Der Tag danach.

Wie ein Film im heißen Herbst 1983 Politik machte, mein Leben veränderte und vielleicht sogar die Welt rettete.

Gerald Hensel
Feb 21, 2015 · 6 min read
Atomraketenschützen-Humor: ein “Blast Door” in einem Minuteman Silo in den USA

Lawrence. Lawrence, Kansas

Den Rest gab mir als Kind der Film “The Day After”. Ich weiß nicht ganz genau, was meine Eltern taten oder wo sie waren: aber den 1983 abgedrehten US-Spielfilm muss ich mit etwa 10 Jahren bei Freunden meines Vaters auf VHS gesehen haben — danach war an Schlaf erstmal nicht mehr zu denken.

Und hier kommt dann die Apokalypse

Der Herbst 1983.

100 Millionen Amerikaner sahen “The Day After” am 20. November 1983. Zeitgleich gingen schon seit 1979 Millionen von Menschen in verschiedenen westlichen Staaten gegen den sog. NATO Doppelbeschluss auf die Straße.

Anti-Doppelbeschluss Demo
  • 26. September 1983: der durch Zufall an diesem Tag diensthabende sowjetische Raketenleitoffizier Stanislav Petrov verhindert möglicherweise aufgrund eines guten Bauchgefühls den Dritten Weltkrieg. Der Computer in seinem Bunker bei Moskau meldet ihm den Anflug amerikanischer Raketen. Er glaubt dem Computer allerdings nicht und gibt den Befehl deshalb entgegen seiner Vorschriften nicht an seine vorgesetzte Dienststelle weiter. Kurz darauf gibt es Entwarnung. Seine Vorgesetzten hätten mit großer Wahrscheinlichkeit einen Gegenschlag angeordnet.
  • 7. November 1983: Die Kombination aus einer russischen Spionageoperation (RYAN) und einer NATO Generalstabsübung (Able Archer) führt kaum einen Monat nach dem Petrov Zwischenfall erneut fast zu einem Überraschungsoverkill. Die Sowjets haben zu dem Zeitpunkt enorme Angst vor einem Überraschungsangriff des Westens und beobachten alle NATO Bewegungen aufs Genauste. Passenderweise übt die NATO ab 7. November 1983 auf hochrangigster Ebene genau das: einen nuklearen Überraschungsangriff auf den Warschauer Pakt. Top-Politiker wie Helmut Kohl, Margaret Thatcher und Ronald Reagan verschwinden in Kommando-Bunkern. Hektische Vorbereitungen auf NATO Flugplätzen und Raketenbasen, heftige Kommunikation im Äther und offensichtliche Aufgeregtheit beim militärischen Gegner, überzeugt die Sowjets fast, dass ein Überraschungsangriff unmittelbar bevorsteht, mit dem sie zu dieser Zeit auch akut rechnen. In allerletzter Sekunde bekommen die westlichen Regierungschefs von der sowjetischen Paranoia wind und zeigen sich wieder in der Öffentlichkeit. Able Archer war vorbei. Heute weiß man, dass in der DDR russische Atombomber schon die Triebwerke warmlaufen ließen und nur der letzte Einsatzbefehl fehlte.
  • 20. November 1983: The Day After wird in den USA im Fernsehen gezeigt.
  • 22. November 1983: Der Bundestag stimmt der Stationierung von amerikanischen Pershing II Raketen in der Bundesrepublik zu. Damit verkürzt sich auch für die Sowjets die Vorwarnzeit einer Rakete, die nach Moskau fliegt, auf unter 8 Minuten. Man muss also im Zweifel schnell auf den Roten Knopf drücken, um zu reagieren.

The Days After.

Die Geschichte des Films “The Day After” ist deshalb so interessant, weil er möglicherweise wirkliche eine Zäsur in der Wahrnehmung der atomaren Bedrohung in Amerika auslöste. Und das nicht nur in Wohnzimmern in Kansas sondern vor allem bei dem als Cowboy bekannten Präsidenten Ronald Reagan — einem Kalten Krieger der alten Schule.

Neue Bellona

Geschichte, Sicherheitspolitik und ganz viel gude Laune.

    Gerald Hensel

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    Freelance Strategy Director — Connected Brands (geraldhensel.com), Co-founder of Fearless Democracy e.V. (fearlessmocracy.org). Imprint: https://bit.ly/2qbsv1C

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