Georg Watzlawek
Jan 12, 2015 · 8 min read

Die Correctiv-Reporter Marcus Bensmann und David Crawford haben sehr intensiv recherchiert, wer am 17. Juli 2014 die MH17 der Malaysian Airlines mit 298 Menschen an Bord über der Ostukraine abgeschossen hat. Das Ergebnis erscheint eindeutig, aber die Geschichte ist komplex.
Das Wichtigste in der Kurzfassung.

Correctiv und die Partner Spiegel Online und das Algemeen Dagblad haben die Recherche über den Abschuss der MH17 von Marcus Bensmann und David Crawford in Multimedia-Specials aufbereitet und alle Informationen zur Verfügung gestellt. Aus diesem Material stammen alle folgenden Informationen, verkürzt und zusammengefasst. Persönliche Anmerkungen finden sich in den Randnotizen.

Das ist das Fazit von Marcus Bensmann und David Crawford:

„Die Recherchen ergeben eine dichte Beweiskette: Es war eine BUK-Rakete, die das Passagierflugzeug vom Himmel holte — in Stellung gebracht von Soldaten der 53. russischen Luftverteidigungsbrigade aus Kursk, die sich ohne Hoheitszeichen auf ukrainischem Gebiet befand, um russische Panzerverbände zu schützen.”

Der Faktencheck

Aber ist dieses Ergebnis belegt und „die Wahrheit”, nach der Correctiv gesucht hat? Ein Faktencheck.

Die Tatwaffe

Behauptung: MH17 wurde von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen

Am 17.7.2014 wurde MH17 um 16:20 Uhr Ortszeit über der Ostukraine von „Objekten mit hoher Energie, die das Flugzeug von vorne und von oben durchstoßen“.
Quelle: Untersuchungsbericht der niederländischen Luftfahrtbehörde

Die Rakete kann nicht von einem Kampfjet abgeschossen worden sein, sondern nur vom Boden aus.
Quellen: „Rupert Smid”, anonymer Experte, laut Correctiv einer der besten Kenner der russischen Luftkriegsführung”
Harry Horlings, niederländischer Ex-Kampfjet-Pilot

Einschätzung Correctiv: „Und wenn es eine Boden-Luft-Rakete war, dann kann es nur eine BUK M1 gewesen sein, ein Flugzeugkiller sowjetischer Entwicklung.” Quelle: keine.

Hintergrund BUK M1

Der Schütze einer BUK steht unter hohem Entscheidungsstress. Der Radar einer BUK kann Militärjets und Passagiermaschinen nicht unterscheiden. BUK-Lenkwaffensysteme haben eine klare taktische Aufgabe: Panzer und Bodentruppen schützen.

Behauptung: Russische Panzereinheiten werden grundsätzlich von BUKs begleitet. Das ist eine militärische Zwangsläufigkeit, die allen Nato-Militärs bekannt ist. Quelle: „Rupert Smid”

Einschätzung: Wo Panzer sind, sind mobile Luftabwehrsysteme nicht weit, Quelle: Bundeswehrsprecher, Bundesverteidigungsministerium verweigert aber Interview zu dem Thema

Panzer in der Nähe der Abschuss-Stelle?

Nach dem 14. Juni wurden russische Panzereinheiten in Snishne in der Ostukraine gesichtet. Quellen: US-Außenministerium, Fotos der Nato; Russland und Separatisten dementierten

Ukrainische Kampfflugzeuge haben Panzer in der Ostukraine angegriffen und dabei Verluste erlitten: am 12. Juli wurde ein ukrainischer Kampfhubschrauber über Snizhne abgeschossen, am 14. Juli eine Antonow An-26, am 16. Juli zwei Suchoi Su-25.
Quelle: nicht genannt

Behauptung: Nicht alle ukrainischen Flugzeuge konnten von Schulterwaffen getroffen worden sein. Der Abschuss der Su-25 und der Antonow legen den Einsatz einer komplizierten Waffentechnik nahe.
Quelle: nicht näher bezeichnete Experten

Russische Nebelkerzen

Correctiv: Vier Tage nach dem Abschluss hat der Vizestabschef der russischen Streitkräfte, Generalleutnant Andrej Kartapolow, „objektive Informationen“ auf einer PK vorgetragen. Er nannte zwei Szenarien für den Abschuss der MH17. Entweder sei MH17 vom vorgegebenen Kurs abgewichen und von einem ukrainischen Kampfjet abgeschossen worden. Oder die Passagiermaschine wurde von einer BUK-Rakete getroffen. Dazu zeigte er Satellitenbilder, die eine BUK-Stellung der ukrainischen Armee in der Nähe des Dorfes Zaroshchenske zeigen sollen.

Die erste Variante kann ausgeschlossen werden, siehe oben.

Der zweiten Variante gingen die Correctiv Reporter vor Ort nach.

Wie spürt man den Abschuss einer BUK auf?

