Der Weg der Mitte

Gibt es Rechtes Handeln?


Inhalt

Einleitung
Dialog mit dem Meister
Die Grundstruktur des I Ging
Wandlungsmuster
Den Wandel Meistern
Das I Ging und die Moral
Verlangen Integrieren
Das I Ging und Emotionen
Das I Ging und Selbsterziehung
Das Reflexmuster
Das Karmamuster
Aktionsmuster
Die Drei Aktionsphasen
Nichthandeln vs. Massives Handeln


Einleitung

In diesem Artikel gehe ich einer Frage nach, die von alters her als wichtig für den Frieden angesehen wird. Es ist die Frage: ‘Gibt es rechtes Handeln?’

Alle Religionen stimmen mehr oder weniger überein, dass, hätte der Mensch immer ‘recht’ gehandelt, es keine Probleme gäbe, und wir nicht als Rasse auf Abwege der Gewalt und Perversion hätten geraten können.

Heute klingt die Frage nach ‘rechtem’ Handeln eigenartig, weil die Menschen keinen Begriff mehr haben von der wirklichen Moral, der natürlichen Ethik nämlich, die einst galt, und die absolut nicht zwanghaft oder staatlich verordnet war, sondern ein Ausfluss aus natürlicher Güte.

Das I Ging oder Buch der Wandlungen, ein chinesisches Weisheits– und Orakelbuch, das älter als fünftausend Jahre ist, war auf diese alte, natürliche Moral gegründet, die absolut nicht moralistisch aufzufassen ist, und die die Verhaltensmuster des Menschen beobachtete wie sie alle dynamischen Lebensmuster studierte und in das Weltganze einzuordnen suchte. Ich habe nach einer ziemlich arbeitsintensiven Exegese des I Ging schlüssige Antworten gefunden.

Es gibt also tatsächlich so etwas wie rechtes Handeln und der Leser dieses Artikels wird den Schlüssel dafür bekommen, wenn er sich nur ein Exemplar des I Ging kauft, sich drei Münzen bereithält für die Befragung und das Kapitel vom ersten bis zum letzten Buchstaben aufmerksam liest!

Die Schlüssigkeit meiner Ausführungen wird sich wohl nur dem erweisen, der sich Zeit und Mühe nimmt, das I Ging selbst zu erforschen durch Befragungen und durch wiederholtes Lesen seines Textes im entspannten, aufmerksamen, Zustand der Kontemplation.

Am wichtigsten erscheint mir dabei, das gewissenhafte Studium von Verhaltensmustern, die dynamisch und wandelbar sind, und sowohl im menschlichen Bereich gelten, als auch im Kosmos allgemein Anwendung finden.

Diese Verhaltensmuster sind weder Moralismen, noch rationale Gedankenkonzepte, sondern biopsychische Kodierungen, sogenannte Holons in der Terminologie von Ken Wilber, welche in der universalen Intelligenz ihren Ursprung haben, die alles Leben im Universum gegründet hat und unterhält.

Plato kam der Wahrheit nahe mit seinem Konzept der Ideen, welche er als abstrakte Bilder ansah, die in einer Art von Medienbibliothek für immer abrufbar seien. Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646–1716), der deutsche Mathematiker und Entdecker des binären Kodes des I Ging, war derjenige, der dieser Wahrheit am nächsten kam mit seinem Konzept der Monaden, welche er als Urbestandteile der Weltsubstanz erkannte und dem göttlichen Wirkungsbereich zurechnete.

Wenn man seine Lehre zusammen sieht mit den Ideen von Baruch Spinoza und Blaise Pascal, so hat man im Grunde das, was heute Wissenschaftsphilosophen das Holographische Universum nennen, weil man in jedem kleinen Element das Ganze in Hologrammform kodiert vorfindet.

Leibniz hat auch die Quantenphysik praktisch vorweggenommen mit seiner Kritik des auf Demokrit zurückgehenden Atomismus, denn er sagte den Wissenschaftlern, die zu seiner Zeit führend waren, das, was sich letztlich als völlig zutreffend erwies: dass sie einfach nicht tief genug forschten.

Es ist bekannt, dass nicht Leibniz, sondern seine Gegner die Oberhand gewannen in der Wissenschaftsphilosophie, und damit war der Boden bereitet für die nihilistischen und total materialistischen Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts, wie zum Beispiel von La Mettrie und Baron D’Holbach.

Dieser wissenschaftliche Reduktionismus galt noch bis vor kurzem als unser herrschendes Wissenschaftsgebäude, und wurde erst nach und nach durch neue Paradigmen verändert, wie dies Ludwig von Bertalanffy, Ilya Prigogine, Fritjof Capra, Ervin Laszlo, Rupert Sheldrake und andere moderne Wissenschaftstheoretiker in ihren Büchern vorausgesagt und systemisch–schlüssig erklärt haben.

Dialog mit dem Meister

— Meister, Sie lehren den Mittelweg. Was ist darunter zu verstehen?

— Der Mittelweg ist der Weg zwischen den Extremen.

— Was verstehen Sie unter Extremen?

— Ein Extrem ist die Verabsolutierung einer Wahrheit, einer Lehre, einer bestimmten Einsicht, eines Glaubens, und so fort.

— Neigen wir nicht alle dazu, das, was wir wissen, für absolut gültig zu halten?

— Ja, das ist so in der Natur des menschlichen Geistes. Aber das Bewusstsein dieser Wahrheit kann Irrtümer, die auf Extremen beruhen, vermeiden helfen. Ich denke, dass es für den Menschen nichts Absolutes gibt. Alles ist relativ und daher subjektiv …

— Sie meinen … auf den Menschen bezogen? Wie ist das zu verstehen? Mensch, als Individuum, oder die Menschheit als Kollektiv?

— Auf den Menschen als Individuum und auf die Menschheit als Kollektiv. Was für ein Individuum gültig ist, muss es nicht für ein anderes Individuum sein. Meine Wahrheit ist nicht unbedingt die Wahrheit meines Bruders oder meines Nachbarn. Und was für die Menschheit gilt, muss nicht unbedingt überall im Universum so gelten.

— Aber es gibt doch auch allgemeingültige Wahrheiten, nicht?

— Selbstverständlich. Da liegt ja gerade das Paradox. Die individuelle Wahrheit ist immer auch universal. Und zwar ist sie universal in dem Sinne, dass individuelle Wahrheit zugleich universal gültige Wahrheit ist. Meine Wahrheit aber, die verschieden von der Ihren ist, gilt ebenso universal. Das ist logisch gesehen unmöglich. Das Universum ist aber nicht logisch strukturiert, ich meine, beruht nicht auf menschlicher Logik im Sinne von linearer oder kausaler Logik, sondern auf einer höheren, akausalen oder synchronistischen Logik, einem logos.

— Nun lassen Sie mich noch einmal zurückgreifen auf das, was Sie vorher zum Verabsolutieren von Wahrheiten sagten. Steht das nicht im Widerspruch zu dem, was Sie gerade eben feststellten?

— Das klingt nur scheinbar so. Die individuelle Wahrheit, sagen wir die Wahrheit einer bestimmten Person, eines bestimmten Lebens, ist universal gültig; das besagt aber nicht, dass die Person nun das Recht hätte, ihre Wahrheit zu verabsolutieren, das heißt, sie als allein gültige Wahrheit hinzustellen. Man kann vielleicht sagen, dass eine Art dialektisches Verhältnis besteht zwischen den Wahrheiten der einzelnen Menschen und den universellen Wahrheiten. Einzelwahrheiten gehen auf in der sozusagen universellen Wahrheit, denn sie gehen alle von dieser aus. Diese einzelnen Wahrheiten stehen aber zueinander in einem Komplementaritätsverhältnis — sie sind zueinander ergänzend, wie ein Mosaiksteinchen ein anderes ergänzt, damit das ganze Mosaik sichtbar werden kann.

— Leistet Ihre Lehre nicht einem totalen Individualismus Vorschub?

— Das kommt ganz darauf an, was man unter dem Begriff Individualismus versteht. Meint man damit, dass meine Lehre jedem das Recht geben will, zu tun und zu lassen, was er will, so muss ich verneinen. Es geht nicht um Anarchismus, noch um Gesetzlosigkeit, noch um Nihilismus, sondern im Gegenteil um Verständnis eines universellen Zusammenhangs allen Geschehens auf Erden. Ich möchte es so formulieren: der Weg zur Wahrheit ist immer ein individueller. Keine Kirche, kein Dogma und kein Guru können Ihnen Ihre eigene Wahrheit zeigen, wenn Sie sie nicht selbst finden. Niemand kann Ihnen die Gewissheit geben, dass es einen Gott oder Götter gibt, wenn Sie nicht selbst in Ihrem eigenen Herzen diese Gewissheit als Wahrheit spüren und akzeptieren. Diese Wahrheit ist nun aber zugleich eine persönliche Wahrheit, denn bei jedem manifestiert sich das Göttliche in anderer Weise und der Weg jedes Einzelnen ist verschieden von den Wegen anderer. Dennoch ist der Weg jedes Menschen, die Wahrheit jedes Menschen, im Einklang mit der Universellen Wahrheit. Wir sind sozusagen inkarnierte Teilwahrheiten der universellen Wahrheit. Wie in einem Hologramm ist in jedem Teil das Ganze. In jeder unserer individuellen Wahrheiten ist die ganze Wahrheit.

— Ich verstehe. Nun lassen Sie mich zu meiner Ausgangsfrage zurückkehren, meiner Frage nach dem Mittelweg. Was verstehen Sie unter dem Begriff des Mittelweges?

— Darunter verstehe ich, zunächst einmal zur Einsicht zu gelangen, dass es destruktiv wäre, wenn wir uns mit unseren Teilwahrheiten, die wir Meinungen nennen, Glaubensfragen, Ideologien oder Lebensanschauungen, gegenseitig das Leben schwer machten oder gar Kriege darum führten. Ein solches Handeln ist die Frucht purer Ignoranz, denn es verkennt, dass die ganze Wahrheit eben in allen Teilwahrheiten mit enthalten ist.

— Denken Sie, dass mit Ihrer Lehre mehr Frieden erreicht werden kann?

— Ich denke, mit keiner Lehre kann mehr Frieden erreicht werden. Kollektiver Friede ist das Resultat individuellen Friedens. Wenn jeder Mensch in sich selbst und mit sich selbst Frieden schüfe, würde auch auf kollektiver Ebene Friede entstehen. Der Einzelne kann aber nur dann Frieden in sich schaffen, wenn er sich selbst akzeptieren kann, so wie er ist. Das wiederum kann er nur, wenn er seine eigene Wahrheit annehmen und lieben kann. Wenn er weiß, dass seine eigene Wahrheit so gut ist als die Wahrheit jedes anderen, wird ihm diese Liebe möglich sein. Diese Liebe aber ist die Voraussetzung für die Liebe, die er für andere Menschen, für die ganze Schöpfung, empfinden kann. Diese Liebe ist der Ausgangspunkt für den Frieden.

— Was aber geschieht, wenn diese individuelle Wahrheit den Gesetzen widerspricht?

— Es ist immer wieder diese Frage, die die Menschen beschäftigt, so als ob wirklich jeder Einzelne ein total angepasstes Automaton sein müsse. Nicht dass diese Frage nicht berechtigt wäre — sie ist sogar sehr wichtig — aber die Angst, die sie hervorruft, ist sehr typisch für unsere Zeit fast totaler Polizeiüberwachung. Lassen Sie mich kurz erwähnen, wie die Psychiatrie diesen Konflikt sieht. Die Psychiatrie weist dem Ich die Rolle zu, die individuellen Strebungen, Neigungen und Triebe, die sehr wohl asozial sein können, und die kollektiven Gesetze und Tabus — erstere nannte Freud auch das Es, letztere das Überich — in Einklang zu bringen.

Ein gesundes Ich bringt es fertig, flexibel zu sein in der Weise, die persönlichen Triebe und Neigungen konstruktiv und harmonisch mit den kollektiven Normen zu vereinbaren; dabei kommt es insbesondere darauf an, dass dieser Prozess dynamisch ist und dialektisch, sodass weder eine totale Anpassung des Individuums an die Gruppe, noch eine totale Revolte gegen die Gesellschaft die Folge ist.

Denn beide Extreme sind im Endeffekt destruktiv für den Einzelnen und die Gruppe. Das gesunde Ich oder Ego also bringt es fertig, dem Einzelnen eine möglichst perfekte individuelle Realisierung seiner selbst zu gewährleisten, ihn also kreativ und glücklich zu machen und ihm gleichzeitig soziale Anerkennung zu verschaffen. Jedes solchermaßen realisierte und glückliche Individuum ist wertvoll für die Gruppe, da es die Gemeinschaft als Ganzes weiter bringt, also evolutiv wirkt auf einer kollektiven Basis.

Bloß angepasste Individuen bringen kollektiv Stagnation oder gar Reaktion hervor und bloß revoltierende Individuen bringen die Gesellschaft in Verfall. Sie sehen also, dass auch nach dem psychiatrischen Konzept ein Weg der Mitte aufgezeigt wird. Und wenn man ein wenig nachdenkt, überzeugt man sich schnell davon, dass es der einzig mögliche konstruktive Weg ist. Meine Sicht bedient sich etwas mehr des spirituellen Vokabulars, sie sieht die Zusammenhänge etwas weiter, aber sie meint im Grunde das gleiche wie die moderne Psychologie.

Der Mittlere Weg

Den oben abgedruckten Dialog mit dem Meister habe ich vor fast zwanzig Jahren geschrieben, als spontan aus mir fliessender Text nach einer Meditation über Weltfrieden.

Erst danach, und weil ich durch die Idee eines Mittelweges inspiriert war, forschte ich, was es zu dem Thema gab. Und ich musste erstaunt feststellen, dass Buddha in seiner Lehre vom achtfachen Pfad diese Idee bereits propagiert hatte. Daraufhin studierte ich Taoismus und fand heraus, dass das alte China auch das ‘Reich der Mitte’ genannt worden war, und das chinesische Zeichen für China, 中國 (Zhōngguó), enthält das Symbol für Mitte, das sehr anschaulich ist: 中

So war denn die asiatische Philosophie auch von alter Zeit her von der Idee bestimmt, das Wahre und Wahrhafte werde am ehesten in der Mitte zwischen den Extremen angesiedelt sein. Dies klingt nun einigermassen überraschend für Menschen der Neuzeit, und ich würde sagen, es klingt am Befremdlichsten für Amerikaner, da die Vereinigten Staaten nicht nur eine der jüngsten Zivilisationen der Welt ist, sondern auch eine der extremsten. Denken in Extremen ist völlig normal für Amerikaner, und vielleicht heute auch international, da dieses Denken überall hin exportiert wird, gerade auch nach Europa, wo man von alters her eine weisere Einstellung dem Leben gegenüber hegte.

Wenn ich dies sage, heisst das nicht, ich sei »amerikafeindlich«, wie es oft ausgedrückt wird in unserem schablonenhaften modernen Denken, das so gut wie nie zur Substanz durchdringt.

Die Staaten sind eine Nation, die dem heroischen Weltbild folgt, und das wiederum ist ein Archetyp, den bereits die Gründungsväter der USA im Auge hatten. Sie sind auch eine junge Nation und das Denken in Extremen ist psychologisch gesehen adoleszentes Denken. Das nun bedeutet aber nicht, alles Amerikanische in Bausch und Bogen ablehnen zu müssen. Ich würde gar umgekehrt argumentieren, dass eine Nation, die zu solchen Extremen fähig ist, die Kraft hat, ebendiese Extreme eines Tages zu überwinden und zu lernen aus ihrer Erfahrung. Dann ist der Boden bereitet, um den Mittelweg konsistent einzuhalten.

Es ist normales Lebenswissen, dass alle Extreme boomerangmässig zurückschwingen zu uns und in den meisten Fällen eigentlich schlecht aufstossen. Die Vereinigten Staaten sehen das an dem steigenden Amerikahass weltweit. Aber die Wende hat sich bereits vollzogen. Präsident Obama hat all dies als schädlich erkannt und er hat Feingefühl walten lassen, als er Hillary Clinton als Aussenministerin wählte. Dies allein, neben einer Reihe anderer Massnahmen, war ein sehr geschickter Zug, denn eine Frau ist wahrscheinlich besser imstande, das zerbrochene Porzellan wieder zu kitten, und da die Beziehungen mit Europa besonders gelitten haben, war Clinton der richtige Name. Denn die Clintons haben die Beziehungen mit Europa über die gesamte Bush–Ära weitergepflegt, und sehr zum beiderseitigen Vorteil, in einer Zeit als deutsche Schulkinder Bush mit faulen Äpfeln traktierten.

