Wie aus dem Schulbuch: Während ich Freitag beim Abendessen bestürzt die Nachrichten aus der Ukraine las, updatete ich um 19.22 Uhr mein Facebook Profil:

Was dann passierte, überstieg selbst meine oft recht düstere Vorstellungskraft. Nicht mal 20 Minuten später las ich, dass der Luftraum über der Krim gesperrt war und dass alle Telekommunikationsverbindungen unterbrochen wurden. Heute ist klar: Russland okkupiert die Krim in Blitzkriegsmanier. Und wir werden nichts dagegen tun. Einfach weil wir nicht wollen, und weil gerade Deutsche sich vom Thema Krieg als Mittel der Politik aus gutem Grund stark entfernt haben. Gleichzeitig erschwert aber gerade die grundpazifistische deutsche Haltung den Blick auf eine tatsächlich sich zusammenbrauende Bedrohung. Und die zeigt sich als erster Akt wunderschön am vermeintlichen Nationalitätenproblem in der Ukraine, respektive der Krim.
Kriege auf Basis von Nationalitätenkonflikten, die idealer Weise auch noch in Osteuropa stattfinden, werden zumindest in Deutschland seit den 90er Jahren fast unisono unter “ach, die spinnen ja eh alle da drüben”, abgelegt. Putin findet man zwar nicht so gut, aber wenn es um die Details von Geschichte, Ethnien und Geopolitik geht, schaltet der deutsche Michel lieber ab. Als wenn das Kosovo, Bosnien Herzegovina und die Krim der gleiche Konflikt wären. Dass zusätzlich bei jeder größeren Krise in der Russland beteiligt ist, zunächst sowieso immer der Dritte Weltkrieg beschworen wird (und dann irgendwie doch nie kommt), klärt den Blick auf das, was uns wirklich bedroht auch nicht unbedingt.
Beispiel von gestern Morgen: Bild berichtet über den Einmarsch auf der Krim und stellt die rhetorische Frage “Steht die Welt vor einem weiteren Krieg”?
Offensichtlich ja, liebe Bild.
Russische Marineinfanteristen besetzen zur Zeit die Infrastruktur eines mit dem Westen alliierten Landes. Das ist ein kriegerischer Akt. Steht die Welt damit vor einem Weltkrieg, falls ihr das meint?
Wahrscheinlich nein, liebe Bild. Weil weder die Deutschen, noch die Franzosen, noch die Amerikaner wissen, wo die Krim überhaupt liegt und warum Russland dort einmarschiert. Man kann sich vorstellen, dass die Lust der NATO, einen Krim-Verteidigungskrieg gegen ein atomar bewaffnetes Russland zu führen, quasi bei Null liegt.
Aber im Ernst. Die Frage sei erlaubt: Was geht uns das an? Haben wir nicht schon genug mit den Problemen fremder Mächte am Hindukusch zu tun gehabt? Ist nicht ohnehin Krieg eine schlechte Sache und man tut am besten daran, sich komplett rauszuhalten?
Meine ganz persönliche Wahrnehmung sieht so aus: Russland hat einmal mehr bewiesen, dass es ein Land mit einer tief verletzten Seele ist, in dem Gewalt und Nationalismus grundsätzlich zur Massenmanipulation taugt. Unter mehr als 70 Mitgliedern des Föderationsrates gab es gestern keine einzige Gegenstimme, als Putin ein Freibrief für einen geographisch und territorial unbegrenzten Krieg gegen die Ukraine gegeben wurde. Und das, um eine Situation “zu beruhigen”, die Putin selbst hervorgerufen hat. Ziel: die nebulös formulierte Beruhigung der Situation in der Ukraine.
Faktisch heißt das: Okkupation wahrscheinlich verschiedener ukrainischer Landesteile und — damit verbunden — ein klares Signal an NATO und EU (sowie nach Polen, ins Baltikum und nach Georgien): Ihr könnt und wollt euren kleinen Freunden nicht helfen. Russland ist genau der aggressive Schulhofschläger, für den ihr uns seit Jahrzehnten haltet. Ausser ihr seid bereit dazu, mit euren kleinen, spezialisierten, unterfinanzierten und in asiatischen Stellvertreterkriegen abgewetzten Armeen eine aussichtslose Schlacht tausende Meilen jenseits eurer Landesgrenzen gegen uns, eine atomar bewaffnete Großmacht, zu führen.
