NBA: Kyrie Irving vor dem Abgang?
Die NBA Offseason macht die relativ einseitigen Playoff-Spiele vergessen. Nach dem Blockbuster-Trade von Chris Paul zu den Houston Rockets und dem Wechsel von Gordon Hayward zu den Boston Celtics befindet sich die Liga seit Freitagabend erneut im Ausnahmezustand. Wie unter anderem ESPN und USA Today vermelden, hat Kyrie Irving, Superstar der Cleveland Cavaliers, sein Team um einen Trade gebeten.
Den Gründen auf der Spur
Zu den Beweggründen wurde bislang nichts bekannt. Kyrie befindet sich in Cleveland auf dem Papier in einer komfortablen Situation. Mit LeBron James befindet sich einer der besten Spieler aller Zeiten im Team. Seit der Rückkehr von LeBron zur Saison 14/15 erreichten die Cavs dreimal die NBA Finals und sicherten sich 15/16 in einer historischen Finalserie gegen die scheinbar übermächtigen Golden State Warriors den Titel. Obwohl sich die Boston Celtics mit Free Agent Gordon Hayward verstärken konnten, gilt Cleveland auch in der kommenden Saison als Favorit in der Eastern Conference.
Kyrie Irving steht allerdings deutlich im Schatten von LeBron James. Der ist nicht nur Topscorer, bester Vorlagengeber und wertvollster Spieler der NBA Finals 15/16. Gerüchten zufolge bestimmt LeBron auch im Hintergrund bei den Cavaliers mit. Es ist gut möglich, dass sich Kyrie mehr Einfluss erzwingen will.
James könnte aber auch einen weiteren Grund liefern. Seit einigen Wochen halten sich in NBA-Kreisen hartnäckige Gerüchte, dass LeBron James einen Wechsel zu den Los Angeles Lakers vorbereitet. Obwohl sich das Ganze eher unglaubwürdig anhört, da der Superstar bereits einen eher unrühmlichen Abgang aus Cleveland hinter sich hat, könnte an der Geschichte mehr dran sein: LeBron besitzt ein Haus in Los Angeles und auch das von ihm gegründete Medienunternehmen The Uninterrupted residiert in Los Angeles. Will Kyrie Irving die Cavs verlassen, um in einem Jahr nicht als Ratte dazustehen, die das durch den Abgang von LeBron sinkende Schiff verlässt?
Völlig unabhängig von King James muss man zudem festhalten, dass die Cleveland Cavaliers in der Offseason kein gutes Bild abgeben. Der zum 30. Juni ausgelaufene Vertrag des in der NBA hoch geschätzten General Managers David Griffin wurde nicht verlängert. In der für Teams so wichtigen Free Agency standen die Cavaliers plötzlich ohne Manager da. Teambesitzer Dan Gilbert wird damit seinem Ruf als GM-Schreck erneut gerecht. Seit er 2005 die Mehrheit an den Cavaliers hält, hat er bei keinem seiner GMs den Vertrag verlängert. Die Art, die Dan Gilbert an den Tag legt, könnte sowohl LeBron James als auch Kyrie Irving zum Abgang bewegen und die Cleveland Cavaliers damit ins Nichts abstürzen lassen.
Worauf Kyrie Irving verzichten würde
Dass Kyrie in Cleveland unglücklich ist, zeigen die negativen Seiten, die ein Trade mit sich bringt. Obwohl Irving seine bevorzugten Ziele nennen darf und dies auch getan hat, hat er bei einem Trade praktisch kein Mitspracherecht. Die Cavaliers können sich die Angebote der anderen 29 NBA-Teams in Ruhe anhören und schlicht und einfach das beste Angebot auswählen. So ist es nicht unwahrscheinlich, dass Kyrie im Fall der Fälle bei einem Team landet, das keine Chance auf den Titel hat.
Zudem verzichtet der Point Guard möglicherweise auf 70–75 Millionen Dollar. Nach Ablauf seines nach der Saison 19/20 auslaufenden Vertrags könnten ihm die Cavaliers unter Umständen den umgangssprachlichen Super Max Contract anbieten. Dieser wäre ca. 200–210 Millionen Dollar über fünf Jahre wert. Das Super Max kann allerdings nur angeboten werden, wenn der Spieler in der abgelaufenen Saison oder in zwei der drei letzten Saisons in ein All-NBA-Team gewählt wurde und sich beim Team befindet, bei dem er auch seinen ersten NBA-(Rookie)-Vertrag unterschrieben hat. Bei Kyrie Irving wären somit nur die Cavaliers in der Lage, diesen Megavertrag anzubieten.