Dies führe ich hier nur an um zu zeigen, dass die Staaten eine Qualität haben, die vielen Europäern abgeht, und diese Qualität ist ein junger flexibler Geist, der imstande ist, heute das umzukehren, was gestern noch aufrecht stand. Das klingt nun, als ob man Inkonsistenz zur Tagesordnung machen wolle, dem ist aber nur scheinbar so.

In den Wandlungphasen eines historischen und politischen Prozesses ist Inkonsistenz eine Tugend! Aber sie ist kein Dauerzustand und darf keiner sein, denn das würde jede politische Stabilität unterminieren. Der Wandel von Bush zu Obama war extrem, auch das war wieder ein Extrem, aber in dem Falle eines, das wohl »systembedingt« war.

Ich möchte im übrigen erinnern an Spanien, als es im Jahre 2004 Abschied nahm vom rechtsextremen Aznar Regime und sich wieder dem Sozialismus zuwandte. Auch Spanien war wie Nordamerika historisch ein Land der Extreme, wie es auch Deutschland war vor dem zweiten Weltkrieg. Aber wir haben gesehen, dass Völker und Staaten aus der Geschichte lernen können. Heute ist die deutsche Politik im grossen und ganzen eine eher gemässigte und ausgewogene. Es fällt auf, dass man bisweilen über die extremen Ideen anderer Regierungen lächelt, was die Folge eines Lernprozesses ist.

Alle Entwicklung läuft phasenweise ab, jede Evolution hat ihre Stadien, ebenso wie Wachstumsprozesse in der Natur in Stadien verlaufen. Die Frage, die wir Menschen der Neuzeit nun stellen können, ist eine sehr alte: es ist die Frage, ob es so etwas wie ‘richtiges Handeln’ oder ‘rechtes Handeln’ gibt, und ob man herausfinden kann, was solches Handeln im Einzelfall ist?

Ich bin dem auf die Spur gekommen durch meine taoistischen Studien, genauer gesagt, meinen Studien der Strategien von Pan Lo, einem historisch bedeutenden chinesischen General. Seine Ideen von Krieg und Frieden wurden von Sun Tsu (Sunzi) aufgezeichnet und sind uns überliefert. Sein Hauptwerk ist Die Kunst des Krieges (2008), welches schätzungsweise im 5. Jahrhundert vor Christus geschrieben wurde, aber erst in neuerer Zeit so populär wurde, dass man moderne Übersetzungen davon anfertigte. In diesem Werk stellt der Autor das bekannte Paradox auf: ‘Wenn du Frieden willst, sei auf Krieg vorbereitet.’

Dieser Satz nun wurde vielfach missverstanden. Was er wirklich besagt, bedeutet, den Mittelweg zu gehen, das heisst, wenn man in die eine Richtung geht, nicht zu vergessen, auch die andere Richtung im Auge, oder im Hinterkopf, zu haben.

Die Ideen Sunzis waren eigentlich nicht neu, denn sie wurden bereits Tausende von Jahren zuvor im I Ging festschrieben. Auch die Lehren von Konfuzius (551–479 v. Chr.), die man immer wieder als die höchste Philosophie Chinas zitiert, waren nicht originell, denn sie bauten im grossen und ganzen auf dem I Ging auf, und haben gar etliche der im I Ging überlieferten alten Ideen verzerrt durch einen sehr ausgeprägten Moralismus und Puritanismus, der ursprünglich nicht im I Ging enthalten ist.

Ich möchte nun einmal näher untersuchen, wie das I Ching hinsichtlich menschlicher Handlungsweisen eingestellt ist. Im einzelnen werde ich der Frage nachgehen, ob das alte Weisheitsbuch anerkennt, dass es so etwas wie »rechtes Handeln« gibt, ob ein solches Handeln friedensfördernd ist, indem es harmonische menschliche Beziehungen befürwortet, und ob solches heute, nach Tausenden von Jahren, immer noch gültig ist.

Um es vorweg zu sagen, werden die im I Ging festgeschriebenen Lebensmuster von den meisten Gelehrten auch heute noch als gültig angesehen. Es handelt sich dabei nach allgemeiner Meinung um kosmische Gesetzmässigkeiten in der Form von binären Modellkodierungen, die auch auf das menschliche Leben und Handeln Anwendung finden. Es war interessanterweise ein deutscher Gelehrter, der dies zum ersten Mal für den Okzident herausfand, nämlich der Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716). Dies ist umso erstaunlicher, als er dies tat, bevor das I Ging für den deutschen Raum von Richard Wilhelm (1873–1930) übersetzt worden war. Leibniz war meines Wissens der erste Wissenschaftler, der erkannte, dass das I Ging den binären Code enthält und darin programmiert wurde, wie wir es heute von Computern und Software her kennen.

Es würde zu weit führen, dies hier im einzelnen weiter darzustellen, es mag jedoch die vorausgeschickte Beobachtung bestätigen, dass die Lebensmuster, die im I Ging beschrieben wurden, unabhängig von Raum und Zeit, von Epoche oder vom jeweils herrschenden gesellschaftlichem Verhaltenskodex bestehen.

In diesem Sinne wird meine kleine Untersuchung hier recht wenig mit dem I Ging Orakel zu tun haben, sondern mit seiner Struktur und seinen philosophischen Aussagen. Denn für die Bildung einer Friedenskultur wollen wir wissen, woran es eigentlich liegt, dass Unfrieden herrscht in der Welt. Wir wissen, dass es am Menschen liegt, und nur am Menschen, aber wir möchten konkreter wissen, welche Handlungsmuster es sind, die der Mensch züchtet, die Krieg und Gewalt säen, und welche es sind, die der Mensch pflegt, der Frieden und friedlichen Austausch mit anderen praktiziert. Darüber gibt das I Ging sehr klare Auskunft, wenn dies bisher auch selten unter dem Gesichtspunkt gesehen wurde.

Ich möchte hier zunächst einmal darauf hinweisen, dass ich das I Ging nicht mit einem l’art pour l’art Bewusstsein studiert habe, wie es heute in der New Age Bewegung so häufig anzutreffen ist. Schliesslich bin ich von Hause aus Rechtsanwalt und habe mir daher doch eine nüchterne Betrachtungsweise der Dinge erhalten. Sagen wir es einmal so, das I Ging mag noch so weise sein, wenn es in den Händen einer unweisen Person gebraucht wird, kommt am Ende nicht viel dabei heraus. Es könnte gar den gegenteiligen Effekt haben. Es geht also nicht darum, krampfhaft »alternativ« sein zu wollen, sondern Esoterik, wenn man das I Ging überhaupt mit darunter subsumieren wollte, mit einem Endziel zu betreiben, einer klaren Ausgangsfrage, und einer Intention. Das war bei mir ganz klar, denn ich fand das I Ging, und auch die Tarot, zu seiner Zeit, als ich noch als Anwalt tätig war.

Ich arbeitete damals in einer recht berühmten Kanzlei in Genf, und war zu dem Zeitpunkt schon promovierter Doktor der Rechte, doch der Schweizer Staranwalt und Strafverteidiger, den man den Schweizer Bossi nennen könnte, gab mir eine subalterne Position als ‘Sekretär,’ zahlte mir den Studententarif, liess mich wie ein Vieh zehn Stunden am Tag schuften, einschliesslich der Samstage, während ich fähig war, Schriftsätze auf einem Macintosh Computer, den ich vorher noch nie bedient hatte, und in drei Sprachen anzufertigen, die er ohne Korrektur zu Gericht schickte. Im übrigen gewannen wir alle Prozesse, an denen ich mitgearbeitet hatte, und da sein Honorar sehr hoch war, verdiente er während dieser Zeit sehr viel Geld.

Mein Gehalt jedoch reichte noch nicht einmal, eine Wohnung in Genf zu zahlen und ich wohnte denn weiterhin zusammen mit meiner Frau in einem winzigen Studio in einer kleinen Stadt in der Nähe von Lausanne, und musste jeden Tag mit dem Zug hin– und herpendeln, weil ich mir von dem lausigen Gehalt kein Auto leisten konnte und meine Frau keine Arbeitserlaubnis in der Schweiz bekam.

Und eines Tages, in einem sehr kalten Winter und hohem Schnee, stolperte ich in ein kleines Geschäft in der Genfer Altstadt, weil ich im Schaufenster ein Tarotspiel liegen sah, das den berühmten Namen ‘Liz Greene’ trug.

— Es handelt sich um Liz Greene, Juliet Sharman–Burke, The Mythic Tarot (1986) in seiner französischen Übersetzung, Le Tarot Mythique (1988).

Ich kannte die berühmte Astrologin, da ich selbst seit der Schulzeit astrologisch forschte. Ohne viel zu fragen kaufte ich das Spiel und legte mir die Karten noch am gleichen Abend. Und ich war sehr überrascht zu sehen, dass mir ein Berufswechsel ganz klar angeraten wurde.

Am nächsten Tag kaufte ich mir die I Ging Übersetzung von Richard Wilhelm im gleichen Geschäft, und erhielt kompetente Anleitung, wie ich ein Orakel damit ziehen kann. Ich tat es noch am selben Tag und es gab mir eine fast identische Antwort, wie das ‘Mythische Tarot’ Liz Greenes, am Tag zuvor. Die Antwort war, dass ich in der beruflichen Position nicht weiter kommen könne, dass ich mich nicht ausnutzen lassen solle und dass ich darüber hinaus meinen Beruf wechseln sollte und mit Menschen arbeiten sollte. Es war mir nicht klar, was das bedeutete, aber ich erinnere mich noch, dass es in einer Ziehung hiess, ich würde einen guten Astrologen abgeben, oder einen guten Ernährungsberater und dass ich jedenfalls in einem Freiberuf arbeiten solle, der damit zu tun habe, Menschen Lebenshilfe zu geben.

Was tat ich? Ich brach alles kurzerhand ab, und kehrte mit meiner Frau nach Deutschland zurück, nachdem eine nochmalige Vorsprache bei der Police des Étrangers in Lausanne ergab, dass man ‘keine Aufenthaltsgenehmigungen für deutsche Staatsbürger habe.’

Ich war darüber sehr viel weniger verärgert, als meine Familie, denn ich hatte immerhin zwei Stipendien erhalten für meine Doktoratstudien im internationalen Recht, eines von der Universität Genf, und ein zweites von der Universität Lausanne, und das war mir von meiner Heimatuniversität in Deutschland nicht gewährt worden. Ich hatte eigentlich keinerlei negative Gefühle hinsichtlich der Schweiz, und war eher dankbar, dass ich endlich eine Bestätigung hatte dessen, was ich schon immer wusste. Ich hatte ja nie Anwalt werden wollen, und studierte Jura nur, weil meine Mutter fand, es komme nicht in Frage, dass ich Musik studiere und Pianist würde oder Regieassistent, oder gar Heilpraktiker.

Was ich selbst wollte, danach war nie gefragt worden, und nun sah ich meine eigene Intuition voll bestätigt. Nach ein paar Wochen hatte ich Klarheit und wusste, dass ich Coach werden wollte, und Unternehmensberater. Meine Mutter fragte mich, ob ich total übergeschnappt sei und hing sich erst einmal mein Doktordiplom ins Büro.

Dies waren die Umstände des Anfangs einer langen Reise. Darauf folgten fast fünf Jahre eines eher strengen und asketischen Lebens, während denen ich totaler Vegetarier wurde, Zen–Meditation und Chi Gung lernte, vergleichende Religionswissenschaft und Psychologie studierte, sowie mich mit Psychoanalyse und Hypnose bekannt machte, eine Psychotherapie absolvierte und mein inneres Kind erweckte und heilte.

Um es zu wiederholen, denn ich finde dies sehr wichtig, waren es das Tarot und das I Ging, die mir zu dieser grundlegenden Transformation meines Lebens verholfen haben. Hinzu kamen zwei astrologische Beratungen, die ich eingeholt hatte in Genf und Lausanne, noch bevor ich zur Divination fand, und wo mir ebenfalls ganz klar ein Berufswechsel angeraten worden war. Jedoch eigenartigerweise gab mir die Astrologie nicht den inneren Antrieb, diesen Wechsel in meinem Berufsleben zu vollziehen, während dies wohl der Fall war nach der Konsultation der Tarot und des I Ging. Dies gab mir letztlich auch das Selbstvertrauen, den grossen Sprung ins Ungewisse zu wagen.

Heute weiss ich, dass ich auf den richtigen Weg geleitet wurde, und ich erlebte denn zum ersten Mal in meinem Leben das, was man Erfolg nennt, als ich in den neunziger Jahren in Südostasien meine Karriere als Unternehmensberater begann, was für mich eine glückliche und sehr kreative Zeit war.

Nun, ich habe diese kleine Retrospektive nicht geschrieben, um mein Leben als besonders interessant hinzustellen. Alle haben wir interessante Leben, wenn wir nur wagen, wirklich zu leben und zu lieben, wenn wir nur ganz wir selbst dabei sind!

Das war aber gerade das Problem bei mir; ich war nicht ich selbst, solange ich Jurist war, es war nur ein Teil von mir, der diesen Beruf ausübte, sozusagen meine linke Gehirnhälfte, meine logisch–deduktive Intelligenz, und mein schnelles Lernvermögen, sowie meine schriftstellerische Begabung, die ich von beiden Elternteilen geerbt habe. Ich tat es, aber es erfüllte mich nicht. Ich studierte gar ein halbes Jahr in den Staaten, und hätte in einer berühmten Anwaltskanzlei in Washington beginnen können, aber ich hatte zu der Zeit mein Doktorat in Genf nicht fertig gestellt und flog also wieder zurück.

Ich habe dies geschrieben, um dem Leser beispielhaft aufzuzeigen, welchen ernsthaften, gewichtigen und heilsamen Einfluss Divination haben kann auf unser Leben, wenn man es nur mit einem klaren Herzen angeht, nicht als Amüsement, nicht als Zeitvertreib, sondern als eine Frage an Gott: ‘Was ist mein Weg? Bitte sage es mir durch diese Karten oder dieses Weisheitsbuch!’ Die Antwort kommt, sie kommt auch durch die Astrologie, ist aber je nach Astrologen, den oder die man konsultiert, kann die Antwort mehr oder weniger verklausuliert sein.

Nun, es war meine Dankbarkeit, wenn nicht meine überschäumende Neugierde, die nun einmal einer meiner Charakterzüge ist, weiterzumachen in meinen esoterischen Forschungen.

Das sind nun doch mehr als zwanzig Jahre, und ich habe während der Zeit nicht nur für mich selbst zahllose Befragungen gemacht, sondern auch für Freunde, Nachbarn und andere Menschen, die mich darum baten. Ich tat es immer kostenlos, schon weil ich es nicht zu meinem Beruf im engeren Sinne machte. Die Arbeit, die ich für Unternehmen leistete, hat damit recht wenig zu tun, aber indirekt floss dieser Wissensschatz doch irgendwo ein in meine Arbeit mit Gruppen im Rahmen der Ausbildung von effektiven Unternehmenskadern und verantwortlichen und erfolgreichen Verkaufsleitern.

Nun, ich gehe davon aus, dass diese kleine Beschreibung aus meinem Leben die praktische Relevanz dessen aufzeigt, was ich nun hier erörtern werde, und was man oberflächlich als ‘trockene Materie’ ansehen mag.

Abgesehen davon, dass es für mich eine faszinierende Materie ist, finde ich es ausserordentlich, dass es eine Möglichkeit gibt, wirklich ernsthaft und ohne Spekulation erfahren zu können, ob ein gewisses Handeln, ein gewisses Projekt, eine bestimmte Unternehmung, oder zum Beispiel eine Assoziation oder auch Heirat im Einklang mit dem kosmischen Willen ist, oder nicht. Dies ist, um es ganz deutlich herauszusagen, kein Aberglaube, und es ist auch keine »Hellseherei«, noch ist es das, was die Asiaten gemeinhin mit dem recht billigen Begriff des ‘fortune telling’ belegen.

Es gibt, wie in der Astrologie, in allen divinatorischen Wissenschaften ganz allgemein eine vulgäre und profitgierige Auffassung, und es gibt eine spirituell motivierte, und gelehrte Auffassung. Ich brauche es wohl nicht ausdrücklich zu erwähnen, dass ich letztere Motivation habe, und dass diese Motivation nicht merkantil orientiert ist.

Wenn ein schwerkranker Patient bei einem Doktor eingeliefert wird, und sei es nachts um zwölf, so behandelt der Doktor den Patienten, wenn es ein richtiger Doktor ist, und fragt nicht erst, ob der Patient auch die Rechnung später zahle? Bei der spirituellen Beratung ist es ebenso. In aller Regel kommen Menschen für eine solche Befragung, wenn sie schon alles mögliche ausprobiert haben und wirklich am Ende ihrer Kräfte sind, oft auch in Notlagen. Deswegen heisst es da ebenso, wie beim Arzt, erst einmal helfen, erst einmal Antworten geben, gültige Antworten, und keine Fragen zu stellen.

