Gedankenschniposa

#2

“Na ihr Chaoten?”

Kennt ihr Leute, die das sagen oder zumindest früher gesagt haben? Solchen Leuten polier’ ich gern mal grundsätzlich die Fresse. Gerade sitze ich im Bad im Westflügel und poliere die Glatze. Nicht die da oben, sondern die Knöchelglatze meines dicken Onkels. Er heisst Guido, aber alle nennen ihn Guidolf, weil er ein gottverdammter rechtsradikaler Wichser ist. Wir können ihn alle gut leiden. Er liegt auf dem warmen Marmorboden, ich mach ihm seine Füße und summe dabei die nigerianische Nationalhymne vor mich hin.

“Hey Keule, es ist wieder da! Hast du ihn schon gesehen?”

Keule ist meine Hausfledermaus. Ich schaue hoch zu Keule, der gelangweilt an der Duschvorhangstange hängt und wohl schläft (is ja gerade Tag) und dann zu meinem dicken Onkel, der tatsächlich auf eine Antwort von einer Fledermaus wartet.

Keule ist blind Guidolf, der schaut keine Filme.”

“Aber der hat doch Sonar?”

“Ja aber dann müsste er ja permanent sonarnieren, den ganzen Film lang. Erstens würde das alle anderen im Kino stören und zweitens stelle ich mir das ziemlich anstrengend vor. Denk doch mal nach. Und überhaupt, müsste er nicht im stetigen Flug sein, damit sein Sonar funktionieren würde?”

“Ham die nicht so ne Art Sonar-Automatik? Wie bei Autos? Stand-Sonar?”

überlegt mein dicker Onkel und lässt seinen Blick auf der Fledermaus ruhen. Da ist was dran. Ich überlege zehennagelkauend (natürlich nicht meine eigenen am Fuß. Ekelhaft!) und komme zu der Erkenntnis, dass mein dicker Onkel zwar ein ganz Netter (und ja ok, auch ein Nazi) ist, aber er viele seltsame Fragen stellt, wenn er auf dem Boden liegt und seine Füße machen lässt…

“Und hast du es gesehen?”

“Was denn?”

“Na es, es ist wieder da!”

“Ja aber was denn?”

“Na diese Komödie mit diesem Clown!?”

“Badoinkadoink II, mit Timothy Dalton und der Klinge im Kuchen?”

“Aber nein, Es von diesen — ach wie heisst er — Steffen King!”

“Ach IT! Jeeetzt… Du meinst Stephen King, “IT” oder “Es.”

Ich betone das E in ES und noch bevor mein dicker Nazionkel zustimmen kann, sage ich:

“Weisst du, ich versteh das nicht. Alle sagen kurzausgesprochen “es” wenn sie es ganz normal in Sätzen nutzen und beim Film sagen sie dann aber “EEEEES”?! Na ja alle, ausser dir. Eigentlich heisst es aber doch auch nur “es” — normal kurz ausgesprochen, von Steff… äh Stephen King und nicht “EEEEEEEEEEES” ist wieder da. Das ärgert mich.”

Jetzt ist er es, der an die Decke und den goldenen Kronleuchter starrt und überlegt. Als ich den dicken Onkel vom ersten Fuß fertig habe, schaut der dicke Onkel den dicken Onkel kurz an, bewundert sein Spiegelbild auf dem dicken Onkel und hebt ein paar Mal seine Hand hoch ans Ohr, zum Etepetete-Hitlergruß, diesen vornehmen mit geknicktem Arm und der Handfläche nach oben, sie wissen schon. Der so eher “casual” ist.

“Gut?”

“Super! Ganz hervorragend! Das wird auch K’nhagjalla’mbe gefallen.”

Er streckt mir seinen anderen Fuß hin und legt sich wieder auf den Rücken. Ich denke mir “Was für ein Koloss. Was wohl der Detonationsradius von ihm wäre, wenn man ihn aus einem Flugbomber fallen lassen würde? Und warum muss ich immer an Krieg denken, wenn ich ihn sehe? Vielleicht weil er ein verfluchter Nazi oder schon Neo-Nazi ist?! Neon Nazi, hrr… So ein ganz Bunter, der gerne auf so indische Holi-Festivals geht, mit Farbe um sich wirft. lacht und zu David Guetta tanzt.

Ich fange wieder an zu polieren.

K’nhagjalla’mbe ist seine Frau, er hat sie auf einer seiner vielen Weltreisen in Nigeria kennengelernt und sie haben sich schnell verliebt und schnell geheiratet. Seitdem sind die beiden ein Herz und eine Seele. Echt süß. Er, so riesig und breit, mit Glatze und Hakenkreuz-Tattoos überall, immer in Arbeiterhemd und Springerstiefel und sie immer total elegant gekleidet in nigerianischen Traditionsgewändern. Aufwändiger Hochsteckfrisur und die schönsten Accessoires wie teure Designer-Taschen an sich. Ich kann sie gut leiden und sie hat mir z.B. auch die nigerianische Nationalhymne beigebracht. Eine tolle, starke Frau und zusammen ein echt schönes Pärchen. Einmal, da hat sie mich in ihr Schlafzimmer gebeten und war splitterf…

“Warum heissen Eichhörnchen eigentlich Eichhörnchen?”

reißt er mich aus meinen Gedanken heraus. Ich muss mich erst sammeln.

