Nach MH17

Gedanken über eine Tragödie, über politische Semantik und die Frage, ob wirklich alles so unklar ist wie es scheint.


MH17.

Seit dem unfassbar traurigen Absturz des Malaysia Air Fluges über der Ostukraine ist dieses Kürzel eine weitere kollektiv verständliche ID, das etwas passiert ist, was sich niemand erklären kann und will.

Wir sollten es aber versuchen.

Dieses Ereignis fasziniert mich auf morbide Weise. Ich habe eine ganze Weile in den Niederlanden gelebt und fühle durchaus eine gewisse Verbundenheit mit der kollektiven Trauer dieses kleinen Volkes. Ich habe mich akademisch auf Sicherheitspolitik konzentiert, vor Jahren ein Fachbuch zum nordkoreanischen Atomprogramm geschrieben und führe Neue Bellona (diesen Blog) unter anderem als einen aktiv Beitrag meiner seit Jahren bestehende Interaktion mit Journalisten und Bloggern in diesem Bereich. Dass ich durchaus auch etwas unter Flugangst leide, spielt in die Motivation mit hinein: ich versuche ganz einfach zu verstehen, was passiert ist.

Auch wenn sich dieser Blog in erster Linie um Sicherheitspolitik im Allgemeinen dreht, habe ich in den letzten Tagen einige spannende Diskussionen geführt. Oft fiel mir auf, wie sehr die komplexe Thematik (Bürgerkrieg in Ukraine? Wer schießt da auf wen?), die massive Desinformation beider Seiten und die durch die Polarisierung beider Seiten hervorgerufene Intransparenz, sich auf die Argumentation niederschlug. War es Absicht? War es Terror? Die Russen oder doch die Amerikaner? Klar war, dass alle überfordert schienen und dies auch eine fruchtbare Diskussion unmöglich machte.

Natürlich ist dies der ideale Sud für Verschwörungstheorien. Wenn Dinge nicht 100%ig geklärt sind, sind es halt die üblichen Verdächtigen. Und dass der Absturz von MH17 fast zeitgleich mit dem Start der israelischen Gaza-Operation zusammenfällt, 100 HIV-Forscher mit im Flugzeug waren oder Malaysia Air damit schon das zweite schwere — und unaufgeklärte-Unglück in kurzer Zeit erlebt hat, spricht ja wohl Bände, oder?

Mitnichten.

Verschwörungstheorien hindern uns am Denken. Und noch schlimmer: sie hindern uns am Handeln.

Ich möchte diesen Artikel mal heute nutzen, um aus total aussenstehender Warte, die Punkte zusammenzutragen, die nach bestem Wissen und Gewissen wohl für die offiziell vom Westen derzeit vertreten Variante sprechen. Mir ist klar, dass das ein Vabanque-Spiel ist. Endgültige Beweise gibt es nicht und wird es vielleicht auch nie geben. Und auch Propaganda ist eine entscheidende Größe, der ich auch mehr als einmal in diesem Kontext auf den Leim gegangen bin.

Ich versuche hier allerdings Menschen zu zitieren, die lange Jahre im Sicherheitsumfeld tätig sind. Menschen, die erfahrene und vor allem ernsthafte Analysten, Journalisten und Blogger aus diesem Bereich sind. Deren Einzelargumentationen versuche ich zusammenzufassen, weil ich glaube, dass sie Kausalabfolge offenlegen, die die offizielle These vom Abschuss durch von Russland unterstützte ostukrainische Rebellen stützen. Ich möchte hier einige Kernargumente nochmal aufführen, die aus verschiedenen Quellen stammen, die ich aber unter Weglassen der offensichtlichsten Propaganda-verdächtigen Inhalte nachvollziehbar finde. Sollten sie angreifbar sein, bitte ich um Rückmeldung.

Der Grund? Es gibt gute — wenn auch nicht abschließend bewiesene-Gründe für einen Separatisten-Abschuss von MH17. Verschwörungstheorien haben aber einen durchweg höheren Viralitätsfaktor. Und das erschwert durchweg einen nächsten Schritt in der eigentlich zentralen Frage: Wer ist am Ende von MH17 schuld und was bedeutet das?

“Es ist doch nichts bewiesen”


Seitdem am 17. Juli 2014 Flug MH17 über der Ostukraine niederging überschlagen sich Verschwörungstheoretiker ebenso wie die Propaganda Russlands und der russischen Separatisten auf der einen Seite ebenso wie die der Ukraine auf der anderen Seite.