Die Grundstruktur des I Ging

Das I Ging oder Buch der Wandlungen ist ein sehr alter Text, der während der Amtszeit König Wens in China vollendet wurde, während der letzten Generation der Shang Dynastie (1766–1121 B.C.).

Zahllose Studien wurden verfasst über die Grundstruktur des I Ging und wie es entstanden ist mit seinen vierundsechzig Hexagrammen, von welchen jedes wiederum aus zwei Trigrammen besteht. Wir können jedes dieser Hexagramme als ein Energiemuster ansehen, welches eine einzigartige Mischung der beiden Grundenergien Yin und Yang, und damit eine wohl definierte Vibrationskodierung darstellt. Yang wird visuell durch eine durchgezogene Linie, Yin durch eine punktierte Linie repräsentiert.

Jedes Hexagramm besteht aus sechs Linien. Die ersten drei Linien gehören zum unteren Trigramm, die letzten drei Linien stellen das obere Trigramm dar. Das untere Trigramm regiert Ereignisse oder Beziehungen, die in ihrer Anfangsphase sind, bis etwa zur Hälfte ihrer Realisierung. Das obere Trigramm hat mit der Kulmination, der Endphase von Prozessen, Projekten oder Beziehungen zu tun, im positiven und im negativen Sinne.

Nun ist noch wichtig zu wissen, dass die Linien Zahlenwerte haben beim Orakel. Wenn man das Münzorakel wirft, benutzt man drei Münzen, mit Kopf (2) und Zahl (3), davon ausgehend, dass grundsätzlich Zahl affirmativ und Kopf negativ ist. Eine Kombination von dreimal Kopf ergäbe also beispielsweise eine 9 (Yang), dreimal Zahl (Yin) eine 6. Dies wären Antworten; man sagt auch »wechselnde Linien«, was den zyklischen Charakter der Linien ausdrückt, denn aus Yang wird Yin, mit Ablauf des Zyklus, und aus Yin wird Yang.

Nun erhält man aber nicht immer Antworten. Wenn man zum Beispiel zweimal Kopf erhält und einmal Zahl so ergibt das eine 7 (Yang), oder zweimal Zahl und einmal Kopf, eine 8 (Yin). Erhält man nur 7–Linien und 8–Linien bei einer Ziehung, sagt man, man habe »keine Linien« gezogen, oder, man habe »das statische Hexagramm« erhalten.

Dafür gibt es dann eine Auslegung, die nicht der entspricht, der Linien entspricht. Es ist in der Regel eine allgemeinere, weniger spezifische Auslegung der Divination.

Alle vierundsechzig Hexagramme sind Kombinationen der acht Basishexagramme, welche Master Ni die Acht Naturkräfte (Eight Natural Forces) nennt.

— Siehe Hua Ching Ni, I Ching, The Book of Changes and the Unchanging Truth (1999), 39–81

Im harmonischen und ausgewichteten Lebensnetz der Natur, sind viele Zyklen miteinander verschränkt; es ist diese Verwebung von Netzwerken miteinander, die natürlichen System ihre Stabilität verleiht, und die das Ganze osmotisch zusammenhält.

In jedem Zyklus existiert eine sogenannte ordnungbringende Kraft (balancing force). Im Falle von reinem Yang oder Yin, wird diese ordnungbringende Kraft von der zentralen Linie des Hexagramms ausgedrückt, welches immer die fünfte Linie ist. Im allgemeinen kann man sagen, dass diese Linie einer Führungsaufgabe in jedem Hexagramm übernimmt, und sie hält gewissermassen das ganze Orchester zusammen; es ist auch die einflussreichste Linie und der Entscheidungsfaktor im Hexagramm.

In den meisten Fällen, unabhängig vom gesamten Divinationsergebnis, kann man sicher sagen, dass, wenn man die zweite oder fünfte Linie, oder beide, eines Hexagramms zieht, man ein günstiges Ergebnis für die Frage erhält. Wenn man daneben auch andere Linien erhält, kann es etwas anders aussehen. Aber allgemein lässt sich sagen, dass, wenn Sie die zweite oder fünfte Linie ziehen, auch wenn Sie daneben andere, ungünstigere Linien ziehen, Sie jedenfalls ein überwiegend positives Ergebnis erhalten; in anderen Worten, in einem solchen Falle ist die kosmische Ordnung geneigt, Ihr Vorhaben zu unterstützen oder Ihre neue Beziehung zu befürworten.

Es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass im spirituellen Bereich unsere gewöhnlichen Kategorien von ‘gut’ und ‘schlecht’ nicht gelten; es geht vielmehr darum, ob ein Gedanke oder eine Handlungsweise, und damit eine bestimmte Energie, im Einklang schwingt mit dem harmonischen Ganzen oder ob sie eine Dissonanz erzeugt.

Man kann es sich auch als Ton vorstellen. Jede Handlung, gar jeder Gedanke, jede Intention hat einen Ton, und dieser Ton schwingt entweder in Harmonie oder Konsonanz mit dem kosmischen Ganzen, oder er schwingt in Dissonanz. Wenn letzteres der Fall ist, so heisst das nicht, dass es ein ‘schlechter’ Ton ist. Es gibt schliesslich auch dissonante Musik, ob man sie nun mag oder nicht.

Aber dissonante Musik ist definitiv auch Musik. Es ist sehr wichtig, dies zu beachten, denn wenn man die debilen Moralismen unserer patriarchalischen Kultur in den spirituellen Bereich hinein überträgt, kreiert man eine gewaltige Verzerrung, die sehr unwillkommene Folgen haben kann, bis hin zu Krebs und Unfällen, und aller Art von Unglücken. Wenn man dazu nicht in der Lage ist, dann ist es besser, das Kindergartenweltbild des schwarz–weiss malenden Moralismus beizubehalten, und sich nicht um Spiritualität zu scheren!

Die sechste und oberste Linie zeigt in den meisten Hexagrammen ein Extremverhalten an, und das bedeutet in neunzig von hundert Fällen, dass es ins Auge gehen wird, dass es einen Rückschlag geben wird, dass die Dinge nicht sang– und klanglos verlaufen werden, es sei denn in den (wenigen) Hexagrammen, wo die sechste Linie absolut positiv ist. Unter diesen Hexagrammen, die ich weiter unten vollständig aufführen werde, ist zum Beispiel 26. Des Grossen Zähmungskraft, wo die oberste Linie sich liest als:

— Man erlangt den Himmelsweg. Gelingen.

— Ich zitiere hier und im folgenden nach der Übersetzung des I Ging von Richard Wilhelm, I Ging, Das Buch der Wandlungen (1988).

Ich werde nun die Grundstruktur jedes Hexagramms am Beispiel von 34. Des Grossen Macht erklären. Das Urteil dieses Hexagramms lautet:

— Das Grossen Macht. Fördernd ist Beharrlichkeit.

Die Struktur des Hexagramms ist Yang–Yang–Yang–Yang–Yin–Yin.

Erste Linie Yang

Die erste Linie, in allen Hexagrammen, drückt einen Anfang aus. Wenn ich im Beginnstadium einer Unternehmung exzessiv handle, riskiere ich Misslingen. Weise ist, am Anfang eines neuen Projekts Information zu sammeln, Möglichkeiten und Gelegenheiten zu eruieren, und sich mit der neuen Umgebung, den neuen Gegebenheiten vertraut zu machen. In 34. Des Grossen Macht liest die erste Linie:

— Macht in den Zehen. Fortmachen bringt Unheil. Das ist gewisslich wahr.

Zweite Linie Yang

Die zweite Linie stellt ein fortgeschrittenes Stadium des Projekts oder Beziehung dar, nach deren Ausgang gefragt wird. Hier werde ich wohl bereits genügend Information eingeholt haben, und ausreichend Erfahrung besitzen, um entschlossener und mit mehr Vision fortzufahren in meinem Vorhaben. Diese Linie liest sich:

— Beharrlichkeit bringt Heil.

Dritte Linie Yang

Die dritte Linie stellt das Ende des unteren Trigramms dar. Hier zeigt sich manchmal Exzess, weshalb diese Linie oft von negativer Augur ist, oder sie mag eine Warnung enthalten, auf sein Auftreten zu achten. Diese Linie liest sich:

— Der Gemeine wirkt durch Macht, der Edle wirkt nicht so. Fortmachen ist gefährlich. Ein Ziegenbock stösst gegen eine Hecke und verwickelt seine Hörner.

Vierte Linie Yang

Die vierte Linie stellt eine starke Position dar. Es ist die erste Linie des oberen Trigramms und stellt so etwas, wie einen älteren Manager dar, der das Projekt zu seiner Realisierung hin führen kann. Da diese Linie mit der ersten Linie in einem Korrespondenzverhältnis steht, ist sie sozusagen die höhere Oktave der letzteren, und liest sich:

— Beharrlichkeit bringt Heil. Die Reue schwindet. Die Hecke öffnet sich, es gibt keine Verwicklung. Die Macht beruht auf der Achse eines grossen Wagens.

Fünfte Linie Yin

Wie wir bereits gesehen haben, stellt die fünfte Linie das Zentrum jedes Hexagramms dar. Sie wird deswegen auch die Führungslinie genannt. Sie können davon ausgehen, dass Sie, wenn Sie die fünfte Linie in irgendeinem der Hexagramme erhalten, eine gute und positive Lesung bekommen haben; mit einem Wort, Sie sind auf dem richtigen Weg. Die fünfte Linie zeigt, dass es in Ihrem Vorhaben eine Grundanlage für Erfolg gibt:

— Verliert den Bock in Leichtigkeit. Keine Reue.

Sechste Linie Yin

Die sechste Linie stellt den Ausgang eines Projektes, Vorhabens oder einer Beziehung dar; sie zeigt ein mögliches Endergebnis. In den meisten Fällen deutet diese Linie auf einen Exzess hin und enthält deswegen eine Warnung oder eine fatal negative Lesung. Je nach Hexagramm ist die Lesung weniger fatal, und erhält die Chance einer Rückkehr oder Änderung der Situation. In dem Sinne dann ist die sechste Linie als Warnung formuliert. Eine allgemeine Antwort kann hier also nicht gegeben werden. Es kommt immer darauf an, um welches Hexagramm es sich handelt. Hier liest diese Linie:

— Ein Bock stösst gegen eine Hecke. Er kann nicht zurück, er kann nicht voran. Nichts ist fördernd. Merkt man die Schwierigkeit, so bringt das Heil.

Hier sehen wir, dass es immer noch die Möglichkeit einer Änderung der Situation gibt, dass es jedoch auf das eigene Verhalten ankommt, wie alles ausgehen wird. Die Linie stellt hier also lediglich eine Warnung dar. In anderen Hexagrammen, wie zum Beispiel Hexagramme 1, 11, 28, 63 oder 64, sagt diese Linie einen negativen Ausgang an, wie auch immer man handeln wird, und gar wenn man in den Rückzug geht.

In einem solchen Falle also ist angeraten, wenn man diese Lesung bekommt, bevor man das Projekt überhaupt gestartet hat, es definitiv nicht in Angriff zu nehmen. Es ist als ob in diesen Hexagrammen sich die Dinge in einer höheren Weise kondensiert haben, als in anderen, wenn die sechste Linie involviert ist. Also, um es zu wiederholen, wenn man diese Linien erhält gebietet es sich, vom Projekt definitiv Abstand zu nehmen:

  • 1. Das Schöpferische, 6. Linie
  • 22. Der Friede, 6. Linie
  • 28. Des Grossen Übergewicht, 6. Linie
  • 63. Nach der Vollendung, 6. Linie
  • 64. Vor der Vollendung, 6. Linie

Wandlungsmuster

Nichts im Leben ist statisch. Alles ist in Bewegung. Das Universum ist Tanz. In Sterbeprozessen verlangsamt sich das endlose Fliessen des Lebens und kommt zu einem tiefen Ruhepunkt.

Jedoch ist in diesem Stillstand die Saat weiterer Bewegung enthalten, und neuen Lebens. In jedem Aggregatzustand ist sein Gegenteil enthalten. In Stillstand ist Bewegung, in Bewegung ist Stillstand, in heiss ist kalt, in männlich ist weiblich enthalten. In dem kleinen Jungen ist der grosse General bereits im Keim erhalten, und in dem kleinen Mädchen die grosse Filmdiva. In Yin ist eine kleine Portion von Yang enthalten, und in Yang ist Yin als Anlage bereits enthalten.

Was enthalten ist, ist kleiner, als das, was das, was enthält, weil es in Wachstum befindlich ist. Ausdauer und anhaltender Erfolg ist das Resultat von Gleichgewicht, nicht von unbegrenzter Kraft, von flexibler Anpassung an die Umstände, und nicht von starrer Willenskraft, das sich auf ein Ziel hin ausrichtet. Wenn Yin und Yang im Gleichgewicht sind, so nennt man dies den Mittelweg. Aber der Mittelweg ist dynamisch, nicht eine statische Bedingung.

Lassen Sie mich ein Bild zur Verdeutlichung wachrufen. Wenn Sie in einem Film einen Mann sehen, der ein Auto auf einer geraden Autobahn steuert und Sie lassen den Film in Zeitlupe ablaufen, sehen Sie, dass die Tatsache, der Mann steuere das Auto in gerader Linie, eine Sinnestäuschung ist. Sie werden sich dann der Tatsache bewusst, dass der Mann, um das Auto in gerader Linie zu steuern, andauernd das Lenkrad ein wenig nach rechts und ein wenig nach links bewegen muss, damit das Auto geradeaus fährt. Die Gestalt dieser Bewegung ist eine Wellenlinie. Wie es in der Natur keine gerade Linie gibt, so gibt es keinen Menschen, der ein Auto geradlinig steuern könnte! Es ist nur wegen der Schnelligkeit und der kurzen Distanz der Bewegungen des Lenkrads nach rechts und links, dass man die Position des Lenkrads als scheinbar stillstehend, und damit das Auto als scheinbar geradeausfahrend ansieht. In Wahrheit fährt das Auto in einer Wellenlinie über die Autobahn.

Wenn wir dies nun als ein Gleichnis ansehen fürs tägliche Leben, dann wird Ihnen zum Beispiel bewusst, dass Sie, wenn Sie eine Webseite erstellen, auf jedes kleine und minutiöse Detail achten müssen, damit das Design auch stimmig ist. Wenn Sie nun aber dieselbe Akribie in Beziehungen mit anderen verwenden, wird man Sie leicht als neurotisch, manisch oder gekünstelt ansehen. Wenn Sie in Geselligkeit sind, und mit Menschen umgehen, sollten Sie eine wohlmeinende Grosszügigkeit walten lassen, welche auf inneren Frieden und ein hohes Selbstwertgefühl gegründet ist. Wenn Sie das Leben und andere Menschen als gerade Linien behandeln oder als aufgespiesste Maikäfer in einem zoologischen Sammelsurium, werden Sie das organische und energetische Ganze des Lebens, welches sich in einem konstanten Wandel befindet, gänzlich verkennen.

Ein weites und humanes Denken im Umgang mit anderen gründet sich auf Demut, der Einsicht, dass alle Schwächen und alles vermeintlich Böse, das wir in anderen sehen, lediglich Entwicklungsphasen oder Aggregatzustände sind in einem konstanten Zyklus von Zerstörung und Neubildung von Leben, von Transformation und Seelenentwicklung.

Das gilt auch für unsere Sorgen und Ängste. Den grössten Fortschritt machen wir im Leben, indem wir unsere Ängste bewusst angehen, indem wir genau das tun, wovor uns bange ist. Ängste sind ganz einfach Hilfslinien in der Zeichnung des Lebens; sie zeigen Neuland an, das der Erforschung harrt. Der grösste Fehler wäre, davor zurückzuschrecken und die Augen zu schliessen, um die verbotene Tür nicht zu sehen. In allen Märchen geht der Held durch die verbotene Tür. Es gibt kein einziges Märchen, wo er das nicht tut.

Wenn Sie ein kleines Kind sehen, das plötzlich einem grossen Hund gegenüber steht, werden Sie sehen, dass das Kind in den meisten Fällen nicht einfach wegläuft, sondern in eine Art von vorwärts–und–rückwärts Dialog mit dem Hund tritt, und daraus entwickelt sich dann spontan ein Spiel. Das Kind läuft ein Stückchen weg, und kommt wieder zurück, und der Hund imitiert spielerisch diese Geste, und so geht es ein paarmal.

Auf diese Weise etabliert sich ein körpersprachlicher Dialog zwischen Kind und Hund, der dem Hund nach und nach die Angst nimmt. Und in dem Masse, als der Hund angstfreier wird, in dem Masse vermindert sich die Gefahr, dass er das Kind beisst. Ein Hund, der im Frieden ist, beisst nicht.