Hintergrund: ein BUK-Abschuss verursacht einen „erheblichen Lärmeffekt, sowohl beim Start der Rakete, als auch während des Fluges“
Quelle: Verband der Ingenieure Russlands

Konkret macht er sich so bemerkbar: „ein Schlag, ein langanhaltender Ton, Durchbruch der Schallmauer und eine zweite Explosion im Himmel”. Die Rakete hinterlässt kaum Brandflecken; die Spuren der Abschussrampe auf dem Boden gleichen denen eines Panzers.
Quelle: „Rupert Smid”

Spurensuche in Zaroshchenske

Zaroshchenske liegt an der N21, die Donetzk mit Luhansk verbindet. Beide Städte wurden am 17. Juli von prorussischen Separatisten kontrolliert.
Quelle: keine

Der Weg, der auf dem russischen Satellitenfoto zu sehen ist, weist Spuren auf, die von Kettenfahrzeugen stammen können. An zwei Stellen sind tiefe Einschürfungen zu sehen. Im verwilderten Feld am Lehmweg sind keine Spuren zu finden, die auf einen Raketenabschuss hindeuten. Hinter einem der Abdrücke im Boden wurde eine tiefe Furche umgegraben.

Zwei Anwohner des Feldes und weitere Dorfbewohner geben zu Protokoll, dass sie am 17. Juli nichts besonderes bemerkt haben. Ukrainische Soldaten habe es in der Gegend nicht gegeben. Quelle: Vorort-Rechercher Correctiv

Zwischenfazit Correctiv: In Zaroshchenske wurde am 17. Juli 2014 keine BUK-Lenkwaffe abgefeuert. Schon gar nicht von der ukrainischen Armee, da sie die Felder um Zaroshchenske nicht kontrollierte.”

Die Spur der Bilder

Das internationale Investigativ-Team Bellingcat des Journalisten Eliot Higgins wertet Fotos und Videos in sozialen Netzwerken aus und hat dabei eine BUK am 17. Juli im Absturzgebiet der MH17 aufgespürt.

Der Weg der BUK

Mitte Juni macht sich ein Konvoi der 53. Flugabwehrbrigade in Kursk auf den Weg. Bellingcat veröffentlicht von dem Konvoi ein Dutzend Fotos.

Im Konvoi ist eine BUK mit der Kennziffer 3*2 — die mittlere Zahl unleserlich. Zu erkennen sind Reste dieser Kennziffer, ein Farbfleck und Abschürfungen an der Abdeckung über der linken Panzerkette.

Eine BUK mit genau den Kennzeichen der Raketenrampe aus Kursk wird am 17. Juli in Donetzk gesichtet. Sie verlässt die Stadt auf der N21 Donetzk auf einem Tieflader mit weißer Führerkabine; ein Fotograf von „Paris Match“ fotografiert sie.

Eine BUK auf einem Tieflader

Der Tieflader trägt eine Telefonnummer, daher lässt sich klären, dass er im Juni in Donetzk von Separatisten gestohlen wurde.

Der Tieflader wird in Zuhres gefilmt und in Torez die BUK fotografiert. In Snizhne fährt die BUK vom Tieflader herunter; ein Foto zeigt, wie das Panzerfahrzeug mit den vier Raketen auf Ketten durch die Stadt fährt.

Später am Tag wird ein Video gedreht, dass erneut den weißen Transporter mit der BUK mit den einschlägigen Kennzeichen zeigt. Nur: jetzt fehlt eine Rakete.

Correctiv hat die Fotos aus dem Netz vor Ort geprüft: „Alle Fotos sind authentisch. Es gibt keinen Zweifel: Am Nachmittag des 17. Juli 2014 geht eine BUK in der kleinen Bergarbeiterstadt Snizhne in Stellung, im Gebiet der prorussischen Separatisten.”

Warum war die BUK in Snizhne?

Im Juni 2014 sagte das US State Department, russische Panzer seien von der naheliegenden Grenze aus in Snizhne eingedrungen. Am 15. Juli wurde ein Wohnhaus bombardiert. Vermutlich von einem ukrainischen SU-Kampfjet — einem Panzerjäger.

Am 15. Juli 2014 waren Raketen in Sniszhe in ein Wohnhaus eingeschlagen. Vermutzung: Zielten die Raketen auf Panzer?

Im November bei einem Besuch der Correctiv-Reporter in Snizhne war der Asphalt ist zerfurcht von Kettenfahrzeugen. Auf dem Platz vor dem Markt, auf der Hauptstraße, in Nebengassen. Seit April ist die Stadt von prorussischen Separatisten kontrolliert worden. Es können keine ukrainischen Panzer gewesen sein.
Quelle: Correctiv-Recherche, keine weiteren Angaben

Alexander Bondarenko, einer der Chefs der prorussischen Separatisten in Snizhe dementiert hart, dass eine BUK in der Stadt war, bestätigt aber die Anwesenheit von unmarkierten Panzern: „Nein. Eine BUK war nie in Snizhne. (…) Ganz sicher. Sonst wäre sie doch fotografiert worden, genau wie die Panzer.“

Laut Bondarenko hatten ukrainische Kampfbomber den Angriff am 15. Juli geflogen. Daraufhin hätten die Separatisten im Norden und Nordwesten der Stadt eine Luftabwehr eingerichtet. Allerdings nicht mit BUKs, sondern „mit Schulterraketen. Maximale Reichweite 5000 Meter Höhe.“

Ortsbesichtigung

Kurz nach dem Abschuss der MH17 hatte die US-Botschaft in Kiew ein Foto veröffentlicht, dass nördlich von Snizhne ein Feld zeigt, von dem aus die tödliche Rakete auf MH17 abgefeuert worden sein soll.