“Klar, sie sammeln Eicheln, aber warum Hörnchen? Normalerweise übersetzt die deutsche Sprache doch alles irgendwie… irgendwie sehr… na ja, ein Handschuh besteht aus Hand und Schuh — Schuhe für die Hände. Während sie auf englisch komplett anders “Gloves” heissen. Oder Hubschrauber. Perfekt! Ein Gerät, dass sich durch das Schrauben anhebt und…”

Er macht eine lange Pause und mittlerweile überlege ich auch (während ich permanent weiterpoliere. Ein Job ist ein Job und ich bekomme immerhin 350 Euro pro dicken Onkel, also von Guidolf für beide seiner dicken Onkel und nicht etwa von meinen beiden dicken Onkeln, ich hab da nämlich noch den Traugott, unseren Satanisten in der Familie).

“Ich weiss auch dass das Wort Horn auch für Hufen und so stehen kann, aber Eichhörnchen haben weder ein Horn, noch Hufen oder anderes Horn irgendwo an sich.”

Ich denke laut nach:

“Wäre es nicht cool, wenn ein Eichhörnchen eine Eisdiele aufmachte und sie “Eichhörnchens Eishörnchen” nennen würde? Es gäbe Walnuss, Mandel, Haselnuss — aber keinen Eichelgeschmack, das wäre verrückt.”

Mein dicker Onkel juckt. Und mein dicker Onkel winkt ab, es ärgert ihn, wenn er nicht gleich auf Endlösungen kommt.

“Vielleicht haben ja mal zwei Jäger ein Eichhörnchen gesehen, das dicke Nüsse hatte und ihn erst “Horny” genannt und dann Eichhörnchen? Mit dicken Nüssen!”

Ich kichere über meinen guten Witz. Gut gemacht. Du bist so lustig.

“Oder stell dir ein Eichhörnchenweibchen vor, das zwei pralle, dralle und unbefellte, perfekte dicke Titten vor sich herträgt!”

Jetzt lache ich und hätte mir fast mit der Hand in der ich die Schleifmaschine halte an den Mund gefasst. Mein dicker Onkel brummt nur:

“Mit dir kann man wirklich nicht ernst reden, Junge. Eichhörnchen… Grauhörnchen… A und B Hörnchen…”

Er denkt laut darüber nach ob A und B Hörnchen diese Klassifizierung hatten weil sie eigentlich Labortiere waren, an denen man Tierversuche und Experimente gemacht hatte.

Ich schleife nochmals eine letzte schöne Kurve und bin dann fertig. Während mein dicker Onkel seinen zweiten, frischpolierten dicken Onkel begutachtet, muss ich an Beppo, den Clown denken. Und an Bozo, den Clown. Warum zum Teufel muss man bei jedem Clownnamen “der Clown” am Ende hinzufügen, frage ich mich und stelle mir vor, wie ein Clown, der nur Flipso heisst, auf einem Kindergeburtstag erscheint und keiner weiß was mit ihm anzufangen als er sich vorstellt. “Hallo Kinder, ich bin Flipso!” Totenstille, verstörte Gesichter, wirre Blicke. “Flipso… der Clown!” Erst jetzt klatschen alle. Ich meine, was sonst soll der sein!? “Sind Sie Flipso, der Steuerberater? Verkaufen Sie Elektrogeräte?” Natürlich bin ich “…, der Clown!”. Kein Wunder, dass alle Clowns so gruselig sind. Außer der Hugo damals, “Hugo, wer? Hugo der Gebrauchtwagenverkäufer? Nein, Hugo, der Clown! Aaaah, jetzt!”, der war witzig.

“Der Hugo der Clown, der war witzig damals, weisst du noch Onkel?”

Mein dicker Onkel schaut mit grimmiger Miene auf und faucht mich regelrecht an

“Das mit deinem Schwager Hugo war nicht lustig, die arme Mann hatte ein schweres Alkoholproblem, weil man es -”

Ich unterbreche ihn jäh: “…weil man EEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEs!”

“Weil man es ihr mit seinem Transgendertum nicht leicht gemacht hat. Der arme Frau hat gelitten wie ein…”

Er ringt nach Worten während er ergriffen seinen dicken Meckes schüttelt und ich weiß jetzt auf einmal endlich warum Hugo mit dem Make-Up und so… Die arme Mann. Eine schreckliche Tragödie.

Ob er gestorben ist?

Aber nein, sie ist in die Reha und clean geworden. Er lebt jetzt glücklich in Wisconsin und…

Mein Onkel hat Keule noch einen freundschaftlichen Knuff mitgegeben und ist weg.

Ich kuck es jetzt.

Den Fihilm! “EEEEEEEEEEEEEEEES, …… DER CLOWN! Herrjeh…”


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