Die Diesel-Affäre und die „German Angst“ vor dem Fortschritt

Henrik Böhme von der DW-Wirtschaftsredaktion in einem Kommentar bei der Deutschen Welle:

das Problem, das ist diese seltsame “German Angst”. Dieses Land, das herausragende Erfinder und Ingenieure hervorgebracht hat; ein Land, das immer an den Fortschritt geglaubt hat, es hat eine Skepsis gegen alles Fortschrittliche entwickelt, das einem Angst und Bange werden kann. Alles, was nach Fortschritt auch nur riecht, wird kritisch beäugt. Technikfolgenabschätzung wird das verklärend genannt. Überall wird zuerst auf die Risiken verwiesen und die Gefahren, und irgendwann vielleicht doch noch auf den Nutzen einer Sache. Das fängt an mit der Überbehütung der Kinder und endet im Zweifel beim Fahrverbot für Diesel-Autos.

​Erstaunlich. Die deutsche Fortschrittsangst, Angst vor jeder Art von Veränderung, die nicht nur oberflächlich ist, beschäftigt uns hier und anderenorts seit über 10 Jahren. Deutschland als Gesellschaft hatte schon immer und hat immer noch ein, mindestens, gespaltenes Verhältnis zur größten Veränderung unserer Zeit, der Digitalisierung.

Mittlerweile macht sich diese Angst nicht nur im fehlenden Breitbandausbau und regulatorischem Schutz von eingesessenen Unternehmen und Strukturen bemerkbar, sondern immer breiter bei völlig fehlendem Investment in Infrastrukturen aller Art. (Von E-Ladestationen über Brücken bis Bildung ganz allgemein) Man wünscht sich mehr soziologische Untersuchungen der deutschen Bevölkerung zu den Gründen dieser Umstände.

Aber zurück zu Böhme. Der letzte Satz im obigen Zitat ist bezeichnend. Böhme sieht den Diesel -eine Technologie, die sich nur dank Täuschung der Öffentlichkeit auf dem Markt halten konnte- als Teil des Fortschritts, der von Deutschland zurückgewiesen wird. Die deutsche Erfolgsgeschichte Diesel.

Ja, jetzt wird Diesel-Verbot gefordert. Warum auch nicht? Wer möchte, kann mich gern als Lobbyist einstellen, um das zu verhindern. Dann kann ich endlich das ganze Jahr Urlaub machen.

Die Überreaktionen von FAZ bis DW-Wirtschaftsredaktion (zu der der Autor gehört) zeigen die Abneigungen der Deutschen gegen jede Form von Veränderung: Dass es tatsächlich zu einem Diesel-Verbot kommen wird, ist sehr unwahrscheinlich. Bereits die Diskussion darüber, wie nun vorzugehen ist, reicht, damit manch einer vor einer kommenden Planwirtschaft warnt. Böhme warnt tatsächlich angesichts des diskutieren Diesel-Verbots vor dem Weg in die Planwirtschaft.

Nächster Halt Untergang des Abendlandes.

Das Erstaunliche hier ist, dass jemand die Fortschrittsangst der Deutschen erkennt, auch das Ausmaß wahrnimmt, aber nicht die Diesel-Affäre als eine Folge dessen mit hineinpackt, sondern stattdessen eine Reaktion auf diese Affäre, das Diesel-Verbot.

Es ist die Diesel-Affäre, die mehr als deutlich macht, wie sehr die deutsche Wirtschaft sich an den Verbrennungsmotor kettet und damit gerade dabei ist, die nächste Evolutionsstufe im Transportwesen zu verschlafen. (Die heutigen Versäumnisse wird der Markt ab spätestens 2019 sehr stark spüren.)

Die deutschen Hersteller verlieren gerade kollektiv das wichtigste Asset, dass sie international haben: Ihre Reputation als Hersteller zuverlässiger, hochqualitativer Fahrzeuge. Wenn die deutsche Industrie nicht aufpasst, wird ihre künftige Reputation international so sein:

Ewig gestrige Schummler.

Ein Preisverfall wäre noch das Best-Case-Szenario. Da international die Verbrennungsmotor-Verbote bereits absehbar sind, (London, Paris, Barcelona) wird es dabei nicht bleiben. Richtig: Diese Verbote sind eben kein von Fortschrittsangst getriebener deutscher Sonderweg wie die Streetview-Verpixelungen. Im Gegenteil: Der deutsche Sonderweg wird, bereits absehbar, das Fehlen von Verboten sein.

Während weltweit die Automobilindustrie am Wandel zur Elektromobilität und zu selbstfahrenden Autos arbeitet, wird in Deutschland verbittert darum gekämpft, niemals über Verbote oder auch nur Quoten von Verbrennungsmotoren zu diskutieren. (Die Kanzlerin sagt zum Beispiel nicht ja zum Verbot, sondern versucht, wie es ihre Art ist, die Diskussion abzutöten, mit einer „Zusage“ zum Verbot ohne Jahresangabe.)

Böhme redet über die German Angst vor der Zukunft anhand der Automobilindustrie und erwähnt ein einziges Mal Elektromobilität:

Schreiben Sie BMW, Daimler und VW vor, welche Autos die künftig zu bauen haben. (Aber sorgen Sie bitte vor und kümmern sich auch gleich um die Endlager-Frage für E-Auto-Batterien!)

E-Mobilität auf einer Stufe mit Kernkraft und deren langfristige negative Implikationen.

German Angst vor jeder Art von Fortschritt.

Q.E.D.

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Im Thingonomics-Podcast beschäftigen Martin Spindler und ich uns gerade über mehrere Episoden mit dem Umbruch in der Automobilbranche.


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