Dabei gibt es auch im Web durchaus ernstnehmbarere Quellen und Analysten, die auch hier großartige Arbeit leisten, um zu verstehen, was passiert ist. Und dann gibt es natürlich gerade im Netz Leute, die genau das Gegenteil tun.

Das macht die Aufklärung in einem ohnehin schon komplizierten Fall nicht unbedingt einfacher. “Es ist doch nichts bewiesen”, heißt ein vielgehörter Vorfall. Aber zählen wir mal die paar Dinge zusammen, die man weiß, auch ohne Geheimdienstmitarbeiter zu sein.

Gute Gründe an die Separatisten-Abschuss-Geschichte zu glauben.


Der Absturzort lieg tief in Separatistengebiet. Die folgende Karte zeigt den Frontverlauf nur wenige Tage vor dem Absturz der Maschine. Die dunklen Stellen zeigen Separatistengebiet, die hellen Stellen beschreiben von der ukrainischen Regierung gehaltenes Gebiet. Unschwer erkennbar ist der rote Kreis, der den Absturzort Hrabowe markiert.

Das heißt ja noch nichts. Stimmt. Das heißt aber auch nicht nichts.

Neben amerikanischer Satellitenaufklärung (die wohl ein Hauptargument der Fachleute für einen Abschuss ist), scheint vor allem ein Trümmerteil stark für einen Abschuss durch eine Luftabwehrrakete zu sprechen: Ein Panel, das offensichtlich von der linken Seite der Pilotenkanzel stammt.

Links auf diesem Bild sehen wir das gefundene Panel in einem Waldgebiet in der Ostukraine, auf dem rechten Bild die Anbringung bei einer baugleichen Boeing 777.

Wie der üblicherweise sehr gut informierte Flugzeug-Blogger David Cenciotti mit Lesern gemeinsam herausfand, erkennt man an diesem Panel Schäden, die in der Tat sehr typisch für Flugabwehrraketen vom Typ SA-11/BUK M1 sind. Nämlich viele kleine, durch schnell fliegende Schrapnelle hervorgerufene Löcher in der Bordwand.

This is a sign the missile, most probably fired by an SA-11 system according to almost all reports to date, equipped with a proximity fuse, detonated on the right side of the aircraft not too far from the nose, scattering several fragments of shrapnel so fast that they traversed the plane from side to side: they entered through the right side of the airframe and got out from the left one.
Furthermore, considering the amount of puncture marks concentrated at the base of the cockpit window’s we can assume both pilots were hit by high speed, hot shrapnels that most probably did not give them time to realize what was going on.

Auch aus den bisher bekannten, öffentlich zugänglichen Information lässt sich schließen, dass auch die Luftabwehrrakten-Kompontente der Geschichte wahrscheinlich wahr ist. Sprich: eine vom Boden abgefeuerte Rakete hat MH17 vernichtet und nicht etwa — wie von Russland gelegentlich angeführt- eine Luft-Luft-Rakete eines ukrainischen Jets. Dieser würde typischerweise andere Schäden verursachen, indem er z.B. in einem Triebwerk eine Explosion verursachte und damit die Schrapnell-Wirkung ausbliebe.

Das mit dem Panel oben verbundene Szenario repräsentiert eine für eine SA-11 Lenkwaffe typische Explosion in der Nähe des Flugzeugs. Diese wirkt eher wie eine Schrotflinte und soll durch Splitter den Wirkungsradius der Explosion erhöhen, wie auf dem Bild unten rechts zu sehen ist. Wenn die Analyse der Panelschäden oben stimmt, wäre die Rakete wohl von rechts auf MH17 zugesteuert und hätte damit zuerst durch maximale Splitterwirkung vor allem das Cockpit und den vorderen Teil der Maschine durchlöchert.

Gestützt wird die Luftabwehrraketen-These auch von dem altehrwürdigen Sicherheitsinformationdienst “Jane’s”, der am 20. Juli titelte: “MH017 mostly likely downed by Russian-backed separatists”.

Jane’s analysiert unter anderem die Frage, ob es möglich sein könnte, dass die fragliche Rakete von ukrainischen Regierungstruppen abgefeuert sein könnte (was aufgrund von Reichweitebegrenzungen, der Auffälligkeit des Systems und der Frontlinien in dieser umkämpften Region ohnehin schon sehr unwahrscheinlich scheint).

Die Antwort scheint simpel: Die ukrainische Regierung hat überhaupt keine Luftabwehrrakten in dieser Region, weil alle fraglichen Systeme bei der Eroberung einer ukrainischen Armeebasis am 29. Juni 2014 in Separatistenhände gefallen sind.