Das Kind sagt nicht, ich werde für immer weglaufen und diesen Hund nie mehr wiedersehen. Nein, das Kind tritt in einen Dialog mit dem Hund, welcher sagt:

— Ich bin an Dir interessiert, aber ich möchte vorsichtig sein, Dir keine Angst zu machen. Auf diese Weise wird auch meine eigene Angst vor Dir abnehmen. Also lass uns einen kleinen Swing spielen … denn das wird uns helfen, einander kennen zu lernen …

Wenn Sie an neues und herausforderndes Projekt angehen, mag es vorkommen, dass Sie intuitiv dieselbe Methode praktizieren — und vielleicht beurteilen Sie es dann negativ. Sie mögen an einem Tag einen Zentimeter vorangehen, und am nächsten einen Kilometer zurück. Oder Sie gehen einen Meter voran und am nächsten Tag wieder einen Meter zurück, was schon besser ist. Aber seien Sie versichert: Sie werden niemals immer und ohne Ausnahme vorangehen! Das hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun. Das ist einfach so. Die natürliche Art und Weise ist, sich Ihrem Projekt in einem Swing zu nähern, wie Kind und Hund es tun. Das I Ging drückt dies aus mit den Worten ‘Er verweilt für eine zeitlang. Es ist angebracht, zu bleiben und sich niederzulassen.’

— Hexagramm 3. Die Anfangsschwierigkeit, Erste Linie, in der Übersetzung von Hua–Ching Ni, The Book of Changes and the Unchanging Truth (1999): ‘He lingers for a while. It is suitable to stay and settle down.’

Natürlich ist ihre Intuition immer wachsam, wenn Sie vor– und zurückschwingen, und so bekommen Sie Hinweise, Träume und Omen, die Sie leiten. Die ermutigenden Hinweise, die Sie bekommen, und die, die Sie zurückhalten kämpfen in Ihnen gegeneinander, und am Ende werden Sie Klarheit haben, welches der richtige Weg für Sie ist. Es ist der Weg, der sich richtig anfühlt.

Die gefährlichsten Momente für Ihren Seelenfrieden sind nicht die, wennSie beschäftigt sind, noch sind es die, wenn Sie müde, überarbeitet oder erschöpft sind. Die gefährlichen Momente sind die, wenn Sie sich langweilen, weil alles eitel Sonnenschein ist, und Dinge glatt laufen. Sie haben sich an Ihren Erfolg gewöhnt, und machen sich keine Gedanken. Sunzi, in seinem vorerwähnten Buch Die Kunst des Krieges schreibt, dass es gerade diese Momente sind, wo man für den Krieg gewappnet bleiben sollte, anstatt Feste zu feiern und sich auf die Brust zu klopfen.

Das lakonische Diktum meint, man solle wachsam bleiben in allen Situationen des Lebens, besonders in den Momenten, wenn man in die Luft trällert und glaubt, es sei alles zum Besten bestimmt. Eine Pause ist sicherlich kreativ, aber nur dann, wenn Sie Ihr Denken rein halten von Grübeln, von Angst, und von destruktiven Erinnerungen.

Das ist so, weil es in solchen Ruhepunkten ist, dass unsere Gedanken wirklich fruchtbar werden und die Zukunft programmieren; es ist immer dann der Fall, wenn wir einmal ausruhen und Bilanz ziehen. Deswegen ist es so wichtig, in diesen Momenten positives Denken ganz besonders genau zu nehmen, und seinen inneren Dialog zu beobachten und, wenn notwendig, zu korrigieren.

Diese Möglichkeit positiver Programmierung unseres Unterbewusstseins ist jedoch verloren, wenn wir grübeln; dann kriechen negative Gedanken in unseren Geist wie Kakerlaken in ein leerstehendes Haus. Es beginnt mit den allgemeinen Zweifeln, und wenn Sie diese hineinlassen, werden Sie bald mit dem einen oder andern spezifischen Zweifel, der als Auslöser funktioniert, noch mehr Zweifel anziehen.

Positives Denken klingt wirklich wie ein Witz, wenn Leute es an die grosse Glocke hängen, die ohnehin positiv sind; die einzige Zeit, zu der Sie positives Denken benötigen, ist die, wenn Sie nicht positiv, sondern in einem Netzwerk von negativen Gedanken befangen sind, weil Sie förmlich in Langeweile, Konsum und Wohlbehagen ersticken. Das I Ging hilft uns nicht, positiver zu sein, aber es macht uns darauf aufmerksam, wenn wir negativ sind. Es wird Ihnen dann die Frage stellen, warum Sie grübeln, wenn es nichts zu grübeln gibt? Aber es wird Ihnen auch sagen, aufzupassen, wenn Gefahr Ihnen ins Haus steht und sie wie ein blindes Huhn voran rennen.

Hier sehen Sie, wie praktisch nützlich die Verhaltensmuster sind, die das I Ging uns lehrt. In jedem Wachstumsvorgang ist ein dynamischer Prozess am Werk; zunächst unternehmen wir eine Anstrengung, und die meiste Zeit ist dieser erste Einsatz so vollständig, dass wir keine Minute haben zu grübeln; dann tritt eine Phase von Vollendung und Erfolg ein, und das ist, wie Pan Lo wusste, genau der Punkt, wo Achtsamkeit vonnöten ist. Denn, wie es einmal ein Philosoph ausdrückte: nichts steht grossem und anhaltendem Erfolg so sehr im Weg wie kleiner, mittelmässiger Erfolg! Der kleine schäbige eitle Erfolg ist so gefährlich, weil er meist zur Selbstbeweihräucherung führt, und man daraufhin die Hände in den Schoss legt und sich auf seinen Lorbeeren ausruht. Und wenn man das tut, so sind die Selbstzweifel nicht weit weg. Und damit setzt dann die negative Spirale ein.

Positives Denken kann man als Gewohnheit kultivieren, sodass es wirklich in Fleisch und Blut übergeht. Dies zu erreichen ist nicht einfach, wenn man von Natur aus ein negativer, kritikvoller Denker ist. Denkschablonen ändert man nicht von heute auf morgen, denn damit einher geht eine Umstrukturierung unseres Neuronennetzwerks im Gehirn.

Bevor wir Konsistenz in der neuen Verhaltensweise erwarten können, müssen wir positive Affirmationen gebrauchen als eine Art Medizin in negativen Momenten. Dann genügt ist, die positiven Mantras einfach im Geiste zu wiederholen, oder zu flüstern.

Um es zu wiederholen, solche Negativität ist oft das Resultat eines zu luxuriösen oder ausschweifenden Lebenswandels, weil in solchen Phasen der Lebenshunger abnimmt. Hunger ist der beste Koch, nicht eine luxuriöse Umgebung und ein gelangweilter Geist. Der Motor der Kreativität ist reine Freude, welche von einer anderen Art von Hunger kommt, welcher der Sexualität nahe steht, oder unserem fundamentalen Hunger für Kunst, und für Religion.

Wenn Sie die Autobiographien kreativer Menschen lesen, die Berühmtheit erlangt haben, ob es nun Schriftsteller, Maler, Schauspieler, Sänger oder Pianisten sind, so werden Sie feststellen, dass sie ihre besten Werke in den Jahren realisiert haben, als sie wirklich hungrig waren, als sie wirklich kämpfen mussten in jeder Hinsicht, um zu überleben und ihre einzigartige Kunst zu propagieren und einen bleibenden bleibenden Kennerkreis, und Gönnerkreis, für sich zu gewinnen.

Klaus Kinski, der bekannte deutsch–polnische Schauspieler, der in der Nachkriegszeit aufwuchs, schreibt in seiner Autobiographie, dass er während seiner Kindheit häufig stehlen musste, weil seine Eltern zu arm waren, um für das tägliche Überleben zu sorgen. So musste er oft auf den Markt laufen, um dort Früchte, Gemüse oder Brot zu stehlen, und da er sehr schnell laufen konnte, wurde er nie gefasst. Und als er mit seiner schauspielerischen Karriere begann, war er immer noch so arm, dass er oft achtzehn Stunden lang proben musste, ohne für zwei drei Tage etwas zu essen zu haben.

— Klaus Kinski, Ich brauche Liebe (1975/1991).

Die menschliche Natur ist so beschaffen, dass totale Befriedigung der sichere Tod jeder Kreativität bedeutet. Wir können dies sowohl im Leben von Menschen, wie auch im Leben von Unternehmen beobachten.

— Das I Ging findet ohne Unterschied auf das Verhalten von Menschen, Unternehmen, und auch Staaten Anwendung, da die Lebensmuster, die es enthält, allgemeine Gültigkeit besitzen.

In allen Wachstumsprozessen ist ein Verlangen die treibende Kraft, und wenn dieses Verlangen erstickt, stagniert das Wachstum. Alles Leben ist Wachstum, und es kann entweder organisch sein und gesund, oder aber ungesund und schädlich für den Organismus. Krebs ist auch ein Wachstumsprozess, aber ein destruktiver, der Leben zerstört und Gewebe auflöst, statt gesundes Gewebe und Leben hervorbringen. Jeder exzessive Wachstumsprozess ist destruktiv und hat negative Konsequenzen. Als der immens aufgeblähte Weltkonzern PAN AM Pleite ging, war dies ein spektakulär destruktiver Prozess, der eine Vielzahl von negativen Konsequenzen und viel menschliches Elend nach sich zog.

Dies ist der Grund, warum Schumacher den Slogan Small is Beautiful kreierte, welcher ausdrückt, dass ein kleines überschaubares Unternehmen einfacher zu managen ist, als ein grosser bürokratisch aufgeblähter Konzern.

— Ernst Friedrich Schumacher, Small is Beautiful: Economics as if People Mattered (1973/1989).

Das Geheimnis der Fortune 500 Firmen besteht darin, dass sie im Grunde einige wenige Grosskonzerne darstellen, aber als kleine, gut organisierte und spitzentechnologische Firmen operieren, während sie alle intelligent miteinander vernetzt sind, sodass sie ihre Funktionen wie Organe eines grösseren Unternehmensorganismus wahrnehmen.

Das I Ging drückt diese Wahrheit mit den Worten aus ‘Die Beschleunigung von Wachstum bringt die Pflanze zum Aufschiessen, zerstört aber die Frucht.’

Wenn man Wachstum allein als Funktion der Wachstumsgeschwindigkeit ansieht, missachtet man die zyklische Natur des Lebens. Eine solche lineare Auffassung von Wachstum führt in den meisten Fällen in die Sackgasse oder die Katastrophe.

Stillstand, Rückzug und Retrogradation sind wichtige Bewegungsabläufe in allen natürlichen Wachstumsprozessen, und sie haben innerhalb des Zyklus den gleichen Wert als die Vorwärtsbewegung.

Jeder Planet in unserem Sonnensystem dreht sich für mehrere Monate jedes Jahr in die Gegenrichtung. Dies nennt man Retrogradation in der Astronomie und der Astrologie. In der Astrologie interpretiert man die Energie eines Planeten auch als Funktion seiner Drehung.

Dreht sich der Planet in der Vorwärtsrichtung, so drückt sich seine Energie im äusseren Leben aus, was bedeutet, dass die Manifestationen seiner Energie im Leben des Nativen sichtbar sind. Dreht sich der Planet jedoch in der umgekehrten Richtung während der Retrogradation, so manifestiert sich seine Energie lediglich innerlich, als psychische Energie. Dies bedeutet im praktischen Leben, dass Ereignisse, die von der Energie affektiert sind, während der Retrogradation zu einer Verlangsamung oder gar zum Stillstand kommen. Manche Astrologen sprechen daher auch von invertierter planetarer Energie für die Phase der Retrogradation eines Planeten.

Ähnlich wie die Energie von Planeten, geht die Energie von Lebewesen während jedes Wachstumsprozesses durch drei klar unterscheidbare Phasen: Fortschritt, Stillstand und Rückzug.

Die westliche Wissenschaftsphilosophie, die bioenergetische Aktionsmuster nicht anerkennt, oder die sie total ignoriert, erachtet positiv nur die Vorwärtsrichtung, den Fortschritt, das positive Wachstum, und verleugnet den Wert des temporären Stillstandes und der partiellen Rückentwicklung.

Dies gilt natürlich nur für die herrschende Meinung. Wie ich es in anderen Publikationen gezeigt habe, ist dieses Wissen in alternativen Wissenschaftskreisen weitgehend anerkannt, und war es bereits im Mittelalter in Europa, wo es allerdings von der kirchlichen Doktrin als ketzerisch abgetan wurde. Im Untergrund ist dieses alte Wissen jedoch weitergegeben worden; es war das Geheimwissen der Alchemisten und der bioenergetischen Heiler, wie Paracelsus, um nur die bekanntesten Branchen dieses heute meist unbekannten Baumes der Erkenntnis hier zu nennen.

Unsere moderne Wissenschaft mutet heute wie ein fauler Schuljunge an, der nun schüchtern in Abendkursen das nachholen muss, was er vor langer Zeit in der heiteren Morgensonne hätte lernen können. Letztlich wird das Leben nur solche belohnen, die wirklich zur Evolution der Menschheit beigetragen haben, auch wenn ihr Beitrag erst Hunderte von Jahren nach ihrem physischen Tode anerkannt wird. Das Licht der Wahrheit kann nicht lange unter den Scheffel gestellt werden und penetriert die tiefsten Schichten von Ignoranz und fanatischer, böswilliger Lebensverleugnung.

Picasso war kreativ in seinen jungen Jahren, und er war kreativ im hohen Alter, aber als er jung war, war er sehr arm und hatte kaum genug, um zu überleben. Picasso, wie alle grossen Künstler, lebte ausserhalb der Konsumkultur, und er hatte dafür den Preis zu zahlen. Er hatte zu leiden für seine Kunst, und es war seine Passion für die Kunst und die Freude an der Kreativität, die Picasso davon abhielt, aufzugeben, als er so arm war, dass er Gemälde verbrennen musste, um zu heizen oder sie für einen Brotleib verkaufte, um etwas zu essen zu haben. Aber später hat er die Früchte geerntet, die ihn dieser kompromisslosen Einsatz für seine Kunst kostete, und er wurde vielfacher Millionär, und der bekannteste Künstler des 20. Jahrhunderts.

Den Wandel Meistern

Die Gefahr, von der ich hier rede ist unser Bedürfnis nach Wandel, nach Veränderung. Manche Lebensberater spezialisieren sich auf das, was man heute modisch change management nennt, ich glaube jedoch, dass es funktional falsch ist und als gekünstelt überkommt, das Management von Wandel als eine gesonderte Disziplin zu behandeln im Führungstraining.

Handel ist Wandel, heisst es nicht umsonst, und mehr noch, Leben ist Wandel. Ohne Wandel gibt es kein Leben, da lebendige Prozesse in ständiger Transformation betroffen sind. Also ist change management einfach life management. Leben ist Veränderung, und Veränderung zu widerstehen ist immer eine Falle, und bringt eine Aufstauung von Energie zustande, die am Ende zu einer destruktiven Entladung führt.

Wenn ich über Wandel rede, meine ich nicht nur äusseren, sondern auch inneren Wandel. Die Veränderungen der äusseren Lebensumstände sind weniger wichtig, als die Veränderungen, die in uns selbst vorgehen, in unseren Gedanken, unserer Psyche, und unserem Glaubenssystem. Denn alles, was wir hier ändern, wird einen unmittelbaren Einfluss haben auf unsere äusseren Lebensumstände.

Wenn Sie ein Verhaltensmuster in sich selbst wahrnehmen und verändern, bevor Sie das Verhalten selbst tatsächlich ändern, fühlt sich später diese Änderung Ihres Verhaltens organisch an, und sie kommt von allein, ohne Anstrengung. Es fühlt sich dann an, als fliesse man einfach mit dem Leben mit. Dies ist es, was wir willkommene Veränderung nennen.

Wenn wir dem Wandel widerstehen, und noch dazu synchronistische Vorgänge, also sogenannte Koinzidenzen, übersehen, die uns zur Änderung hinführen, dann kann es sein, dass das Leben uns zum Wandel zwingt. Etwas Unerwünschtes mag dann passieren, ein Unfall, eine Krankheit oder Rückschlag, familiär, sozial oder im professionellen Bereich, oder ein Skandal, oder Probleme mit der Justiz — oder alles das auf einen Schlag!

Flexibilität ist die absolut wichtigste Eigenschaft, die wir brauchen, um Wandel positiv, und mit einer gewissen kindhaften Neugierde und Unschuld, mit Offenheit und Positivität zu begegnen. In gewisser Weise ist Flexibilität keine westliche, sondern eine östliche Tugend.