Seid ihr nicht? Also: Fuck you.

Übrigens: gerade als Deutsche täten wir mal ganz gut daran, ausnahmsweise wirklich mal was aus unserer Geschichte zu lernen, statt nur reflexhaft “die da drüben” als irgendwie national verirrt anzusehen. Oder aber — wie heute morgen geschehen —bei jedem Hitler-Vergleich ebenso reflexhaft sofort abzuwinken. Denn was für manchen ein Hitler-Vergleich ist, ist durchaus manchmal eine gar nicht so dumme Analogie zur Geschichte. So gerade geschehen bei dem tschechischen Ex-Außenminister Schwarzenberg, der die Krim-Krise unter anderem mit der Sudetenkrise verglich:
„Als Adolf Hitler in 30-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts irgendein Land besetzen wollte, hat er immer erklärt, dass er die dortigen Deutschen schützen wolle. Egal, ob es sich um den Anschluss Österreichs, die Besetzung unserer Grenzgebiete oder den Angriff auf Polen handelte (…), immer war es angeblich nötig, deutsche Bürger zu schützen“, erklärte Schwarzenberg nach Angaben des tschechischen Nachrichten-Servers „Novinky.cz“. Dieselben Argumente verwende jetzt Putin, um die Krim zu besetzen, so Schwarzenberg.
Mittlerweile hat sich auch bei dem mittelmäßigsten Journalisten herumgesprochen, dass Hitler-Vergleiche per se dumm sind und Politiker, die sich dieses rhetorischen Stilmittels bedienen absolut immer falsch liegen.
Das stimmt zwar fast immer. Aber eben auch nur fast immer. Denn ebenso wie Godwin’s Law (“As an online discussion grows longer, the probability of a comparison involving Nazis or Hitler approaches one”) eine politische Debattierregel mit Verfassungsrang ist, kann man daraus nicht automatisch ableiten, das jeder Satz der zwei politsche Prozesse miteinander vergleichen will, schon alleine deshalb falsch ist, weil das Wort Hitler enthalten ist.
Bush = Hitler? Zweifellos dumm und falsch. Aber bei Schwarzenbergs “Vergleich” dreht es sich um den Vergleich zweier historischer, politischer Prozesse, wovon einer von Hitler geleitet wurde. Das ist nicht identisch mit der Aussage Putin = Hitler.
Wenn gerade wir als Deutsche irgendwas hätten lernen sollen, dann, dass besonders in der Mechanik des Dritten Reichs die Perfidie des Bösen lag, nicht nur in den Menschen dahinter. Und das gilt nicht nur für die Mobilisierung der deutschen Bevölkerung sondern auch, wie man auf internationaler Ebene eine radikal-aggressive Außenpolitik verkaufte. Zweifellos gibt es hier mehr als nur einige Parallelen zur Kanonenbootpolitik von Herrn Putin.
Schwarzenbergs Vergleich wird umso verständlicher als er aus der Perspektive eben eines dieser kleineren damals neuen osteuropäischen Pufferstaaten argumentiert, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts regelmäßig von der einen oder der anderen Großmacht nötigen lassen mussten. Und in der unmittelbaren Vorkriegszeit war es eben besonders Hitlers Deutsches Reich, das sich als gewalttätiger europäischer “Schulhof-Bully” besonders inszenierte. Man drangsalierte kleine Nachbarn, provozierte Krisen mit lokalen Nationalitäten und ließ sich dann zum “Schutz” der dort lebenden Deutschen zu Hilfe rufen. Das ist kein Hitlervergleich. Das ist exakt das, was jetzt auf der Krim passiert. Und das ist exakt das, wovor aus gutem Grund viele Polen, Tschechen, Ungarn und Balten immer noch große Angst haben.
