Die MP3 ist nicht tot, sondern frei (von Patenten)

Die MP3 hat die größte Krise der Recordingindustrie gestartet. Nicht weil MP3-Dateien eine besondere Eigenschaft mitbrachten, sondern schlicht weil sie Musikdateien klein genug gemacht haben, um kompatibel mit den geringen Bandbreiten der Jahrtausendwende zu werden. Die MP3 hat die Revolution in der Musikindustrie um mindestens 10 bis 15 Jahre nach vorn gezogen.1

Die davon losgetretene Urheberrechtsdebatte hat eine Schieflage in der Gesellschaft offengelegt, in der der gesellschaftliche Kompromiss (und das damit verbundene Abwägen) zwischen Schutz und Nutzung von Kultur von der Mehrheit gar nicht mehr wahrgenommen wird. Es gibt nur den Schutz, und was nicht geschützt wird, ist verloren.

Übersehen werden dabei natürlich die damit verbundenen Kosten. Und was für den einen Schutz ist, ist für den anderen ein Verbot. (Oder, wenn man es nicht so wertend beschreiben will, mindestens eine Einschränkung.)

Immer wenn es um das Urheberrecht geht, hat dieses Unverständnis, was Freiheit/Ungeschütztheit in diesem Kontext bedeuten kann, zum Verblüffendsten für mich gezählt.

Wir sind in einer Welt aufgewachsen, in der unsere gesamte Kultur profitorientiert organisiert und entsprechend von exklusiven Rechten geschützt wird.2

Ein freier Umgang mit zeitgenössischer Kultur, der über passiven Konsum hinausgeht, ist heute praktisch nicht möglich. Das ist für uns so normal, dass wir uns etwas anderes gar nicht vorstellen können.

Wie Tiere, die in einem Zoo zur Welt kommen und nur die Gefangenschaft kennen, kennen wir nur eine Welt mit hart regulierter Kultur.

Anaway, die MP3 hat durch das von ihr verursachte Chaos im Musikbereich die seit Jahrzehnten (und vielleicht seit immer) erste ernsthafte gesellschaftliche Debatte über Urheberrechte, und immaterielle Güter, losgetreten.

Wie passend also, dass das Ende der Patente rund um die MP3 die oben beschriebene Freiheitsblindheit noch einmal deutlich gemacht hat.

Hier (englisch) verkündet Fraunhofer IIS das Ende des MP3-Lizenzprogramms, weil die Patente ausgelaufen sind, ohne das Ablaufen der Patente zu erwähnen:

On April 23, 2017, Technicolor’s mp3 licensing program for certain mp3 related patents and software of Technicolor and Fraunhofer IIS has been terminated.

Hier auf deutsch, wo der Ablauf der Patente erwähnt wird:

Am 23. April 2017, mit dem Ablauf einiger mp3 Patente, wurde das Lizenzprogramm von Technicolor und dem Fraunhofer IIS beendet.

(Aufgrund der Medienberichte vermute ich, dass der Ablauf der Patente nachträglich hinzugefügt wurde. Oder die Blindheit der Journalisten geht weiter als gedacht.)​ Es wird in erster Linie angedeutet, dass die MP3 ausgedient habe. Zur Zukunft der MP3 und von Audio allgemein heißt es im Statement vom Fraunhofer IIS:

Auch wenn es heute effizientere Audiocodecs gibt, ist mp3 nach wie vor sehr beliebt bei Endanwendern. Heutige Medien wie Streaming, Fernsehen oder Radio nutzen jedoch modernere ISO MPEG-Verfahren der AAC-Familie oder in Zukunft auch MPEG-H Audio. Diese bieten erweiterte Einstellungsmöglichkeiten und eine bessere Audioqualität bei viel geringeren Bitraten im Vergleich zum mp3-Format.

Das ist in seiner hässlich deutschen Kleinlichkeit wirklich außergewöhnlich: Künftig kann jede/r MP3s nutzen und in Encoder/Decoder integrieren, ohne dem Fraunhofer Lizenzen zu zahlen, weil die Patente ausgelaufen sind. Statt etwa zu schreiben, dass die MP3-Technologie jetzt der Menschheit gehört und man freue sich -zum Beispiel- darauf, zu sehen, was ‘die Community’ damit machen werde, wird angedeutet, dass die MP3 eigentlich auch veraltet sei, man brauche sie gar nicht mehr. (Dazu gleich mehr)

Man hat sich beim Fraunhofer dafür entschieden, nur zerknirrscht auf das Ende des Lizenzprogramms zu verweisen und die neue Freiheit des MP3-Standards mit keinem Wort zu erwähnen.

Es ist sehr deutsch: Beim Fraunhofer ist man jetzt schlicht nicht begeistert, dass alle Welt MP3s verwenden kann, ohne die Erfinder weiter dafür zu bezahlen.

Laut einem Dokument vom Fraunhofer waren die Einnahmen nicht niedrig (PDF), für Lizenzeinnahmen für eine über 20 Jahre alte Technologie:

Die Lizenzerträge der Fraunhofer-Gesellschaft aus den mp3-Patenten summieren sich jährlich auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag.

Weltweit sind viele Medien auf die Fraunhofer-Version aufgesprungen. Der Tod der MP3 wird überall beschrieben. Weil Fraunhofer das Lizenzprogramm einstellt, weil niemand mehr verpflichtet ist, sie zu bezahlen.

Tiere, die in Gefangenschaft aufgewachsen sind.

