„Wo ich herkomme? Das ist egal.“

Migration, Sprache, Trauma — Julya Rabinowich feiert mit „Dazwischen: Ich“ ihr Debüt als Jugendbuchautorin. Ein Bericht von der BUCH WIEN.

„Entschuldigung, bist du die Tochter von Julya Rabinowich?“. Ich blicke auf, direkt in das sensationshungrige Gesicht einer alten Frau. Höflich verneine ich und sie zieht enttäuscht ab. Ein Blick durch die 3-Sat-Lounge, in der ich heute der Lesung von Julya Rabinowich beiwohnen will, verrät mir, dass ich den Altersdurchschnitt wohl deutlich senke. Warum ich heute hier bin? Nun ja, die Autorin von „Spaltkopf“ und „Herznovelle“ versucht sich nun auch an Jugendliteratur. Als Bewunderin ihrer virtuosen Sprachgewandtheit interessiert mich nun, wie sie den Anforderungen der neuen Zielgruppe stilistisch gerecht wird.

Ein junges Mädchen setzt sich neben mich, in der Hand Rabinowichs „Dazwischen: Ich“. Sofort beginne ich sie über ihr Leseerlebnis auszufragen. Es habe ihr gefallen, ja, aber findet man nicht alles gut, was die eigene Mutter schreibt? Ich bin verblüfft, ebenso die alte Frau von vorhin, die nun auf Rabinowichs Tochter deutet und mit ihrer Sitznachbarin tuschelt. Zum Glück beginnt jetzt die Lesung und sofort richtet sich die Aufmerksamkeit nach vorne.

Der stilistische Unterschied zu anderen Werken, die mit Begriffen wie „gehetzt“ und „überladen“ charakterisiert werden, ist deutlich zu erkennen. Witzig aber keineswegs anspruchslos erzählt Rabinowich die Geschichte des Flüchtlingsmädchens Madina. Die Sprache ist kunstvoll und durch Wendungen wie „So ein Schleimer“ oder „Ein richtiger Blödmann“ an das jugendliche Publikum angepasst. Inspiriert von ihrer eigenen Lebensgeschichte (Rabinowich verließ mit 7 Jahren Russland und lebt seitdem in Wien) und ihrer Arbeit als Dolmetscherin in psychiatrischen Einrichtungen für Flüchtlinge erzählt sie von Migration, Sprache, Trauma und den großen und kleinen Problemen einer Jugendlichen, die sich in einer für sie neuen Welt behauptet. Obwohl oftmals behandelt in ihrem Werk, sind diese Themen heute aktueller denn je. Nicht umsonst wird dieses Buch von Kritikerstimmen als Schullektüre empfohlen.

Als die Lesung vorbei ist, ordne ich mich in die Schlange der Fans ein, die mit ihren Büchern auf Rabinowichs Unterschrift warten. Ich will sie fragen, ob es ihr schwer gefallen ist, den Jugendjargon nachzuahmen, der so gar nicht nach ihrem Stil klingt. Nein, sie habe einfach geschrieben und versucht die Sprache auf ein jüngeres Publikum herunterzubrechen. Durchgelesen und kontrolliert habe dann ihre Tochter. Verblüfft blicke ich das Mädchen an, das wohl die jüngste „Lektorin“ ist, die ich jemals kennengelernt habe. Nachdem ich mich bei den beiden bedankt habe, verlasse ich die Lounge und genieße noch etwas die zufriedene Schläfrigkeit eines Sonntagnachmittags auf der BUCH WIEN-