Wie ich mein “OCD” im Zaum halte.

Ich hab diesen Subtitle 40 Mal umgeschrieben. Jetzt reicht’s.

Ich wünsche mir morgens, dass mein Bett nicht nur gemacht ist, sondern die Bettlaken auf allen Seiten straff nachgezogen werden, das Kissen nicht nur ausgeschüttelt, sondern wieder in Form gebracht und dessen Überzug auch straff nachgezogen wird. Dass Dinge wie Nasentropfen, Taschentücher und mein Wecker auf meinem Nachtisch auf ihre Anordnung zueinander geprüft werden, ob sie auch immer noch in geraden Linien zueinander stehen.

Wenn ich meinen Kleiderschrank aufmache, möchte ich ein Ordnungssystem vorfinden, das meine T-Shirts, Sweater und Hosen nach Farbe und Größe gleichzeitig geordnet hat. Meine Socken (nur weiß!) sollten in der Schublade nebeneinander in einer Linie und versetzt übereinander in einer Linie liegen. Die Boxershorts in der Schublade darüber fein säuberlich gefaltet, auch wenn es schwierig ist.

Wenn ich duschen gehe, darf keine Shampoo-Flasche leer sein und noch in der Kabine stehen. Shampoos für Kopf (inkl. Weichspüler etc. von meiner Frau) müssen strikt getrennt sein von den Körpershampoos. Ich habe zwei Schwämme für den Körper und benutze einen für den ersten und den anderen für den zweiten Körperwaschgang. Auch die Haare werden immer zwei Mal gewaschen (egal wie kurz die Frisur (rasiert) ist), dabei immer mit jeweils mindestens 20 Wischgesten, mit beiden Händen von vorne nach hinten. Ich zähle mit. Parfüm kommt auf die beiden Halsseiten, hinten auf den Hals und an die Innenseite der Handknöchel. Immer in dieser Reihenfolge.

Auf dem Weg zur Arbeit mit Bus und Bahn, fasse ich so wenig wie möglich an und wasche wenn ich ankomme erst einmal meine Hände. Man weiß ja nie. Auch sonst wasche ich mir recht oft die Hände mit Seife und habe natürlich kleine antibakterielle Handseifenfläschchen überall in Reichweite.

Auf Arbeit kann ich nur an vielen Projekten gleichzeitig arbeiten und springe minütlich zwischen ihnen hin und her. Auf eins kann ich mich unmöglich lange konzentrieren, da flipp’ ich aus. Mein Desktop ist leer, meine Programme und Datenordner sind penibel genau und nach meinem Schachtelsystem geordnet (zuhause auf meinem eigenen Rechner natürlich auch, da kommen aber noch eine externe Festplatte und zwei Mirror-Backup-Festplatten dazu, deshalb ist dieses System etwas komplexer). Natürlich sind Projekte (Webseiten ect.) und Mediendateien wie Fotos und Videos getrennt kategoriesiert. Meine Musikfestplatte hat ihr eigenes System nach Musikgenres und Subgenres. Ich habe für alle Daten und Datenordner einen initialen Ordner namens “00_Noch_einzuordnen” weil das Einordnen bei mir länger dauert und nicht erst einfach nur mal abelegt werden darf. Auf Arbeit sichere ich meine Daten in zwei Clouds gleichzeitig und muss manuell danach schauen, dass sie beide immer synchron sind. Beim Gestalten muss jedes Gestaltungselement pixelgenau ausgerichtet sein, dabei dürfen bei Höhen und Breiten keine ungeraden Zahlen rauskommen (das ist ein Problem z.B. beim responsiven Webdesign, das mich verzweifeln lässt). Ich liebe Blocksatz und Rahmen, die unaufgeräumten Text gestalterisch wenigsten sauber zusammenhalten. Alle Gestaltungselemente sollten nach Möglichkeit (und Gedeih und Verderb, egal wie lange es dauert) im Verhältnis zueinander passen.

Mein Arbeitsplatz muss entweder minimalistisch gehalten sein und einfach nur leer aussehen, oder das System “Creative Crazyness” soll dafür sorgen, dass allerlei Kitsch, Ramsch und sinnlose Spielsachen, den Tisch (über)füllen.

Zuhause angekommen hätte ich gerne alles in jedem Zimmer geordnet (Schuhe im Schuhschrank, Süssigkeiten in der Wohnzimmerkommode, die Fernbedienungen für Fernseher und Co., Bücher nach Größe in den Regalen, Gewürzflaschen, Teller, Tassen, Gläser und Schüsseln in gerader Ausrichtung zueinandner. Auch wenn es in den Schränken die meiste Zeit niemand sieht.

Wenn ich Musik höre, darf die Lautstärke keine ungerade Zahl sein, also entweder ich höre es einen Ticken zu leise auf 10 oder einen Ticken zu laut auf 12. 11 geht garnicht! Ich habe meine über 400 DVDs geordnet und bin noch unzufrieden mit dem System, da es nicht genug Kategorien gleichzeitig berücksichtigt, doch nach 2 Tagen wusste ich einfach nicht weiter. Früher musste das auch bei den CD’s sein. Ich werfe Bücher lieber weg, als dass sie im Regal blöd aussehen.

