des heutigen Russlands, die mich in der Tat sehr an die Außenpolitik des Deutschen Reiches VOR (!!!!) 1939 erinnert. Was wahrscheinlich viel problematischer ist, ist ein Artikel aus der St. Petersburg Times von letzter Woche, in dem folgendes zu lesen ist:
“After a litany of disappointing Soviet leaders — such as Leonid Brezhnev, who was senile; Yury Andropov, who was only half-living; Konstantin Chernenko, who was already half-dead; Mikhail Gorbachev, who spoke well but led poorly; and power-hungry but drunken Boris Yeltsin — the Russian people hoped to finally “win the lottery” and land a leader in whom they could place their full confidence.
Most Russians were sincerely convinced that Putin was the only man capable of implementing “national projects,” getting fifth- and sixth-generation combat aircraft off the drawing board and into the air, raising pensions to European levels, resolving the demographic problem, eliminating corruption, commencing the drilling of Arctic oil and so on.”
Die Lichtgestalt, die endlich wieder als das personifizirte Gute für Hoffnung sorgt?

Kennt man irgendwoher? Leider ja.
Diese Methode funktioniert in jedem Land.
Hitlervergleiche taugen nicht, um politische Prozesse wie die Fortsetzung des Ost-West-Konflikt zu beurteilen. Wovor wir aber gerade als Deutsche nicht zurückschrecken sollten, ist, zu analyieren, wo in der Tat erschreckende Ähnlichkeiten im Vorgehen des modernen Russlands und des Dritten Reiches sind. Nicht im Sinne der Formel Drittes Reich = Hitler. Aber in einer sauberen, tabufreien Analyse der Frage, wie bestimmte Politiker, bestimmte Stimmungen, bestimmte Machtstrukturen und bestimmte Grenzziehungen zu einem bestimmten Moment zum größten aller Schrecken führen können.
Abschließend sei nochmal einer der wenigen schlauen Sätze erwähnt, den der Nazi Kriegsverbrecher Hermann Göring je von sich gegeben hat. Nämlich nach seiner Festnahme 1946 gegenüber dem Psychologen Gustave Gilbert:
“Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg […] Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. […] Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.” — Interview mit Gustave Gilbert in der Gefängniszelle, 18. April 1946, Nürnberger Tagebuch S.270 books.google