1938 war Adolf Hitler international gesehen noch nicht der geisteskranke Massenmörder, den nachfolgende Situationen in ihm sehen. 1938 war Hitler international zumeist ein umstrittener, aggressiver, nationalistischer Autokrat, der — sicher! — Menschenrechte mit den Füßen trat. Der aber nach einer anderen Lesart auch hart für das Deutsche Reich stritt. Auschwitz sollte zu diesem Zeitpunkt noch vier Jahre nicht existieren, der Zweite Weltkrieg hatte noch nicht begonnen und dass man die Sommerolympiade in Berlin und die Winterolympiade in Garmisch beging, war auch noch nicht so lange her.

Dass es nach Pulver roch, war spätestens seit der Rheinland-Besetzung und dem Anschluss Österreichs relativ offensichtlich. Aber die von Hitler und seinen tschechischen Vasallen inszenierte Sudetenkrise hob die schweren Spannungen der ausgehenden 30er Jahre auf ein neues Level.
Volksdeutsche im tschechischen Sudetenland lanzierten damals eine agressive “Heim ins Reich!”-Politik, die, nach deutlicher Unterstützung durch Hitler-Deutschland und dauernder Provokationen der deutschen Bevölkerung in der Tschechoslowakei, zu einem “Hilferuf” der Sudetendeutschen an den “Führer” führte. Frankreich und Großbritannien konnten sich noch nicht zu einem Krieg gegen das erstarkende Deutsche Reich entschließen. Und so ließen sie den glücklosen Neville Chamberlain während der Münchner Friedenskonferenz einen schmachvollen Kompromiss finden: Die Tschechoslowakei wurde zerschlagen. Der Aggressor erhielt sein Kuchenteil und kam davon — mit bekanntem Ausgang.
Kernbestandteile dieser Politik im Deutschen Reich der Vorkriegszeit: eine grundsätzliche nationale Opferhaltung, die systematische Ausgrenzung Andersdenkender, das Auslösen von Minderheitenkonflikten im benachbarten Ausland und dergleichen Spielchen mehr. Anders ausgedrückt: Eine Melange, die wir zur Zeit in Russland beobachten können. Und kaum ein Zitat fasst dies so gut zusammen, wie das Weltkriegsfazit des Nazi Kriegsverbrechers Hermann Göring.
“Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg […] Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt. […] Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.” — Interview mit Gustave Gilbert in der Gefängniszelle, 18. April 1946, Nürnberger Tagebuch S.270 books.google
Kommt uns irgendwoher bekannt vor? Hmm…

Die Krim-Krise scheint wie eine schlechte Wiederholung der Sudetenkrise zu wirken. Sudetenland Reloaded? Alles passt. Oder zumindest ziemlich viel.
Der latent angelegte Nationalitäten-Konflikt mit einem schwachen Nachbarn wird so lange nicht wirklich akut wie die dort regierenden Kleptokraten pro-russisch sind.
Im Moment des Umsturzes, den Moment, in dem der Weg nach Westen beschritten werden soll, finden plötzlich wieder alle aufrechten Russen zueinander und rufen um Hilfe. Nur wenige Stunden später stürmen Russen ohne Landesfarben das Lokalparlament der Krim, setzen eine völlig unbekannte Marionette als lokalen Befehlshaber ein, der dann auch noch ernsthaft um Hilfe bei Putin anruft. Als wenn dieses unwürdige Puppentheater irgendeinen Wert für irgendwen hätte. Als wenn diese miese Aufführung nicht schon seit Monaten, wenn nicht Jahren als fester Einsatzplan in Putins Schublade lag. Es ist traditionelle Kanonenbootpolitik des 19. Jahrhunderts. Nur dass einer der Teilnehmer auf einem gewaltigen Atomarsenal sitzt.