Beispielsweise bei t3n:

Vor wenigen Wochen nun, am 23. April 2017, hat das Fraunhofer Institut das letzte Lizenzprogramm mit Technicolor beendet und somit mehr oder weniger offiziell den jahrelangen Standard der Audiocodierung — zumindest symbolisch — zu Grabe getragen. Das heißt nicht, dass MP3 nicht mehr funktioniert, aber dass die Prioritäten inzwischen woanders liegen. […]
Die durch die Erfindung induzierten Steuereinnahmen summieren sich laut Fraunhofer IIS für Bund und Länder auf jährlich 300 Millionen Euro. Mindestens 9.000 Arbeitsplätze seien in Deutschland direkt bedingt durch MP3 — etwa im Handel oder bei Herstellern entsprechender Abspielgeräte.

t3n ist bei weitem nicht allein.

Techdirt über den Fall:

The termination of the licensing program was not a choice, nor was it suddenly motivated by the ascendence of another format that has itself been around for 20 years. Most importantly, despite what many people have reported, this does not mean the death of the MP3. Of course, Fraunhofer’s statement didn’t contradict any of these things, it just omitted them all and left people with the implication that this move ensured the decline and eventual death of the format — when in fact it likely means the exact opposite.
Prior to this, developers wishing to include MP3 functionality in their software needed a license to do so. If you use Linux, or open source audio tools like the excellent Audacity, you already know this: open-source software doesn’t ship with MP3 encoding and decoding capabilities built in, but requires you to separately download and install the codec so as not to pollute the FOSS package with proprietary, patented code. That’s no longer the case, and indeed Red Hat has already announced that Fedora will now ship with MP3 capabilities built in (hat tip there to one of the few blogs that is reporting this story properly). Expect Audacity and countless other FOSS apps to follow suit soon. As for non-open-source software, it’s one less patent number on the long lists of licenses that live on loading splash screens and About dialogues, and a little bit of saved cost. All around, it’s the removal of a barrier to building apps and tools that work with this ubiquitous audio format.
Does that sound like death to you? […]
While it’s frustrating that Fraunhofer issued such a misleading statement, it’s even more frustrating that so much of the media uncritically parroted it.

Tatsächlich wird es jetzt mit der MP3 erst richtig spannend.

Die MP3 ist nachwievor der unumstrittene Audiostandard. Für Standards ist entscheidend, dass sie eine kritische Verbreitung erreichen. Die MP3 mag technisch hoffnungslos unterlegen sein, aber in Sachen Verbreitung schlägt sie sie alle; auch und gerade die freien Formate, von Flac bis Ogg. (Deshalb hat das Fraunhofer auch in Zeiten des Streamings weiter verhältnismäßig gute Lizenzeinnahmen zu verzeichnen gehabt.)

Abwärts kompatible Erweiterungen des MP3-Standards sind nun nur eine Frage der Zeit.

Marco Arment, Entwickler und Macher der populären Podcast-iOS-App Overcast, über MP3 als Standard:

AAC and other newer audio codecs can produce better quality than MP3, but the difference is only significant at low bitrates. At about 128 kbps or greater, the differences between MP3 and other codecs are very unlikely to be noticed, so it isn’t meaningfully better for personal music collections. For new music, get AAC if you want, but it’s not worth spending any time replacing MP3s you already have.
AAC makes a lot of sense for low- and medium-quality applications where bandwidth is extremely limited or expensive, like phone calls and music-streaming services, or as sound for video, for which it’s the most widely supported format.
It may seem to make sense for podcasts, but it doesn’t. Podcasters need to distribute a single file type that’s playable on the most players and devices possible, and though AAC is widely supported today, it’s still not as widely supported as MP3. So podcasters overwhelmingly choose MP3: among the 50 million podcast episodes in Overcast’s database, 92% are MP3, and within the most popular 500 podcasts, 99% are MP3. […]
Until a few weeks ago, there had never been an audio format that was small enough to be practical, widely supported, and had no patent restrictions, forcing difficult choices and needless friction upon the computing world. Now, at least for audio, that friction has officially ended. There’s finally a great choice without asterisks. […]
MP3 is supported by everything, everywhere, and is now patent-free. There has never been another audio format as widely supported as MP3, it’s good enough for almost anything, and now, over twenty years since it took the world by storm, it’s finally free.

(Hervorhebung von mir)

Es ist diese bereits existierende Verbreitung -eine Allgegenwärtigkeit-, welche die MP3, jetzt da sie frei von Beschränkungen ist, zementiert als auch künftigen De-Facto-Standard für Audio.

Es ist eigentlich sehr einfach und offensichtlich.

Last not least, die MP3 ist tatsächlich eine seltene deutsche digitale Erfolgsgeschichte. Welche digitalen Standards, die sich weltweit etablieren konnten, kommen noch aus Deutschland?

Umso trauriger, dass die Verantwortlichen beim Fraunhofer sich dafür entschieden haben, so zu tun als wäre die MP3 jetzt bedeutungslos, nur weil sie keine Lizenzeinnahmen mehr damit erwirtschaften können.

Fraunhofer hätte eine Führungs-/Organisationsrolle für das jetzt kommende zweite Leben der MP3 einnehmen können. Die Authorität dafür hätten sie gehabt.

Die haben sie jetzt natürlich nicht mehr.


  1. Sprich, ohne die MP3 wäre das Gleiche Ende der Nuller Jahre gekommen, als die Bandbreiten groß genug und Flatrates allgegenwärtig wurden.
  2. Und die damit aufgebauten Unternehmen erhalten mehr Öffentlichkeit als etwa Forscher oder Aktivisten, die gegenteilige Ansichten vertreten. Man kann das systemisch unproblematisch begründen: Massenmedien gehören zu diesem Komplex mit jeder Faser dazu. Selbst die öffentlich-rechtlichen Medien hierzulande konnten sich nie von der zugrundeliegenden Denkweise lösen. Das ist gleichsam so erstaunlich wie es traurig ist.

Originally published at neunetz.com.