Der Tag danach.

Wie ein Film im heißen Herbst 1983 Politik machte, mein Leben veränderte und vielleicht sogar die Welt rettete.

Gerald Hensel
Feb 21, 2015 · 6 min read

Es mag merkwürdig klingen. Aber seit ich ein Kind war, hat mich die Atombombe fasziniert. Oder besser gesagt: die irrsinnige Theorie gegenseitiger kollektiver Vernichtung.

Die Erkenntnis, dass die Welt im Bruchteil einer Sekunde enden kann, hat mir als Kind schlaflose Nächte bereitet. Aus dieser Angst entstand die Erkenntnis, dass ich mehr wissen muss, um meine Sorge vor der Apokalypse zu kanalisieren und damit begann die Motivation mich mehr mit Politik zu beschäftigen, Politologie zu studieren, ein nichtbeachtetes Fachbuch zu schreiben und bei mehreren NGOs aktiv zu sein. Das leicht schwierige Thema “Die Bombe und ich” begleitet mich seit Jahrzehnten.

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Atomraketenschützen-Humor: ein “Blast Door” in einem Minuteman Silo in den USA

16.300 Atomsprengköpfe existieren genau jetzt auf dieser Welt. Ein Arsenal, dass immer noch zur mehrfachen kollektiven Vernichtung jedes Menschen auf der Welt ausreicht. Aber während die Bombe des Jahres 2015 zwischen Snapchat, DSDS und Dschungelcamp kaum noch Wahrnehmung für sich beanspruchen kann, war man auch als Kind in den 80ern gerne mal etwas mehr mit der drohenden Apokalypse konfrontiert als das gut war.

Der Tag an dem ich die Bombe lieben lernte, muss wohl ein Tag im Jahr 1985 gewesen sein. Ich war zehn Jahre alt, war in einem relativ politischen Elternhaus aufgewachsen und bekam die extreme und extrem berechtigte Kalte Krieg Nervosität der frühen 80er Jahre auch als Kind sehr aktiv mit.

Am Ortsschild des südhessischen Dorfes, in dem ich aufwuchs, prangt bis heute aus dieser Zeit ein gelb-grünes Schild mit der Aufschrift “Taunusstein — ABC-waffenfreie Zone”. In der Schule las man damals allen Ernstes Gudrun Pauswangs “Letzte Kinder von Schewenborn” und wenn die Eltern Nachrichten schauten, schlief man abends entweder mit NATO-Doppelbeschluss, SS-20s oder dem Raketenabwehrsystem SDI ein — und zu diesem Zeitpunkt hatten wir vom Wort Tschernobyl noch nicht mal was gehört.

Lawrence. Lawrence, Kansas

The Day After war seinerzeit die drastischste Darstellung eines Atomangriffs, die in westlichen Medien je gelaufen war. Der 1983 abgedrehte Film zeigte die schnelle Eskalation eines Dritten Weltkrieges in Europa aus Sicht der Kleinstadt Lawrence, Kansas, in der die Bewohner die Vernichtung ihres bisherigen Lebens und der nahegelegenen Großstadt Kansas City erleben müssen. Wir folgen Ärzten, die nach dem atomaren Holocaust versuchen, in völlig überlasteten Krankenhäusern den Sterbenden zu helfen. Wir sitzen neben Familien, die sich vor den Bomben in provisorischen Kellern verkrochen haben, und nun versuchen, nicht durchzudrehen: Im besten Sinne des Wortes war dieser Film eine einzige Katastrophe.

Das Drama holte seinerzeit alles aus der Trickkiste, was möglich war, und versetzte so weiten Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit erstmals einen nachhaltigen Schock. Das amerikanische Heartland würde den Untergang der Welt ebenso mittragen müssen, wie die vermeintlich ferne Nahtstelle zwischen Ost und West, wo ich zur gleichen Zeit als kleiner Junge im hochgerüsteten Westdeutschland der frühen 80er aufwuchs.

Das war neu für Amerikaner, für die Kriege bestenfalls in der Zeitung vorkamen: der nächste große Krieg konnte jeden von ihnen treffen. Und er würde das Ende der Zivilisation bedeuten.

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Und hier kommt dann die Apokalypse

Der Herbst 1983.

Bei der Friedensdemonstration in Bonn 1982 waren eine halbe Millionen Demonstranten angereist. Und just in diesem “heißen Herbst” verlagerten sich zunehmend die Friedensdemos vor die US-Raketenstandorte Mutlangen und Neu-Ulm. Die Menschen hatten große Angst.