Übrigens nur einer — denn die Ukraine hat vor 20 Jahren auf seine Atomwaffen verzichtet. Auch wenn die Ukraine kein NATO-Mitglied ist, so kann sie sich zumindest auf das so genannte Budapester Protokoll von 1994 berufen, in dem die NATO als Gegenpfand zur Rückgabe alter Sowiet-Atomwaffen, weitreichende Sicherheitsgarantien gegeben haben. NATO und Ukraine: das ist zwar kein formales Bündnis mit Beistandspflicht. Aber man hat sich damals schon recht klar festgelegt: die Ukraine rüstest atomar ab, im Zweifelsfall kann sie sich auf die NATO (ziemlich sicher) verlassen, da sie ja kein eigenes Atomarsenal mehr hat. Also relativ ziemlich sicher kann sie sich auf die NATO verlassen…wahrscheinlich zumindest.
Glaubt irgendwer realistisch, dass dieses Versprechen eingehalten wird? Und: wer sollte jemals wieder auf ein Versprechen der NATO setzen? Als Bewohner des Baltikums hätte ich gerade große Sorgen.
Der Westen hat so sehr darauf gesetzt, dass das 21. Jahrhundert sicherheitstechnisch irgendwo zwischen Cyberwarfare, Seal Team 6 und Stealth-Drohnen auf Taliban-Kommandeurhatz besteht. In nur zwei Tagen Weltgeschichte stehen wir fast genau wieder genau da, wo der Ost-West-Konflikt 1989 aufgehört hat — oder pausiert hat, je nachdem wie man es sehen will.
Was wir, was der Westen in den nächsten Tagen erleben wird, ist unser München. Wir sind auf Zuschauerplätze verbannt, während wir vermummte Männer auf der Krim beim Realitäten schaffen zusehen müssen. Oder aber die Mobilmachung der ukrainischen Armee führt wirklich noch zu dem Lokalkrieg, der ebenfalls eine realistische Möglichkeit ist. Unsere Rolle? Nichts tun und mit Sanktionen drohen: Zumindest, wenn uns unser eigenes Leben lieb ist.
Falls Putin den Westen demütigen will, wird er das schaffen. Denn Woodrow Wilsons großes, überzeitlich geltendes Dogma “To make the world safe for democracy” und die Truman-Doktrin, die die demokratische Selbstbestimmtheit der Völker quasi als westliches Grundsatzprogramm formuliert hat, wird an der Krim nicht weiterkommen. Obama opfert New York City einfach nicht für Sewastopol. Berlin wird nicht gegen Kerch aufgewogen. Denn das wäre der Einsatz, den die NATO bei einem ernstgemeinten Angriff auf die russischen Marines auf der Krim, machen müsste. Und so stirbt, ebenso wie im Sudetenland 1938, das Versprechen der westlichen Wertegemeinschaften an der Krim. Wir haben einfach keine andere Wahl als nicht zu handeln.
Ein Jahr nach München probierte Hitler übrigens fast das gleiche Spiel nochmal. Die freie, unter Völkerbund-Verwaltung stehende Stadt Danzig, in der so viele Volksdeutsche lebten, wollte endlich wieder zurück ins Reich. So lautete zumindest die Geschichte. Und dann verkalkulierte er sich. Am 4. September 1939 konnten auch Großbritannien und Frankreich nicht mehr weiter zuschauen und erklärten dem Deutschen Reich den Krieg. Atomwaffen gab es damals aber noch keine.
Selbst wenn die Krim-Krise jetzt nicht zu einem Krieg mit dem Westen führt (wird sie wahrscheinlich nicht): Wir wissen nicht, was als nächstes kommt. Und: der Westen sollte schnell ein paar Pläne dafür entwickeln. Was, wenn sich das neu erwachende Russland zuerst die Krim einverleibt und dann aus der gegenwärtigen Schwäche des Westens lernt?
München 1938 lehrt uns, dass Deals mit dem Teufel kurze Laufzeit haben. Hiroshima 1945 lehrt uns, dass die Welt heute enden kann. Auf Knopfdruck. Was dazwischen liegt, ist ein Dilemma, das weit komplexer ist als Putin mit Hitler zu vergleichen. Denn wie weit wollen wir pokern, wenn der nächste Griff des Vladimir Putin, der NATO Partner Estland ist?
Sicher scheint momentan nur eines zu sein: es ist wahrscheinlich wieder langfristig eine wahnsinnig unsichere Zeit, die vor dieser Welt liegt.
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