The Ukrainian military “has no Buk systems in this part of the country any longer”, said one former air defence forces officer. The Buk units that were based in this region were taken over by Russian-backed separatists on 29 June when they overran a Ukrainian military installation. The separatists posted photos of their new acquisitions on Russian social media on the same day, but deleted these internet postings on 17 July as soon as it was clear that the aircraft downed was a civilian airliner and not a military target.

Ebenso wie viele andere Inhalte auf Social Media Plattformen wurden Separatisten-Posts, die die Übernahme der Flugabwehrsysteme feierten, nachträglich gelöscht. Sie können hier aber noch angeschaut werden.

Grund zu zusätzlichem genauer hinschauen gibt die Analyse, die der als sehr investigativ bekannte ‘Rocket Man’ Eliot Higgins aka Brown Moses durch kollaboratives Zusammensetzen von Fotos aus der Region erstellt hat. Dieser konnte nicht nur nachweisen, dass eine SA11 Batterie am fraglichen Tag in Reichweite von Flug MH17 durch Rebellengebiete in der Ost-Ukraine cruiste, nach dem Absturz der Maschine in hektische Betriebsamkeit ausbrach und einmal durch das gesamte Rebellengebiet gekarrt wurde.

“It’s interesting that this launcher took a trip through rebel-held territory to the launch site and then up toward the rebel-held city toward the border with Russia”

Und weiter.

These findings certainly don’t prove that Russia was responsible for the downing of MH17, as Higgins himself admits, but rather provide strong evidence that pro-Russian rebels possess (or possessed, until very recently) a Buk missile launcher, and that it was close to the crash site before and after the plane was shot down. (Via)

Bad News Verschwörungstheoretiker: Es muss nicht immer alles Sinn ergeben.


Wesentlich schwieriger als die Frage “was ist eigentlich passiert?”, scheint in der öffentlichen Wahrnehmung die Frage zu sein, warum es passiert ist und was daraus folgt.

Genau diese Fragen sind hauptverantwortlich für gefühlte 82,2% aller Verschwörungstheorien. Im Zweifel haben die Amerikaner ja sowieso immer was damit zu tun. Startpunkt für jede gute Verschwörungstheorie ist ja bekanntlich der Satz “Wer profitiert denn davon?” Und was man nicht belegen kann, kann man ja in Unkenntnis von Fakten auch als angstmachendes Drohgespenst im Raum herumwabern lassen.

Menschen, die über Politik, große Krisen und Konflikte nachdenken, haben die Neigung zu glauben, dass jeder Move geplant ist, dass alles einen großen Sinn hat und in einer logischen Verbindung zu allen anderen Systemkomponenten steht — kurz, dass es sowas wie einen großen Plan gibt.

Geschichte lehrt, dass meist das Gegenteil der Fall ist: dass Geschichte, Kriege und Krisen meist äußerst zufällige und fragile Kreationen von Interaktionen zwischen Menschen sind. Hätte Eisenhowers Wetteransager im stürmischen Juni 1944 nicht durch Zufall für den 6. Juni die einzige Wolkenlücke vorausgesagt, wäre D-Day wahrscheinlich gescheitert. Hätte ein russischer U-Boot-Kommandant vor Kuba 1962 die Nerven verloren, wäre das Resultat eine andere Weltgeschichte gewesen.

Deshalb erscheint es auch relativ naheliegend, dass der Abschuss von MH17 Resultat einer untertrainierten, massiv gestressten Separatisten-Einheit war, die diesen Akt nicht geplant hatte.

Nur wenige Stunden vor der Horrornachricht von Flug #MH17 gab es Nachrichten, dass in den wenigen Tagen zuvor mindestens ein Regierungsjet und ein Regierungstransportflugzeug von Rebellen abgeschossen wurden. Zudem hatte die ukrainische Regierung den Rebellen in den Tagen zuvor große Gebiete wieder abgenommen und war klar auf dem Vormarsch.

Naheliegend, dass Putin seinen Miliz-Kommandeuren in der Ostukraine mehr Waffen lieferte um die verhassten Westukrainer aufzuhalten. Waffen, an denen die Rebellen unzureichend ausgebildet waren, eingebettet in schlechte oder nichtexistente Command & Control Strukturen. So stellte offensichtlich nach der Eroberung der Raketen durch Rebellen die fehlende Anbindung an das zivile (ukrainische) Luftlagezentrum, und damit eine fehlende Freund-Feind-Identifikation, ein entscheidendes Problem für die Rebellen-Raketenschützen dar. Während sich ihre westukrainischen Kollegen beim Zielen auf Flugzeuge per Datenlink eine Freigabe durch das ukrainische Flugleitzentrum zukommen lassen mussten, fehlte dieser Prozess offensichtlich bei den Rebellen völlig.

