Der Chris-Paul-Trade in der Analyse

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Um 17:37 Uhr vermeldete Yahoo’s NBA Insider Adrian Wojnarowski, dass mit Chris Paul der vielleicht beste Point Guard seiner Generation von den Los Angeles Clippers zu den Houston Rockets wechselt.

Das ist passiert

Chris Paul beendet zum 30.06.2017 das vierte Jahr seines aktuellen Vertrags, der ihm in der abgelaufenen NBA Saison 22 Millionen Dollar einbrachte. Zudem verfügt Paul über eine Spieleroption, die ihm eine Vertragsverlängerung zu 24 Millionen Dollar garantiert.

Medienberichten zufolge informierte Paul die Clippers am heutigen Mittwoch über seine Absicht, diese Spieleroption verstreichen zu lassen, um zu den Houston Rockets zu wechseln und sich James Harden und seinem Kumpel Trevor Ariza anzuschließen. Daraufhin starteten beide Teams die Verhandlungen über einen Trade. Dieser nun erzielte Trade stellt eine Win-Win-Win-Situation für die drei Parteien dar:

  • Die Los Angeles Clippers erhalten mit Sam Dekker, Patrick Beverly und Lou Williams drei passable Spieler sowie einen First-Round-Draftpick und gehen nicht leer aus.
  • Die Houston Rockets schaffen auf diese Art und Weise den Gehaltsspielraum, der für Chris Paul nötig ist.
  • Chris Paul verdient durch seine Spieleroption im nächsten Jahr 24 Millionen Dollar und kann seinen Vertrag 2018 zu den bestmöglichen Konditionen (205 Mio $ / 5 Jahre) verlängern.

Der Trade wurde bislang noch nicht offiziell durch die NBA bestätigt. Vorher müssen die Houston Rockets noch einige Spieler entlassen, um nicht gegen die Gehaltsobergrenze zu verstoßen. Experten gehen davon aus, dass der Trade erst zum 1.7. offiziell wird.

Die Situation der Houston Rockets

Die Rockets spielen den modernen Basketball. Was im Fußball einst die Viererkette mit Abseitsfalle war, ist in der NBA die Devise Dreier und Korbleger. Statistisch gesehen ist ein Dreipunkt-Wurf wertvoller als ein Zweier. Zudem führt ein Korbleger meist entweder zum einfachen Korberfolg oder zum Foul und damit zu Freiwürfen. Die Rockets zielen genau auf diese beiden Abschlüsse ab und vernachlässigen den Wurf aus der Mitteldistanz nahezu komplett.

Für dieses Spielsystem befindet sich mit James Harden der perfekte Spieler im Kader der Rockets. Dieser ist bekannt für seinen Zug zum Korb und gilt zudem als starker Schütze hinter der Dreierlinie. Zusätzlich übernimmt Harden bislang große Teile des Spielaufbaus. Vor dem klaren Star des Teams befindet sich mit Trevor Ariza ein weiterer starker Schütze von draußen auf Flügel, der zudem als guter Verteidiger gilt. Auf der Position des Power Forwards spielt mit Ryan Anderson natürlich ein sogenannter Stretch-Four, also ein großer Spieler mit gutem Wurf hinter der Dreierlinie. Center Clint Capella ist für die Rebounds und Dunks zuständig.

Neben Harden befand sich bislang mit Patrick Beverly ein Defensivspezialist mit passablem Wurf und ordentlichem Spielaufbau. Diese Position wird durch die Verpflichtung von Chris Paul deutlich aufgewertet. Paul ist auch mit 32 einer der besten Aufbauspieler der Liga und drückt dem Spiel seinen Stempel auf. In Houston wird er sich diese Rolle allerdings mit James Harden teilen -beide Spieler benötigen den Ball in ihren Händen, um sich voll entfalten zu können. Defensiv ist die Klasse von Chris Paul absolut unbestritten — an guten Tagen kann er jeden Point Guard kaltstellen. Hierbei profitiert er auch von seinem hohen Basketball-IQ und gilt nicht umsonst als einer der spielintelligentesten Spieler aller Zeiten.

Auf die Rockets kommt jedoch eine Änderung im Spielsystem zu. Mit Superstart Paul sind die Zeiten vorbei, in denen James Harden 17 Sekunden den Ball hält und anschließend über ein Pick & Roll zum Korb zieht. Paul ist deutlich besser dazu in der Lage, ein Spiel zu lesen und den am besten postierten Mitspieler freizuspielen. Die Rockets werden zukünftig also deutlich flexibler angreifen. Auch Würfe aus der Mitteldistanz sind zukünftig zu erwarten. Chris Paul gilt als starker Werfer zwischen der Zone und der Dreier-Linie, dem bisher verwaisten Bereich im Spiel der Texaner.

Headcoach Mike D’Antoni gilt zudem als Meister des Game-Management. Deshalb ist es gut möglich, dass Chris Paul viel Zeit mit den Bankspielern der Rockets auf dem Parkett verbringt und dort das tut, was er in seiner Karriere immer getan hat: Paul macht seine Mitspieler besser und ermöglicht ihnen leichte Punkte. Die explosive Offensive, die die Rockets immerhin zum Sieg in der ersten Playoff-Runde gegen die Oklahoma City Thunder geführt hat, wird also noch besser und unberechenbarer.

Reicht es gegen die Warriors?

Trotz allem werden die Golden State Warriors auch die kommende Saison als haushoher Favorit begehen. Durch den Trade katapultieren sich die Houston Rockets aber in eine ernstzunehmende Herausforderrolle. Das Team verfügt nun über diese eine Sache, mit der es die Warriors in der abgelaufenen Spielzeit nicht zu tun hatten: Eine nahezu unaufhaltbare Offensive. Golden State wird also auch defensiv endlich gefordert — und genau hier könnte die Schwachstelle warten.

Steph Curry ist zwar der beste Shooter der Liga, doch defensiv hat er gegen die Stars der Liga wenig zu melden. Diese Tatsache kann sein Partner Klay Thompson zwar oft kaschieren — doch gegen zwei Point Guards des Kalibers Paul/Harden ist es unmöglich, Curry einfach zu verstecken. Houston war zudem bereits in der Saison 2016/17 das einzige Team, das den Warriors beim Scoring das Wasser reichen konnte. Eine weitere 12:0-Playoffbilanz im Westen sollten Kevin Durant und Co. deshalb nicht einplanen.

Was passiert bei den Clippers?

Während Houston am Pokertisch um den Titel mit einer guten Hand alle Chips in die Mitte schiebt, stehen die Zeichen bei den Clippers zwar noch nicht auf Neuaufbau, aber zumindest auf nachtanken. Zwei Jahre nach der gefeierten Übernahme durch den ehemaligen Microsoft-CEO Steve Ballmer steht das Team vor einem Umbau. Mit dem häufig verletzten Blake Griffin liebäugelt ein weiterer Superstar mit dem Abgang. Gerüchten zufolge wird Griffin seine Spieleroption nicht ziehen und sich auf den Free Agent Markt begeben. Ein weiterer Trade der Clippers scheint deshalb nicht unwahrscheinlich.

Tradegerüchte gab es auch um den dritten verbleibenden Superstar, Deandre Jordan. Vor der NBA Draft wurde der Center laut ESPN unter anderem den Phoenix Suns angeboten. Experten sind sich deshalb sicher, dass der Trade von Chris Paul erst der Anfang eines Clippers-Neuaufbaus ist, der am Ende auch Doc Rivers treffen könnte, der derzeit den sportlichen Geschäftsführer und den Head Coach in Personalunion darstellt.

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