Vor Ort: Ein Monat auf Paros, Griechenland

Trotz BILD: Deutsche willkommen in Griechenland


Eigentlich war alles so schön geplant: Einen Monat Recherche mit Artikeln vor Ort aus Griechenland. Und nicht aus Athen, der Hauptstadt in der sich alle Reporter tummeln, sondern von den Kykladen, genauer gesagt aus Paros. Einfach weil die „Inseln anders sind als das Festland“, wie ein Redditor schreibt. Ich wollte einen Blick ins Innere dieser Griechen werfen, die vor allem vom Tourismus leben und mit Orten wie Ägypten, Tunesien oder Spanien konkurrieren. Dann ging alles Schlag auf Schlag: Nicht nur gibt es blutige Anschläge in Tunesien, nebenbei beschließt am Sonntagabend die griechische Regierung spontan einen Bankfeiertag — und eine Einschränkung der Barmittel ab Dienstag. Aber von vorne:

Die Kykladen sind anders als Athen, die Inseln in der Ägäis leben größtenteils vom Tourismus, andere Geschäftszweige gibt es kaum. Und, enorm wichtig, die Fährenverbindungen sind das Lebensblut für diese Inseln. Ohne Fähre keine Touristen (die lokalen Flughäfen können nur einen Bruchteil der Touris abfertigen) und vor allem keine Produkte (sei es Benzin, Gas, Lebensmittel etc). Sobald man sich dies vor Augen hält, wird klar, wie viel Macht die Besitzer der Fähren haben. Bleiben die Fähren in den Häfen, kommen weder Touristen noch Einheimische vom Fleck, der Nachschub für Supermärkte, Tankstellen etc bleibt aus. Ein mächtiges Druckmittel (und vielleicht mit ein Grund, warum die Regierung Tsipras die Reeder bislang eher sanft anfasst).


Ich hatte mir zu Beginn der Reise überlegt, ob ich wirklich als Deutscher auftreten will — vor allem wegen den fast schon hetzenden Artikeln der BILD war ich mir nicht sicher, wie ich dort aufgenommen werde. Mir ist nicht klar, was die BILD (und im verlängerten Arm der Axel Springer Verlag) mit den Artikeln erreichen will — davon, dass sie Zorn und Abneigung gegen Griechenland schüren mal abgesehen.

Tatsächlich war das aber bislang kein Problem. Nach einer Woche vor Ort kann ich sagen: Die Griechen haben kein Problem mit Deutschen — nicht mal mit BILD-Lesern (auch wenn ich die Zeitung hier bislang nicht gesehen habe, ich kann mich an Urlaube in meiner Kindheit erinnern, bei denen es die Bild noch überall am Strand zu kaufen gab…). Im Gegenteil, ich habe mich mit ein paar Griechen länger unterhalten, Deutschland kam bei allen gut weg, der Großteil kennt unser Land persönlich, sei es durch Urlaube oder die Arbeit.

Wie gesagt, ich hatte mich auf eine ruhige Recherchewoche eingestellt, da kam am Sonntag die Nachricht: Die Banken bleiben am Montag zu, Automaten geben danach maximal 60 Euro pro Tag aus.

Die Bankenbeschränkung trifft die Griechen wo es weh tut

Ich habe vorsorglich bereits relativ Bargeld mitgenommen, zudem ist hier fast überall die Zahlung mit EC-Karten möglich. Insofern möchte man meinen, dass das Problem eher kosmetischer Natur ist — und hier liegt man falsch: In Griechenland ist die Barzahlung noch immer das vorherrschende Mittel. Anders als bei uns werden nicht nur kleinere Beträge bar bezahlt, auch größere Kosten wie etwa die Miete werden darüber abgedeckt. Sprich: Wer am 02.07 seine Miete bezahlen musste, muss dem Vermieter erklären, dass er Mietbetrag / 60 Tage warten muss — denn mehr geben die Automaten an Griechen nicht ab (so sie denn überhaupt gefüllt wurden). Und darin sind noch nicht die zum normalen Leben notwendigen Kosten eingerechnet.

Kein Geld -auch nicht für Touristen. *

Ebenfalls dramatisch wird die Situation für die Hotels und Restaurants: „Als Touristen hat man kaum Probleme“, so eine Kellnerin im Gespräch. „Aber für Restaurants ist es schwer: Touristen wollen verstärkt mit Karte zahlen, allerdings fehlt uns dann das Bargeld in der Kasse. Und das benötigen wir für Lieferanten. Anders gesagt: Wo wir etwa mit Fischern früher eine monatliche Abrechnung durchgeführt haben, gilt jetzt das Prinzip: Ware gegen Bargeld.“ Gerade die für den Tourismus so wichtigen Geschäftszweige wie Gastronomie und Hotelgewerbe geraten also spätestens dann in Probleme, wenn das Bargeld nicht weiter im Kreislauf bleibt (etwa vom Gastronom zum Fischer, vom Fischer zum Supermarkt, vom Supermarkt zum Touristen und von diesem zum Gastronom), sondern einzelne Parteien (völlig verständlich) anfangen, das Geld sicher zu horten. Aktuell ist der Euro tatsächlich ein Vorteil: Touristen aus Deutschland, Italien, Frankreich oder Österreich bringen frisches Geld in den Umlauf und halten den Kreislauf so mit aufrecht.