Sie ist im mittleren und im fernen Osten immer von Weisen als die grösste Tugend gepriesen worden, aber im Westen, wegen eines grundsätzlich moralistischen Lebensparadigmas, wurde Flexibilität nicht einmal als nutzvolle Eigenschaft angesehen, geschweige denn als Tugend. Das ist einer der Gründe, warum heute, in einer Zeit schneller und tiefgreifender Veränderungen auf allen Ebenen, und einer grossen Transformation unserer Lebensparadigmen Asiaten weitaus besser, angstfreier und flexibler dem Wandel begegnen können, als Menschen im Westen. Ich habe das während der ersten Wirtschaftskrise in den Jahren 1998–1999 in Indonesien gesehen und sah es wieder während der schlimmen Wirtschaftskrise im Jahre 2008 in Kambodscha, weil ich zu der Zeit als Unternehmensberater in diesen Ländern lebte und arbeitete.

Obwohl die Krise diese Länder natürlich affektierte, reagierten die Menschen relativ angstfrei und angemessen auf den Wandel, und das war genau der Grund, warum sie die Krise so sang– und klanglos meistern konnten. Während im Westen wirklich und nachhaltig Porzellan zerbrochen wurde, und ein sehr schlechter Geschmack im Munde dabei entstand. Der schlechte Geschmack im Munde des Westens ist denn auch heute der Schwelbrand der nächsten Krise, während in Asien die Strukturen verbessert wurden, weil man charakterologisch einfach ganz anders reagierte. Es wurden keine negativen Emotionen dabei kultiviert, oder staatsfeindliche, rebellische Einstellungen, wie dies im Westen alte Tradition ist in der Folge von Krisenzeiten.

Darüber hinaus spielen solche Einstellungen in die Religionen hinein, oder umgekehrt prädestinieren Religion das Verhalten der Menschen, und ihren Charakter in gewisser Hinsicht. Während die drei grossen Religionen des vorderen Orient, Judaismus, Christentum und Islam zu starrer und inflexibler, und damit oft gewalttätiger Reaktion neigen in Krisenzeiten, sind Taoismus (China), Shinto (Japan) und Buddhismus eher geneigt, Krisen mit einer diszipliniert–abwartenden und stoischen Haltung zu begegnen, die keineswegs starr und rigide ist, sondern flexibel und wandlungsbereit.

Aus der starren und inflexiblen Tradition des Christentums ging hervor, was man heute in den Vereinigten Staaten als principle–ridden leadership bezeichnet, ein Führungsstil, der auf starren und angeblich ewig gültigen Lebensprinzipien beruht. Es war dieser Führungsstil und all der christliche Fundamentalismus, der damit einhergeht, der fast zwölf Millionen nordamerikanische Indianer in die ewigen Jagdgründe schickte und die Welt reif machte für ‘weltweite Demokratie’ durch ewigen Krieg. Seit 1776 haben die Vereinigten Staaten in fast jedem Jahr ihrer zweihundertfünfzigjährigen Geschichte einen neuen Krieg angezettelt. Es waren, um genau zu sein, mehr Kriege als Jahre ihres Bestehens, und hierbei sind nicht die kriegsähnlichen oder genozidären Operationen mitgerechnet, die vom CIA durchgeführt wurden.

— Congressional Research Service Report, RL 30172, vom 15. 7. 2006, betitelt ‘Instances of Use of United States Armed Forces Abroad, 1798–2004’, by Richard F. Grimmett, Specialist in National Defense. Der Report spricht von Hunderten von Kriegen. http://www.au.af.mil/au/awc/awcgate/crs/rl30172.htm

Viele unserer kollektiven Tragödien sind eine direkte Konsequenz unserer lustverneinenden Religionen und Moralismen, die uns bereits im Schulalter lehren, starr und rigide zu sein, statt flexibel und anpassungsfähig, und die unsere Liebesfähigkeit nach und nach ersticken.

Das I Ging und die Moral

Das I Ging ist nicht moralistisch. Es hat nichts gegen Reichtum, noch ist es in Armut verliebt, wie manche Sufi–Poeten, die Armsein als Tugend preisen. Es empfiehlt, ein einfaches Leben zu führen und darauf zu achten, dass wir unsere Energie dazu verwenden, mehr zu tun, und mehr Substantielles zu tun, als nur gerade für den Unterhalt Geld zu verdienen, da Komfort allein nicht glücklich macht. Allerdings predigt das I Ging in keinem Falle Askese oder ein Abwenden von der Welt im Sinne eines Einsiedlerdaseins, wie wir es als Gruppenfantasie vom Hinduismus und Buddhismus her kennen. Es sagt so etwas wie, bleibe in der Welt, aber sei nicht mit der Welt verschränkt.

— Ich benutze hier bewusst den quantenphysikalischen Begriff der ‘Verschränkung’ (entanglement), denn dieser Begriff zeigt anschaulich, dass es keine Handlungsalternativen gibt. Wenn zwei Elektronen im subatomaren Bereich mit einander verschränkt sind, und das eine ändert seine Drehrichtung, so kann das andere nicht umhin, auch seine Drehrichtung zu ändern. Wo immer sich beide Elektronen im Universum befinden, und seien sie Hunderte von Lichtjahren auseinander, so reagiert jedes Elektron augenblicklich auf jede Änderung im Aggregatzustand des mit ihm verschränkten Elektrons. So ist es mit Menschen, die mit der Welt verschränkt sind. Jede Änderung ihrer äusseren Lebensumstände führt bei ihnen zu einer entsprechenden Änderung ihres inneren Aggregatzustandes. Das bedeutet, dass sie ihre Freiheit zu selbstbezogenem Handeln, also ihre Autonomie, verloren haben und Konsumsklaven geworden sind.

Das I Ging lehrt, unsere Interessen und Begabungen herauszufinden und unseren Fokus auf unsere Lebensmission zu richten bei unserer Realisierung im Leben, und bei der Berufswahl. Daher empfiehlt das I Ging nicht eine fatalistische und abwartende, sondern eine aktive und lebensbejahende Einstellung, und persönliches Wachstum. Ich würde nach zwanzig Jahren Erfahrung mit I Ging Divination und Beratung sagen, dass das Weisheitsbuch uns den Unterschied lehrt zwischen Neid und Verlangen, denn wenn Verlangen zu Reichtum führt, so führt exzessives Verlangen in Form des Neides zu Armut! Wenn Sie von Neid zerwühlt sind, wenn Ihr Grundverlangen im Leben nichts ist, als Reichtümer zu akkumulieren und zu horten, wenn sie darüber hinaus keine wirkliche Begeisterung und Interesse haben für ihren Beruf, dann wird das I Ging ihnen abraten, weiterzumachen, stille zu halten, und in sich zu gehen.

Was ist Neid? Lassen Sie uns das einmal näher betrachten. Es besteht kein Zweifel, dass Neid ein Ansporn sein kann zum Handeln. Wenn ich vor Neid brenne, wenn ich jeden Morgen den langen Mercedes aus der Garage meines Nachbarn rollen sehe, dann fühle ich mich angefeuert, härter zu arbeiten, um mir eines Tages auch einen Mercedes kaufen zu können. In dem Sinne ist Neid ein effektives Verlangen, aber es ist leider auch eines, das auf einem blockierten emotionalen Fluss beruht. In dem Sinne ist es eine Form von Neurose. Das macht Neid jedoch nicht zu einem fundamental negativen menschlichen Charakterzug, wie manche religiöse Lehren, wie zum Beispiel der Kalvinismus, oder der Buddhismus, dies annehmen.

Neid ist psychologisch gesehen ein kompensatorisches Verlangen nach materiellen Gütern, das sich als Folge einer Repression unserer natürlichen Neigungen einstellt. Mit anderen Worten, wenn jemand sein Liebesverlangen verurteilt und unterdrückt, so wird starker Neid, also Verlangen nach materiellen Besitztümern als Kompensation für den Mangel an Liebeserfüllung dabei herauskommen. Neid ist also eine Art von Hunger nach Reichtum. Was ist das Problem mit Hunger nach Reichtum? Was ist das Problem, mit dem Hunger, ein reiches, gutes, komfortables und hygienisches Leben zu führen, und Macht und Ansehen zu geniessen?

All dies stellt kein Problem da, aber Neid ist etwas anderes, es ist exzessiver, obsessioneller und neurotischer Hunger nach Besitz. Obwohl die westliche Wohlstandskultur den Neid eigentlich nicht verurteilt, ist die Bibel doch sehr ausgesprochen dagegen.

Führt das nun zu einer Bewusstseinsspaltung bei einem gläubigen Geschäftsmann? Ich glaube, dies anzunehmen, beruht auf einem Missverständnis. Im Buddhismus wird wohl keine andere Charaktereigenschaft so scharf und endgültig als schlecht und schädlich verurteilt als Neid, und doch habe ich noch nie einen chinesischen, thailändischen oder vietnamesischen Geschäftsmann gesehen, der im geringsten besorgt wäre, seinen Fokus voll und ganz auf aggressiven Besitzerwerb und Statusdenken zu richten.

Ich glaube wirklich, wenn wir über Neid reden, dann reden wir über etwas, das aus dem Rahmen fällt. Wenn ich das orientalische Prinzip der Ausgewogenheit und Harmonie bei allem Handeln anwende, welches als eines der höchsten Prinzipien in der chinesischen und japanischen Philosophie angesehen wird, dann kann ich eigentlich nicht neidisch sein, denn Neid verursacht mir einen wirklichen Schmerz, irgendwo in der Magengrube, im Sonnengeflecht, oder im Herzen. Es verursacht mir ob seiner Exzessivität ein Unwohlsein, eine Störung in meinem Wohlbefinden, das sich auf die Dauer nachteilig auf meine körperliche und psychische Gesundheit auswirken wird.

Es scheint mir persönlich so, dass die moralische Verurteilung des Neides, wie wir sie im Christentum, im Buddhismus und im Islam finden, es nur noch schlimmer macht, weil eine solche prinzipielle Haltung einen inneren Konflikt hervorruft, der es noch schwieriger macht, mit dem Problem konstruktiv umzugehen. Im übrigen hindern moralische Postulate den inneren Dialog und die intelligente Einsicht durch Selbstreflektion und Kontemplation von Ganzheit, und sind daher im Grunde ineffektiv und unpraktikabel.

Um es ganz genau zu nehmen mit Begriffen, so sollten wir diese Betrachtung abschliessen mit der Formulierung, dass eine freie Ökonomie nicht auf Neid gegründet ist, sondern auf das menschliche Streben nach Komfort und Reichtum, welches ein natürlicher Ausfluss unseres allgemeinen Verlangens nach Lust ist. Das schliesst nicht aus, dass Kapitalismus in seiner extremen xund aggressiven Variante sich sehr wohl auf Neid gründet.

Eine solche Formulierung gibt uns Kopffreiheit, um aus der unpraktischen Dichotomie Kapitalismus–Kommunismus herauszukommen und eine neues und besseres ökonomisches Paradigma für die Zukunft zu erschliessen, welches sich auf das Lustprinzip gründet, und welches die Pervertierung von Lust durch eine repressive und lebensfeindliche Erziehung tunlichst vermeidet: denn Neid wird genau durch die traditionell repressive Erziehung hervorgerufen.

Wenn wir uns permissive Kulturen anschauen, so finden wir selten Neid, während wir ihn sehr stark ausgeprägt finden in genau den Kulturen, die ihn am stärksten verurteilen, nämlich im Kalvinismus und im orthodoxen Protestantismus, und dies trotz der Tatsache, dass die religiösen Dogmen dieser Religionen Neid schärfstens verurteilen. Ich brauche nicht besonders zu betonen, dass eine solche religiös–kulturelle Grundhaltung eine schizoide Lebenseinstellung geradezu heranzüchtet, was dazu führt, dass diese Menschen genau das Gegenteil von dem tun, was sie predigen.

Verlangen Integrieren

Eine intelligente Gesellschaft der Zukunft muss aus den Fehlern vergangener Kulturen lernen und dahin gelangen, ein Menschenbild zu befürworten, das so weit als möglich ganzheitlich ist, denn Fragmentierung bringt Störung, Disharmonie, Konflikt und Gewalt im menschlichen Zusammenleben hervor und pervertiert langfristig die menschliche Natur.

Sie mögen nun fragen, was Sie selbst im Alltag tun können, um nicht dem tyrannischen Gott Neid zum Opfer zu fallen?

Die Antwort ist, Ihre sensuellen und sexuellen Verlangen und Präferenzen anzuerkennen und zu kultivieren, und keines Ihrer Verlangen zu unterdrücken. Dann entwickeln Sie ganz von selbst den richtigen Fokus und die richtige positiv–aggressive Einstellung, die ihnen Erfolg bringt, dadurch dass Sie ihre besten Begabungen in den Dienst anderer Menschen und der Menschheit als ganzes stellen. Dazu ist im einzelnen erforderlich, dass Sie dem Grundsatz ausgeglichenen und harmonischen Handelns folgen; dann werden Sie Neid vermeiden, weil sie wissen, dass er nichts als Schmerz bringt, und weil nicht Schmerz, sondern Freude brauchen, um im Leben voran zu kommen, und mit anderen in positiven Beziehungen zu stehen und Synergien zu bilden.

Wenn Sie den mittleren Weg gehen, wie ihn Buddha lehrte, können Sie eigentlich nicht neidisch sein. Ihr natürliches Verlangen nach Reichtum, Status und Macht kommen zum Stillstand, wenn Sie sehen, dass Sie irgendeiner Kreatur, kurz– oder langfristig, Leid zufügen. Dann werden Sie Selbstdisziplin an den Tag legen, wie es das I Ching ausdrückt, und was ich Stillehalten nenne, als eines der drei möglichen Handlungsmuster.

Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Es hat sich über eine gewisse Zeit soergeben, dass Sie länger und länger im Büro bleiben, um mehr zu verdienen monatlich, aber es wird zu einem Moment der Einsicht kommen, wenn Sie sich Rechenschaft ablegen, dass Sie ihre Familie vernachlässigen, dass Ihre Kinder Sie nur während ein paar Stunden am Wochenende sehen, und Sie nur noch als wandelnden Geldbeutel ansehen.

Wenn Sie diese Einsicht bekommen, können Sie sie natürlich für sich behalten. Aber Sie müssen handeln als Folge dieser Einsicht. Dann können Sie überlegen, ob Sie Stillehalten oder gar Rückzug als Handlungsalternativen wählen, denn Vorwärtsgehen würde sich in dem Falle als klar destruktiv für das Wohl Ihrer Familie und für Ihr eigenes Glück auswirken.

Gleichermassen ist es in der Erziehung Ihres Kindes nicht ratsam, zu stark auf das Eliminieren von Neid fixiert zu sein, denn das wird einen inneren Konflikt im Geist des Kindes hervorrufen. Diese innere Spaltung in ‘Ich bin neidisch’, auf der einen Seite, und ‘Ich will nicht neidisch sein’, auf der anderen, ist vollkommen unproduktiv. Er wird nur noch mehr Neid hervorrufen als Resultat. Es gibt nur einen Weg, zu vermeiden, dass Ihre Kinder Neid als Charaktereigenschaft entwickeln; Sie müssen sie permissiv erziehen und sicherstellen, dass sie alle Möglichkeiten haben für die Bildung wachsender Autonomie.

Sie können ihrem Kind nicht Eigenschaften anerziehen, die Sie nicht selbst besitzen und kultivieren. Und doch tun die meisten Eltern das, nur um sich später zu wundern, warum ihre Erziehung so total ineffektiv war? Ein Kind erziehen heisst in erster Linie, sich selbst zu erziehen!

Das I Ging und Emotionen

Das I Ging wurde oft als zu puritanisch und ‘konfuzianisch’ befunden in seiner allgemeinen Ausrichtung, menschlichen Emotionen gegenüber. Aber Vorsicht ist hier geboten. Das I Ging bestand lange vor Konfuzius, mehr als viertausend Jahre, um genau zu sein. In Wahrheit, wenn Gelehrte schreiben, das I Ging sei ‘konfuzianisch’, dann sprechen sie über die Interpretation des Weisheitsbuches, nicht über den originalen Text, der in einer poetischen Sprache geschrieben ist, die nicht jedermann ohne weiteres verständlich ist.

Während es wahr ist, dass die Konfuzianische Philosophie die Disziplinierung von Emotionen an die erste Stelle aller Lebensweisheit setzt, kann ich eine solche Auffassung im originalen Text des I Ging nicht ausmachen. Aber um es zu wiederholen, Exzess ist in jedem Fall zu vermeiden, denn das würde dem Sinn und Zweck der Weisheitslehre des I Ging widersprechen.

Mit diesem Grundwissen nun wollen wir uns einmal näher ansehen, wie das I Ging Emotionen gegenüber steht, und was es ganz spezifisch über den Ärger sagt.