Nochmal Janes:

“There is a datalink from the civilian air traffic control system that monitors all commercial airline and civil aviation flights,” he explained. “This input into the air defence command provides full coverage of all non-military flights, so it is nearly impossible for a Ukrainian armed forces unit to have brought down this airliner. It is almost certainly one of these rebel bands operating in the east of Ukraine, operating with Russian assistance and simply shooting at anything that passes over their heads.”

Wie komplex die Bedienung eines SA11 Werfers (und vergleichbarer Systeme) ist, kann man sich im ziemlich realistischen SAM Simulator anschauen.

“…provided the operators are trained enough, they’ll be able to distinguish between a Ukrainian transport plane and a large airliner. If not, they will simply shoot.” (via)

Ein besonders tragischer Unfall in Kriegszeiten?

Diese Realität passt nicht zum Weltbild eines Verschwörungstheoretikers. Zufälle, Unfälle und gestresste, überforderte Bedienmannschaften, die Signale fehlinterpretieren, passen nicht in eine Welt, in der alles von sinistren Mächten gesteuert zu sein scheint — eine Welt, in der alles immer logisch ist, und in der immer jemand davon “profitiert”. Eine Welt, in der es weder Beweise noch begründete Kausalketten geben muss sondern ein Verdacht reicht.

Was Verschwörungstheorien aber in diesem Kontext ist vor allem eines: uns von einer Lösung des eigentlichen Problems abzuhalten — des Ukraine-Krieges. Eines Krieges, der faktisch kein Bürgerkrieg mehr ist sondern ein zwischenstaatlicher Krieg zwischen der Ukraine und Russland mit Beteiligung lokaler Milizen.

Kein Terror sondern Krieg.


Es fällt schwer, die vielen Toten, die gestorbenen Kinder, die auseinander gerissenen Familien zynisch als Kollateralschaden eines Krieges zu bezeichnen, der faktisch zwischen Russland und der Ukraine tobt. Aber genau so sieht es aus.

Die Polarisierung in diesem Konfikt verhindert eine sachliche Auseinandersetzung mit dem, was eigentlich passiert ist. Denn weil “Terror” die Vokabel der ukrainischen Seite ist, muss folgelogisch die andere Seite diesen Vorwurf weit von sich weisen. Wie könnte es ein stolzer Staat wie Russland auf sich sitzen lassen, dass sie Terror unterstützten? Unmöglich.

Manchmal ist es aber genau diese Bedeutungsebene von Worten, die eine sachliche Betrachtung des Falls sehr stark erschwert.

Denn auch wenn die Vokabel “Terror” extrem umstritten ist, kommt man nicht umhin, ihr eine gewisse Planungskomponente zu unterstellen. Ein “Terrorist” (was auch immer das wirklich ist), ist als Mindestdefinition jemand, dessen Handlungsziel das bewusste Töten von (meist zivilen) Menschen klar einkalkuliert. Mohammed Atta, Andreas Baader, die Boston Bomber: all diese Menschen wollten ihre Zielpersonen töten und feierten sich dafür.

Gehen wir davon aus, dass es wirklich sehr wahrscheinlich ist, dass #MH17 Opfer eines schrecklichen Zufalls war, kann man beim besten Willen nicht von Terrorismus sprechen. Dies wird zusätzlich durch die Handlungen der Separatisten nach Absturz des Fluges untermauert, deren Fokus nach Erkennen der schrecklichen Realität (“Oh Fuck!”) anscheinend erstmal darin lag, jeden Beweis über ihre Schuld zu vernichten.

Geht so ein Terrorist mit den Früchten seines Handelns um? Nicht wirklich. Gleich, ob Al Qaida oder RAF: Terroristen prahlen mit ihren Taten und sorgen dafür, dass sie sich selbst damit rühmen können. Sie wollen Angst und Schrecken verbreiten und stehen zu ihren Taten. Was die Separatisten an diesem Tag taten, glich eher einer Fahrerflucht nach einer betrunkenen Spritztour die tödlich endete.

Was aber bedeutet das?

Das bedeutet in der Tat, dass die Hauptverantwortlicheb für diesen Absturz in Moskau sitzen. Das Ende von MH17 war kein Terrorakt sondern das Resultat russischen Imperialismus’.

