Pocket und die Rolle von Mozilla in der Mobile-Welt

Auf den ersten Blick erscheint der Kauf des Später-Lesen-Services Pocket merkwürdig. Was will die Non-Profit-Organisation hinter dem Open-Source-Browser Firefox mit einem Später-Lesen-Dienst?

Zunächst John Voorhees auf MacStories mit den Money Quotes:

Instapaper was sold by developer Marco Arment to Betaworks in 2013 and then to Pinterest in 2016. Today, Pocket took a similar path by being acquired by Mozilla, maker of the Firefox web browser.
Pocket says that it:
will continue on as a wholly-owned, independent subsidiary of Mozilla Corporation. We’ll be staying in our office, and our name will still be on the wall. Our team isn’t changing and our existing roadmap has been reinforced and is clearer than ever. In fact, we have a few major updates up our sleeves that we are really excited to get into your hands in the coming months.
For its part, Mozilla says:
Pocket will join Mozilla’s product portfolio as a new product line alongside the Firefox web browsers with a focus on promoting the discovery and accessibility of high quality web content.

(Hervorhebung von mir)

Mozilla existiert nicht, um Open-Source-Browser zu machen. Das ist nur ein Mittel zum Zweck. Der Zweck ist das “offene Web” zu stärken. (Man unterschätzt heute leicht, welche Bedeutung Firefox hatte, um das Web vom Würgegriff des Internet Explorers zu befreien, viele Jahre bevor Google Chrome auf der Bildfläche erschien.)

Mozilla kann und sollte sich nicht über den Browser allein definieren. Dafür ist der Zug mehr oder weniger abgefahren. Mobile spielen Mozilla und Firefox fast keine Rolle. Firefox OS hatte nie eine Chance gegen das iOS-Android-Duopol. (für eine Nummer drei sehe ich nach wie vor Canonical mit Ubuntu als einzig viel versprechenden Kandidaten; mehr noch als Windows, das an den Desktop genagelt ist)

Firefox OS wurde vor wenigen Tagen endgültig beerdigt. heise:

Ein Jahr, nachdem Mozilla den Versuch einstellte, mit Firefox OS Mobilgeräte zu erobern, stellt das Open-Source-Unternehmen nun offenbar die Arbeiten an dem Betriebssystem ganz ein. Wie CNET berichtet, hat Mozilla das Team aufgelöst, das Firefox auf internetfähige Geräte bringen sollte. Betroffen seien 50 Mitarbeiter in der Abteilung Connected Devices, die teilweise versetzt und teilweise entlassen würden. Zu letzteren zählten auch der Abteilungsleiter und Senior Vice President Ari Jaaksi sowie der Director of Products Bertrand Neveux, so CNET.

Also der Browser auf iOS und Android, weil es ein eigenes OS nicht schaffen wird. Warum? Im Gegensatz zum damaligen Internet Explorer 6, den es zu zerstören galt, um das Web zu retten, halten sich Mobile Safari und Google Chrome auf Android an die Standards. Websites müssen heute nicht wie damals für einen oder zwei populäre Browser geschrieben werden; und der Rest der Browserschaft muss sich nicht an die Eigenheiten des Marktführers anpassen.1 Firefox ist nicht zwingend notwendig auf iOS oder Android, damit Standards eingehalten werden.

Mehr noch, auf iOS gibt es nur wenig, was Firefox bieten kann. Jeder Browser auf iOS muss zum Rendern der Websites Webkit einsetzen. Das beraubt Chrome, Firefox und anderen Browsern auf iOS ihrer Hauptfunktionalität.

Was kann dann die Aufgabe von Mozilla heute noch sein?

“a focus on promoting the discovery and accessibility of high quality web content”

Das ist bereits ein gutes Motto. Ein ‘offenes Web’ sollte immer neben dem offen gehaltenen Potenzial für das, was noch kommen mag, auch vor allem den Freiraum für Vielfalt ermöglichen.

Wir sprechen heute nicht mehr nur vom Web. Das Internet ist dank mobiler Apps größer als das Web geworden, auch und vor allem für private Endnutzer.

Mozilla sollte künftig auf einer Ebene über dem Browser ansetzen, um Vielfalt sicherzustellen.

Die Übernahme von Pocket, das vor allem mit seinen Vernetzungskomponenten und dem Empfehlungsalgorithmus heraussticht, passt hier perfekt. Achtet man mehr auf die Empfehlungsseite von Pocket als auf den Read-Later-Teil, ist Pocket quasi eine soziale Empfehlungsmaschine wie Medium aber ohne die vertikale Integration und damit Zentralisierung von Medium. Was Pocket macht, wird perfekt von Mozilla oben zusammengefasst.

Was als nächstes?

Mozilla sollte deshalb diese soziale Ebene von Pocket noch weiter ausbauen.

Im nächsten Schritt sollte sich Mozilla von der Webfokussierung lösen und überdenken, wie es mehr Vielfalt und bessere Voraussetzungen für kleinste Appanbieter schaffen kann.

Zwei Schritte wären hier offensichtlich:

  1. Einen Passwortmanager kaufen. Das hilf nicht nur Webdiensten und der allgemeinen Sicherheit der Endnutzer sondern, mit den entsprechenden SDKs, auch Apps, die eine entsprechende Verbindung integrieren.
  2. App-Discovery angehen. Mozilla sollte eine App-Such-/Entdeckungsmaschine bauen, die die Welten von iOS, Android und, bestenfalls auch Windows & Ubuntu, vereint. Hier wäre viel Potenzial gerade für einen relativ unbeteiligten Non-Profit-Player, um Social-Network-ähnliche Strukturen und etwa auch Services für Developer anzudocken. Und schließlich wäre Mozilla damit in der Lage, erfolgversprechend offene Frameworks zu entwickeln, die Apps nutzen könnten, um besser miteinander kommunizieren zu können.

Mobile krempelt alles um, auch was Mozilla ist und sein sollte.


  1. Ja, auch heute gibt es Eigenheiten, aber Websites werden nicht für Safari oder Chrome optimiert und funktionieren dann nicht auf anderen Browsern. Die Situation ist nicht perfekt, aber kilometerweit vom Zustand der Jahrtausendwende und dem Anfang der Nuller Jahre entfernt.

Originally published at neunetz.com.