Lassen Sie mich zunächst einmal klar sagen, dass Ärger entgegen dem Volksglauben und den meisten religiösen Dogmen absolut keine negative Emotion ist. Ärger ist eine sehr nützliche und wichtige Emotion, denn sie zeigt uns, wenn wir dabei sind, uns selbst zu missachten. Oft ist es nämlich so mit denjenigen von uns, die es besonders gut machen wollen, dass sie andere in allem Detail zu respektieren suchen, es aber am Respekt sich selbst gegenüber fehlen lassen. Mit anderen Worten, sie lassen es zu, dass ihnen andere ständig über die Füsse laufen, und lassen sich ausnutzen, geben anderen alle Art von Hilfe, zu jeder Tages– und Nachtzeit, aber wenn sie selbst einmal Hilfe benötigen, ist keiner zur Stelle und hat keiner Zeit.

Das I Ging spricht sich an keiner Stelle gegen Emotionen aus, aber es empfiehlt ganz allgemein, immer zentriert zu bleiben, auch wenn wir in einer Emotionen zu verglühen drohen. In diesem allgemeinen Sinn sind auch übermässige Freude und übermässige Lust nicht wirklich förderlich, da sie uns in ein inneres Ungleichgewicht bringen, das unsere natürliche Wahrnehmung des täglichen Lebens verzerrt und verfälscht. Zum Beispiel, wenn ich verärgert bin über jemanden, kann ich immer noch Haltung bewahren, statt mich zu vergessen und ausser meiner selbst zu geraten; so kann ich eine exzessive Reaktion vermeiden. Und dabei ist es sehr wichtig, meinen Ärger zu akzeptieren, und nicht dagegen zu kämpfen, denn Widerstand macht ihn nur noch schlimmer.

Das I Ging, wenn ich es in einer Situation des Ärgers befragte, riet mir regelmässig an, den Ort zu verlassen, wo ich mich gerade befand, oder wo der Ärger entstand. Und zu meinem Erstaunen erlebte ich jedesmal eine fast augenblickliche Lösung des Ärgers, sobald ich dem Ort den Rücken gedreht hatte.

Wenn Sie sehen, dass uns Ärger eigentlich eine Änderung unseres Verhaltensmusters signalisiert, wird Ihnen klar werden, dass es recht eigentlich doch eine nützliche und funktionale Emotion ist. Wenn Sie das I Ging wegen einer Situation befragen, die Ärger auslöste, wird das I Ging mit keinem Wort raten, wie Sie mit dem Ärger zurande kommen sollen, sondern es wird Ihnen aufgeben, zum Grund, zur Ursache des Ärgers vorzudringen, indem Sie im einzelnen herausfinden, was genau den Ärger hervorrief. Dann wird es Ihnen raten, diese Situation zu verändern, so dass in der Zukunft kein Ärger mehr aufkommt.

Hier sehen Sie den fundamentalen Unterschied zwischen der funktionellen Betrachtungsweise des I Ging gegenüber der moralistischen Auffassung, wie sie zum Beispiel der Thora, der Bibel oder dem Koran zugrunde liegt. In diesen Schriften wird Ärger unterschiedslos verdammt als destruktive Emotionen und das einzige, was diese Texte tun, ist, uns anzuhalten, keinen Ärger zu empfinden. Aber solcher Rat ist untauglich, denn er missachtet die höhere Logik des Lebens und die sinnerfüllte Intelligenz unserer Emotionen vollkommen. Alle heissen Emotionen haben namentlich den Zweck, einen Wandel in unserem Verhaltensmuster auszulösen.

Im Gegensatz zu religiösen Texten bin ich der Ansicht, dass die Abwesenheit von Emotionen viel schlimmer und destruktiver ist, als ihre Präsenz; diese Tatsache wurde in den letzten Jahrzehnten auch durch bioenergetische Forschung voll bestätigt. Mit dem Begriff ‘Abwesenheit von Emotionen’ meine ich in erster Linie die Langeweile.

Um es klar zu sagen, erachte ich Langeweile als die destruktivste Einstellung dem Leben gegenüber. Es ist das Schlimmste, was uns passieren kann, schlimmer als Gefängnis, Krankheit und Tod. Es ist eine wahre Pest. Langeweile ist Seelenverlust, es ist ein absolut unnatürlicher Zustand, während heute die meisten jungen Menschen glauben, es sei »normal« sich zu langweilen.

Das I Ging und Selbsterziehung

Das I Ging spricht nicht explizit über Langeweile. Es benutzt dieses Wort nicht, und wenn Sie darüber nachdenken, wird Ihnen der Grund dafür aufgehen. Das I Ging behandelt Langeweile in Hexagramm 4. Die Jugendtorheit, einem Hexagramm, in welchem es um Erziehung und Selbsterziehung geht. Das Urteil dieses Hexagramms liest sich:

— Jugendtorheit hat Gelingen. Nicht ich suche den jungen Toren, der junge Tor sucht mich.

Die vierte Linie dieses Hexagramms liest sich als:

— Beschränkte Torheit bringt Beschämung.

Was ist damit gemeint? Nun, das I Ging sieht Erziehung und Selbsterziehung als Tugend an. Es lehrt, dass wahrer und bleibender Erfolg eine gute Erziehung unbedingt voraussetzt, dass dass Erziehung in diesem Sinne ständige Anstrengung und Hingabe zum Lernen bedeutet. Viele Eltern erfahren heute, vielleicht mit Schmerz, dass ihre jugendlichen Kinder zutiefst gelangweilt sind, und sie sehen, wie destruktiv dieser Zustand für ihre Kinder ist, und gar für die ganze Familie. Dass es soweit kommt, ist in den meisten Fällen nicht der Fehler der Erzieher, sondern der Curricula, die von mechanistischen Geistern und ‘am grünen Tisch’ verfasst wurden, und die den Enthusiasmus des Kindes und seine Lust am Lernen mit Füssen treten.

Diese langweiligen Curricula sind wiederum das Resultat einer mangelnden Einsicht in die Wichtigkeit von Erziehung seitens der Politiker, und einer oft völlig abwesenden Motivation, sich einmal Gedanken zu machen über Pädagogik, statt mit Enthusiasmus die Entwicklung des nächsten Kampfbombers oder Atomkraftwerks abzusegnen. All dies zeugt von einem jammervollen Mangel an Kreativität auf der Spitzenebene unserer Regierungen, und daher sind unsere Schulen nicht Orte von Liebe und Sorge, sondern mehr und mehr Brutstätten von Gewalt, Chaos und Kriminalität. Ist es ein Wunder, wo doch in den Budget–Beratungen aller nationalen Parlamente dieser Welt das Erziehungssystem an letzter Stelle rangiert und Militärausgaben den ersten Rang haben?

Das Leben Ihrer Kinder seelenvoller und interessanter zu gestalten erfordert, um es zu wiederholen, dass Sie Ihr eigenes Leben seelenvoller und interessanter gestalten! Sie können noch so viel Geld haben, und dennoch mag Ihr Alltag, und Ihre Berufstätigkeit unerfüllt und bedeutungslos sein. Auf der anderen Seite habe ich Kinder von Künstlerfamilien gekannt, die glücklich, autonom, und natürlich rücksichtsvoll und intelligent waren, und wo die Eltern finanziell nicht abgesichert waren und es Durststrecken gab. Aber solche Zeiten wurden mit Weisheit und Humor, und ohne Klage vonseiten den Eltern, und zusammen mit den Kindern, bewusst durchlebt; so trugen dann auch die harten Zeiten zur Bereicherung der Kinder bei.

Allgemein bin ich der Meinung, dass nichts im Leben wichtiger ist für unsere Entwicklung, als das Alltagsgeschehen mit Bedeutung zu füllen, sodass unsere Seelennatur genährt wird. Nichts in unserer materialistischen und antispirituellen Gesellschaft kann für unseren kollektiven Mangel an Sinn kompensieren, unter dem wir als Kulturmenschen leiden. Wo ist das kulturelle und religiöse Fundament, das uns diesen Sinn verleiht? Wir scheinen es verloren zu haben, wenn wir es überhaupt einmal besassen in der Vergangenheit und es nicht eine Scheinwahrheit war. Joseph Campbell stellt in einem seiner Bücher fest: »Jeder Stoiker war stoisch, aber im Christentum, wo ist der Christ?«

Die von der Kirche dominierte und reglementierte Gesellschaft des Mittelalters war nicht eine solche, die Sinn verlieh; sie war eine solche, die Sinn zerstörte.

Ich habe Sinn in meinem eigenen Leben erst gefunden, nach dem ich alle falschen Glaubensüberzeugungen vom Tisch gefegt hatte, die ich bei meinen Kollegen wahrnahm in der Schule und später in der Universität. Sie glaubten an eine lineare Form von Erfolg, der darin bestand, dass man möglichst viel Geld scheffelte, eine Familie gründete, und eine »feste Arbeit« hatte. Als ich in meinen Sitzungen bei der Staatsanwaltschaft als Gerichtsreferendar vor Langeweile gähnte und deswegen Englisch lernte, fragen mich einige Kommilitonen perplex:

— Warum um alles in der Welt lernst Du Englisch? Wo soll das hinführen? Bist Du denn nicht daran interessiert, da zu leben, wo Du geboren warst?

Ich antwortete, dass ich nicht sicher sei, wo ich leben wolle, und wo ich einen Beruf finden könne, der mir Sinn und Freude gebe, dass ich nur wisse, dass es der Rechtsberuf sicher nicht sei.

Ich sagte weiter, ich habe ein drittes Studienprogramm begonnen in Europäischer Integration für eine spätere Karriere in der EuropäischenUnion, und sie erklärten mich für »verrückt«.

Ich wusste in der Tat nicht, was ich wollte, in meinen frühen Jahren, und musste lange warten, bis ich Klarheit hatte in der Hinsicht. Es war erst zwanzig Jahre später, als es mir dämmerte, was es war, aber ich brauchte weitere zehn Jahre, um das zu realisieren, was mir dann als meine Lebensmission vorschwebte.

Vielleicht bin ich den harten Weg gegangen, oder hatte meine Umdrehungsgeschwindigkeit zu verlangsamen, wie es ein Astrologe bildlich ausdrückte, der mich mit einem tanzenden Kreisel verglich. Er hatte gemeint, ich müsse mehr Fokus und Selbstbezogenheit entwickeln, statt wie ein Chamäleon es jeder und jedem Recht machen zu wollen. Das fiel mir sehr schwer, weil ich an so vielen Dingen interessiert war!

Und doch, hätte ich nur das noch einmal in meinem Gedächtnis wach gerufen, was mich in der Schule interessierte und faszinierte, und für das ich ausgezeichnet wurde, wäre es mir schnell klar geworden, dass ich ein geborener Schriftsteller war. Aber ich tat alles, um das zu sein, was ich nicht war, und nahm mir andere als Vorbild, wollte heute ein bekannter Pianist sein und morgen ein Gandhi, dann wieder ein Philanthrop, und morgen ein Sozialrevolutionär. Und wenn ich am Klavier sass, wollte ich einfach ein Auditorium mit Klängen hypnotisieren.

Astrologie half mir sehr, endlich von der Peripherie zu meinem Zentrum zu finden, meinem wahren Selbst; sie half mir ganz konkret dabei, die eigenartige Verwirrung meines Karma zu verstehen, dass mich dazu anhielt, mich ständig zu übersehen und die Toilette hinunter zu spülen. Ich las ganze Bibliotheken, wie man denn nun sein Ego los wird, dabei hatte ich gar kein Ego, und all diese Bücher und Leitfäden, und spirituellen Lehrfabeln waren nicht für mich geschrieben.

Ich brauchte zwanzig Jahre, um herauszufinden, dass ich so gut wie nie an mich selbst dachte, und dass andere, und ihr Leben, viel zu wichtig waren für mich. Ich richtete meinen ganzen Fokus ständig auf andere, während ich feststellte, dass sie in der genauen Gegenrichtung kreiselten, als ich. Sie dachten nur an sich; andere waren für sie, wenn überhaupt, etwas, mit dem man sich abzufinden hatte.

Ich würde nicht sagen, dass man als reicher Mann weniger Chance hat, ein bedeutungsvolles Leben zu führen, wie das die Bibel verschiedentlich behauptet. Zu sagen, arme Leute seien seelenvoller als reiche ist ein schöner Aberglaube, den ich über Jahre hin pflegte. Ich glaube, dieses Märchen erleichterte mir, die Tatsache zu akzeptieren, dass für die meisten Menschen das Leben eine Qual ist.

Das Problem mit Reichtum ist, dass wenn man zu viel Zeit in sich selbst investiert, und wenn man zuviel grübelt, nur ja seinen Lebensstandard und seine finanzielle Sicherheit nicht zu verlieren, man langsam aber sicher den Kontakt mit anderen und der Welt verliert. Dann verliert das Leben an Sinn, denn es ist dann nichts weiter als ein Spiegel, in dem ich mich ständig betrachte. Dann reduziere ich das Leben auf die Kontemplation meiner eigenen Umgrenzung, dem Gartenzaun meines Ego. Und das führt dann wiederum dazu, dass ich andere von meinem egozentrischen Weltbild auszuschliessen geneigt bin; ich siedle sie an meiner Peripherie an, statt offen zu sein für die Osmose und Assimilation ihres Wesens, und ihrer Liebe.

Wenn Sie die Biographien unserer grossen Künstler, Erfinder und Genies studieren, wird Ihnen auffallen, dass diese Menschen um ihre Lebensmission gravitieren, wie die Planeten um die Sonne. Sie mögen wohl in ihrer Jugend kleine Brotjobs haben, um zu überleben, aber sie werden nicht einen begabten Maler als Autofabrikant oder Pilot enden sehen. Und wenn das doch passiert, dann können Sie sicher sein, dass der Maler in ihm nicht sehr begabt war, denn sonst hätte er viel mehr eingesetzt, um seine Kunst zu realisieren.

Ich glaube, dass wir alle eine einzigartige Mission mitbringen in unsere Inkarnation, welche wie ein magnetisches Feld wirkt; sie zieht alles an sich heran, was notwendig ist für ihre Realisierung. Aber Sie können natürlich Ihren freien Willen auch dazu gebrauchen, einfach anzuhalten, nachdem Sie die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, oder von einer Brücke springen und damit sich selbst und ihre Mission im Fluss ertränken.

Die Menschengeschichte ist voll von Schauermärchen dieser Art, und die Tatsache lässt einen eigentlich bescheiden und still werden und einsehen, dass jede Pflanze Sonne und ein wenig Wasser braucht, um zu gedeihen, und dass nichts von nichts kommt. Mit anderen Worten, jedes Genie wird sein Genie nur dann realisieren, wenn es sich selbst nicht als Mobiliar behandelt, oder als Bühnenstaffage, sondern als Saat, die Pflege braucht, um zu gedeihen.

Das I Ging lehrt, dass jeder Fortschritt graduell ist, ein Schritt nach dem anderen. Das bedeutet, dass jeder Stein auf einen andern gemauert wird, und dass man keine Phasen im Schaltkreis einfach überspringen kann, ohne einen Kurzschluss zu provozieren. Wie langsam Sie auch sind in Ihrer Selbstrealisierung, solange Sie Fokus und Vision behalten, werden Sie vorankommen!

Das Reflexmuster

Sie kennen sicher die alte Parabel, ein Glas Wasser zu betrachten, und es entweder als halb voll oder als halb leer zu qualifizieren. Sie mögen sich fragen, wie Sie das Glas denn nun am Besten sehen? Ich brauche nicht hinzuzufügen, dass positive Menschen das Glas natürlich als halbvoll ansehen, während negative es als halbleer abqualifizieren.

Von diesem einfachen Experiment kann man lernen, dass wir Realität nicht einfach als gegeben hinnehmen können, weil alles von der Art abhängt, wie wir sie betrachten, wie wir sie wahrnehmen. Oder um es mit dem Vokabular der Quantenphysik auszudrücken, so können wir sagen, dass Realität kreativ interagiert mit der Person, die sie wahrnimmt. Licht kann als Teilchen oder als Welle wahrgenommen werden; es verhält sich so, wie man es erwartet. Will man es als Welle sehen, so wird es sich als Welle präsentieren, will man es aber als Teilchen sehen, so wird es sich als Teilchen zeigen.

Einstein fand dies bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts heraus, und vor der Etablierung dessen, was später dann Quantenphysik getauft wurde.

