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Buch-Empfehlung: Sieben tödliche Szenarien.

Ein paar Ansätze, wie das amerikanische Jahrhundert sofort enden könnte.


Vor ein paar Tagen habe ich mich dazu entschlossen, meinem langjährigen Lieblingsthema Sicherheitspolitik ein wenig mehr Raum auf Deutsch zu geben. Daher heute eine Buchempfehlung, die den Blick nach vorne richtet und dabei mit ein paar beunruhigenden, aber höchst realistischen Visionen daherkommt. Und das mit einem Buch, das in Deutschland fast unbekannt ist.


Was wäre wenn? In kaum einer Wissenschaft lässt diese Frage so interessante Gedankenspiele zu wie in der Geschichtswissenschaft. Hunderte Bücher und Forenbeiträge sind darüber geschrieben worden, was wohl passiert wäre wenn Hitler an der Wiener Kunstschule angenommen worden wäre, der Kapitän des sowjetischen U-Boots B-59 in der Kubakrise die Nerven verloren hätte oder Walt Disney Präsident geworden wäre (sehr lesenswert). Unter vielen Historikern hingegen hat Alternate History den Stellenwert von Kaffeesatzlesen — es ist einfach nicht belegt.

Dass diese Einschätzung etwas borniert ist, bewies vor drei Jahren der Sicherheitsanalyst Andrew F. Krepinevich mit seinem Buch “7 Deadly Scenarios” — ein Buch, das ich jedem, der sich für neue Bedrohungsszenarien interessiert, wärmstens ans Herz legen möchte.

In seinem Buch hinterfragt Krepinevich, was die wohl derzeit schwerwiegensten Sicherheitsbedrohungen für die USA sein könnten und exerziert diese Stück für Stück durch.

In Kapitel 1 inszeniert er den gar nicht besonders unwahrscheinlichen Staatskollaps in Pakistan. Desertierte islamistische Armeeteile liefern sich einen Bürgerkrieg mit pakistanischen Regierungstruppen - nur dass erstere einige der pakistanischen Atomwaffen in ihre Gewalt bringen konnten und mit deren Einsatz gegen Indien und die westliche Welt drohen. Bei der Frage, ob amerikanische Truppen zur Befriedung Pakistans eingesetzt werden könnten, zeigt sich schnell, dass die gesamte US-Armee nicht einmal halb so groß ist wie notwendig wäre, um das pakistanische Staatsgebiet zu kontrollieren. Schon bei einem wirklich umfassenden Einsatz in Pakistan wären die USA massiv überfordert.

Ein Kapitel später lässt der Autor eine Al-Kaida-ähnliche Terrororganisation ein halbes Dutzend Atomwaffen in amerikanischen Großstädten detonieren. Die Containerbomben wurden durch kriminelle Kanäle in Russland beschafft und per Seeweg in die USA importiert: ein durchaus mögliches Szenario. Auch hier zeigt Krepinevich ein Szenario auf, gegen das im Westen kein Kraut gewachsen ist.

Im Rest des Buches wechseln sich Albtraum-Szenarien wie eine Pandemie, die aus Mexiko kommend die südlichen USA überrollt mit chinesischen Invasionen in Taiwan ab. Ein Krieg mit dem Iran und die schrecklichen Folgen? Krepinevich spielt es durch. Gnadenlos zeigt er in jedem einzelnen Apokalypsedrama auf wie der Westen — und allen voran die USA — komplett überfordert sind. Mit den sicherheitspolitischen und den menschlichen Folgen.

Einige der Szenarien hat man so in der Art schon einmal gesehen oder gelesen. Das für mich überraschendste und wohl spannendste Kapitel ist daher die Geschichte “Just-not-on-Time”, in dem Terroristen einen gewaltigen Frachter der Malaccamax-Klasse (der Name kommt von den gewaltigen Ausmaßen dieser Schiffe — sie passen gerade so durch die Straße von Malacca) eben in besagter Malacca-Straße versenken. Durch die Schwierigkeit der Bergung wird dem Welthandel eine zusätzliche Transportzeit von drei Wochen bei der Umrundung Südostasiens aufgebürdet. Resultat: eine Weltwirtschaftskrise.

Jedes der beschriebenen Szenarien zeigt schmerzhaft auf wie verwundbar die westliche Welt ist. War schon 9/11 eine Zäsur in Sachen westlicher Ohnmacht, zeigt jedes einzelne der sieben beschriebenen Szenarien, wie dünn das Eis ist, auf dem der Westen glaubt zu stehen. Besonders gelungen: die Integration von “Alternate History”-Erzählstilen in die sicherheitspolitischen Hypothesen des Autors. Natürlich bleibt es hoffentlich in allen Fällen nur bei Szenarien. Dennoch dürfte jedem Leser recht schnell klar sein, dass unsere Zukunft deutlich herausfordernder werden könnte als wir uns seit 2001 eingestehen wollten.

Fazit: Unbedingt lesen.

7 Deadly Scenarios: A Military Futurist Explores the Changing Face of War in the 21st Century*

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