Zu guter Letzt gelten die Cleveland Cavaliers für die nächste Saison als vielleicht einziger ernstzunehmender Gegner für die Golden State Warriors. Es ist ausgeschlossen, dass Kyrie bei einem potentiellen neuen Team eine ähnlich gute Situation für die nahe Zukunft vorfindet.
Mögliche Ziele: San Antonio, New York, Miami oder Minnesota?
ESPN berichtet, dass Kyrie Irving in einem Treffen mit den Cleveland Cavaliers vor zwei Wochen seine bevorzugten Trade-Destinationen nannte. So könne sich Irving einen Trade zu den San Antonio Spurs, den New York Knicks, den Miami Heat und den Minnesota Timberwolves vorstellen.
Die San Antonio Spurs sollen laut ESPN das Wunschziel für den Point-Guard darstellen. Dort könnte er den Staffelstab von Tony Parker übernehmen, der sich mit 35 Jahren im letzten Vertragsjahr befindet. Doch aus San Antonio könnten die Cavaliers keinen großen Gegenwert erwarten. Die Spurs würden zwar liebend gerne den in der letzten Saison äußerst schwachen LaMarcus Aldridge loswerden, was in einem 1-zu-1-Trade mit Kyrie Irving sogar möglich wäre. Allerdings verfügen die Spurs weder über einen Nachwuchsspieler auf dem Weg zum Superstar noch über interessante Draft Picks. In den nächsten drei Jahren erhalten die Spurs nur ihre eigenen Erstrunden-Picks, die sich voraussichtlich eher am Ende der ersten Runde wiederfinden und somit keinen ausreichenden Gegenwert darstellen. Die Spurs verfügen natürlich auch über Kawhi Leonard, der allerdings für keinen Trade in Frage kommt.
Nicht bedeutend besser stehen die Chancen auf einen Wechsel zu den Miami Heat. Miami könnte mit Hassan Whiteside und Goran Dragic zwar zwei gute Spieler nach Cleveland schicken, müsste dafür aber neben Kyrie Irving einen weiteren Star zurückerhalten. Kevin Love wäre hierfür zwar ein Kandidat, doch bei diesem Trade würden sich die Cavaliers eher verschlechtern. Schicken die Cavaliers neben Kyrie nicht Kevin Love sondern Tristan Thompson nach Miami, wäre Miami anschließend eher schlechter gestellt. Auch Miami verfügt nicht über interessante Draftpicks, sondern muss seinen eigenen Pick im nächsten Jahr unter Umständen sogar abgeben.
Interessanter wird es bei den New York Knicks. Die Cavaliers sollen deutliches Interesse an Kristaps Porzingis zeigen. Die Knicks wollen den Litauer zwar nicht abgeben, da sie ihn als kommenden Franchise Player sehen. Doch folgender Trade wäre durchaus für beide Teams interessant:
Die Cavaliers erhalten: Carmelo Anthony, Kristaps Porzingis, Willy Hernangomez, Chasson Randle
Die Knicks erhalten: Kevin Love, Kyrie Irving
Da die Knicks mit Porzingis und Hernangomez gleich zwei talentierte Spieler abgeben, müssten die Cavaliers den Trade eventuell noch mit einem Erstrundenpick im nächsten Jahr verfeinern. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass Carmelo Anthony durch seine No-Trade-Clause einen derartigen Trade verhindern könnte. Ob die Cavaliers am 33-jährigen Carmelo interessiert sind, ist ebenfalls fraglich.
Die Minnesota Timerwolves scheiden als Ziel aus. Erst Anfang Juli wurde mit Jeff Teague ein Point Guard verpflichtet, der für drei Vertragsjahre 57 Millionen Dollar erhält. Teague kann erst ab 17. Dezember getradet werden und wäre für die Cavaliers auch eher uninteressant.
Was passiert nun?
Das Telefon der Cleveland Cavaliers wird wahrscheinlich nicht mehr stillstehen. Ein Superstar wie Kyrie Irving befindet sich nur äußerst selten auf dem Markt, weshalb die Teams ihre Chance natürlich nutzen möchten.
Ob Kyrie letztendlich wirklich wechselt, ist eine andere Geschichte. Es ist gut möglich, dass sich Kyrie einfach nicht ausreichend gewürdigt fühlte, und sich durch den Trade-Wunsch einfach etwas Rampenlicht zurückholen möchte. Zudem gilt Kyrie spätestens seitdem er die Theorie einer flachen Erde vertritt als beeinflussbar. Einige klare Aussagen von LeBron James könnten das Thema also wieder erledigen.