Wenn ich das Leben als Ordnung sehe, dann sehe ich Ordnung in allem, was ist. Wenn ich das Leben als Chaos ansehe, werde ich überall Chaos ausmachen, und werde als Folge davon mein eigenes Leben als ein chaotisches arrangieren. Mein inneres Glaubenssystem konditioniert meine Wahrnehmung der Realität. Dies erklärt, warum Realität nicht die gleiche ist für uns alle. Warum ist Realität für mich eine andere, als für Sie? Weil unsere Wahrnehmung von Realität davon bestimmt ist, wie wir sie sehen wollen. Es ist nichts als dieser Wille, unsere gesamte Erwartungshaltung, die das bestimmt, was wir dann auch wirklich wahrnehmen.

Manche Menschen hören das nicht gern, und das ist der psychologische Grund, warum so viele die Quantenphysik als Gaukelei, Blödsinn oder Hirngespinst »irrer Wissenschaftler« abtun. Sie tun das, weil sie spüren, dass die Quantenphysik sie auf die Füsse stellt, sie erdet, und ihnen sagt: »Du bist für dein Leben selbst verantwortlich, also höre endlich damit auf, Dich zu beklagen und andere Menschen, Deine Eltern, Deine Kindheit, oder die Gesellschaft, oder Dein Schicksal für alles verantwortlich zu machen. Es sind Deine eigenen Gedanken, Gefühle und Glaubensanschauungen, die Deine Realität bestimmen.«

Wenn Sie das Leben als Rosenbeet sehen wollen, wird es sich Ihnen als Rosenbeet zeigen. Wenn Sie es als Abfall sehen wollen, wird es sich Ihnen als Abfalltonne präsentieren. Wenn Sie glückliche Kinder sehen wollen, werden Sie glückliche Kinder sehen.

Wenn Sie überall Missbrauch wittern, werden Sie, wo sie auch hinkommen, Fälle von Missbrauch aufspüren und so bestärkt sein in Ihrem Glauben, dass es überall »zuviel Missbrauch« gibt.

Wenn Sie glauben, es komme darauf an, verschieden zu sein von der Masse, werden Sie überall Menschen antreffen, die aus dem Rahmen fallen und die Rolle des verkannten Genies spielen. Wenn Sie glauben, dass es besser ist, sich anzupassen und ‘nicht aufzufallen’, dann werden sie überall Biedermänner sehen und Klone, und solche, die ihr leben »schauspielern« statt es zu leben.

Wenn Sie all das erkennen, dann werden Sie Bescheidenheit üben, wie es das I Ging im Zeichen 15. Bescheidenheit aufgibt.

Dann werden Sie damit aufhören, so zu tun, als seien Sie allmächtig, wie Sie es bei den Politikern und den Casanovas gesehen haben. Sie werden stattdessen einsehen, dass Sie immer das ernten, was Sie gesät haben, und Sie werden das ohne Reue annehmen, und ohne bittern Geschmack im Mund. Wenn der Wind gegen mich bläst und ich werfe eine Handvoll Sand in die Luft, dann reibe ich mir die Augen als Folge davon. Wie ein Kleinkind, das am Strand spielt.

Aber genau so evaluiert der Weise die Realität, indem er sie direkt wahrnimmt, ohne Umweg über seinen rationalen Verstand, und indem er pragmatisches Handeln übt. Wenn ich in die Augen eines kleinen Kindes schaue, sehe ich ganz klar, was wahr ist im Leben, und was Lüge ist. Diese Wahrheit ist so überwältigend, dass sie direkt in mein Herz dringt und mich für immer ändert und transformiert!

Wenn ich urteile über das Leben, kann ich die Responsivität des Universums nicht erfahren. Wenn ich urteile, muss ich eine Messlatte mitbringen, um ein gültiges Urteil zu fällen, aber wo ist diese Messlatte, wenn nicht ausschliesslich in meiner Fantasie?

Können Sie denn wissen, wie hoch der Berg ist, den die Natur nächstens erschafft, oder wie hoch die nächste Welle ist, die der Ozean an den Strand spült? Oder wissen Sie, wie hoch der nächste Grashüpfer springt, den sie in der Wiese wahrnehmen? Ungefähr schon. Aber nicht genau. Und so ist Wahrheit immer approximativ und nicht exakt.

Im Nachhinein können wir alles messen. Aber das bedeutet, den Tod zu messen. Wir können nicht das Leben messen, weil es dafür einfach keine Messlatte gibt, weil alles offen ist, reine Potentialität. Alle Divinationen, einschliesslich derer, die man mit dem I Ging tun kann, sind Annäherungen an die Wahrheit, aber nicht »die« Wahrheit. Es gibt gute Gründe, alle Divinationen aufzugeben, weil es ungefähr auf dasselbe hinausläuft, als einfach das zu tun, was einem in den Sinn kommt. Wenn ich lebe, ohne obsessiv auf das »Vorauswissen« der Zukunft fixiert zu sein, habe ich nicht nur weniger Stress, sondern ich akzeptiere die Natur des Lebens auch leichter, die Natur aller Dinge, und die Natur des Menschen, welches meine eigene Natur mit umfasst. Wenn ich das tun kann, dann kann ich die Unschuld der Kindheit, und die Arglosigkeit eines Kindes wiedererlangen.

Dann lebe ich wie ein Weiser, weil ich weiss, dass ich das Leben niemals messen kann. Dann bin ich glücklicher. Wallenstein hat davon ein Lied zu singen, und Nostradamus. Beien waren sie zeit ihres Lebens eifrig dabei, die Zukunft vorauszusagen, und beide waren sie zutiefst unglücklich. Es genügt, sich ihre Gesichter einmal ganz genau anzuschauen auf den Gemälden, die von ihnen erhalten sind; das Gesicht spiegelt die Seele wieder.

Wenn ich die Natur der Dinge wirklich verstehe, dann sehe ich auch, dass Träume nicht für immer Träume bleiben müssen, sondern dass sie im Gegenteil die Natur haben, Realität zu kreieren.

Dann träume ich kreativ, weil ich weiss, dass ich dadurch meine eigene Realität kreiere, da jeder Traum die Vorwegnahme einer zukünftigen Realität beinhaltet.

Das Karmamuster

Wenn ich sehe, dass nicht Werte, welche Kreationen des Geistes sind, sondern dynamischer Austausch mit allem–was–ist, also intuitiver Dialog mit dem Universum mich dem objektiven Wahrnehmen der Wahrheit näher bringt, dann werde ich es tunlichst vermeiden, mein Leben auf Werte zu gründen.

Ob Sie die Idee nun annehmen oder ablehnen, Tatsache ist, dass in einem responsiven Universum Karma real ist, das heisst, dass jede Ursache zumindest eine Wirkung hat, und jede Wirkung eine oder mehrere Ursachen. Dann sehen Sie, dass Ihr Handeln beantwortet wird, und Ihnen eines Tages entweder ein Stein oder ein Kuss ins Gesicht fliegt.

Karma ist nicht eine Erfindung von bestimmten Religionen; es ist eine wissenschaftlich erfahrbare Realität in einem uroborischen Universum. Wenn Sie wissen, mit Karma umzugehen, dann kommt Ihnen das Gesetz des Karma zugute, dann können Sie Karma kreativ gebrauchen und laufen ihm nicht in die Falle. Wie das alte Sprichwort es sagt: »Karma, für den Weisen, bedeutet Befreiung.«

Im Westen wurde der Begriff des Karma lange missverstanden. Er wurde oft als religiöse Theorie dem Hinduismus oder dem Buddhismus zugeschrieben, so als ob der Okzident anderen kosmischen Gesetzen gehorche, als der Orient! Im Sanskrit, wo das Wort herstammt, bedeutet Karma einfach Aktion. Es bedeutet Ursache–und–Wirkung, oder mit dem Vokabular der Systemtheorie ausgedrückt, ist es der Wirkungskomplex, den man in einem geschlossenen biologischen Schaltkreis wahrnimmt. Wenn es global wärmer wird, werden die Pole schneller schmelzen und mehr Wasser wird in den Flüssen sein; als Folge davon wiederum wird der Grundwasserstand sich erhöhen, Venedig wird noch mehr verfaulen, und im Pazifik werden viele Eingeborene ertrinken, weil ihre Inseln einfach spurlos im Meer verschwinden.

Das ist nicht ein religiöses Gesetz, sondern ein kosmisches. Wenn A und B miteinander verschränkt sind ein einem Wirkungskreis, und ich ändere die Parameter von A, ändern sich die Parameter von B als direkte Folge dieser Aktion. Folglich habe ich ein »Karma« kreiert, so wie wir als Menschheit durch Überproduktion und mangelndes Umweltbewusstsein die globale Erwärmung als karmische Folge kreiert haben.

Wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es heraus. Wenn ich andere bestehle, erhöhe ich das Risiko, selbst eines Tages bestohlen zu werden, weil ich mit dieser Art von Aktion eine negative Resonanz in die Schwingung des Lebens setze. Alle Aktionen, die wir setzen, haben eine Resonanz, die je nach ihrer Natur positiv oder negativ, konstruktiv oder destruktiv, willkommen oder unwillkommen ist. Wenn ich mich um andere sorge, und ihnen positives Feedback gebe, wenn ich sie erfolgreicher mache, tue ich alles, damit ich selbst prosperiere, gesund bin, und an mich heranziehe, was ich brauche für meinen eigenen Erfolg. Wenn ich andere darin unterstütze, ihre eigene Natur zu realisieren, tue ich das Beste, was ich je tun kann, um mein eigenes Wesen in der Welt herauszubringen und mein eigenes, tiefstes Verlangen zu realisieren. Ich rufe dann nämlich eine positive Resonanz hervor, die mich in der Realisierung meiner eigenen Natur unterstützt.

Es gibt in unserem Universum weder Götter, noch Retter, noch Strafe. Es gibt keine schlechten und guten Taten. Es gibt nur Reaktion, Karma, Feedback. Das Universum antwortet, es ist ein Lebewesen. Es ruft zurück, oder es haut zurück — je nach dem. Ich kann im voraus abschätzen was ich erhalten werde, ein Liebeslied, oder ein Schlag auf den Kopf. So kann ich die Natur meines Handelns abschätzen. Es gibt keine andere Möglichkeit, dies zu tun. Sie können es nicht tun, indem Sie »nachdenken« über Ihr Handeln oder über Ihre Absichten. Das Denken ist zirkelschlüssig und gefangen wie ein Tiger in seinem Käfig. Ich kann nicht von meinem Denken »Abstand nehmen« und ein Denker–Beobachter werden, obwohl grosse Weise wie Krishnamurti sagten, wir könnten diese Fähigkeit wohl entwickeln. Viele können es nicht, oder wollen es nicht.

Lassen wir uns annehmen, wir hätten diese Bewusstseinsstufe noch nicht erreicht und seien immer noch in der Egostruktur befangen. Dann haben wir die Möglichkeit, die Natur unseres Handelns danach zu evaluieren, welches Feedback uns das Universum gibt auf dieses Handeln hin. Wenn wir vorsichtig sind und alle Umstände beobachten, bevor wir losschlagen mit einer grossen Aktion, dann können wir fatale Irrtümer vermeiden, weil wir im Einklang mit der Steuerkraft des Universums handeln.

Kinder zu erziehen darin, blind zu handeln, ist absolut unverantwortlich, obwohl dies heute im Rahmen unserer antispirituellen Erziehung Gang und Gäbe ist. Man denkt gar heute, es sei normal, wie ein blindes Huhn voranzurennen. Es ist ignorantes Handeln, nicht normales Handeln. Kinder zu erziehen, blinde Risiken zu nehmen und mit fünfzehn Jahren noch arglos wie ein Baby zu sein, ist keine verantwortliche Erziehung! Meines Erachtens ist es überhaupt keine Erziehung, sondern Vernachlässigung.

Die älteren Menschen im Westen, und die in den konservativeren Schichten meinen demgegenüber, sie müssten sich strikte Moralregeln setzen, um »recht« zu handeln, und dass sie auf diese Weise positives Karma hervorbringen könnten. Zu beachten ist hier aber, dass moralische Korrektheit auf derselben Stufe steht wie politische Korrektheit; es ist Selbsttäuschung, weil moralische Postulate sich ändern, wenn man die Landesgrenze überschreitet, und in manchen Ländern gar von Region zu Region und von Dorf zu Dorf verschieden sind, und weil verschiedene Epochen der Menschheit jeweils einer anderen Moralordnung gehorchten. Karl Marx hat darüber hinaus nachgewiesen, dass die Moralordnung wiederum auf der ökonomischen Ordnung beruht, und die Folge davon ist.

Also ist Moralität letztlich eine Fiktion. Moralismus war und ist durch die ganze Menschengeschichte hindurch als eine bösartige Verschwörung der herrschenden Schichten zu beobachten, die bewusst eingesetzt wurde, um die Massen blind und dumm zu machen, indem man sie so lange in der Angst vor weltlicher oder göttlicher Strafe rösten liess, bis sie endlich gefügig und unterwürfig genug waren, um sich total gängeln und strangulieren zu lassen. Und man tat dies auch, um die Massen davon abzuhalten, die Wahrheit über das Gesetz des Karma herauszufinden, welche ihnen nämlich Macht und Autonomie verleihen würde. Das ist der wahre Grund, warum die Kirche die Lehre vom Karma ablehnte, wie sie die Lehre von der Reinkarnation aus dem gleichen Grund als Ketzerei ansah.

Aber wie viel moralisch korrektes Verhalten hat Kriege und Völkermord verursacht! Dass der Westen heute im Abgrund steht, gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch, hat seinen Grund darin, dass er Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende in leerem Moralismus schwelgte und die kosmischen Gesetze, die er durch die hehre Moral zu vertuschen suchte, mit Füssen trat!

Wenn ich von der Warte einer starren und prinzipiengetreuen Haltung handle, geht mein Handeln vom Ego aus und wird von anderen als arrogant empfunden; wenn ich jedoch bescheiden und flexibel bleibe, ohne die Fähigkeiten meines Ego zu überschätzen, und stattdessen auf die Weisheit des Universums vertraue, um mein Handeln fein zu stimmen, dann handele ich überzeugend und die gesamte Macht des Universums steht hinter mir!

Aktionsmuster

Das I Ging lehrt Flexibilität als den höchsten Wert für positive und konstruktive Aktion; wenn ich dies sage, meine ich, Aktion im Sinne einer solchen, die positives Karma für sich selbst und andere hervorruft. Wenn ich flexibel bin, bin ich offen für die potentiellen drei Aktionsmuster, die ich bereits weiter oben erwähnte, Vorwärtsgehen, Stillehalten und Rückwärtsgehen.

Bitte beachten Sie, dass ich Stillehalten als eine Bewegung oder einen Handlungsablauf ansehe, obwohl es als eine statische Aktion erscheint. Der Gedanke hier ist, dass das Nichthandeln, das der Taoismus in allen Situationen des Zweifels anrät, ebenfalls eine Bewegung ist. Es ist keine Stagnation, es ist intelligentes, dynamisches Handeln, auch wenn dieses Handeln darin besteht, für einen Moment, eine relative kurze Zeit, innezuhalten. Es mag heissen, man solle erst einmal vorangehen, dann Stillehalten für einige Zeit und dann wieder Vorangehen. Das I Ging lehrt die graduelle Anpassung an die Situation durch dynamisches Handeln, das der Situation voll gerecht wird. Alles kommt auf die Linien an, die man zieht, und die Struktur des Hexagramms, um das es geht. Ich möchte hier zunächst einmal die Ziehungen untersuchen, die eine klare und zweifelsfreie Antwort geben, indem sie eine der drei möglichen Verhaltensweisen nahelegen.

Vorwärtsgehen ist klar ausgedrückt von Hexagrammen wie 35. Der Fortschritt, 46. Das Empordringen oder 53. Die Entwicklung (allmählicher Fortschritt). Rückzug ist in 33. Der Rückzug angeraten, und zwar bedingungslos in allen sechs Linien; sie unterscheiden sich lediglich dadurch, dass sie einen mehr oder weniger unangenehmen Rückzug anraten.

Stillehalten ist klar angeraten von 52. Das Stillehalten und hier, wie in 33. Rückzug, sagen die einzelnen Linien nur darüber etwas aus, wie einfach oder schwieriger es sein wird, beim Handeln zum Stillehalten überzugehen und es durchzuhalten; in der Qualität jedoch unterscheiden sich die Linien nicht, denn alle raten unterschiedslos zum Stillehalten an. Also, konkret gesagt, wenn Sie irgendeine Linie des Zeichens 33. Rückzug bekommen, oder aber das Hexagramm ohne Linien, dann ist dies ein klarer Hinweis, dass sie eine Distanz nehmen sollten von dem Projekt oder der Beziehung, weswegen sie die Befragung durchgeführt haben. Das gleiche gilt für Zeichen 52. Das Stillehalten, wo alle Linien einen temporären Stillstand anraten als das richtige Handeln in diesem Moment.