Was die meisten von ihnen allerdings nicht wussten, war, dass sie zeitgleich mindestens zweimal das Szenario von “The Day After” fast Wirklichkeit geworden wäre.

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Anti-Doppelbeschluss Demo

Neben der Kuba Krise gelten — wie man heute aus historischen Unterlagen weiß — die Monate September bis November 1983 als die Monate, in denen ein nuklearer Schlagabtausch fast erfolgt wäre.

Die Highlights dieser Zeit (und das sind nur 12 Wochen):

  • 1. September 1983: Nach umfangreichen Spannungen zwischen Ronald Reagans USA und Leonid Brezhenevs UdSSR schießt die sowjetische Luftabwehr einen südkoreanischen Jumbo ab, der sich über der Insel Sachalin verflogen hat. 269 Menschen sterben beim Absturz von KAL007. Ronald Reagan bezeichnet die Sowjetunion als “Reich des Bösen.”
  • 26. September 1983: der durch Zufall an diesem Tag diensthabende sowjetische Raketenleitoffizier Stanislav Petrov verhindert möglicherweise aufgrund eines guten Bauchgefühls den Dritten Weltkrieg. Der Computer in seinem Bunker bei Moskau meldet ihm den Anflug amerikanischer Raketen. Er glaubt dem Computer allerdings nicht und gibt den Befehl deshalb entgegen seiner Vorschriften nicht an seine vorgesetzte Dienststelle weiter. Kurz darauf gibt es Entwarnung. Seine Vorgesetzten hätten mit großer Wahrscheinlichkeit einen Gegenschlag angeordnet.
  • 7. November 1983: Die Kombination aus einer russischen Spionageoperation (RYAN) und einer NATO Generalstabsübung (Able Archer) führt kaum einen Monat nach dem Petrov Zwischenfall erneut fast zu einem Überraschungsoverkill. Die Sowjets haben zu dem Zeitpunkt enorme Angst vor einem Überraschungsangriff des Westens und beobachten alle NATO Bewegungen aufs Genauste. Passenderweise übt die NATO ab 7. November 1983 auf hochrangigster Ebene genau das: einen nuklearen Überraschungsangriff auf den Warschauer Pakt. Top-Politiker wie Helmut Kohl, Margaret Thatcher und Ronald Reagan verschwinden in Kommando-Bunkern. Hektische Vorbereitungen auf NATO Flugplätzen und Raketenbasen, heftige Kommunikation im Äther und offensichtliche Aufgeregtheit beim militärischen Gegner, überzeugt die Sowjets fast, dass ein Überraschungsangriff unmittelbar bevorsteht, mit dem sie zu dieser Zeit auch akut rechnen. In allerletzter Sekunde bekommen die westlichen Regierungschefs von der sowjetischen Paranoia wind und zeigen sich wieder in der Öffentlichkeit. Able Archer war vorbei. Heute weiß man, dass in der DDR russische Atombomber schon die Triebwerke warmlaufen ließen und nur der letzte Einsatzbefehl fehlte.
  • 20. November 1983: The Day After wird in den USA im Fernsehen gezeigt.
  • 22. November 1983: Der Bundestag stimmt der Stationierung von amerikanischen Pershing II Raketen in der Bundesrepublik zu. Damit verkürzt sich auch für die Sowjets die Vorwarnzeit einer Rakete, die nach Moskau fliegt, auf unter 8 Minuten. Man muss also im Zweifel schnell auf den Roten Knopf drücken, um zu reagieren.

The Days After.

Reagan bekam eine Kopie des Filmes ins Weiße Haus zugespielt. Laut den Memoiren von Edmund Morris war Ronald Reagan noch Tage nach der Filmvorführung schwer depressiv.

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Auch wird darüber spekuliert, dass Reagan nach “The Day After” die Verhandlungen zum INF Vertrag aufnahm, der 1987 mit Michael Gorbatschow unterzeichnet wurde. In ihm wurde die Abrüstung sämtlicher Pershings und SS-20 vereinbart. Die gefährlichsten potenziellen Auslöser eines möglichen Dritten Weltkriegs waren damit unschädlich gemacht. Die Welt und ich durften weiterleben. Zwei Jahre später fiel die Mauer.

“The Day After” dürfte einen wichtigen Anteil daran geleistet haben.

Wer schlecht schlafen will: hier ist der ganze Film.

Neue Bellona

Geschichte, Sicherheitspolitik und ganz viel gude Laune.

Gerald Hensel

Written by

Freelance Strategy Director — Connected Brands (geraldhensel.com), Co-founder of Fearless Democracy e.V. (fearlessmocracy.org). Imprint: https://bit.ly/2qbsv1C

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