Free Willy hat Nähmaschine

Ein ganzer Tag am Institut für Komperatistik, darauf folgend ein ganzer Abend an der BuchWien — all die Stunden von Büchern, Buchstaben und Sätzen umgeben. Die Türen öffne ich und bin überrascht, wie wenig Menschen ihren Tag an diesem Ort ausklingen lassen. Die Messe schien lächerlich klein und leer unter solch einer hohen grauen Decke und solch kleiner Besucherzahl. Später aber stellte sich der Grund der Leere heraus. Alle Menschen, ob groß oder klein, saßen, hockten, standen gebündelt, gequetscht, sich reckend, vor Nino aus Wien. Ein Schauer kroch mir über den gesamten Rücken. Mit Gitarre und zittriger Stimme stand er oben, flankiert von verwirrt dreinschauenden Musikern. Zwei gesungene Verse später, aus einem Mund, der Geräusche produzierte, die einer nicht geölten alten Tür zu ähnlich waren, befand ich mich schon auf der Flucht zwischen den Verlagsständen. Bücher, oh Freunde mein, schützet mich!

Später, nach erfolgreicher Vermeidung einer weiteren Begegnung mit Nino aus Wien, saß ich auf dem Boden — einem Kind im Kasperltheater ebenbürtig — vor der Wasnerin-Bühne. Mieze Medusa und Markus Köhle, die Namen der Poetry Slam-Szene moderierten und bereiteten die Zuschauen in ihrer typisch verwirrten, erwärmenden Manier auf den Abend vor. Der Anblick der beiden ließ mich die kühle Atmosphäre der Messeräumlichkeiten vergessen und versetzte mich ins heimelige, dunkle rhiz, in einem der Gürtel-U-Bahn-Bögen, in dem sie sonst monatlich moderieren, doch ich bin nicht hier um Werbung zu machen. Ein Satz ließ mich jedoch aufschrecken — ein Satz den jeder Nicht-Dialekt-Sprecher und Nicht-Dialekt-Versteher (zu beiden muss ich mich dazuzählen…) in Unbehagen versetzt: es wird um Mundart gehen. Aber nicht nur um die österreichische, deren Varietät für mich keine Grenzen zu haben scheint, nein…Luxemburg, Liechtenstein, Schweiz und Belgien lassen grüßen. Spoiler Alert: Österreichs Vertreterin war am unverständlichsten… Es folgten Gedichte über Wale, nähmaschinen-mäßig zitternde Beine, Texte, die zu Wuttexten wurden, nur weil der Fernseher nebenbei beim Schreiben lief (Stichwort „Donald Trump“) und Liebesgeschichten mit zwei Höhepunkten — eine Vielfalt von Ideen, die mich vergessen ließen, dass ich eigentlich nichts verstand, Texte, die zeigten, dass wir alle einander nicht verstehen und die doch versuchen irgendwie Brücken zu bauen.