Es ist das Resultat von russischen Offizieren, die sich seit Monaten auf dem Territorium des souveränen Landes Ukraine aufhalten. Es ist das Resultat von Lieferungen schwerer Waffen an Menschen, die diese Waffen nicht bedienen sollten. Es ist das Resultat von russischem Imperialismus, der seit der Krimbesetzung die Welt in Atem hält (hierzu ein Artikel von mir von vor ein paar Monaten).

Wer sich vor Augen hält, was die Unterscheidung der beiden Begrifflichkeiten “Terrorismus” vs “Imperialismus” bedeutet, kann verstehen, wie unterschiedlich die politischen Folgen bei jeder dieser beiden Diagnosen sein müssen. Im ersten Fall müssten sich Strafmaßnahmen vor allem gegen die “Terroristen” wenden. Da nach offizieller Aussage Putins ja keine Unterstützung Russlands an die Rebellen geht, müsste Russland in Zusammenspiel mit dem Westen auch militärisch dafür sorgen, dass die Verursacher dieser Tragödie gefunden und abgeurteilt werden.

Sollte dies aber kein Terrorakt sein, sollten wir uns nicht mit unnötigen Vokabeln wie “Terror” aufhalten, die keinem weiterhelfen. Was gerade passiert, ist, dass sich Putins Russland darum bemüht, Teile Osteuropas einzuverleiben. Putin will ein Russland überall dort errichten, wo Russen leben.

Das ist — wie Jan Fleischhauer in “Der Spiegel” vor ein paar Wochen richtig erkannte — weit mehr als nur eine rhetorische Feinheit. Putins These:

“Ich denke, dass der russische Mensch, oder allgemeiner der Mensch in der russischen Welt, vor allem anderen an seine moralische Verpflichtung denkt, an eine höchste moralische Wahrheit.” Im Gegensatz dazu steht der Westen mit seiner Fixierung auf Erfolg und Wohlstand oder wie es Putin ausdrückt: “das persönliche Selbst”. Es ist also ein ideologischer Kampf, den Russland aus Sicht seines Präsidenten kämpft: gegen die Oberflächlichkeit des Materialismus, gegen den Verfall der Werte, gegen die Verweiblichung und Verweichlichung der Gesellschaft, die mit der Auflösung aller traditionellen Bindungen einhergeht, kurz: gegen alles Unrussische.”
“Russland fällt nicht nur die Rolle zu, an seinen Grenzen der westlichen Dekadenz Einhalt zu gebieten, es wird für alle zur letzten Bastion, die in diesem Ringen schon die Hoffnung aufgegeben hatten. Damit ist aber auch gesagt, dass Russland niemals nachgeben darf.”

Und abschließend:

Aber nein, es scheint, er kann sehr schön sein, wenn er anderen dient: der Tod für einen Freund, für ein Volk oder für das Heimatland, um ein modernes Wort zu nutzen.”
Das ist nicht nur ein wenig, das ist lupenreiner Faschismus.

Und genau hier liegt das Problem. Wenn wir uns frei machen von Denkblockaden ausgelöst durch Worte wie “Terrorist” oder “Hitlervergleich”, stellen wir eines fest: hier gibt es eine Agenda. Und im Gegensatz zu obskuren Verschwörungstheorien sollten wir uns auf den Erklärungsansatz konzentrieren, der unsere Außenpolitik ab jetzt massiv bestimmen dürfte. “Ockhams Rasiermesser” ist ein heuristisches Forschungsprizip, das besagt, dass die wahrscheinlichste Theorie auch immer die offensichtlichste und einfachste Theorie ist.

Die geht so: Die 300 Unschuldigen, die mit MH17 starben, sind Kollateralschaden eines Mannes, der gerade auf Basis einer quasi-faschistoiden Politikagenda (“Russland ist da, wo Russen sind”) beginnt, die Ukraine dem russischen Staatsgebiet zuzuordnen. Wir wissen, dass er derzeit damit beginnt und wir wissen nicht, wie, wo und wann er aufhört.

Die Geschichte lehrt, dass man an solchen Punkten entschieden sein sollte. Möglichkeiten gibt es dazu (noch) weit unterhalb einer militärischen Schwelle viele.

Aber dies wird ab jetzt unsere Realität sein. Wir täten gut daran, dies nun zu akzeptieren. Mit dem Ende von MH17 endet nun auch die Welt, die wir uns 1990 erträumt haben, endgültig. Wir sollten uns dieser Wahrheit auch politisch stellen.