Ich habe noch nicht die Gründe gefunden, warum etwa Überweisungen so viel weniger genutzt werden (von Gerüchten wie „Bar lässt sich leichter schwarz zahlen“ oder „Banken traut man nicht“) abgesehen — wer hier Informationen liefern kann, sehr gerne.

Was ist mit Bitcoins?

Im Zuge der Krise sind die Bitcoin-Advokaten fast durchgedreht. Tatsächlich spielt die Kryptowährung aber keine Rolle. Wie es AndreasMAntonopoulosso treffend sagt: „Wenn Griechen Bargeld haben um Bitcoins kaufen zu können, sind sie (die Bitcoins) irrelevant — wenn die Griechen kein Bargeld haben, ist es fast unmöglich an sie zu kommen. Es ist kein Problem der Währung, sondern ein Problem der Liquidität“.

Hier vor Ort auf Paros (genauer gesagt in Logaras/Piso Livadi/Marpissa) ist Bitcoin kein Thema.

Griechen und Deadlines

Mich hat die Aktion (und die Nicht-Zahlung der IWF-Schulden) ziemlich überrascht. Das liegt daran, dass Griechen (so finde ich) eine andere Einstellung zu Deadlines und Zeitpunkten haben als „der Deutsche“. Das soll jetzt keinerlei Abwertung sein, im Gegenteil. Zwei Beispiele:

Die Fähre, die mich von Rafinia (einem der Häfen Athens) nach Paros brachte, legte um 15:45 ab. Ich war etwas früher da, so gegen 15:15. Ich hatte Hunger, hab mir also in einem Restaurant am Hafen in Sichtweite ein paar Vorspeisen bestellt. Die Fähre kommt an, gegen 15:30 werde ich unruhig, möchte zahlen und losgehen. Der Kellner beruhigt mich und meinte, ich hätte noch lockere 15 Minuten, ich solle fertigessen und entspannen. Das klappt bedingt, aber ich bin tatsächlich „erst“ 10 Minuten vor Abfahrt an der Fähre — und der Einstieg klappt trotz großem Andrang schnell und reibungslos, ich komme mit genügend Zeit an Bord und um Punkt 15:45 legt die Fähre ab.

Beispiel Nummer 2: Um unabhängig arbeiten zu können habe ich mir eine 4G SIM samt Guthaben gekauft. Die Freischaltung klappt nicht, „das System sei langsam“. Auch eine halbe Stunde später — nichts. Der Verkäufer meint, er würde es weiter probieren, aber gegen 14:30 wäre am heutigen Samstag Schluss und ich müsste am Montag wiederkommen. Ich hab gezahlt und bin — zugegeben völlig im Vertrauen, dass ich übers Wochenende nicht online kann — in meine Ferienwohnung auf der anderen Seite der Insel. 14:00 — nichts, SIM kann sich nicht verbinden. 14:37 (ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben) — das Logo wechselt auf 4G und seitdem bin ich überraschend schnell und stabil online.

Was ich damit sagen will: Das gerne verbreitete Bild vom „faulen und arbeitsscheuen Griechen“ kann ich nicht bestätigen, im Gegenteil. Egal ob Taxifahrer, Kellner oder SIM-Verkäufer — jeder ist bemüht, mir zu helfen, jeder ist freundlich und jeder nimmt sich für mich Zeit. Fähren legen zum angegebenen Zeitpunkt ab und kommen mit weniger Verspätung als der durchschnittliche ICE am Zielort an, Fahrer warten am angegebenen Treffpunkt und Verkäufer kümmern sich selbst dann noch um einen, wenn man längst aus dem Laden ist.

Warten auf das Referendum

Ich bin gespannt, wie es am Sonntag hier weitergeht. Auch auf Paros wird über das Referendum abgestimmt und die griechischen Kontakte, die ich hier vor Ort dazu befragt habe, sind uneins, wie die Abstimmung ausgeht (auch wenn das „Nein“ scheinbar einen leichten Vorsprung hat). Aber wenn mir die Fähren, Kellner und Verkäufer eins gezeigt haben — wir wissen erst Bescheid, wenn das Ergebnis da ist (oder vielleicht kurz danach).

Und noch was: Wenn ihr einen Urlaub nach Griechenland geplant habt und jetzt skeptisch seid — sagt ihn nicht ab. Nehmt etwas mehr Cash mit und ihr werdet mit offenen Armen aufgenommen.

*1 = inzwischen bekomme ich wieder Geld — zumindest bei der Piräus Bank.