Bitte beachten Sie, dass es schwierig ist herauszufinden, wie lange eine bestimmte Befragung des I Ging gültig ist. Ich glaube nicht, dass das I Ging, wenn es Rückzug oder Stillehalten anrät, dies ohne zeitliche Begrenzung tut. Es handelt sich hier immer um temporäre Strategien. Nur durch wiederholte Divinationen kann man in etwa herausfinden, welches der Grund für die Strategie war, um ein Gefühl für das richtige Timing zu bekommen. Aller Rat, den man in verschiedenen Büchern über das I Ging findet, der ansagt, Lesungen seien in der Regel für sechs Monate oder sechs Wochen gültig, sind reiner Humbug.

Ich war oft in Situationen, wo die Divination gerade nur einmal für einen Tag gültig war, weil am nächsten Tag ein neuer Zyklus einsetzte, der alle Parameter der Frage veränderte und damit eine völlig andere Lesung hervorrief. Das ist übrigens eine Wahrheit, die für alle Divinationen gültig ist, nicht nur für die, die man mit dem I Ging durchführt.

Bücher, die sagen, eine Tarot–Ziehung sei in der Regel für drei Monate gültig, tun so, als könne man zeitliche Verläufe in die Zukunft kontrollieren und erfahren; das ist jedoch nicht der Fall. Es gibt absolut keine Regel, die sagt, dass eine bestimmte Divination für eine Minute, für einen Tag oder für ein ganzes Leben gültig ist. Das ist genau der offene Faktor in jeder Art von Divination. Die Bibel sagt, nur Gott wisse den zeitlichen Ablauf der Ereignisse, und Weise sagen, nur der Teufel wisse es, während unehrliche Wahrsager Ihnen vorgaukeln, sie könnten alles im voraus wissen, einschliesslich der Zeit, wann Vorgänge eintreffen. Nun, ich würde sagen, es ist ein guter Test, um die Aufrichtigkeit von Astrologen, Medien oder Kartenlegern zu testen! Wenn diese Ihnen glauben machen, Sie könnten alle Vorgänge auf den Tag genau im voraus erfahren, dann wissen Sie, dass die betreffende Person ein Scharlatan ist.

Sie können wohl alles erfahren im voraus, aber ohne das Zeitelement. Ich habe Lesungen gehabt, wo ein vorausgesagtes Ereignis am nächsten Tag eintraf, und ich hatte Lesungen, wo es nie eintraf — wahrscheinlich, weil ich in irgendeiner Weise die Parameter der Situation verändert hatte, durch mein Denken oder Handeln.

Sie müssen sich vor Augen halten, dass Ihr Unterbewusstsein und Ihre Intuition in einem subtilen Dialog mit dem I Ging stehen. Sie fühlen es, wenn Sie das Orakel wieder legen sollten. Diese Intuition zu missachten und stur und steif davon auszugehen, dass die letzte Ziehung eben sechs Monate lang gilt, ist hanebüchener Unsinn. Das Universum teilt Ihnen nicht nur Ihr Karma mit, sondern es zeigt Ihnen auch an, wann sie das Orakel wieder konsultieren sollten, weil sich ein Parameter der Situation verändert hat.

Auf der anderen Seite ist es natürlich nicht auszuschliessen, dass Sie wegen Angst oder Zweifeln das Orakel wieder befragten, aber in dem Falle wird das I Ging Ihnen dies sagen; es wird Ihnen sagen, dass Sie sich entspannen sollen und dass Sie die Situation nicht forcieren können. Es wird Ihnen sagen, was mit Ihnen los ist, warum Sie so ängstlich sind. Oder es wird Ihnen sagen, dass es Ihnen an Entscheidungskraft fehlt, dass Sie bei A anfangen sollen und bei Z aufhören, dass Sie an Ihrer Vision festhalten sollen und dass Grübeln nur Rückschläge bringt — und dass Sie vor alledem »beharrlich« sein sollen, also Ihre ursprüngliche Intention im Augen behalten sollten. Oder aber es sagt Ihnen, dass Sie einen Moment innehalten und meditieren sollten, um Ihren Geist zu erfrischen und neue kreative Inspiration zu erhalten, oder es rät an, einen Freund oder Experten aufzusuchen, um die Lösung zu finden. Es mag auch anraten, die Dinge in Kooperation mit anderen zu tun, und nicht im Alleingang.

Wenn Sie nicht nur Anfänger sind mit dem I Ging Orakel, sondern Ihnen auch zyklisches Denken fremd ist, dann sollten Sie sich erst einmal mit der Idee vertraut machen, dass es nicht eine Handlungsweise gibt, sondern drei verschiedene, und dass immer vorangehen dem Leben oft nicht gerecht wird, und daher Schaden bringt. Wenn Sie sich die europäische Geschichte anschauen, werden Sie sehen, dass unsere alte und eigenartig gewalttätige Tradition viel Leid hervorgebracht hat dadurch, dass es die Wahrheit dreifaltiger Aktion missachtete oder total ignorierte.

Die drei Aktionsphasen

Aktion ist, wie bereits ausgeführt, dreifaltig in dem Sinn, dass es drei klar unterscheidbare Aktionsphasen gibt. Ich möchte nun in diesem Abschnitt genauer ausführen, wie das I Ging diese Aktionsphasen im einzelnen definiert, und wie es sie in den verschiedenen Hexagrammen strukturiert.

In den meisten Hexagrammen geht es um Aktion. Die wenigen Zeichen, die klar in all ihren Linien Stillstand oder Rückzug anraten, habe ich weiter oben abschliessend aufgeführt. Abgesehen von diesen wenigen Zeichen, stellen die meisten Zeichen eine Mischung dar aus Aktion, Stillstand oder Rückzug, je nach der Entwicklungsphase des Projektes und der einzelnen Parameter. Allgemein gesagt, rät das I Ging in jeder Aktionsphase verstärkte Aufmerksamkeit an und ein Überprüfen von Resultaten, namentlich um Exzesse zu vermeiden, und damit einhergehend Misserfolg durch Überreaktion.

Lassen Sie mich dies am Beispiel von 1. Das Schöpferische erklären, dem ersten Hexagramm des I Ging, welches reine Yang Energie ausdrückt. Die erste Linie dieses sehr bedeutenden Zeichens empfiehlt Nichthandeln und Stillehalten. Die zweite Linie empfiehlt, Rat zu suchen. Die dritte Linie sagt einige Gefahr voraus, aber dass kein Schade dabei entstehe. Die vierte Linie sagt dann endlich kompletten Durchbruch voraus, und die fünfte Linie ist geradezu der Prototyp einer glatten Erfolgslinie. Die sechste Linie dann ebenso ein Prototyp, allerdings für das genaue Gegenteil. Diese Linie sagt einen leidvollen Absturz voraus wegen Arroganz und Rigidität, oder einem ruchlosen Vordringen, das sozusagen »über Leichen« geht.

Nun möchte ich zunächst einige Beispiele geben für Zeichen, wo die oberste Linie, nicht wie beim ersten Zeichen negativ, sondern voll und ganz positiv ist.

Es ist wichtig zu wissen, dass das I Ging nicht für jeden Kulminationspunkt einen schmerzvollen Niedergang voraussagt; eine solche Interpretation wäre ein krasses Missverständnis. Flexibel intelligentes Handeln nutzt die Zeit nach der Vollendung, wie es Zeichen 63 lehrt, um das zu sichern, was erreicht wurde, und für Ruhe und Meditation.

Der Irrtum ist leider weit verbreitet, das I Ging sei dazu da, die »Zukunft vorauszusagen«. Die Wahrheit aber ist, dass keine Zukunft voraussagbar ist, weil wir jeden Moment unsere Gedanken– und Gefühlsschablonen ändern können, und indem wir die Gegenwart ändern, verändern wir die Parameter, aus denen sich die Zukunft entwickeln wird. Die Zukunft ist nichts als eine Extrapolation der Gegenwart auf der Zeitlinie. Wenn ich also das gegenwärtige Verhaltensmuster ändere, so ändere ich es für die Zukunft ebenfalls. Darum kann eine Divination, wie ich es bereits ausführte, bereits in einem Tag überholt sein, oder in einer Stunde, oder einer Woche, aber es kann eben nicht im voraus bestimmt werden, wann sich die Lesung zeitlich aktualisiert.

Das Leben ist unendlich flexibel. Nach einem Gewitter, einem Orkan oder einem Erdbeben, wird es vielleicht einige Zerstörung geben, aber es ist nicht das Ende der Welt. Nichts in der Welt, wenn nicht der ignorante moderne Mensch interferiert, kann das Ende der Natur bewirken. Dies ist ein ungeschriebenes Gesetz, das für alles Leben im Kosmos gilt.

Das erste Beispiel eines Hexagramms, das in einer positiven obersten Linie endet ist 14. Der Besitz von Grossem, welches manche I Ging Experten als das günstigste aller Zeichen ansehen. Hier liest sich die sechste Linie wie folgt:

— Vom Himmel her wird er gesegnet. Heil! Nichts, was nicht fördernd ist.

Ein anderes Beispiel ist 15. Bescheidenheit, wo die sechste Linie sich so liest:

— Nicht pochen auf Reichtum seinem Nächsten gegenüber. Fördernd ist es, mit Gewalt anzugreifen. Nichts, was nicht fördernd wäre.

Andere Beispiele sind Stockung (12), Annäherung (19), Betrachtung (20), Anmut (22), Des Grossen Zähmungskraft (26), Die Ernährung (27), Des Grossen Übergewicht (28), Die Werbung (31), Der Rückzug (33), Die Sippe (37), Der Gegensatz (38), Das Hemmnis (39), Die Befreiung (40), Die Minderung (41), Der Brunnen (48), Die Umwälzung (49), Der Tiegel (50), Allmählicher Fortschritt (53). In all diesen Hexagrammen ist die sechste Linie positiv. Wenn also fast die ein Drittel aller Zeichen des I Ging ein positives Ergebnis für die sechste Linie geben, kann man nicht behaupten, wie es manche Gelehrte tun, die sechste Linie bringe unausweichlich Unglück.

Nichthandeln vs. Massives Handeln

Nichthandeln ist Handeln, schrieb Laotse im Tao Te King. Und diese Weisheit ist auch im I Ging enthalten. Hier können wir Nichthandeln in zwei Varianten antreffen:

  • Als allgemeines Stillehalten, Das Stillehalten (52) angeraten wird;
  • Als taktisches Stillehalten, wie es Teil von vielen Hexagrammen is:
  • Die erste Linie in Das Schöpferische (1);
  • Die erste Linie in Der Streit (6);
  • Die sechste Linie in Des Kleinen Zähmungskraft (9);
  • Die erste Linie in Der Besitz von Grossem (14);
  • Die erste Linie in Des Grossen Zähmungskraft (26);
  • Die vierte Linie in Das Feuer (30);
  • Die dritte Linie in Die Werbung (31);
  • Die erste Linie in Des Grossen Macht (34);
  • Die erste Linie in Die Entschlossenheit (43);
  • Die vierte Linie in Das Entgegenkommen (44);
  • Die fünfte Linie in Die Erschöpfung (47);
  • Die dritte Linie in Die Umwälzung (49);
  • Die dritte Linie in Allmählicher Fortschritt (53);
  • Die erste Linie in Vor der Vollendung (64).

Wie ich es oben schon erwähnte, wenn Nichthandeln in einem Aktionszeichen vorkommt — im Unterschied zu Stillehalten (52) — ist eine Interpretation notwendig. Typischerweise kommt eine der Linien in der obigen Liste zusammen mit einer anderen Linie desselben Zeichen. Das bedeutet dann immer ein temporäres Innehalten, keinesfalls einen totalen Stop des Projekts oder der Beziehung, welche Gegenstand der Befragung waren. Wenn jedoch die Linie allein gezogen wurde, ohne eine andere Linie des Zeichen, dann ist Nichthandeln das Beste für eine gewisse (längere) Zeit.

Wie bereits ausgeführt, kann die Zeitspanne nicht determiniert werden; von einem systematischen Gesichtspunkt her würde ich jedoch argumentieren, dass die Zeitspanne des Stillehaltens, das von Stillehalten (52) angezeigt wird, sicherlich länger und definitiver ist, als diejenige, die von einer der Linien in der obigen Liste angezeigt wird. Das ist alles, was ich über diese Frage sagen kann.

An die Adresse all derer, die im Irrtum befangen sind, das I Ging sei ein Konfuzianisches Pamphlet, und die daher annehmen, es favorisiere ewiges Zögern, ewige und pedantische Haarspalterei, ewige Unterdrückung von Lust und Verlangen, ewigen Moralismus, und das Sich–Verkriechen im warmen Gelehrtenstübchen, führe ich hier einige Argumente auf, die klar zeigen, dass das I Ging mit Konfuzianismus etwa so wenig zu tun hat wie der Koran mit neuzeitlichem islamischen Fundamentalismus:

  • Das I Ging ist viel älter als Konfuzianismus;
  • Konfuzius studierte das I Ging sehr gewissenhaft, und hat niemals behauptet, er habe das I Ging in irgendeiner Weise durch seine eigene Philosophie widerlegt oder überholt; im Gegenteil hat er oft geäussert, er komme nie ans Ende seiner I Ging Studien und werde wohl als ewiger Anfänger darin sterben;
  • Das I Ging enthält eine Anzahl von Linien, die ganz klar massive Aktion anraten, und die meine Ansicht bestätigen, weswegen ich sie hier abschliessend aufführe:
  • Linie 4 in Das Schöpferische (1);
  • Linie 5 in Das Empfangende (2);
  • Linie 4 in Die Anfangsschwierigkeit (3);
  • Linien 1 und 2 in Der Friede (11);
  • Linie 6 in Die Stockung (12);
  • Linie 2 in Der Besitz von Grossem (14);
  • Linie 2 in Die Bescheidenheit (15);
  • Linien 1 und 5 in Die Nachfolge (17);
  • Linien 2, 4, 5 und 6 in Die Annäherung (19);
  • Linien 1, 2 und 5 in Die Wiederkehr (24);
  • Linien 1 und 4 in Die Unschuld (25);
  • Linie 6 in Des Grossen Zähmungskraft (26);
  • Linie 6 in Die Ernährung (27);
  • Linien 1 und 2 in Das Feuer (30);
  • Linie 2 in Des Grossen Macht (34);
  • Linie 3 in Der Fortschritt (35);
  • Linien 1, 2, 4, 5 und 6 in Die Befreiung (40);
  • Linien 5 und 6 in Die Minderung (41);
  • Linien 1, 2, 3, 4 und 5 in Die Mehrung (42);
  • Linien 1, 2, 4 und 5 in Die Sammlung (45);
  • Linien 1, 2, 3, 5 und 6 in Das Empordringen (46);
  • Linien 4, 5 und 6 in Der Brunnen (48);
  • Linien 2, 4, 5 und 6 in Die Umwälzung (49);
  • Linien 5 und 6 in Der Tiegel (50);
  • Linien 2, 4 und 6 in Allmählicher Fortschritt (53);
  • Linien 1 und 5 in Das heiratende Mädchen (54);
  • Linien 1, 4 und 5 in Die Fülle (55);
  • Linien 2 und 5 in Der Wanderer (56);
  • Linien 1, 2, 3, 4 und 5 in Das Sanfte (57);
  • Linien 1 und 2 in Das Heitere (58);
  • Linien 1, 3, 4 und 5 in Die Auflösung (59);
  • Linien 2, 4 und 5 in Innere Wahrheit (61);
  • Linien 4 und 5 in Vor der Vollendung (64).

Wenn in mehr als der Hälfte aller Hexagramme des I Ging massives Handeln angeraten ist, dann erweist sich die Meinung, die unter Gelehrten manchmal geäussert wird, wonach regelmässige Konsultation I Ging zum ewigen Zögern oder gar zum Fatalismus führe, als vollkommen unhaltbar!

Ich habe I Ging und Tarot nun seit mehr als zwanzig Jahren studiert und konsultiert und muss sagen, dass ich beim Tarot mehr Probleme habe, zum direkten Handeln zu gelangen, weil es psychologischer und archetypischer antwortet, und Dinge in ihrer ganzen Komplexität darstellt. Das I Ging ist hier pragmatischer, und oft auch kürzer, und sein Rat ist punktuell und präzise. Wir sollten auch nicht vergessen, dass im alten China oft Generäle das I Ging zur Kriegsführung benutzten; dafür brauchten sie punktuelle, präzise, unzweifelhafte Antworten, denn ein Fehler kostete Verluste.

Und eines ist sicher, wenn man zum Punkt des Handelns gelangt, ist das I Ging nutzlos! Es gibt immer einen Moment, wo das Denken aufhören, und das Handeln beginnen muss. In dem Moment heisst es, das Buch weglegen, zum Handeln übergehen und die Verantwortung für die Folgen zu übernehmen.