Ich hätte gerne Minimalismus um mich herum und dass alles die selbe Farbe hat, egal wie z.B. die Wand oder der Boden beschaffen ist. Ich liebe Symmetrie in allen Dingen. Alles um mich sollte immer symmetrisch angeordnet sein. Deshalb habe ich bis jetzt noch keine Pflanzen im Zimmer, obwohl ich gerne welche hätte. Doch die wachsen mir nicht symmetrisch genug. Ich hasse dieses Chaos der Welt, die alle Dinge einfach irgendwohin gesetzt hat. Wie können andere das nur ertragen? Wenn links ein Brunnen steht, sollte rechts auch einer sein. Und bitte immer gleich viele Menschen drumherum stehen.

Wenn ich meine Spielekonsole anmache, dann ordne ich auch dort alles (Spiele, Anwendungen, etc.) und komme nach bis zu einer Stunde dann nicht mehr zum eigentlichen Spielen. Und wenn ich Spiele, dann am liebsten Leveleditoren, dort kann ich meine Ordnungsliebe endlich ausleben und verbringe Tage und Wochen damit z.B. Steine der Umgebung soweit abzutragen, dass alles auf dem gleichen Level ist. Auf dem Fernseher muss die Programmliste natürlich akkurat geordnet sein: Sender nach Popularität geordnet, alle Nachrichtensender beieinander, die regionalen Dritten immer ganz hinten (aber auch nach Entfernung zu unserem Wohnort) usw.

An meinem Smartphone und iPad habe ich bestimmt schon insgesamt Tage damit verbracht, die Apps zu kategorisieren und Ordner hin und her zu tauschen, bis ich ein System habe, das Sinn ergibt.

Ich liebe Regen, doch ich wünschte er würde geordnet vom Himmel fallen und mich überall gleich nass machen.

Ich wünschte alle Strassenpfeiler, Trenner, Mauern, Lichter, Ampeln, Plakate usw. wären in einer geraden Zahl vorhanden. Wenn mir der Boden zu gesprenkelt ist oder zu viele kleine Steine hat, dann fange ich an komisch zu laufen.

Früher, als ich noch alleine gewohnt habe, hatte ich einen kleinen Handstaubsauger, den ich augenblicklich in Betrieb nahm, wenn Freunde bei mir waren und Chips gegessen haben. Beim ersten Mal als ich auf Knien um die Couch herumrobbend ihre Krümel entfernt habe, mussten sie lachen. Das verging ihnen aber schnell, als ich immer wieder damit anfing und es einfach nicht lassen konnte. Einige meiner Freunde kamen deshalb nach einer Weile nicht mehr zu mir nach Hause “weil man sich da einfach nicht entspannen kann”.

Ich muss gestehen, ich habe auch schon mal angefangen wild rumzubrüllen, wenn jemand bei mir was von A genommen hat und bei B wieder ablegen wollte. Hab ihnen den Gegenstand dann aus den Händen gerissen, sie weggestossen und hilflos fluchend versucht wieder Ordnung in mein System zu bringen. Das kam nich so gut an, als man merkte, dass ich das wirklich ernst meinte, verärgert war und mir nicht nur einen Spass erlaubte. Irgendwann habe ich auch angefangen bei Freunden in deren Zimmer und auf Arbeit Dinge zu sortieren oder neu zu ordnen oder aufzuräumen. Sagen wir es mal so… beliebt gemacht habe ich mich dadurch auch eher nicht.

“Lass das so, ich mag die Unordnung in meiner Küche genau so wie sie ist! Du fliegst echt gleich raus, wenn du nicht endlich damit aufhörst! Samma spinnst du eigentlich wirklich so ? Das ist echt nicht mehr lustig!”

Was für viele am Anfang wie ein Spass aussah, hat sie ganz schnell ge- und entnervt. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich zwei Freunden bzw. Arbeitskollegen komplett die Freundschaft gekündigt habe, weil sie dachten, es sei lustig, etwa an meinem Tisch einen Bleistift oder Kugelschreiber schräg zu stellen. Ich konnte nicht anders. Sie haben mich so wütend gemacht, dass ich sie sonst bestimmt kaltblütig erwürgt hätte.

Wenn ich mich rasiere oder andere Körperhygiene wie Fingernägel schneiden angehe, weiß ich, dass ich 1 bis 2 Stunden (oder auch mal bis zu 4, wenn mehrere Aufgaben angefallen sind) im Bad gefangen bin, weil alles gleich lang oder kurz, symmetrisch und perfekt aufeinander abgestimmt sein muss. Nasenhaare mit Elektrorasierer trimmen, dauert so lange, bis ich überzeugt bin, dass ich alle gekriegt habe. Die 10-Minuten-Grenze ist da schnell überschritten. Von den Augenbrauen fangen wir jetzt erst gar nicht an.