Correctiv: Das Feld ist unbestellt. Darauf verstreut einige Bierflaschen. An manchen Stellen ist die Erde dunkel getönt. Durch einen verwilderten Halmteppich fräst sich eine breite Fahrspur, zu breit für einen Traktor. Sie muss von einem Kettenfahrzeug mit breitem Radstand stammen.

Zeugenbefragung in der nahe gelegenen Siedlung

„Die bringen mich um, wenn ich etwas sage“, sagt ein Mann.

Eine Frau wohnt mit ihrer Tochter gleich am Bahndamm. Sie war am 17. Juli 2014 im Haus. „Ich habe einen lauten Schlag gehört“, sagt sie, dann habe ihre Nachbarin angerufen und gesagt, dass ein Flugzeug abgeschossen wurde. „Wir haben den Rauch gesehen.“ Weitere Nachfragen wehrt sie ab.

Ein älterer Mann sagt, dass er im Juli nicht im Dorf war, aber als er zurückkam, war das Dach seines Hauses kaputt — wie bei vielen anderen im Dorf.

Eine Frau sagt: „Da ist ein Flugzeug vorbeigeflogen, nun, wir wissen nicht, ob es ein Flugzeug war. Wir haben etwas gehört, buch-buch, da war so ein Geräusch.“ Sie benutzt das russische Wort „Schum“. Ein Ton wie ein anhaltendes, lautes Rauschen. Sie kann sich gut dran erinnern.

Eine andere Frau hat von der Fabrik aus „starken Rauch gesehen. Alle haben sich erschreckt. (…) Wir haben gehört, wie etwas explodierte.“

Ein Mann sagt: „Hier haben die Schienenschwellen und das Gras gebrannt.“

Der Kronzeuge

Ein Mann öffnet nach langem Klopfen und berichtet. „Ich erinnere mich. Aber wissen Sie, ich sage Ihnen dazu nicht alles. Das könnte schlecht für mich enden.“

Auf die Frage nach dem Flugzeugabsturz am 17. Juli sagt er: „Sie haben es mit einer Rakete abgeschossen. Die Rakete haben sie von dort abgeschossen. Wir haben sie gesehen, wie sie geflogen ist.“

Ein Freund von ihm habe die Raketen vorher schon gesehen. „Er hat mich angerufen und gesagt: Dort steht so ein krasses Teil mit vier Raketen.“

Er berichtet weiter: “Ich war im Hof und habe eine Explosion gehört, einen Schlag. Da war so ein Chlop (russisch für Schlag). Die Ziegel auf dem Dach wackelten. Und dieser Schlag war dort drüben, das war hier sehr gut zu hören. Es gab so einen langen Ton. Und dann gab es eine sehr starke Explosion: Bach Bach. Und gerade als ich auf die Straße gelaufen bin, stürzte das Flugzeut ab, entlang der Straße einige Kilometer entfernt von hier. Verstehen Sie? Und man konnte sehen, wie es dort brannte.”

Wer hat die BUK abgefeuert?

Correctiv Alle Exoperten sind sich einig: Die Separatisten hatten und haben nicht die Fähigkeiten, eine BUK abzufeuern. Es gibt kaum einen Zweifel : Russische Offiziere müssen den Befehl zum Abschuss von MH17 gegeben und durchgeführt haben.
Quellen: Der prorussische Kriegskommandanten Chodakovskij, Andrej Purgin, Vizepremier der selbsternannten Volksrepublik Donetzk, Nato-Luftkampfexperten, Absolventen des Raketeninstitutes in Kiew, einen ehemaligen Soldaten der 53. Luftabwehrbrigade in Kursk.

Das Urteil der Correctiv-Reporter

Correctiv: „Mit diesem Zeugen ist das Bild komplett: Es war eine Rakete des Typs BUK M1, die das Passagierflugzeug vom Himmel holte — in Stellung gebracht von Soldaten der 53. russischen Luftverteidigungsbrigade aus Kursk, die sich ohne Hoheitszeichen in der Stadt Snizhne befanden, um russische Panzerverbände zu schützen.

Für den Abschuss sind allein die russischen Streitkräfte unter Wladimir Putin verantwortlich. Sie haben die Ostukraine destabilisiert, sie haben die Truppen und die Technik in das Separatistengebiet gebracht, um MH17 abzuschießen. Es spielt keinerlei Rolle, ob der Abschuss gezielt war oder aus Panik versehentlich erfolgte.”

Weitere Materialien und Quellen:

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Von Georg Watzlawek

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