Warum ist das Lego meiner Kinder in einer Box und nicht nach Farben und Themen getrennt? Wieso hängen nicht zu jeder Tageszeit immer die gleiche Anzahl von Jacken, schön nebeneinander ausgerichtet am Kleiderhaken im Flur? Warum ist das Fellmuster (Weiß, Braun, Schwarz) meines Hundes nicht symmetrisch und wieso versteht keiner, dass die Zutaten auf einer Pizza bitte in gleichem Abstand zueinander positioniert werden sollten?

Die schlimmsten Streits hatten meine Ehefrau und ich in all den Jahren immer nur, wenn es um meine Vorstellung von (An-)Ordnung im Haus ging. Ich habe die arme Frau schon so oft in den Wahnsinn getrieben.

Ich weiss, das wird wohl eine leichte Form von OCD (Obsessive–compulsive disorder) sein oder in die Richtung gehen, doch ich kann Menschen, die diese Zwangsstörung in vollem Maße haben sehr, sehr gut verstehen und ihre Hölle nachvollziehen, in der sie sich befinden müssen.

Bei mir war es früher noch viel, viel schlimmer und hat mich (weil man eben nicht alles ordnen kann (…oder doch?)) oftmals über den Tag auf die Palme gebracht, vor allem wenn Leute es mitbekommen und mich deshalb entnervt gemaßregelt haben, doch auch wenn ich hin und wieder oder permanent immer noch leicht dazu neige (schaut euch meine Dateisysteme an oder meine viel zu langen und dadurch inkorrekten Schachtelsätze inklusive Klammern in Klammern), habe ich an mir gearbeitet. Weil einer meine größten Ziele schon seit langem ist, kein hilfloses Opfer der Dämonen in meinem Kopf mehr zu sein.

Ich habe mir klargemacht, das Chaos auch, oder sogar vielleicht die intelligenteste Form von Ordnung ist.

Das Universum ist so unendlich (groß), und steckt doch auch im Herzen der kleinsten Dinge, die sich in ihm befinden (Zellen, Atome, alles spiegelt in seiner Form auf die eine oder andere Weise die Struktur des Universums wieder) und es ist das pure, absurdeste Chaos hoch Trillionen. Und dennoch erscheint es mir von solch wundervoller , magischer Ordnung (die wir bisher nur ansatzweise zu verstehen vermögen), dass ich mir mittlerweile denke:

Wer bin ich schon, dass ich versuche, zumindest um mich herum, es neu ordnen zu wollen (geschweige denn, zu können)?

Vielleicht ist alles gut genau so wie es ist? Ganz bestimmt sogar. Chaos ist die Grundlage von Leben, Kreativität und Ernergie, oder?

Die letzte Stufe zu meinem neuen Denken und Handeln wider der OCD war die Geburt meiner beiden Kinder. Zwei Söhne, so quicklebendig und ungestüm, dass Ordnung, Aufräumen, Sortieren oder Saubermachen für Sie bis jetzt noch komplette Fremdwörter sind. Was soll ich sagen, die beiden haben mir auf die harte Tour beigebracht, dass man loslassen und alles auch mal einfach liegen lassen muss. Sonst geht man vor Überanstrengung letztendlich wirklich einfach drauf.

Jetzt juckt es mich zwar immer noch überall (auch im Kopf), wenn ich nach der Arbeit abends im Wohnzimmer stehe und das Chaos von Spielzeugen, Couchkissen usw. im Wohnzimmer, ach was sage ich, in der ganzen Wohnung betrachte, doch ich weiss — anstatt dauernd wieder alles aufzuräumen (nochmal: eine Sache der Unmöglichkeit, Eltern wissen ganz genau wovon ich spreche) hatten die beiden mit der Mama tagsüber ihren Spass beim Spielen und beim sich entfalten und das ist mir viel wichtiger als alles andere. Das sollte es auch bei mir sein. Spass viel wichtiger als dauernder Gram und Ärger, dass nichts an seinem ultragenauen Platz ist. Mich haben diese Gedanken irgendwie befreit und ich habe losgelassen. Wenn das Leben in seiner ursprünglichen Form keineswegs geordnet ist und keine geordneten Wege geht, dann kann ich mich wohl auch eher entspannen und es dadurch viel mehr genießen.

Dass heisst nicht, dass ich völlig geheilt bin und so huppifluppi, an Texten kann ich immer noch schon mal über acht Stunden am Stück (bewegungslos und hochkonzentriert) sitzen, bis endlich jedes Wort passt und hoffentlich perfekt ist. Beim letzten Mal als ich das so gemacht habe (natürlich mal wieder ohne es so wirklich zu merken), habe ich mir beim Aufstehen so einen verflixten Hexenschuss “eingefahren”, dass meine Ohren 3 Tage lang gepiept haben. Aber auch das bekomme ich noch hin.

So. Und jetzt veröffentliche ich diesen Text einfach schon mal nach nur einem Korrekturdurchgang und wenn immer noch Rechtschreibfehler drin sind… Mir wurscht, da bin ich ganz entspannt. Ok, einmal kuck ich noch drüber.

Nachtrag: ich habe nur noch 3 Mal drübergekuckt. Jetzt ist aber wirklich Schluss.

Nachtrag: Ok 4 Mal. Das ist auch noch ok. Jetzt ist aber wirklich Schluss.


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